Landeskunde

Über „Duftende Imperien“ und Russlands Träume von Freiheit und von Amerika

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 2/2021

Reinhard Krumm, Russlands Traum. Anleitung zum Verständnis einer anderen Gesellschaft, Bonn: J.H.W. Dietz-Verlag 2019, 133 S., Broschur, ISBN 978-3-8012-0423-5, € 16,90.

Die russische Gesellschaft, so heißt es im Innencover des Buches, habe einen alten Traum, den Traum nach Freiheit. Als „child of the sixties“, wie die US-Amerikaner sagen würden, denke ich bei dem Wort Freiheit immer wieder an die Zeile: „Freedom’s just another word for nothin‘ left to lose“ aus dem Song „Me and Bobby McGee“ von 1969, komponiert und getextet von Kris Kristofferson und in Janis Joplins Version zum Welthit geworden. Nun gibt es im Englischen auch noch ein zweites Wort für Freiheit, denn die bekannte Statue im New Yorker Hafen heißt, wie allgemein bekannt, „Statue of Liberty“ und nicht „Statue of Freedom“. Zu dem Substantiv „liberty“ gibt es übrigens kein Adjektiv, und es erweist sich durchaus als schwierig, die Unterschiede zwischen den Begriffen zu definieren. Das heißt, das Wort oder der Begriff ist und bleibt ohne jeden Inhalt, wenn er nicht definiert, interpretiert und analysiert wird. Auch im Russischen gibt es zwei Wörter für „Freiheit“: svoboda und volja. Im 19. Jahrhundert hieß eine der Losungen der revolutionären Bewegung: Zemlja i Volja (Land und Freiheit). Volja kann auch „Wille“, „Unabhängigkeit“, „Zügellosigkeit“ oder „Willkür“ bedeuten. Reinhard Krumm definiert weder, was er denn im Wandel der Jahrhunderte unter der „russischen Gesellschaft“ versteht, noch was diese ebenso viele Jahrhundertelang unter „Freiheit“ verstand, von der sie träumte und Krumm zufolge immer noch träumt. Solche Probleme finden sich, da ist Krumm gar kein Einzelfall, auch in dem teils hochgelobten Band der US-amerikanischen Historikerin Jill Lepore „Diese Wahrheiten. Geschichte der Vereinigten Staaten“ aus dem Jahr 2019, die nicht klärt, was denn zu welchem Zeitpunkt vor, während und nach dem Unabhängigkeitskrieg unter „Freiheit“ in den USA von unterschiedlichen Schichten, Personen oder Gruppen verstanden wurde. Problematisch ist fast durchgängig der Umgang Krumms mit Begriffen, insbesondere dann, wenn er sie auch noch übersetzen muss. So übersetzt er die berühmt-berüchtigte Formulierung des russischen Ministers für Volksaufklärung (nicht Bildungsminister, wie Krumm schreibt, S. 43; von Bildung war keine Rede), Graf Sergej S. Uvarov, aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dass das Russische Reich auf drei Säulen beruhen solle: Orthodoxie, Autokratie und Volkstum (ebd.). Während die ersten beiden Begriffe sich problemlos übersetzen lassen, wirft das russische Wort „narodnost‘“ einige Schwierigkeiten auf. Zunächst einmal ist „Volkstum“ im Deutschen seit den unseligen NS-Zeiten ein ausgesprochen negativ konnotierter Begriff, in Hitlerscher Terminologie ein anderes Wort für „Rasse“ und wurde daher nach 1945 weitgehend vermieden. In der Postmoderne scheint die Begrifflichkeit auch in der SPD durchaus benutzbar oder wird damit vielleicht etwas suggeriert? Bert Brecht meinte, das Volk sei nicht „tümlich“. Die Zeitgenossen übersetzten es mit „Volksthümlichkeit“ oder „Nationalität“, so im Pavlovskij, dem maßgeblichen Wörterbuch des 19. und frühen 20. Jahrhundert. In der Jahrzehnte als „Bibel des deutschsprachigen Russlandhistorikers“ geltenden „Russischen Geschichte“ von Günther Stökl, langjähriger Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität zu Köln, findet sich die wohl beste Übersetzung als „volksverbundener Patriotismus“. Es ist ein durchgängiges Problem nicht nur dieses Buches, dass die Terminologie des 20. und 21. Jahrhunderts benutzt wird und damit die Historizität fast vollständig verschwindet. Die an dieser Stelle so genannte „Dritte Abteilung der Staatskanzlei“ hieß in den Jahren der Regierung des Kaisers Nikolaj I. (1825–1855) „Dritte Abteilung seiner Majestät höchsteigenen Kanzlei“. Das ist und bleibt in meinem Verständnis etwas anderes als eine „Abteilung der Staatskanzlei“, die es auch gar nicht gab. Und das setzt sich dann fort! Es war nicht Michail Gorbatschow, der als erster von ‚glasnost‘‘ (Transparenz) geredet hat, denn der Begriff ist viel älter und stammt aus der gesellschaftlichen Diskussion zur Zeit der ‚Großen Reformen‘ unter Alexander II. in den 1860er und 1870er Jahren. Es gab auch noch einen zweiten Begriff, der hieß und heißt ‚perestrojka‘ (Umbau) und auch der stammt nicht von Gorbatschow oder seinem Thinktank, sondern aus jener Reformzeit des 19. Jahrhunderts. Die Terminologie ist geliehen, nichts Eigenes, nur ein Plagiat, das gibt es heute öfter.

