Landeskunde

Vom östlichen Europa bis zum Iran

Navid Kermani, Entlang den Gräben. Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan, München: Beck 4. Aufl. 2018, 442 S., Hardcover, ISBN 978-3-406-71402-3, € 24,95

Die Innenseiten des Einbandes dieses Buches stellen Landkarten dar, die in diesem Zuschnitt sonst selten zu sehen sind und schon auf die Besonderheit des Buches verweisen: Fast ganz West- und Südeuropa sind abgeschnitten, so dass Deutschland ganz am Rand einer Landmasse zu liegen kommt, die weit nach Sibirien und vor allem bis zum Schwarzen Meer und zum Kaspischen Meer reicht. Eine Extra-Karte in größerem Format erfasst die Länder am Kaukasus, von Dagestan bis an die Grenze zum Iran. Kermani hat seinen Reisebericht vom östlichen Europa bis zum Iran und seiner Heimatstadt Isfahan „entlang den Gräben“ genannt. Es sind nicht nur die Gräben, die Menschen und Kulturen trennen, sondern immer wieder jene verlassenen Orte, an denen die unsäglich vielen Opfer von Kriegen und Genoziden ermordet und verscharrt wurden. Timothy Snyder hat vor einigen Jahren in seinem Buch „Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin“ (New York: Basic Books 2010, deutsch München: Beck 2011) die Geschichte dieser Gebiete beschrieben, in denen sich die imperialen Pläne und militärischen Gräueltaten von Wehrmacht und Sowjetarmee überschnitten. Im Unterschied zum Historiker Snyder, auf den Kermani sich gelegentlich beruft (dessen Buch sei auf seiner Reise „so etwas wie ein Reiseführer geworden“ – S. 62), hat dieser vor allem über Gespräche und Erlebnisse auf seinen Reisen berichtet, die er zwischen September 2016 und 2017 unternommen hat; dazu über einen vierwöchigen Aufenthalt in Isfahan im Herbst 2016 und eine weitere Reise nach Weißrussland im April 2017, um sich dort über die Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor Ort zu informieren. Die Reisen wurden vom Magazin DER SPIEGEL durch Recherche-Unterstützung verschiedener Redaktionen unterstützt. Etwa ein Drittel der Berichte erschienen vor allem im SPIEGEL und in der ZEIT, alles andere erstmals in diesem Buch. Eine Besonderheit des Buches liegt darin, dass Kermani als Iraner sowohl Deutschland wie die bereisten Länder – natürlich abgesehen vom Iran, doch auch dort spielt das eine Rolle – gleichsam als ein Fremder oder immer wieder mit dem distanzierenden Blick eines Fremden sieht. Gleichwohl wird er sich auch immer wieder mit einer gewissen Verwunderung seiner Verwurzelung in Deutschland, wo seine Familie seit 1959 lebt und er 1967 geboren wurde, bewusst.

Eine andere immer wieder verstörende Realität in den so unterschiedlichen Ländern ist der jeweilige Nationalismus, der öfters aggressiv und höchst widersprüchlich in Erscheinung tritt. Das ist nicht überall so krass wie im Konfliktfeld von Armenien und Aserbeidschan mit dem höchst umstrittenen Territorium von Bergkarabach. Doch auch in Weißrussland gibt es Anhänger von Le Pen, Trump und den britischen Brexiteers, und wo die Leute, wie im Baltikum, von der EU massiv profitieren, sind sie zugleich (antirussische) Nationalisten. Die „Gräben“ sind meist insofern auch Demarkationslinien der als höchst ambivalent wahrgenommenen Globalisierung. In der Ukraine stößt Kermani auf die Verehrung für den Kriegshelden Stepan Banderas, der mit den Nazis kollaborierte, und dessen heutige Bewunderer, die teilweise mit alten SS-Symbolen wie der „Wolfsangel“ auftreten, darum von Russland als Beispiele für spät- oder neofaschistische Bestrebungen attackiert werden (S. 120f). Jeder Tag in diesen Berichten ist gleichsam eine Momentaufnahme mit oft verwirrenden und paradox anmutenden Einzelheiten. Bei über 50 Tagen erlahmt zwar unvermeidlich allmählich die Erinnerungskraft bei der Lektüre. Aber dann kommen wieder ganz überraschende Begegnungen, die man nicht erwartet hätte, etwa bei der Beschreibung des Genozid-Museums in Eriwan und der Erläuterung der großen Bedeutung des Romans von Franz Werfel „Die Vierzig Tage des Musa Dagh“ von 1933 über den Genozid an den Armeniern, „der dem armenischen Widerstand das größte Denkmal gesetzt hat“ (S. 292). Von Ossip Mandelstams „Reise nach Armenien“ (1931/33) lese ich hier zum ersten Mal. Immer wieder begegnen die bedrückenden, über Jahrzehnte, bisweilen Jahrhunderte reichenden Kontinuitäten der Verfolgungen, Unterdrückungen und Ermordungen. In deutschen Büchern werden oft die Opfer, die in diesen Ländern des Ostens und Südostens zu beklagen sind, nur am Rande erwähnt. Vielfach gibt es heute überaus zahlreiche Denkmäler, doch andernorts sind die ehemaligen Stätten des Grauens verborgen. Auf einer Iran-Reise, die meine Frau und ich 2018 unternahmen, hatten wir schon einiges über die engen Beziehungen zwischen den Kaukasus-Staaten und dem Iran erfahren. Kermani zeigt in vielen Details, auf welche Weise Grenzen markieren und verbinden und dass die jeweiligen Nationalismen und die von ihnen gezogenen Gräben nicht nur trennen und sprengen, sondern auch Identitäten schaffen.

