Kinder- und Jugendbuch

Unglaubliche Missionen

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2018

Marianne Dubuc, Briefträger Maus in unglaublicher Mission. Übersetzung aus dem Französischen von Julia Süßbrich. 28 Seiten, Beltz und Gelberg, Weinheim 2018, Ab 3 Jahren

 

Torben Kuhlmann, Edison – Das Rätsel des verschollenen Mauseschatzes. 112 Seiten, NordSüd Verlag, Zürich 2018. Ab 6 Jahren

 

Thé Tjong-Khing, Henry bei den Dinosauriern. Übersetzung aus dem Niederländischen von Isabelle Brandstetter. 32 Seiten, Moritz Verlag, Frankfurt 2018 Ab 5 Jahren

 

Marja Baseler, Annemarie van den Brink, Tjarko van der Pol (Illustration), Die Kackwurstfabrik. Übersetzung aus dem Niederländischen von Meike Blatnik. 48 Seiten, Klett Kinderbuch Leipzig 2018 Ab 7 Jahren

 

 

Kristina Gehrmann, Im Eisland. Band 1: Die Franklin-Expedition. Band 2: Gefangen. Band 3: Verschollen. 224 und 272 Seiten, Hinstorff Verlag, Rostock 2015 und 2016 Ab 12 Jahren

Für Kinder und Jugendliche halten Bilder-, Kinder- und Jugendbuchautoren viele Tickets für unglaubliche Missionen in fremde, neue Welten bereit. Wenn zum Beispiel der Astronaut Alexander Gerst über seine Arbeit auf der internationalen Raumstation ISS berichtet, springt der Funke schnell über und manch einer wird angesichts der faszinierenden Bilder und Berichte über die spannenden Experimente sehnsuchtsvoll davon träumen, auch einmal ins Weltall zu reisen. Renate Müller De Paoli hat Bücher ausgesucht, die von ganz unterschiedlichen und besonderen Expeditionen berichten.

