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Unser Fragebogen – Dr. H.-R. Cram

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 6/2017
Dr. H.-R. Cram, Verleger/Gesellschafter Geschäftsführer, Dietrich Reimer Verlag, Gebr. Mann Verlag, Deutscher Verlag f. Kunstwissenschaft, Berlin

Was ist Ihre Erinnerung an Ihr erstes Buch? Um welches Buch handelt es sich?

Urmel aus dem Eis.

Ihre drei Lieblingsbücher sind …

„Der Präsident“ von Sam Bourne, „Blaupause“ von Theresia Enzensberger und „Japans Unterwelt. Reisen in das Reich der Yakuza“ von Wolfgang Herbert.

Würden Sie Ihre Lieblingsbücher auch als eBook lesen?

Als Arbeitsmittel sind eBooks unschlagbar, zum Lesen eher weniger geeignet.

Entspannen Sie beim Lesen oder was sind Ihre Mittel gegen Stress?

Lesen ist gut gegen Stress, besser noch: Flugsimulator spielen.

Traumjob VerlegerIn? Beruf oder Berufung?

Ein Traumjob war das vielleicht einmal vor ca. 25 Jahren. Durch die Umbrüche der letzten fünfzehn Jahre kann ich heute aber niemandem mehr den Einstieg in einen kleineren geisteswissenschaftlichen Verlag guten Gewissens empfehlen. In einem der großen internationalen Verlage wie Elsevier, Wiley oder Springer Nature bieten sich aber sicher Karrierechancen.

Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Ich stand vor der Wahl, eine Universitätslaufbahn einzuschlagen oder in die Wirtschaft zu gehen. Daraufhin habe ich mir meinen Doktorvater näher angeschaut: Man kommt als Hochschulprofessor zwar viel rum in der Welt, aber man trifft immer wieder dieselben Leute und spricht immer über dieselben Themen. Wie langweilig! In der Wirtschaft ist das Gegenteil der Fall.

Gibt es für Sie ein Vorbild aus der Welt der VerlegerInnen?

Georg Andreas Reimer ist schon lange tot. In einer verlagsfeindlich eingestellten politischen Umgebung gibt es heutzutage keine Vorbilder mehr.

Wie beginnt ein guter Tag als VerlegerIn?

Ein guter Tag ist, wenn gute oder sogar überraschende Angebote kommen. Vor einigen Wochen zum Beispiel meldete sich der Urenkel des Museumsgründers Wilhelm Bode mit den Tagebüchern seiner Großmutter Marie Bruns. Das ist sehr lebendig geschrieben und vermittelt ein lebensnahes Bild von der Kaiserzeit bis zu den Weltkriegen. Dieses Buch werden wir im Frühjahr 2018 publizieren.

Und wie sieht ein schlechter Tag aus?

Ein schlechter Tag ist, wenn wieder einmal neue schlechte Nachrichten aus der Politik oder Rechtsprechung kommen, die gegen wissenschaftliche Verlage gerichtet sind.

Was war das spannendste Ereignis in Ihrem Berufsleben?

Mir wurde ein griechischer Text zur Edition angeboten, der ein Empedokles-Text in direkter Überlieferung sein sollte. Eine Sensation, wenn es stimmte, denn die Vorsokratiker waren bis dahin durchweg nur in Zitaten von Plato und Aristoteles überliefert, also nur indirekt. Der Herausgeber konnte nur entweder ein Genie oder ein Spinner sein. Ich entschied mich für Genie und habe das Buch gemacht. Das war die richtige Entscheidung: heute ist der Text als der „Straßburger Empedokles-Papyrus“ bekannt.

In einem FAZ-Interview stellte Felicitas von Lovenberg Verlegern diese Frage: Wenn Sie eine einzige Veränderung am Buchmarkt bestimmen könnten – welche wäre es?

Die wünschenswerteste Veränderung wäre, einmal an zentraler politischer Schaltstelle die Politik ändern zu können. Besonders die Open Access-Strategie (OA) sollte von den Forschungsförderern und den zuständigen Politikern mit realistischem Blick angesehen werden. Das eigentliche Ziel ist, die Wissenschaft zu demokratisieren und für alle zugänglich zu machen. Es wird aber mit öffentlichen Geldern keine entsprechende Infrastruktur geschaffen, sondern nur dezentral kleine Projekte an Bibliotheken für drei, vier, fünf Jahre (mit prekären Arbeitsverhältnissen der dort Beschäftigten) gefördert, die dann irgendwann auslaufen.

De facto werden also die großen Konzerne gestärkt, die gerne Open Access-Publikationen gegen viel Geld anbieten. Auf der Strecke bleiben die kleinen geisteswissenschaftlichen Verlage. Und durch Abschaffung der Sondersammelgebiete, die ja durch Fachinformationsdienste ersetzt wurden (auch unter dem Rubrum OA-Förderung) geht viel Wissen verloren, das mühsam zusammen getragen wurde. Es gibt z. B. niemanden mehr, der für Südsee/Ozeanien zuständig ist, weil der entsprechenden Bibliothek die Antragsstellung bei der DFG nicht erfolgversprechend erschien. Ohnehin werden die Fachinformationsdienste nur für einige Jahre bewilligt. Auf diese Weise wird vielfältiges kulturelles Wissen vernichtet, da kann man schon in tiefe Depression verfallen.

Bei uns werden aber Manuskriptangebote zu dieser Region eingereicht, das Interesse ist also da. Zynisch könnte man allerdings auch anmerken, dass Ozeanien in einigen Jahren ohnehin ein abgeschlossenes Sammelgebiet sein könnte, wenn durch den Klimawandel die Inseln überschwemmt und unbewohnbar werden.

Wie viel Prozent seines Umsatzes wird Ihr Verlag im Jahr 2020 durch elektronische Informationen erwirtschaften?

Diese Frage stellt sich erst, wenn der Markt im Bereich Geisteswissenschaften und speziell Kunstwissenschaft dazu bereit ist. Wir sind froh, wenn 2020 der Verlag in der bisherigen Form überhaupt noch existiert. 2020 möchten wir nämlich noch 175 Jahre Reimer feiern, den Verlag gibt es ja bereits seit 1845 und ich möchte nicht derjenige sein, der dann die Tür zumachen muss.

Und die große Frage am Schluss: Wie wird sich die Verlagslandschaft in den nächsten zehn Jahren verändern?

Die großen konzerngebundenen Monopolisten werden ihre Marktmacht weiter ausbauen. Die Ihnen bekannten DEAL-Verhandlungen sind da ja ein deutlicher Wegweiser. Kleine und mittlere Verlage werden vom Markt verschwinden, sei es durch Verkauf, Insolvenz oder Liquidation. Dieser Prozess hat bereits begonnen. Daneben wird es auch immer wieder Verlagsneugründungen geben, die auf der Grundlage von Selbstausbeutung eine Weile bestehen werden, denn nach wie vor gehört die Arbeit mit Büchern zu den schönsten Beschäftigungen überhaupt.

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