Im Blick auf den Iran, über den die letzten Tagesreisen des Buches berichten, ist erstaunlich, wie freimütig über die dortigen Verhältnisse berichtet wird. Dass Mohammed Mossadegh (1880/82–1967), der bedeutende Reformer des Iran, 1953 mit Hilfe der Geheimdienste der USA und Großbritanniens gestürzt und in die Provinz verbannt, für die Familie des Autors von bleibender Bedeutung ist, zeigt sich bei der Reise nach Ahmadabad zu dessen Landgut, wo ihn einst hundertfünfzig Mann bewachten (S. 357-368) und woran heute kein Schild mehr erinnert, obgleich 1979 nach dem Sturz des Schah Millionen Iraner dorthin gereist sind, um erstmals den Todestag des ehemaligen Premiers zu begehen. (1980 gab es sogar noch eine Sondermarke der iranischen Post zum Gedenken an den hundertsten Geburtstag.) Heute gilt unter den Mullahs die damnatio memoriae. Überhaupt berichtet Kermani durchgehend kritisch über die Herrschaft der schiitischen hohen Geistlichen und erwähnt freimütig, dass und wie im Alltag die kulturrevolutionär-fundamentalistische Repression des Regimes durch die Menschen unterlaufen wird. Wer es in diesem System zu Reichtum bringt, führt unauffällig sein privates Leben und lässt, wenn es der aufgeklärten Familientradition entspricht, seine Kinder im westlichen Ausland studieren. Von Ansätzen zu einer organisierten Opposition ist keine Rede. Für Christen soll es sogar eine amerikanische Organisation geben, die mit den iranischen Behörden zusammenarbeitet und ihren Wegzug ins Ausland organisiert, wodurch besonders der Bestand der armenischen Gemeinde gefährdet ist (S. 375). Der berühmte Ajatollah Montazeri, der ursprünglich als Nachfolger Chomeinis vorgesehen war, wurde im Diadochenkampf nach Qom verbannt, aber seine Memoiren zirkulieren in Raubkopien im Land. Der Märtyrerkult, den das Regime ungebrochen pflegt, wird genauso kritisch kommentiert wie die Tatsache, dass Chomeini den Ersten Golfkrieg (1980–88) auch noch weiterführte, als ein Ende früher möglich gewesen wäre. Kermani zitiert einen heutigen Iraner: „Solange die Flammen der Märtyrer glühen, brennt der Hochofen der Islamischen Republik.“ (387)

Ganz besonders anrührend ist schließlich der Nachtrag „Mit der Familie in Isfahan“, in der Heimatstadt des Autors, wo Verwandte leben. Es wird deutlich, dass es jenseits der aktuellen religiös-politischen Geschichte eine ungeheuer reiche und weite Welt der alten persischen Kultur gibt, auf deren Boden auch eine Renaissance nach den Mullahs möglich werden kann.

Navid Kermani, geb. 1967 in Siegen, ist Islamwissenschaftler und Verfasser zahlreicher Bücher, von denen die meisten literarischen und historischen Themen in vergleichenden interkulturellen Perspektiven gewidmet sind. Kermani erhielt zahlreiche bedeutende Auszeichnungen, u.a. die Buber-Rosenzweig-Medaille (2011), den Kleistpreis (2012) und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2015). (wl)

Prof. Dr. Wolfgang Lienemann war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2010 Professor für Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Bern, Schweiz. Zu seinen Arbeits- und Forschungs­ schwerpunkten gehören Grundlagenfragen der theol. und phil.

Ethik, Ökumenische Ethik und Ekklesiologie, Politische Ethik (Theologie und Friedensforschung), Ekklesiologie/Kirchenrecht/ Staatskirchenrecht/Rechtsethik, Medizin- und Sexualethik, Um­ welt- und Wirtschaftsethik. wolfgang.lienemann@theol.unibe.ch

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