Fotografie

vielfältig und unvorhersehbar

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 1/2020

Die Fülle der Neuerscheinungen im Bereich Fotobuch macht eine Sortierung fast unmöglich. So ist auch eine thematische Einordnung aller rezensierten Werke in einen Gesamtzusammenhang sozial-politischer, kultureller oder künstlerischer Schulen erst im weiteren Verlauf Thema dieser Rubrik, in der es in dieser Ausgabe vornehmlich um die Vorstellung einzelner Arbeiten geht. Aber natürlich ­lassen sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede feststellen.

Die beiden Bücher, die mich persönlich am meisten berührt haben, sind von zwei jungen Foto­grafinnen, Isadora Kosofsky und Benita Suchodrev. Es sind die beiden Arbeiten, die sich am ähnlichsten sind. Natürlich ist eines in Farbe, das andere in Schwarzweiß ­fotografiert und bei ­Kosofsky ­finden sich noch mehr weiße, leere Stellen als in dem überwiegend formatfüllenden Design von ­Benita Suchodrev. Das eine Buch beschreibt ganz klar eine Beziehung unter zu Hilfenahme von persönlichen Dialogen und das andere befasst sich vor allem mit dem Zustand einer Stadt und die verwendeten Texte sind kuratorischer ­Natur. Dennoch sind beide Bücher vor allem eine Auseinandersetzung damit, was mit dem Menschen passiert, wenn er, aus welchen Gründen auch immer – Alter, ­Armut, Reichtum – nicht mehr unter dem Raster der Norm Zuflucht findet. Sowohl Isadora Kosofsky als auch Benita Suchodrev beweisen eine mitreißende Empathie und vor allem Mut. Man muss sich nur vorstellen, wie viel Geduld, Kraft und Durchsetzungs- und Einfühlungsvermögen es gebraucht hat, um die Protagonistinnen und Protagonisten in so intimen Momenten zu fotografieren – ohne dabei den Blick für das gelungene Foto zu verlieren oder zu vergessen.

In dieser Ausgabe stelle ich noch drei weitere Neuerscheinungen vor. Dabei handelt es sich zum ­einen um einen ungewöhnlichen Bildband über die schottische Landschaft auf der Insel ­Lewis and Harris. Des Weiteren werfen wir einen Blick in die Sammlung zeitgenössischer Akte. Außerdem ­haben sich der Regisseur und Autor Werner Kohlert und Friedrich Pfäfflin, ehemaliger Leiter des Schiller­-Nationalmuseums in Marbach, die mühlevolle Recherchearbeit gemacht, der jüdischen Fotografin Charlotte Joël ein Leben zurückzugeben. Bisher war wenig bis nichts bekannt über die Frau, die Karl Kraus, Martin Buber oder Walter Benjamin fotografiert hat. Das haben die beiden Autoren nun zum Glück geändert.

Kristina Frick ist Fotografin, Autorin und Übersetzerin und lebt in Berlin. kristina.frick@gmx.de

Isadora Kosofsky

SENIOR LOVE TRIANGLE 

Kehrer Verlag, 2019 

264 Seiten 

€ 39,90

„William: Jeanie, this is Adina. Adina, this is Jean.“

Es ändert sich nichts. Das Alter ändert nichts. In der Liebe ändert das Alter nichts.

Die gleichen Strukturen, an denen man sich orientiert, die gleichen Verhaltensmuster, die gleiche Freude, die Suche nach Schutz und Zuflucht. Jetzt vielleicht wichtiger als früher, in der Arroganz der Jugend noch glaubend, man würde niemals einsam werden.

Gleichzeitig ändert sich alles. Konventionen von einer monogamen Liebesbeziehung spielen keine Rolle mehr und der Verlust, eine Situation treffend einschätzen zu können, wird zu einer Bedrohung der Existenz.

Ganz und gar eindrucksvoll, einfühlsam und so umwerfend fotografiert schildert Isadora Kosofsky in Senior Love Triangle die Geschichte von Adina (90), Jeanie (81) und William (84) und den Konflikt innerhalb einer Dreiecksbeziehung.

