Buch- und Bibliothekswissenschaften

Über Bücher

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 1/2021

„Lesen bedeutet im Buch verschwinden und gleichzeitig wissen, dass das nur auf Zeit geschieht“, diese Sentenz aus einem Interview mit Ulrich Johannes Schneider, dem Verfasser von „Der Finger im Buch. Die unterbrochene Lektüre im Bild“ (b.i.t. online 23 (2020) 4, S. 432-440) ist das Leitmotiv für die vorgestellten Bücher.

Do you read me? Besondere Buchläden und ihre Geschichten / Mitherausgegeben von Marianne Julia Strauss. Hrsg. Robert Klanten, Maria-Elisabeth Niebus. Berlin: Die Gestalten Verlag, 2020. 271 S., ISBN 978-3-89955-884-5. € 39,90.

Buchhandlungen sind nicht allein Orte, an denen Bücher verkauft werden, sie „eröffnen uns Räume zur Reflexion und Begegnung; sie tragen entscheidend dazu bei, die kulturelle Vielfalt zu bewahren“, so der Direktor der Frankfurter Buchmesse Juergen Boss in seinem Vorwort zu diesem wundervollen Buch. Buchhandlungen sind Orte des Miteinanders, sie schaffen Erlebniswelten – sie beraten, sie veranstalten Lesungen, Schreibworkshops und Konzerte und sie integrieren Cafés. Das unterscheidet sie wesentlich von der nüchternen Buchbeschaffung online, doch durch deren Zunahme sind sie in ihrer Existenz gefährdet. Marianne Julia Strauss nimmt den Leser mit zu über 60 einzigartigen Buchhandlungen, verteilt über alle Kulturen und Kontinente. Sie trifft Buchhändler, die mit Leidenschaft und Kreativität neue Wege gehen, um sich in dem digitalen Zeitalter zu behaupten. Lokale Buchhandlungen spielen eine „unersetzliche Rolle … für den Zusammenhalt und kulturellen Fortbestand unserer Städte“ (Marianne Julia Strauss, S. 6).

Entstanden sind großartige Porträts und Essays: The Book Barge am Canal du Nivernais in der Region Bourgogne-Franche-Comté, ein 18 Meter langer schwimmender Buchladen voller Bücher.

C˘arture˛sti Carusel in Bukarest, ein zu neuem Leben erwecktes majestätisches Gebäude, das zu Beginn des vorigen Jahrhunderts einer Bankiersfamilie gehört und nun einen Bücherpalast beherbergt, den die schnell wachsende urbane Szene dankend annimmt.

Wild Rumpus in Minneapolis/Minnesota, ein außergewöhnlicher Kinderbuchladen, in dem Bücher durch freilaufende zahme Hühner, Ratten und Chinchillas begleitet werden.

Bart`s Books in Ojai in Kalifornien, der beliebteste OpenAir-Buchladen in den USA. Wer hier ein Buch findet, der legt den entsprechenden Betrag einfach in alte Kaffeedosen, die auf den Regalen stehen.

Atlantis Books in Oía auf Santorin in Griechenland. Aus einer fixen Urlaubsidee zweier Studenten, die auf Santorini keine Bücher kaufen können, wird eine Inselbuchhandlung mit einmaligem Meerblick.

Und viele andere mehr – ein Dorado interessanter unabhängiger Buchhandlungen. Konzeption und Redaktion, Cover, Design und Layout dieses fadengebundenen Buches mit großartigem Cover und Vorsatz überzeugen. Aber: Es ist nicht die einzige Veröffentlichung dieser Art. Bisher wurden komparable in unserer Zeitschrift besprochen wie In 60 Buchhandlungen durch Europa von Torsten Woywod (hier finden sich auch Beiträge über Atlantis Books in Oía und C˘arture˛sti Carusel in Bukarest) und Die schönsten Buchhandlungen Europas von Rainer Moritz und Reto Guntli (vgl. 3 (2011 3, S. 63-64). Die Botschaft der Autorin in einem Interview lautet: „Unabhängige Buchhandlungen gehören zu den Big Five unserer Kulturlandschaften. Sie sind unschätzbar wertvoll für unser kulturelles und politisches Gleichgewicht und gleichzeitig oft vom Abschuss bedroht. Wenn das Buch es schafft, hier eine Liebe zu wecken, hat es sein Ziel erreicht.“ (deborahklein.de/category/branchengespraech) Diesem Wunsch schließt sich der Rezensent an.

