Natur

Von Käfern, Schmetterlingen und dem Leben am Amazonas um die Mitte des 19. Jahrhunderts

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2020

Die Amazonas-Tagebücher. Henry Walter Bates‘ Zeichnungen & Reiseberichte, hg. vom Natural History Museum, London. Aus dem Englischen übersetzt von Wiebke Krabbe, Bern: Haupt Verlag 2020, 159 S., zahlreiche Abb. und Faksimiles. ISBN 978-3-258-08198-4. € 24,00

Henry Walter Bates gehört neben Charles Darwin und Alfred Russel Wallace zu den wichtigsten Vertretern der sogenannten Evolutionstheorie. Bates, 1825 in Leicester geboren und 1892 in London verstorben, war der Sohn eines Strickwarenhändlers und ist wohl bis heute nur Spezialisten bekannt. Allerdings kennt fast jeder den Begriff „Mimikry“ und kann damit etwas verbinden. Bates war der erste, der dieses Phänomen aufgrund seiner Studien am Amazonas ausführlich beschrieben und analysiert hat. Seit seiner Kindheit an Naturkunde interessiert, entschloss er sich dazu, 1848, nach einer kaufmännischen Lehre, mit Alfred Russel Wallace nach Brasilien zu reisen und dort Naturforschung zu betreiben. Da beide nur über geringe finanzielle Mittel verfügten, finanzierten sie ihre Reise damit, dass sie die gesammelten Objekte, also Tiere und Pflanzen, nach England schickten und sie dort versteigern ließen. Zudem publizierte vor allem Bates im Laufe der Jahre zahlreiche Artikel in Zeitungen und Zeitschriften. Wallace kehrte schon 1852 nach England zurück, wobei sein Schiff in Brand geriet, und er tragischerweise seine gesamte Sammlung verlor. Er selbst entkam dem Tod nur um Haaresbreite.

Bates hingegen blieb insgesamt elf Jahre am Amazonas und kehrte erst 1859 zurück. Nach seiner Rückkehr lernte er Charles Darwin kennen, der ihn sehr darin bestärkte, die Geschichte seiner Naturforschungen am Amazonas niederzuschreiben und zu veröffentlichen. Er lobte Bates‘ Werk als „das beste Buch über naturkundliche Reisen, das je in England veröffentlicht wurde“. Das will ich unkommentiert so stehen lassen und nur anmerken, dass sich die Lektüre durchaus lohnt. Bates heiratete 1863 und fand 1864 eine Stelle als zweiter Sekretär der Royal Geographical Society, die er 27 Jahre lang innehatte. Er war darüber hinaus Präsident der Entomological Society, Fellow der Linnean Society und Fellow der Royal Society. All dies übrigens als ein Autodidakt, der, wie man seinem Text entnehmen kann, die gesamte wissenschaftliche Literatur, auch die ältere, teils auf Latein oder auf Deutsch publiziert, kannte und entsprechend zitierte. Der größte Teil seiner Sammlungen und seine Tagebücher befinden sich heute im Natural History Museum in London. Bates farbige Schilderungen von Flora und Fauna und den Menschen, unter denen er lebte oder die er traf, beeindrucken durch ihre Genauigkeit und Plastizität. Neben einer ausführlichen Darstellung der Mimikry begegnen wir musikalischen Heuschrecken, giftigen Fliegen, Spinnen, mörderischen Lianen, Alligatoren, Feuerameisen, vielen bunten Schmetterlingen, noch mehr Insekten und zahlreichen Vögeln. Zudem lernen wir „köstliche“ Rezepte für Schildkrötenfleisch, treffen Jaguare, Schlangen und den Boto, den großen Delfin des Amazonas, über den nicht nur die indigene Bevölkerung viele Geschichten zu erzählen wusste. Bates beschreibt aber auch sein Leben in einer Hütte in Ega (heute Tefé) am mittleren Amazonas, ein paar tausend Kilometer von der Küste des Atlantiks entfernt. Seine Behausung sei „bescheiden“ gewesen, was man wohl als Euphemismus ansehen muss. Er pflegte regelmäßigen Umgang mit den Einheimischen, sowohl mit den „Ureinwohnern“ als auch den „Zugewanderten“. Da er freundlich zu allen war, so seien auch alle freundlich zu ihm gewesen. Leider lernt man in diesem Buch nur sehr wenig über Henry Walter Bates, sein Leben und seine Bedeutung für die Wissenschaft. Die knappe Einführung ist namentlich nicht gezeichnet. Im Impressum erfährt man, dass sie sich auf einen Aufsatz von Maxwell Barclay „stützt“, der Kurator der Insekten-Abteilung des Museums of Natural History und ein bedeutender Entomologe, also Insektenforscher, ist. Über die bisher vorliegenden deutschsprachigen Fassungen von Bates‘ zweibändigem Hauptwerk „The Naturalist on the River Amazonas“, das 1863 in erster Auflage in London erschien, gibt nur eine Anmerkung des Verlages vor dem Inhaltsverzeichnis Auskunft. Über weitere Ausgaben und Nachdrucke von „Der Naturforscher am Amazonasstrom“, die seit 1924 erschienen sind, darunter 1989 eine Neufassung des Werkes in Hans Magnus Enzensbergers „Anderer Bibliothek“ liest man nichts. Leider ist keines dieser Bücher in Bonner Bibliotheken vorhanden, und da zur Zeit wegen des Coronavirus die Fernleihe nur sehr eingeschränkt funktioniert, konnte ich die Ausgaben nicht miteinander vergleichen. Überhaupt fehlt im Buch jedweder Literaturhinweis, sei es auf Bates‘ eigene Werke oder auf Sekundärliteratur.