Isadora Kosofsky lernt Jeanie, William und Adina kennen, da ist sie erst 17 Jahre alt. Sie begleitet die drei Senioren über eine längere Zeit in ihrem zarten und in Teilen vielleicht unfreiwilligen Kampf gegen die sozio-kulturelle Vorstellung von Alter und Intimität. Diese Auflehnung der drei Liebenden gegen die Annahme, wie Liebe im Alter oder das Alter im Allgemeinen zu sein hat, verleiht ihnen mehr Jugendlichkeit als manch einer in der sogenannten Blüte vor sich her trägt.

Jean fasst dieses Gefühl in nur einem prägnanten Satz zusammen: „I do not wish to assume all the garments of maturity.“ William formuliert es in den von Isadora Kosofsky gesammelten Dialogfragmenten ebenso zutreffend „We live above the law. Not outside the law, but above the law. We are not outlaws.“

Und entlang dieser Glaubensätze versuchen sie ihr Leben zusammen fortzuführen und sich gegenseitig Halt zu geben.

Für uns als Betrachter und Leser ist es ein großes Glück, dass Isadora ­Kosofsky sie dabei begleiten durfte. Gemeinsam mit Adina, William und Jean hinterfragt sie die Idee von Liebe und Monogamie, von Einsamkeit und Angepasstheit im Alter.

Kosofsky reduziert ihre Fotografien auf das Wesentliche, dabei sind sie aber niemals leer. Der Blick wird immer auf die Essenz einer Situation gelenkt und die Gefühle des Subjekts übertragen sich auf den Betrachter, vollkommen unabhängig davon, ob es sich um ein ruhiges Einzelporträt handelt oder eine Szene zwischen drei Menschen im geschäftigen Straßenverkehr. Die Fotografin beherrscht das Spiel zwischen Licht, Farbe, Komposition und Situation perfekt, gepaart mit ihren handschriftlichen Notizen und Auszügen aus den Dialogen hat sie eines der zauberhaftesten Bücher 2019 geschaffen.

Senior Love Triangle ist das Buch, mit dem sich weitere Fotodokumentationen ab jetzt werden messen müssen und das wird nicht leicht werden.

2020 erscheint auch ein gleichnamiger Spielfilm auf Grundlage des Buchs.

 

Werner Kohlert / Friedrich Pfäfflin

DAS WERK DER PHOTOGRAPHIN CHARLOTTE JOËL 

Wallstein Verlag, 2019 

330 Seiten 

€ 24,90

Wagen Sie einen Versuch – googlen Sie nach Bildern von Karl Kraus. Viele dieser Fotografien werden Ihnen bekannt vorkommen. Viele dieser Fotografien sind von Charlotte Joël. Dieser Name hingegen wird Ihnen vermutlich weniger bekannt vorkommen.

Charlotte Joël war eine der großen Porträtfotografinnen der Weimarer Republik, deren Aufnahmen sich noch heute im kollektiven Gedächtnis finden, von deren Leben aber bisher wenig bekannt war und deren Gesicht selbst nie auf einer Fotografie zu finden ist.

Aus Fundstücken hat Werner Kohlert den, wie er schreibt, „Torso“ ihrer Biographie rekonstruiert. Im ersten Teil des Buches „Das Werk der Photographin Charlotte Joël“ hat er die Informationen gesammelt, die er über ihr Leben, ihre Arbeitsweise und ihr Schicksal im Zwangsarbeiterlager Gut Neuendorf in Erfahrung bringen konnte.

Charlotte Joël wurde 1887 in Charlottenburg geboren. 1913 eröffnete sie in der Nähe des Bahnhofs Zoo, in der Hardenbergstraße, gemeinsam mit ihrer Kollegin Marie Heinzelmann das „Atelier für moderne Photographie“. Viele ihre berühmten Kunden traf sie durch ihren Bruder Ernst Joël, der schon als Student der Medizin einer der führenden Köpfe der deutschen Jugendbewegung war und eine Stelle für Suchtkranke einrichtete. Ernst Joël starb schon 1929 durch einen Selbstversuch mit Drogen.

Durch ihn traf Charlotte Martin Buber, Karl Kraus und weite Teile der Familie Benjamin. Auch die junge Marlene Dietrich, der Schauspieler Bernhard ­Minetti, Gretel Karplus, spätere Gretel Adorno, oder Ludwig Hardt gehörten zu ihrem Kundenstamm.

