Kolumne

Vielen Dank für die Schokolade

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 2/2017

Im Februar war es soweit: Ich unternahm die erste Reise mit unserem Sohn. Da meine Frau eine Auszeit brauchte, entschied ich mich zu einer siebenstündigen Zugfahrt in meine alte Heimat: nach Nürnberg, zu Emils Großeltern. Ich schwitzte, als wir am Bahnsteig standen. Emil ist drei und hat seine Mama-Phasen. Dann mache ich keinen Stich bei ihm. Ich betete, dass der Abschied klappte. Ein gütiger Gott erhörte mich.

Als wir gut gelaunt unsere Plätze suchten, kreuzte eine hochgewachsene Frau unseren Weg. Der kleine Mann sah sie an und rief: „Oh, ein Pferd!“ Dann blickte er kopfschüttelnd zu mir: „Doch eine Frau.“ Ich zuckte hilflos die Achseln und zog meinen Sohn davon.

Während der fünfzig Minuten von Lübeck nach Hamburg war ich einigermaßen aufgeregt. Im größten Bahnhof des Nordens blieben uns sieben Minuten, um von Gleis 4 zu Bahnsteig 14 zu gelangen. Es galt, einen zuggebundenen ICE zu erreichen. War er weg, war das Ticket futsch. Geduldig erklärte ich die Brisanz.

„In Nürnberg kannst du dir alle Züge ansehen, die vielen Menschen mit den vielen Koffern beobachten und mich fragen, was die Leute in den gelben Quadraten machen, doch jetzt müssen wir uns beeilen.“

Emil nickte und trank einen Apfelsaft. Als die Regionalbahn in den riesigen Bahnhof einrollte und wir bereits in der Schlange zum Ausstieg standen, passierte es: „Papa, ich muss pullern! Nötig!!“

Ich dachte an die Ersatzklamotten und riskierte alles. Manchmal ist das Glück mit den Mutigen: Emil entleerte seine Blase im ICE.

Ab Hannover beobachteten wir einen Mann mit sehr dichtem Bartwuchs. Er entfaltete eine Ausgabe der ZEIT und legte gewichtig die Stirn in Falten: das Idealbild eines Intellektuellen. Ich war beeindruckt.

Auch Emil war schwer begeistert, allerdings aus anderen Gründen.

„Papa“, flüsterte er, „der Mann hat Fell im Gesicht“. Die Mimik des Herrn bewies, wie humorlos intelligente Menschen sein können. Ich kicherte in mich hinein und erklärte meinem Sohn die Vor- und Nachteile der Gesichtsbehaarung. Bei Göttingen setzte sich eine alte Dame zu uns. Wieder wandte ich mich an die Schicksalsgötter. Kein Tiervergleich, dachte ich, bitte!

Der gütige Gott war erneut zur Stelle. Die Dame bot Emil sogar Schokolade an. Statt deshalb zu jubilieren, vergrub er sein Gesicht unter meiner Achsel. Ich bedankte mich überschwänglich und ließ mir Kriegserlebnisse erzählen. Mit Emil war wenig anzufangen. Er spielte Maulwurf. Bei Würzburg stieg die ehemalige Trümmerfrau aus. Endlich kroch der kleine Mann aus seinem Versteck hervor.

„Oh, Schokolade“, sagte er. „Danke.“ Er steckte sich zwei Stücke in den Mund und redete kauend weiter: „Die Frau war nett“, stellte er fest, „total“.

Dieses Verhalten kannte ich schon von ihm. An der Käsetheke war es genauso. Meistens bedankte er sich, wenn wir längst im Auto saßen oder mit dem Abendessen begonnen hatten. Diesmal wähle ich einen neuen Weg: Liebe unbekannte alte Frau – falls Sie diesen Text lesen: Noch einmal herzlichen Dank für die Schokolade, auch und insbesondere von Emil! ¢

Matthias Kröner, 1977 in Nürnberg geboren, lebt und arbeitet seit 2007 als Autor, Journalist, Redakteur und Kolumnist in der Nähe von Lübeck. Seine subjektiv verfassten Reiseführer „Lübeck MMCity“ und „Hamburg MM-City“ (Michael Müller Verlag) sind Sparten-Bestseller. 2014 erschien sein Erzählband „Junger Hund. Ausbrüche und Revolten“ (Stories & Friends Verlag). 2016 kam sein erster Mundart-Gedichtband „Dahamm und Anderswo“ bei ars vivendi heraus.

matthias.kroener@gmx.de

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