  • Die kanadische Autorin und Illustratorin Marianne Dubuc zeigt in dem Bilderbuch „Briefträger Maus in unglaublicher Mission“, wie vielschichtig ein Arbeitstag bei Briefträger Maus aussieht. Mit seinem vollgepackten Postwagen besteigt er seine im Vorgarten geparkte Rakete und startet zum Planeten XYZ. Dort warten die „felligen Flupps zusammen mit den großen Zwizzen und den wabbeligen Wlopps“ schon auf ein Geburtstagspaket. Doch Maus muss weitere Herausforderungen meistern, denn im Bonbonland, ebenso wie in Winzigstadt, im Land der Riesen und im Monsterland wird wichtige Post erwartet. Und hopp geht es auch schon im Taucheranzug mit Briefen in die Tiefe zu den Meerjungfrauen und Kraken. Farbenfroh und wimmelig hat Dubuc jedem Auslieferungsort je eine Doppelseite gewidmet. Kurze Sätze begleiten die Bilder, auf denen mit jedem Anschauen immer wieder Neues entdeckt werden kann. Dieses lustige Bilderbuch mit seinen vielen kleinen Details und Geschichten regt zum Erzählen und Erfinden an und natürlich auch zum Briefe schreiben, was so gar nicht mehr im Trend liegt.
  • Da sind sie wieder. Die kleinen liebenswerten, neugierigen, wissenshungrigen Mäuse des Autors und Illustrators Torben Kuhlmann: nach „Lindbergh“ und „Armstrong“ nun „Edison – Das Rätsel des verschollenen Mauseschatzes“. Diesmal laden seine Mäuse-Erfinder nicht zu einer Reise über den Atlantik oder auf den Mond ein, sondern in die Tiefe, auf den Meeresgrund. Der junge Mäuserich Pete findet im Familienbesitz einen Zettel seines „Urururur …“, der vor langer Zeit mit dem Schiff über den Atlantik nach Amerika reiste. „Und er hatte einen großen Schatz dabei.“ Doch das Schiff war gesunken. Nach anfänglichem Zögern kann Pete durch Beharrlichkeit, Mut und Risikofreude einen alten Mäuseprofessor gewinnen, mit ihm auf Schatzsuche zu gehen. Und schon beginnen die Beiden zu recherchieren und zu experimentieren. Nachdem der Versuch mit einer Tauchglocke gescheitert ist, konstruieren sie ein Unterseeboot, schiffen sich als blinde Passagiere auf einem Frachtschiff ein und finden Schiffswrack und Schatzkiste. Und „In der kleinen Truhe auf dem Meeresgrund ruhte seit einer Ewigkeit ein Buch. Das Tagebuch eines Erfinders!“ –Mehr sei hier nicht verraten. Kuhlmann fasziniert auch in „Edison“ durch Farbgebung und detailreiche, naturgetreue, realistische Bilder. Bilder, die ihre eigene Sprache sprechen. Sein filigran-feiner Strich lässt Konstruktionspläne, Erfinderportraits, Fotos, Landkarten, Zeitungsartikel und Bilder vom Meeresgrund entstehen, die den Erfinder der „allerersten Glühbirne“ in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Am Ende des Buches findet sich eine kurze Geschichte über die Erfindung des elektrischen Lichts und eine Biografie über Thomas Alva Edison.
  • „Zum Ruhm und zur Ehre Englands“ verlassen am 19. Mai 1845 die Schiffe „HMS Erebus“ und „HMS Terror“ die Küste Englands. 133 Männer brechen unter dem Kommando des Polarforschers Sir John Franklin, bekannt als „der Mann, der seine Stiefel aß“, auf, um einen kürzeren Seeweg von Europa nach Asien zu finden. Ihre Aufgabe: erstmals die Nordwestpassage zu durchqueren und zu kartografieren. Kristina Gehrmann, Autorin und Illustratorin, erzählt in ihrer dreibändigen Graphic Novel „Im Eis- land“ die Geschichte dieser bekannten und tragisch endenden Expedition, bei der 129 Männer im arktischen Packeis zurückblieben. Mit ausdrucksstarken schwarz-weiß Illustrationen, gespickt mit vielen Sachinformationen aus Originalquellen, zeichnet sie das Leben an Bord, geprägt von harter körperlicher Arbeit, aber auch dem Zugang zu Musik, Theater und einer Schiffsbibliothek mit 1200 Büchern. Einfühlsam lässt sie in Charaktere, Beweggründe und Gefühle der Crewmitglieder blicken. So schiebt z.B. der zwanzigjährige John Torrington alle Ängste und Bedenken seiner Freundin Betsy beiseite: „Aber Betsy denk doch an die Bezahlung! Doppelt in der Arktis.“ (…) „Das wird die Expedition des Jahrhunderts!“ (…) „Und dann heiraten wir!“ – und heuert als Oberheizer an. Er stirbt als Erster an Bord, heimgesucht von Skorbut und einer Lungenentzündung. „Im Eisland“ ist eine packende, spannende Sachbuch-Trilogie – Band 1 ausgezeichnet mit dem Jugendliteraturpreis –, in der die Geschichte der Franklin-Expedition lebendig wird.
  • „Holy moly! Wenn das kein T-Rex ist, …“ ist sich Henry, Dinosaurier-Experte und Fan absolut sicher. Welch ein Glück, dass ausgerechnet er auf der Ranch seiner Eltern einen „besonderen Knochen“ gefunden hat. Nun sind Forscherteams gerade dort dabei einen Tyrannosaurus Rex auszugraben. Wen wundert es da, dass nach solch einem Tag seine Spielzeug-Dinos nachts ihr Eigenleben beginnen: Ein Acheroraptor fällt über ein Nest voller Eier her, aus denen gerade ein „kleiner Dino“ geschlüpft ist. Und ein Quetzalcoatlus droht das Dinobaby zu verschlingen. Doch „Magic Man“ Henry ist selbst in den gruseligsten Momenten zur Stelle und vertreibt mit seinem Zauberstab zum Dank der Tyrannosaurus-Mutter die Übeltäter. Angeregt durch Ausgrabungen des Tyrannosaurus Rex Trix im US-Bundesstaat Montana im Sommer 2013 hat der vielfach ausgezeichnete Illustrator Thé Tjong-Khing mit „Henry bei den Dinosauriern“ durch seine wunderbaren und detailreichen Illustrationen, die wie immer durch ihre eigene Sprache brillieren, ein be- und verzauberndes Dino-Kleinod geschaffen. Alle kleinen und großen Dino-Fans werden begeistert sein. Für diejenigen, die sich mit diesen Riesentieren der Urzeit nicht so gut auskennen, bietet ein kleiner lexikalischer Überblick im Vorsatzblatt Hilfe, den Wissensstand aufzufrischen.
  • Einen ganz anderen Reiseweg beschreiben die niederländischen Autorin- nen Marja Baseler und Annemarie van den Brink in dem pfiffigen Sach-Bilderbuch „Die Kackwurstfabrik“. Welchen Weg nimmt eigentlich ein Apfel, sobald das erste Stück in unserem Mund gelandet ist? Text, Fragebögen, Infokästen, findige Tipps und bunte, farbenfrohe, witzige Wimmelbilder von Tjarko van der Pol um ein Lieblingswort im deutschen Sprachgebrauch vermitteln hier viel Wissenswertes über „das Rätsel der Verdauung“, eben Wissenswertes „vom Bissen im Mund zur Wurst im Klo“. Zusammen mit Polly und Pim erkunden wir diese Fabrik. Die Kinder sind in Sorge um ihren Vater, „Professor im örtlichen Labor der Kackwurstfabrik“, denn einiges scheint dort nicht mehr rund zu laufen. Auf eigene Faust machen sie sich mit ihrem Hund Wuschel auf den Weg und erfahren: „Die Kacke ist ganz schön am Dampfen. Heute ist der letzte Tag,an dem die Fabrik arbeitet. Alles läuft fest. Die ganze Angelegenheit ist hoffnungslos verstopft. Nichts geht mehr.“ Und so geht die Fahrt munter vom „mahlenden Mundwerk“ über die „große Knetmaschine Magen“ und Darm bis zu den „Pförtnern des Enddarms“. Eine aufregende Achterbahnfahrt, die zu einem wahren Verdauungsvergnügen für alle „Klugscheißer“ – und die es werden wollen – wird. Dazu findet sich im Vorsatz auch noch einiges zur Wortschatzerweiterung um dieses mancherorts noch existierende Tabuthema. In jedem Fall: Es lohnt sich, diese ganz besondere Reise anzutreten.

 

Renate Müller De Paoli ist freie Journalistin, Autorin und Geschichtenerzählerin. Sie lebt im Weserbergland, der Heimat des Rattenfänger von Hameln und des Baron von Münchhausen.

RMDEP@t-online.de

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