Fotografie, Medizin | Gesundheit

„Und ja, mein einziger Bezugspunkt bin ich jetzt selbst“1

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2023

Mein Leben erfuhr durch die Diagnose Brustkrebs 2016 einen radikalen Wandel. Mein Alltag und mein (Über-)Leben wurde dominiert von 16 Chemotherapien, 2 Operationen und 28 Bestrahlungen

Ein Gespräch: Kristina Frick und Annette Rausch

Etwa 70.000 Frauen erkranken pro Jahr in Deutschland an Brustkrebs. Eine von ihnen ist Fotografin Annette Rausch. 2016 erhielt sie ihre erste Brustkrebsdiagnose, die Chemotherapien, Operation und Bestrahlungen nach sich zog. Die ­Veränderung ihres Körpers und Körpergefühls weckten neben allen negativen Gefühlen auch Neugier. Annette Rausch begann, Details der Vorgänge zu fotografieren; zunächst, um sie festzuhalten und um die Fotografie nicht aufzugeben, später wurde daraus das Buch „C50.9G“2– „Bösartige Neubildung der Brustdrüse, nicht näher bezeichnet“, das „G“ bedeutet „gesichert“. Das Werk wurde 2021 beim 13. Aenne-BiermannPreis mit einer Auszeichnung bedacht.

Annette, wenn man im Internet nach Brustkrebs und Fotografie sucht, landet man sehr schnell bei vielen ermutigenden Porträtserien, die erkrankte Frauen als Akt elegant in schwarz-weiß oder geschmackvoll geschminkte Frauen in farbenfrohen Kleidern zeigen.

Dein Ansatz ist gänzlich anders. Deine Bilder sind roh und nahezu verstörend klar, kein romantisierender Blick auf das neue Leben, sondern eine deutliche Darstellung der Betroffenheit.

Ich habe mich fotografiert, um mich von außen anschauen zu können. Am Anfang war meine Motivation, den Ist-Zustand festzuhalten, um später darauf zurückblicken zu können. Ich habe mir faszinierende Dinge an meinem Körper angeschaut und über die Fotografie archiviert und habe das erst später als öffentliches Fotoprojekt begriffen. Ich wollte eine Dokumentation und Darstellung dessen, wie diese Erkrankung wirklich ist, allerdings wollte ich keine externe Person fotografieren lassen. Ich habe kleine Serien zusammengestellt, die auch grafisch wirken und gegen Ende der Behandlung war dann klar, dass es tatsächlich ein Fotobuch werden sollte.

Erst zu einem späteren Zeitpunkt habe ich dann recherchiert, was es an Fotobüchern zu diesem Thema gibt und dabei festgestellt, dass es nahezu keine Arbeit gibt, bei der die Fotografin sich während einer Brustkrebserkrankung selbst fotografiert. Eines der wenigen Werke ist 1986 erschienen, Renate Zeun „betroffen“. Es gibt zwar einige Bücher mit Texten von Frauen über Brustkrebs und Fotografien von anderen, die oft unter dem Gesichtspunkt „Bin ich noch erotisch“ fotografiert wurden. Aber eine künstlerische Dokumentation der Erkrankung gibt es kaum. Der Unterschied zu anderen Arbeiten ist, dass ich viel auf Details geachtet habe und dass es mir auch um Fragen der Bildwirkungen gegangen ist. Ich wollte nichts vorgeben, sondern neben dem Dokumentieren auch den Betrachter*innen die Möglichkeit geben, ihre eigenen Assoziationen wirken zu lassen. Ab einem gewissen Zeitpunkt habe ich die Fotografien dann auch unter einem gestalterischen Gesichtspunkt betrachtet und zum Beispiel ein Element der Bestrahlung – nämlich die Markierungen, damit man immer an der richtigen Stelle liegt – als durchgängiges gestalterisches Element für das Buch genutzt.

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1 aus Audre Lord, „Auf Leben und Tod – Krebstagebuch“, 1984
2 Annette Rausch: C50.9 G. Fotografien. Mit einem Nachwort der
Künstlerin. Berlin: KRAUTin Verlag 2023. Hardcover, offene Fadenheftung,
56 S., ISBN 978-3-96703-086-0. € 28,00.

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Das Buch wurde ausgezeichnet, es gab Ausstellungen und Gespräche. Welche Reaktionen hast du erwartet und welche hast du bekommen?

Zunächst war ich erstaunt, wie angstbesetzt das Thema tatsächlich ist und wie wenige Freunde und Bekannte aus dem privaten und beruflichen Umfeld zu der Ausstellung und den Gesprächen gekommen sind. Ich hatte mit mehr Besucherinnen und Besuchern gerechnet. Von denjenigen, die gekommen sind, gab es ganz unterschiedliche Reaktionen. Einige haben mir erzählt, wie sie ihre Angst überwunden haben, um dann zu kommen. Es gab viele positive Reaktionen und Dankbarkeit, dass dieses schwierige Thema so dokumentiert wurde.

Auffällig in der Ausstellung in Gera war, dass mich vor allem Männer angesprochen haben, die sich vor allem für die eher technischen Aspekte des sich selbst Fotografierens interessiert haben oder wie das für mich wäre, mich selbst an der Wand hängen zu sehen und betrachtet zu werden. Da ging es weniger um die Aspekte der Krankheit, sondern um den künstlerischen Prozess, über den wir dann ins Gespräch gekommen sind.