Das Buch ist so etwas wie ein Crash-Kurs zur russischen Geschichte und Gegenwart mit all den sattsam bekannten Geschichten und „Fakten“ und dem Gestus des Verstehens ohne neue Erkenntnisse zu vermitteln. All das hat man schon in zahlreichen anderen Büchern gelesen und kann daher auf die Lektüre dieses Essays getrost verzichten. Wer in Kurzform etwas Fundiertes zur russischen Geschichte lesen möchte, sollte lieber zu Andreas Kappelers „Russischer Geschichte“ greifen, nunmehr in aktualisierter Form in fünfter Auflage aus dem Jahr 2008. Für die neuere Entwicklung lohnt die Lektüre von Martin Austs „Die Schatten des Imperiums. Russland seit 1991“.

 

Karl Schlögel, Der Duft der Imperien. Chanel No 5 und Rotes Moskau, München: Carl Hanser Verlag 2020, 221 S., zahlreiche Abb., geb., ISBN 978-3-446-26582-0, € 23,00.

Von ganz anderem Kaliber ist das neueste Buch von Karl Schlögel, emeritierter Professor für Osteuropäische Geschichte an der Viadrina Europa-Universität in Frankfurt/ Oder. Ebenso wie Klänge haben auch Gerüche ihre Geschichte; immer noch am besten nachzulesen bei Alain Corbin, Pesthauch und Blütenduft. Eine Geschichte des Geruchs, Berlin 1984, Neuauflage 2005, im französischen Original 1982 in Paris erschienen. Dort erfährt man, wie es in früheren Zeiten gerochen bzw. für unsere heutigen empfindlichen Nasen gestunken hat.