 

Andreas von Arnauld, Christian Klein: Weil Bücher unsere Welt verändern. Vom Nibelungenlied bis Harry Potter. Darmstadt: wbg, 2019. 400 S., ISBN 978-3-8062-3747-4. € 28,00.

Die einem Kanon ähnlichen Leseempfehlungen stehen in den Bücherregalen des Rezensenten in Reih und Glied, wie Christiane Zschirnt: Bücher. Alles, was man lesen muss (2002), Klaus Walther: Was soll man lesen? (2005), Frank Schäfer: Kultbücher. Was man wirklich kennen sollte (2005), 1001 Bücher, die Sie lesen sollten, bevor das Leben vorbei ist (2007), In 80 Büchern um die Welt (2011), Bücher, die man kennen muss. Populäre Bestseller (2011) und viele andere mehr.

Der Professor für öffentliches Recht Andreas von Arnauld und der Privatdozent für Neuere deutsche Literaturgeschichte Christian Klein wollen mit Weil Bücher unsere Welt verändern einen anderen Weg gehen. Sie haben 99 Bücher aus verschiedenen Wissens- und Kulturbereichen herausgesucht, „die auf besondere Weise in Deutschland ihre Wirkung entfaltet haben“, ein „vor allem durch die deutsche Sprache zusammengehaltener Kultursprachraum“ (S. 7). Es handelt sich um literarische Werke, naturwissenschaftliche Abhandlungen, Lexika, philosophische Traktate, politische Kampfschriften und vieles andere mehr – von Homer „Ilias“ bis Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“. Im Anhang befinden sich Lektürehinweise, Zitatnachweise und ein Register, leider fehlt ein Inhaltsverzeichnis.

Die Autoren betonen, dass sich ihre Auswahl weder als ein Beitrag zu den Kanon-Debatten noch „als ein Sinnstiftungsangebot in Fragen der kulturellen Identität“ (S. 9) verstanden werden soll. Die Textauswahl „will zum einen jene Titel vorstellen, die für bestimmte Neuerungen im Denken, für spezifische gesellschaftliche oder kulturelle Veränderungen entscheidende waren, die also Wandel einleiteten und mitgestalteten.“ (S. 7) Es werden aber „immer wieder auch solche Bücher präsentiert, die bestimmte gesellschaftliche Zustände oder kulturelle Entwicklungen einfangen und abbilden.“ (S. 7-8) „Zu einem Band wie dem vorliegenden gehört unserer Meinung nach aber auch die eine oder andere Überraschung, Irritationen inklusive.“ (S. 9)

Überraschung? In dem ein Jahrhundert umfassenden Zeitraum von 1494 bis 1595 finden sich in dieser Reihenfolge Brant „Das Narrenschiff“, Morus „Utopia“, Dürer „Underweysung der Messung“, Machiavelli „Der Fürst“, Luther „Biblia“, Paracelsus „Die große Wunderartzney“, Kopernikus „Von den Umlaufbahnen der Himmelskörper“, Vasari „Lebensbeschreibungen der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten“, Montaigne „Essais“ und Mercator „Atlas“. Das sind unbestritten Marksteine, die Bemerkungen der Autoren zu den einzelnen Titeln sind ausgezeichnet. Irritationen? Dem „Aufbruch 89“ des Neuen Forum (1989) folgt das „Microsoft Benutzerhandbuch Windows 3.1“ (1992) und „Harry Potter und der Stein der Weisen“ von Rowling. Ein weiteres Beispiel ist der „Otto-Katalog“ (1950) als neue Kaufkultur für das Wirtschaftswunderland, der chronologisch bedingt direkt nach dem Tagebuch der Anne Frank aus dem gleichen Jahr aufgeführt wird. Es sind interessante Anregungen zum Nachdenken und Überdenken, mit Überraschungen und Irritationen. „Will man also verstehen, wie eine Gesellschaft entstanden ist, wodurch sie geformt wurde und was sie ausmacht, kommt man an Büchern nicht vorbei“ (S. 6), der Rezensent präzisiert „an den von den Autoren aufgenommenen Büchern“.