Warum das so ist, lässt sich nur vermuten. Wahrscheinlich liegt es daran, dass der Schweizer Verlag sich den Bedingungen des britischen Lizenzgebers fügen musste. Im Impressum verweist der Verlag darauf, dass das Werk aufgrund einer Entscheidung des Natural History Museums in China gedruckt werden musste. Weshalb der Verlag einen freiwilligen Beitrag zum Klimaschutz leistete. Wer also etwas mehr über den Autor und sein Werk wissen möchte, muss wohl oder übel zunächst einen Blick in Wikipedia werfen, wobei die englische Version eindeutig vorzuziehen ist. Ich frage mich, warum sich der deutsche Bearbeiter nicht an dieser Fassung orientiert hat und warum er nicht auf die neueren deutschsprachigen Publikationen von Bates‘ Publikationen verweist.

In jedem Falle ist dies ein sehr schönes Buch, gedruckt auf besonderem Papier, mit vielen Abbildungen und Faksimiles aus Bates‘ Tagebüchern. Er war, ebenso wie Georg Forster oder Alexander von Humboldt, ein sehr guter Zeichner und man kann die herrlichen, farbigen Bilder der hundert und aberhundert Schmetterlinge und Insekten in diesen Tagebüchern nur bestaunen, ebenso wie seine gleichfalls sehr farbigen Schilderungen von Menschen, Tieren und Pflanzen. Ein empfehlenswertes Buch zum Lesen und Anschauen, das den großen Wunsch weckt, mehr über den Autor zu erfahren und mehr von ihm zu lesen. Auf Deutsch liegen zur Zeit jedoch nur ein Reprint der Ausgabe von 1863 oder antiquarische Exemplare der Edition in der „Anderen Bibliothek“ von 1989 vor. Bei einer Neuauflage dieses Buches gibt es dann sicherlich mehr über Henry Walter Bates und sein Werk zu erfahren. ˜

Prof. em. Dr. Dittmar Dahlmann (dd), von 1996 bis 2015 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Rheinischen FriedrichWilhelms-Universität Bonn, hat folgende Forschungsschwerpunkte: Russische ­Geschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Wissenschafts- und Sportgeschichte sowie Migration.

ddahlman@gmx.de

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