Dass es auch länder- oder nationenspezifische Gerüche gibt, ist ebenfalls keine neue Erkenntnis. In seinen Lebenserinnerungen schrieb der deutsch-russische Unternehmersohn Alfred Ruperti, im Moskauer Haus seines Großvaters Moritz Marc habe es „deutsch gerochen“. Wer zwischen den Welten pendelte, wird den Unterschied zwischen „russischem“ und „deutschem“ Geruch bewusst bemerkt haben, doch teilt uns der Verfasser leider nicht mit, was denn so „deutsch“ an dem Geruch gewesen ist. Karl Schlögel, bekannt durch zahlreiche Bücher zur russisch/sowjetischen Geschichte, erzählt in diesem Band die Geschichte des Parfüms „Bouquet de L’Imperatrice Catherine II“, das anlässlich des 300-jährigen Jubiläums der Thronbesteigung des Hauses Romanov von einem im vorrevolutionären Russland lebenden französischen Parfumeur mit dem sprechenden Namen Ernest Beaux entwickelt worden war. Gemeint war damit selbstverständlich die aus dem Haus Anhalt-Zerbst stammende russische Kaiserin Katharina II. Da Deutsches, egal welcher Art, nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Russland nicht mehr zumutbar war, wurde es nach dem Namen der Herstellerfirma in Rallet NoI umbenannt. Mit seinem „Erfinder“ gelangte der Duft nach dem Weltkrieg nach Frankreich und wurde zu Chanel No5, weil es die fünfte Probe war, die Coco Chanel 1920 roch. Zugleich aber blieb das Parfüm auch in Russland und wurde in sowjetischen Zeiten zu „Rotes Moskau“ (Krasnaja Moskva). Gabrielle „Coco“ Chanel ist weltweit bekannt. Wenn nicht als Person, dann wenigstens als „Parfum“. Für „Krasnaja Moskva“ war es in sowjetischen Zeiten Polina S. Shemtschushina, jüdischer Herkunft, die 1921 Vjatscheslav Molotov, einen engen Vertrauten des Diktators Josef Stalin, später Vorsitzender des Rates der Volkskommissare und Außenminister, heiratete. Die beiden Frauen, so unterschiedlich sie waren, hatten einiges gemeinsam: Machtbewusstsein, Aufstiegswillen aus engen Verhältnissen und festgefügten Vorurteilsstrukturen. Coco Chanel war Antisemitin und Nazi-Kollaborateurin, Polina Shemtschushina fanatische Stalinistin bis zu ihrem Tod, obwohl sie 1939 bei Stalin in Ungnade fiel, verbannt und von ihrem Mann verraten wurde, und eine „eiserne Lady“.

Schlögel verfolgt die Geschichte der Düfte ebenso wie die beiden Lebensläufe mit all ihren Verwicklungen in die Geschichte der jeweiligen Länder und der Welt insgesamt. Dabei erweiterte er den Kosmos der Düfte oder des Geruchs um den der Lager des GULag und der nazistischen Konzentrationslager. Den Duft der Imperien gab es eben nicht nur im Reich der Schönheit, sondern auch in den Abgründen des Massenmords.

All dies ist, wie man es von Karl Schlögel gewohnt ist, eingängig erzählt und ausgezeichnet recherchiert, bisweilen ein wenig redundant, was das Lesevergnügen aber nur geringfügig schmälert. Die meisten, so wie ich, werden neue Welten kennenlernen, auch wenn sie täglich ein Parfum benutzen.

 

Henner Kropp, Russlands Traum von Amerika. Die Alaska-Kolonisten, Russland und die USA, 1773-1867, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2020, 204 S., 4 Abb. und 8 Karten, geb., ISBN 978-3-525-30606-2, € 49,99.

Dieses Buch ist die überarbeitete Fassung einer Regensburger Dissertation aus dem Jahr 2018. Erzählt wird die „Geschichte der Expansion des Russländischen Reiches auf den nordamerikanischen Kontinent“, dabei konzentriert Kropp sich vor allem auf die Träger dieses Prozesses, die er als „russländische Kolonisten“ bezeichnet. Der Autor geht chronologisch in fünf Kapiteln vor und endet in „Fazit und Ausblick“ mit dem Verkauf Alaskas oder Russisch-Amerikas an die USA für 7,2 Mio. Dollar. Henner Kropp behandelt in seiner Darstellung auch die US-amerikanische Eroberungspolitik auf dem Kontinent und verweist darauf, dass Washington 1803 mit dem Kauf von Louisiana schon entsprechende Erfahrungen gesammelt hatte, wobei darauf hinzuweisen ist, dass unter Louisiana damals die Gebiete westlich des Mississippi bis zu den Rocky Mountains verstanden wurden.