 

Monika Hinterberger: Eine Spur von Glück. Lesende Frauen in der Geschichte. Göttingen: Wallstein Verl., 2020. 255 S., ISBN 978-3-8353-3799-2. € 20,00.

„Als eine Frau lesen lernte, trat die Frauenfrage in die Welt.“ (S. 249) Dieser Aphorismus von Marie von EbnerEschenbach ist das Leitmotiv von Monika Hinterberger. Sie unternimmt einen historischen Streifzug von der Antike bis ins vergangene Jahrhundert und zeigt uns anhand von zehn Bildern zahlreiche Spuren lesender Frauen, deren Lebenswelten und deren Bildungswege. „Ich suchte den Dialog mit ihnen, suchte historische Zeiträume zu erschließen und vorhandene Quellen zu befragen, suchte auf diese Weise ein Bild von ihnen zu gewinnen … Wie konnte angesichts der Fülle an Bildern lesender Frauen der Eindruck entstehen, dass Frauen … über lange Zeit hinweg großenteils des Lesens unkundig, von Bildung ausgeschlossen waren? Ein Vorurteil, wie sich zeigte.“ (S. 7) Vor jedem der zehn Kapitel steht immer ein Kunstwerk mit einer lesenden Frau, diese zehn Frauen sind der Ausgangspunkt für die Suche nach weiteren lesenden Frauen. Das erste Kapitel ist einer Athenerin gewidmet, der rotfigurigen Lekytos aus Attika um 440–430 v. Chr. Sie hält eine Schriftrolle aus Papyrus in den Händen, neben ihr steht eine geöffnete Büchertruhe. Vor den Augen der Verfasserin entfaltet sich „auf einer kleinen attischen Vase mit einer lesenden Frau ein Kosmos weiblicher Lebenswelten.“ (S. 23) Ein Kapitel ist Christine de Pizan (1365– 1430) vorbehalten, die als erste Schriftstellerin französischer Sprache gilt und in ihrem Kampf für Frauenrechte als „Querelle de Femmes“ eingeht. Aus dem 16. Jahrhundert stammt eine Kreidezeichnung von Sofonisha Anguissola (1532/35–1625), „Eine alte Frau lernt das Alphabet“, eine Lesestunde, „die für die Entfaltung weiblicher Bildungsmöglichkeiten“ (S. 151) steht. Den Abschluss bildet das Ölgemälde „Die Lesende“ von Henri Fantin-Latour (1836–1904) aus dem Jahr 1861, das Kapitel ist zugleich Zusammenfassung und Ausblick.

Der Leser wird am Ende der Kapitel mit Literaturangaben überreich beschenkt, leider fehlt ein Register. Fazit: Eine ganz persönliche Reise zu lesenden Frauen, eine lesenswerte, interessante Frauengeschichte aus anderer Sicht, eingebunden in den Kampf der Frauen für ihre Rechte. Eine Fortführung für das 20. und 21. Jahrhundert ist wünschenswert.

 

Schreibtisch mit Aussicht. Schriftstellerinnen über ihr Schreiben / Hrsg. Ilka Piepgras. Zürich, Berlin: Kein & Aber, 2020. 286 S., ISBN 978-3-0369-5826-2. € 23,00.

Der Klappentext fasst dieses unvergleichliche Buch sehr gut zusammen: „Schreiben ist harte Arbeit, das gilt unabhängig vom Geschlecht, und es ist Synonym für allerhöchste Konzentration. Bislang sind Werkstattberichte von Frauen rar. Dieses Buch versammelt nun erstmals Beiträge über die Schnittstelle von Leben und Kunst. Mal ergreifend und offenherzig, mal pragmatisch und wirklichkeitsnah reflektiert jeder Text auf eigene Art weiblichen Schöpfergeist und räumt mit überholten Schriftstellerinnen-Klischees auf.“