Bestimmte Dinge, die mir wichtig waren, sind in den Hintergrund geraten, die Prioritäten haben sich verlagert und ich habe Dinge ausprobiert, die ich vorher nicht gemacht habe. Das finde ich positiv.

In der Ausstellung in Berlin habe ich dann sehr intensive Gespräche mit Betroffenen geführt und mich über konkrete Erfahrungen ausgetauscht, gehört, welche Bilder Betroffene besonders ansprechen oder was diese Bilder bei ihnen auslösen.

 

Ich habe das Buch sowohl meiner Onkologin gegeben als auch den Krankenschwestern im Krankenhaus. Die Reaktionen waren durchweg positiv. Meine Dokumentation ist sehr realistisch und das ist das, was das medizinische Personal und auch die Patentinnen selbst natürlich mitbekommen, aber schon die nahen Angehörigen nicht mehr. Insofern kann das Buch als Gesprächsangebot genutzt werden. Eine Freundin von mir hat es ihrer Cousine geschenkt, die nie über ihre aktuelle Brustkrebserkrankungen gesprochen hat, und das Buch war eine Möglichkeit, überhaupt ins Gespräch zu kommen.

Das Buch ist also auf der einen Seite eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Krankheit, aber es kann gegebenenfalls auch therapeutisch eingesetzt werden, um Menschen nahezubringen, was Brustkrebs heißt. Vielleicht bekommen Betroffene dann auch eigene Ideen, ob sie sich vielleicht kreativ mit der Situation beschäftigen wollen oder eben nicht.

Siehst du dir die Bilder an und findest darin eine Akzeptanz des neuen Körpers? Ist das etwas, das die foto­grafische Auseinandersetzung mit der Erkrankung erreichen kann?

Ich denke nicht, dass ich mich oder meinen Körper über die Fotografie wahrnehme, aber ich nehme bestimmte Dinge, die mit meinem Körper geschehen sind, als ästhe­ tisch schön und fotografisch spannend wahr. In dieser Aufarbeitung gibt es Serien, die ich als ästhetisch schön empfinde, auch wenn sie etwas sehr Hartes darstellen. Und diesen Widerspruch nehme ich wahr.

Ich würde es als eine Art des hinter sich Zurücktretens bezeichnen, eine Akzeptanz, dass etwas endlich ist und das Leben nochmal neu reflektiert werden muss. Bestimmte Dinge, die mir wichtig waren, sind in den Hintergrund geraten, die Prioritäten haben sich verlagert und ich habe Dinge ausprobiert, die ich vorher nicht gemacht habe. Das finde ich positiv.

Hat dein Background im Gesundheitswesen dich auf die Erlebnisse vorbereitet?

Ich habe vieles, was wir am Gesundheitssystem kritisieren, selbst erlebt. Zum einen ist das deutsche Gesundheitssystem eher auf Anbieter, Ärzte und Ärztinnen und Krankenhäuser ausgerichtet und orientiert sich weniger an den Patientinnen und Patienten selbst. Zum anderen ist mir noch einmal mehr klargeworden, wie stark personenabhängig eine Behandlung ist. Werde ich über die Situation vernünftig und nachvollziehbar aufgeklärt? Ich habe beides erlebt – negative Kommunikation, gegen die ich mich wehren musste und sehr einfühlsame Gespräche und Aufklärung.

Die blauen Markierungen, die den Oberkörper über viele Wochen hinweg „zierten“ ermöglichen die möglichst identische Lage unter dem Bestrahlungsgerät. Im Fotobuch dienen sie als gestalterisches Element – sehr abstrakt auf dem Titel und sie läuten die Kapitel des Behandlungsprozesses ein.
KRAUTin Verlag © Alle Fotos: Annette Rausch

 

Bestimmte Dinge, die mir wichtig waren, sind in den Hintergrund geraten, die Prioritäten haben sich verlagert und ich habe Dinge ausprobiert, die ich vorher nicht gemacht habe. Das finde ich positiv.

 

Die „Therapiefolgewirkungen“ der Chemotherapie machen sich überall im Körper bemerkbar. Mit Stützstrümpfen wurde der (vergebliche) Versuch unternommen die Funktion der Beinvenen zu erhalten. Aus deren Abdrücken entsteht ein Bild – als könnten die Noppen und Hautdellen erfühlt werden.

 

Foto: Ute Hiller

Annette Rausch ist Fotografin und Volkswirtin. Sie arbeitete von 2002 bis 2022 im Bereich Gesundheitspolitik in der grünen Bundestagsfraktion. Sie hat das Gendiagnostikgesetz und die grünen Modelle der Bürgerversicherung mitentwickelt.
annetterausch@gmx.de 

Kristina Frick ist Fotografin, Autorin und Übersetzerin und lebt in Berlin. 2019 erschien ihr Fotobuch „Ich hab von ihm geträumt und von Affen“. Ausstellungen in Berlin, Istanbul, Potsdam. Mitglied des fotografischen Kolloquiums Kreuzberg.
kristina.frick@gmx.de

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