In der Einleitung werden die Leitgedanken und -begriffe kurz skizziert, wobei vor allem der heute weitverbreitete Begriff des „Imperiums“ (empire) im Mittelpunkt steht, den Kropp dann allerdings, weil zu „starr“, gegen den dynamischeren Imperialismusbegriff weitgehend aufgibt. Bei der Begrifflichkeit rekurriert er auf Ausführungen von Hans-Ulrich Wehler aus den frühen 1970er Jahren, ohne etwa zwischen „formal und informal“ Empire oder Subimperialismen, wie den der sogenannten „men on the spot“, zu unterscheiden. Alaska wäre dafür ein gutes Beispiel gewesen. Kropp erzählt seine Geschichte durchaus interessant und kenntnisreich, aber was er darstellt, ist, um nochmals Günther Stökl zu zitieren, weder neu noch falsch. Es geht über den bisherigen Forschungsstand leider nicht hinaus.

Das mag auch daran liegen, dass der Autor beispielsweise keine der gängigen Geschichten Sibiriens in seinem Literaturverzeichnis nennt. Hat er sie nicht zur Kenntnis genommen oder für unwichtig erachtet? Gleiches gilt für die zahlreichen Monographien des US-amerikanischen Historikers Glynn Barratt, einem Spezialisten für Russlands Interessen und Aktivitäten im Nord- wie Südpazifik. Unerwähnt bleibt auch Dieter Bodens schon 1968 publizierte Studie über das „Amerikabild im russischen Schrifttum bis zum Ende des 19. Jahrhunderts“. Ohne Hinweis auf seinen Urheber spricht Kropp auch immer wieder von der „imperialen Überdehnung“, eine Begrifflichkeit, die auf den britischen Historiker Paul Kennedy und dessen Studie „The Rise and Fall of Great Powers“ aus dem Jahr 1988, in dem Kennedy erstmals vom „imperial overstretch“ sprach, zurückgeht.

Es gäbe noch eine ganze Reihe von Themen, Begriffen oder Zu- und Einordnungen, die angemerkt werden könnten. Dazu gehört unter anderem die Bezeichnung von Sir Francis Drake als „Freibeuter“ (S. 150), der doch unter anderem auch ein Weltumsegler und Vize-Admiral der englischen Flotte im siegreichen Kampf gegen die spanische Armada war und schließlich von Elisabeth I. geadelt wurde. Dass man in Russland bei Beginn der Eroberung Sibiriens am Ende des 16. Jahrhunderts davon ausgegangen sei, man dringe in einen „leeren Raum“ (empty space) ein, halte ich für völlig verfehlt (S. 31f.). Seit den Zeiten der Eroberungen durch die Mongolen um die Mitte des 13. Jahrhunderts wussten die Russen, dass Sibirien besiedelt war, und bei Beginn des komplexen und vor allem blutigen Eroberungsprozesses Sibiriens musste zunächst einmal mit dem Khanat Sibir‘ ein Folgestaat der Goldenen Horde niedergerungen werden, dem man tributpflichtig gewesen war.

Wenn es denn einen russischen Traum von Amerika gab, dann müsste es doch auch Träumer gegeben haben, die ich aber leider in diesem Buch nicht gefunden habe. Der wohl fähigste „Gouverneur“ Alaskas, der Deutschbalte Ferdinand von Wrangel, hat sich, wie Kropp ausführlich anhand von Quellen zeigt, in Alaska vor allem gelangweilt, noch langweiliger war für ihn nur die Reise durch Sibirien. Das Buch bietet eine verdienstvolle Zusammenfassung der bisherigen Forschung, nicht mehr und nicht weniger.

Prof. em. Dr. Dittmar Dahlmann (dd), von 1996 bis 2015 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Rheinischen FriedrichWilhelms-Universität Bonn, hat folgende Forschungsschwerpunkte: Russische ­Geschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Wissenschafts- und Sportgeschichte sowie Migration.

d.dahlmann@uni-bonn.de

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