Eine einfühlsame Einführung ist den einzelnen Berichten vorangestellt. Ilka Piepgras weist darauf hin, dass Frauen in der Literaturgeschichte keine Tradition haben, dass selbst fast alle berühmten Romane von Männern verfasst wurden und große literarische Frauenfiguren wie Anna Karenina und Emma Bovary „reine Männerfantasien“ (S. 12) sind. Ein Kanon weiblichen Schreibens existiert nicht. So ist es auch logisch, dass ein Mann, George Orwell, 1946 mit Why I write einen Einblick in den Enstehungsprozess seiner literarischen Arbeit gibt. Für Männer finden sich immer Plattformen, für Frauen ist / war das zumindest schwieriger. Jedenfalls dauert es 30 Jahre, bis eine Frau öffentlich Auskunft darüber gibt, warum sie schreibt: 1976 hält Joan Didion einen Vortrag unter dem gleichen Motto wie Orwell, Why I write, der später als Essay veröffentlich wird. Still just writing von Anne Tyler, ein Essay aus dem Jahr 1980, ist die Keimzelle des vorliegenden Buches.

Unter den Schriftstellerinnen befinden sich Sibylle Berg, Siri Hustvedt, Eva Manesse, Hilary Mantel, Terézia Mora, Leila Slinami und Meg Wolitzer.

Der Rezensent wünscht sich von Ilka Piepgras ihren Kanon weiblichen Schreibens.

 

Jamie Camplin, Maria Renauro: Von Büchern in Bildern. Berlin: Hatje Cantz, 2019. 255 S., ISBN 978-37757-4595-6. € 32,00.

Was für ein Blickfang: Die Umschlagabbildungen von Duncan Grant „James Strachey“ 1910 und Vanessa Bell „Interieur mit Tochter der Künstlerin“ 1935/36, das Frontispiz mit „La Bibliothèque“ von Félix Valloton von 1921, der Schmutztitel mit dem Holzschnitt eines Büchernarren aus dem Narrenschiff von Sebastian Brant von 1494 und die Seiten zwischen Buchtitel und Inhaltsverzeichnis mit einem Detail aus dem Gemälde „Alte Frau, in der Bibel lesend“ von Gerard Dou von 1630 führen in die Veröffentlichung Von Büchern in Bildern ein und zeigen das breite Spektrum dieses Themas – ein Thema, das die Herzen der Kunsthistoriker, Kulturwissenschaftler, Museologen, Freunde der Kunst, Bibliothekare und Bibliophilen höher schlagen lässt: „In dieser Publikation wollen wir die vielfältige Geschichte des erstaunlich langlebigen Buchs erforschen, die Art und Weise, wie es von Künstlern dargestellt wurde – und die Gründe dafür, weshalb sich diese veranlasst sahen, Bücher überhaupt abzubilden.“ (S. 10) Der langjährige Direktor im Verlag Thames & Hudson Jamie Camplin und die im gleichen Verlag tätige Bildredakteurin Maria Renauro verweisen auf die jahrhundertealte enge Beziehung zwischen Literatur und Malerei. Der erste Teil umfasst in sechs Kapiteln einen detaillierten historischen Essay über die Kulturgeschichte des Lesens aus der Sicht der Beziehung von Kunst und Buch. Der zweite Teil führt in die vier Galerien, führend von dem Wort Gottes, dem Lesen in häuslicher Atmosphäre und dem Lesen im alltäglichen Leben bis hin zum „als Hort von Autorität, Wissen und Bildung“ (S. 189), mit unterhaltsam geschriebenen Texten und zahlreichen Abbildungen in guter Qualität. Eine lesenswerte und gewinnbringende Publikation.

Leider sind, wie oft in Veröffentlichungen aus Großbritannien, deutschsprachige Vertreter unterrepräsentiert, hier fehlen u.a. „Der Bücherwurm“ von Carl Spitzweg (das klassische Bild!), Wilhelm Leibl „Der Zeitungsleser“ und „Drei Frauen in der Kirche“, Franz Eybl „Lesendes Mädchen“ und Karl Hofer „Zwei Freundinnen am Tisch mit Buch“. Bei den französischen Malern fehlt das berühmte Bild „Die Lesende“ von Jean -Honoré Fragonard. Leider fehlt auch ein Literaturverzeichnis, das uns zu anderen, insbesondere frühen Publikationen zum Thema hinführt. Stellvertretend soll auf drei deutsche Publikationen hingewiesen werden, die Neuauflage Über ein Buch gebeugt. Bilder von Lesenden durch fünf Jahrhunderte. Einleitung von Alfred Heckel (Leipzig: Seemann Verl., 1947), die Pionierarbeit Lesende in der Kunst. Zwölf Gemälde von der Renaissance bis zur Gegenwart. Einleitung und Bilderläuterung von Alfred Langer (Leipzig: Deutsche Bücherei, 1971. 33 S.) und die großartige Zusammenstellung von Stefan Bollmann: Frauen, die lesen, sind gefährlich und klug (München: Sandmann, 2012. 136 S. – vgl. fachbuchjournal 4 (2012) 5, S. 78-79).