Sie alle lichtete Charlotte Joël auf ihre nüchterne Art und Weise ab. Die Bilder entstehen vornehmlich vor absolut neutralem Hintergrund, der Porträtierte blickt in die Kamera oder daran vorbei, die Ausleuchtung ist auf das Wesentliche reduziert und vermeidet jeden Anschein von Experiment. So sind die Fotografien nahezu zeitlos. Staffage oder berufsbezeichnende Ausrüstung findet man auf den Por­ träts von Charlotte Joël, anders als bei August Sander beispielsweise, gar nicht.ggg Allein Karl Kraus ist auf einigen Bildern mit Büchern zu sehen und auf einigen Kinderfotos findet sich das unvermeidbare Spielzeug. Kinderfotos gehörten zum Markenzeichen des Ateliers Joël-Heinzelmann. Es entstehen Postkarten mit in Beziehung zu den Kinderfotos stehenden einkopierten Titeln wie „Frohgemut“, „Ein Trotzkopf“, „Ein Pfiffikus“ oder „Ein kleiner Philosoph“. Doch trotz der Titel und des zuweilen erscheinenden Spielzeugs bleiben auch die Kinderfotos auf das Wesentliche reduziert und es bietet sich ein scheinbar unverfälschtes Bild der großen und kleinen Personen.

Der zweite, weit größere Teil des Buches, ist Charlotte Joëls Werkkatalog, den Friedrich Pfäfflin über Jahre erarbeitet und aus öffentlichen, sowie privaten Sammlungen zusammengetragen hat.

Durch die chronologische Auflistung der Originalaufnahmen wird klar, dass es in der Sammlung große Lücken gibt, Jahre, in denen scheinbar nicht ein einziges Foto entstanden ist. Daher sind weitere Funde von Friedrich Pfäfflin ausdrücklich erwünscht.

Im Jahr 1941 wurde Charlotte Joël gemeinsam mit ihrer guten Freundin Clara Grunwald nach Gut Neuendorf gebracht. 1943 traf eine Deportationsliste ein, auf der auch Charlotte ‚Sara‘ Joël verzeichnet war. Sie wurde in Auschwitz ermordet.

 

Vianca Reinig und Philipp Schmidt 

LEWIS AND HARRIS 

Kerber Verlag, 2019 

120 Seiten 

€ 32,00

Braungraue Felsen, dunkelgraues Gestein, hellblaues Meer, dreckiger Waschbeton, olivgrüne Landschaften, keine Bäume, weiße Gischt, tobende Wolken, Schnee, schwarzer Torf, grünes Gestrüpp, schwarzblaue See. Andere Nuancen von Grau, Blau und Grün und zwischendurch ein rosafarbener Himmel.

Das Buch „Lewis and Harris“ des Duos Reinig und Schmidt ist so wunderbar monochrom, es ist fantastisch gestaltet, die Steifbroschur, die kaschierten Deckel, Vor- und Nachsatz bedruckt, aufregend gesetzter Text in einem ästhetischen Font, es ist eine wahre Freude.

Endlich ein Fotoband über die Äußeren Hebriden jenseits der gängigen „Highlander“ Romantik. Was daran liegen mag, dass man auf Lewis and Harris vergeblich nach Schlössern und dergleichen touristischen Schottland-Ästhetik sucht.

Lewis and Harris ist die nördlichste Insel der Äußeren Hebriden und liegt rund 60 Kilometer vor der Westküste Schottlands. Circa 21.000 Menschen leben auf dieser Insel, das Klima ist rau, die Landschaft karg und die Lebensweise ist auf das Funktionieren ausgerichtet. Schnörkellose Häuser in Abstufungen von grau, die dem Wetter, dem Wind standhalten müssen stehen einladenden, aber eisigen Meeren, zerklüfteten Landschaften und weißen Stränden gegenüber. Reinig und Schmidt haben einen Bildband geschaffen, der ohne viele Worte auskommend, viel über das Leben auf der Insel erzählt.

Gleichzeitig hat das Buch wenig von einem klassischen Bildband. Panoramen und Details wechseln sich ab, die Größen der Bilder variieren stark, ohne den gesetzten Rahmen zu verlassen. Manche sind hochkant, andere quer eingepflegt. Eine Lücke gibt es nicht. Wie gesagt, eine echte Freude. Mit einem Vorwort von Donald S. Murray.