 

Ulrich Johannes Schneider: Der Finger im Buch. Die unterbrochene Lektüre im Bild. Bern, Wien: Piet Meyer Verl., 2020. 177 S. (KapitaleBibliothek Nr. 27), ISBN 978-3-905799-57-6. € 28,40.

Ulrich Johannes Schneider hat eine Lücke zum Thema Von Büchern in Bildern entdeckt: „In der Galerie der Bilder im Buch lässt sich nun eine veritable Entdeckung machen. Sie zeigt nämlich hie und da das Portrait eines lesenden Menschen, der überdies den Finger im geschlossenen Buch hat.“ (S. 11-12) Es ist ein kleines, oft unbeachtetes Detail in der Bild- und Buchgeschichte: Der Finger im Buch oder Die unterbrochene Lektüre im Bild. Der Lektüre folgt das Nachdenken über das Gelesene, der Finger kennzeichnet das unterbrochene Lesen. Zur richtigen Lektüre gehört offensichtlich auch die Unterbrechung, gegebenenfalls mit dem Finger im Buch. Das Motiv findet sich in allen Jahrhunderten, die hier versammelten 30 Kunstwerke – Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Fotografien – stammen aus einem Zeitraum von 600 Jahren, von 1331 bis 1935. „Die Galerie solcher Bildnisse bildet einen idealen Ausgangspunkt für das Nachdenken über das Lesen, weil die Geste immer gleich ist, während die dargestellten Menschen und Situationen immer andere sind.“ (S. 12) Der Einband zeigt zwei Gemälde aus dem 16. Jahrhundert. Die Einbandvorderseite „Junger Mann mit Buch“ von Agnolo Bronzino 1535, ein elegant ganz in Schwarz gekleideter junger Mann, die linke Hand selbstbewusst in die Hüfte gestemmt, die rechte auf einem vertikal aufgestellten Buch ruhend, der Finger verweist auf eine unterbrochene Lektüre. Die Einbandrückseite „Tizians Schullehrer“ Giovanni Battista Moroni 1575, ein Kleriker „hält ein kleines Buch in der Hand, ein veritables Handbuch im Oktavformat, die Sitzhaltung ist ungewöhnlich, da der Körper sich auf dem Stuhl seitlich wendet, was der Darstellung eine Bewegung gibt.“ (S. 65, 67)

Das wunderbare Essay in zehn Kapiteln vom „Lesen als Hingabe“ bis „Zeit des Lesens“ erzählt zu jedem Bild auch eine kleine, auf die Vergangenheit des Lesers und des Lesens gerichtete Geschichte, auch spekulativ, wenn der Autor seine Überlegungen zu der möglicherweise vom Porträtierten unterbrochenen Lektüre ergänzt, geeignete Lesevorschläge also.

Das Buch ist eine gelungene Überraschung. Es ist das ideale Geschenk für alle Freunde des Buches. Nicht nur das Essay ist wunderbar, sondern auch das Buch selbst. Der Verleger Piet Meyer gibt in seiner Reihe KapitaleBibliothek Kunstbücher von hohem Niveau heraus.

 

Literatur, Buchgestaltung und Buchkunst. Ein Kompendium / hrsg. Monika Schmitz-Emans. Berlin, Boston: Walter de Gruyter 2019. XXII, 1118 S. (De-Gruyter-Reference), ISBN 978-3-11-035534-5. € 159,95.

Dieses über 1.000 Seiten umfassende und zwei Kilo schwere Kompendium ist ein Novum in der deutschen Buchwissenschaft. „Die Auseinandersetzung mit dem Buch und seiner Buchhaftigkeit verbindet das als eigenständige Kunstform seit den 1960er Jahren etablierte Künstlerbuch mit diversen Erscheinungsformen vor allem der neueren Literatur, welche man zusammenfassend deshalb als „Buchliteratur“ charakterisieren könnte, weil Form und Materialität des Buchs hier von konstitutiver Bedeutung für das jeweilige Werk sind.“ (S. XXI)

Der Prolog umfasst ein elfseitiges Inhaltsverzeichnis und eine Vorbemerkung über Künstlerbücher und Buchliteratur. Der Hauptteil besteht aus den fünf Teilen mit 18 Kapiteln und 191 Unterkapiteln, der Epilog enthält eine kluge Rezension zu dem nach Abschluss des Manuskriptes erschienenen Buches „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“ von Philipp Weiss und mehrere Verzeichnisse (u.a. zwei Register). Dem Rezensenten bleibt angesichts der unübersehbaren Fülle von Definitionen, Informationen, Materialien, Beispielen, Hinweisen und Anregungen nur der Versuch einer Zusammenfassung eines bemerkenswerten Werkes:

Teil A Aspekte des Buches widmet sich u.a. dem Verhältnis von Buch und Buchkunst, der Buch-Literatur, den Buchansichten (das ist eine kurze Geschichte des Buches und seiner begrifflichen Fassungen), dem Buch als physischen Objekt und den Zusammenhängen von Schrift, Buch und Buch-Literatur.

Teil B Buch-Geschichten beinhaltet Funktionen und Konzepte des Buchs aus kultur- und wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive, d.h. den historischen Buchtypen als Anlässe künstlerisch-literarischer Buchwerke (z.B. die Bibel in Buchgestaltung und Künstlerbuch) und der Rezeption wissenschaftsgeschichtlich bedeutsamer Buchtypen in Buchkunst und Buch-Literatur (z.B. Tierbücher und Bestiarien, Atlanten, kosmografische Kompendien und Konzepte).

Teil C Anfänge und Initiationen beschäftigt sich mit ABC-, Bilder- und Kinderbüchern.

Teil D ist eine alphabetisch gegliederte Übersicht über Buchtypen, Buchreflexionen, Buchdiskurse – von Album und Scrapbook über erfundene Bücher bis zu Wendebüchern.

Teil E Buch-Literatur und Literaturrezeption im Künstlerbuch ist der mit über 300 Seiten umfangreichste Abschnitt. In der Buch-Literatur finden wir u.a. Laurence Stern, Jean Paul, Lewis Carroll, Italo Calvino, W.G Sebald und chronologisch als neueste Veröffentlichung „The Familiar“ von Mark Z. Danielewski von 2015–2017. Die Künstlerbücher sind u.a. vertreten mit HAP Grieshaber, Tom Phillips, Paul Celan und Frauke Otto. Ein Nachschlagewerk, nach dem jeder greifen sollte, der sich mit dem Thema beschäftigt. Geduld sollte er mitbringen.

 

Helmut Hilz: Buchgeschichte. Eine Einführung. Berlin, Boston: Walter de Gruyter 2019. VII, 258 S. (Bibliotheks- und Informationspraxis. Band 64), ISBN 978-3-11-040515-6. € 59,95.