 

Benita Suchodrev 

OF LIONS AND LAMBS 

Kehrer Verlag, 2019 

368 Seiten 

€ 48,00

„This is the coastal town that they forgot to close down.

Hide on the promenade Etch a postcard:

„How I Dearly Wish I Was Not Here“ In the seaside town That they forgot to bomb“ (Morrissey, 1988)

Englische Küstenstädte sind selbst während der Badesaison ein oftmals grotesker Anblick; auch in Farbe, wie Martin Parr hinlänglich bewiesen hat. Außerhalb der Saison, im Februar, ist ein Ort wie Blackpool an Tristesse kaum zu überbieten. Genau zu dieser Zeit hat sich Benita Suchodrev auf den Weg gemacht, die Fortsetzung ihres ersten Buchs 48 Hours Blackpool (Kehrer, 2018) zu fotografieren.

Die Touristen sind wieder zuhause. Die Sonne auch.

Übrig bleibt die Realität der Suppenküchen, der Altenheime und der verarmten Stadtviertel. Übrig bleiben abgeblätterte Existenzen und Plakate, minderjährige Mütter, Menschen und Tiere im Dreck, ein Union Jack, der so zerrissen ist wie das gesamte Königreich derzeit.

Of Lions and Lambs ist keine Einladung, den Urlaub endlich mal wieder an der Promenade von Blackpool zu verbringen. Nichts hier scheint im klassischen Sinne „schön“ zu sein. Und dennoch schafft Benita Suchodrev es, den der Fotografie immanenten Voyeurismus so weit zurückzudrängen, dass beim Betrachter kein Gefühl der Überlegenheit oder des gut gemeinten Mitleids aufkommt. Die Bilder sind in ihrer körnigen, rauen und ungewöhnlichen Komposition so poetisch, dass sie wie Stills eines Films entnommen sein könnten und so nicht bewerten, sondern den Menschen, denen nichts anderes übrig bleibt als die Reali tät, auch im Winter weiterleben zu müssen, einen Wert geben.

Wie passt das zu der Titelfotografie, fragen Sie sich?

Of Lions and Lambs erzählt die Geschichte weiter und vor allem ganz anders als gewöhnliche Fotobände über Küstenorte in der Nebensaison. Benita Suchodrev erzählt die Geschichte von Löwen und Lämmern. Während die Lämmer von ihren Hütern immer wieder zur Schlachtbank geführt werden, feiern die Löwen. Sie feiern in Masken und Orden, mit Hors d‘oeuvre und Champagner und Pelzen.

Man hat das Gefühl, sie feiern, dass sie den Lämmern die dreiste Lüge der 350 Millionen wöchentlichen Pfund für die EU schmackhaft machen konnten. Aber das mag eine persönliche Wahrnehmung sein, bedingt durch die geniale Bildabfolge des Buches, das mit dem eingangs erwähnten zerfledderten Union Jack endet. Suchodrevs Blick ruht auf Individuen, sie paart Einzelbilder mit kleinen seriellen Handlungen, Geschichten von Menschen mit denen von Tieren, eine Dokumentation über Armut mit der über Reichtum.

Eine berauschende und gewaltige Erzählung über die Lage der Nation, ohne, dass die Lage der Nation jemals erwähnt würde.

 

Hrsg. Matthias Straub 

THE OPÉRA VOL. VIII

Classic & Contemporary Nude Photography 

Kerber Verlag, 2019 

220 Seiten 

€ 45,00

2019 erschien die achte Ausgabe eines internationalen Kompendiums, das moderne Interpretationen eines klassischen Themas von jungen und etablierten Künstlern versammelt. The Opéra erzählt in sechs Kapiteln von den facettenreichen Formen des menschlichen Nacktseins und seinen emotionalen Auswirkungen.

Schön, hässlich, klassisch, brutal, erstaunlich, manchmal überflüssig – die F ­ otografien präsentieren sich wie das Leben selbst, vielfältig und unvorhersehbar.

Wer sich für zeitgenössische Aktfotografie interessiert, wird zwischen den 31 Künstlerinnen und Künstlern auf jeden Fall fündig und wagt bestimmt gerne einen Blick in die sieben Vorgänger.

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