1991 erscheint in sechster Auflage das Standardwerk Fritz Funke: Buchkunde. Ein Überblick über die Geschichte des Buches. Es ist für Generationen von Bibliothekaren ein verlässlicher Wegbegleiter und für alle Freunde des Buches ein unentbehrliches Nachschlagewerk, auch für den Rezensenten ist es das Standardwerk zur Buchkunde. Nun dauert es fast 30 Jahre bis zum Erscheinen einer neuen Veröffentlichung: Helmut Hilz Buchgeschichte. Eine Einführung. Der Autor, Leiter der Bibliothek im Deutschen Museum München, stellt einleitend fest: „Die meisten Bibliothekarinnen und Bibliothekare lernen während ihres Studiums nur noch wenig über die Geschichte des Buches. Seit langem zählt die Buchgeschichte nicht mehr zu den zentralen Bereichen der bibliothekarischen Ausbildung“ (S. 1), mehr oder weniger verdrängt durch Gebiete, die für die alltägliche Praxis wichtiger sind wie Kommunikations- und Informationstechnologien oder Theorie und Praxis des Managements. Das ist kurzsichtig, denn Grundkenntnisse in der Geschichte des Buches sind nach wie vor Voraussetzungen für die Ausübung von Berufen in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Der Autor legt in elf Kapiteln eine gut lesbare, nicht zu umfangreiche, nicht mit unnötigen theoretischen Erklärungen beladene, ausreichend bebilderte Einführung vor, bei der es „weniger um die Vermittlung historischen Detailwissens als um eine breite Einbettung des Buchs in den historischen Zusammenhang“ (S. 1) geht. Er weicht von der bisher üblichen rein chronologischen Darstellung ab und folgt dem Aufbau einer großen wissenschaftlichen Bibliothek. Nach einem Überblick über die Buchgeschichte von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert: Handschrift, frühe Drucke, Bücher in der Frühen Neuzeit, das Wachstum der Druckproduktion hin zu Massenpublikum und Industrieproduktion im 19. Jahrhundert, das Buch und die Medienkonkurrenz im 20. Jahrhundert. Es folgen Abschnitte zu Zeitung, Zeitschriften, Karten und Atlanten, Musikalien und Notendrucke und Bücher in orientalischen Sprachen und in Ostasien (bei letzterem zeigt sich deutlich der Aufbau einer großen Bibliothek und ihrer Abteilungen). Den Abschluss bilden ausführliche Hinweise zur Buchgeschichte in Ausstellungen, eine Liste weiterführender Literatur und ein Register.

„Es ist zu hoffen, dass diese, zugegeben ungewohnte Form de Gliederung den Einstieg in die Buchgeschichte erleichtert“ (S. 1) DER HILZ könnte in dieser Form das Standardwerk nicht nur für die zukünftige Bibliothekare werden, sondern auch für Verleger, Buchhändler, Antiquare und Bibliophile – allerdings mit einer Ergänzung: Es fehlt leider eine Definition des Begriffs Buch.

 

Wolfgang Schmitz: Grundriss der Inkunabelkunde. Das gedruckte Buch im Zeitalter des Medienwechsels. Stuttgart: Hiersemann, 2018. X, 420 S. (Bibliothek des Buchwesens. Band 27), ISBN 978-3-7772-1800-7. € 169,00.

Der Verlag Hiersemann hat in den letzten Jahrzehnten bei der Reaktivierung bedeutender Lehrbücher und Nachschlagewerke ein glückliches Händchen bewiesen. 1936 erscheint bei Hiersemann die Einführung in die Bibliographie von Georg Schneider, das Standardwerk für die bibliothekarische Ausbildung und Praxis. 2005 erscheint sie neu als Einführung in die Bibliographie: auf der Grundlage des Werkes von Georg Schneider völlig neu bearbeitet von Friedrich Nestler, ebenfalls bei Hiersemann, 2005. Diese Neubearbeitung ist ein Beitrag zur Diskussion der Perspektiven des Fachgebietes Bibliographie innerhalb der Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Sie erfolgt sinngemäß, der Text wird aktualisiert, die Ergänzungen betreffen die Veränderungen der bibliographischen Tätigkeit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (vgl. Rez. b.i.t.online (2006) 2). 1925 erscheint bei Hiersemann das Handbuch der Inkunabelkunde von Konrad Haebler, das Standardwerk zur abendländischen Buch- und Mediengeschichte, unveränderte Nachdrucke folgen bis 1979. Wiederum entschließt sich der Verlag zu einer Überarbeitung und gewinnt mit Wolfgang Schmitz, dem ehemaligen Direktor der Stadt- und Universitätsbibliothek Köln und Professor für Bibliothekswissenschaft an der Universität Köln, einen der besten Experten auf diesem Gebiet. Eine glückliche Fügung.

Bei den beträchtlichen Fortschritten der Inkunabulistik in den vergangenen Jahrhunderten zeigt sich, dass eine einfache Überarbeitung nicht möglich ist. Das Buch muss komplett neu geschrieben werden, „wobei natürlich auf den Fundus Haeblers mit seiner immensen Fachkenntnis zurückgegriffen werden konnte.“ (S. VII)

Vorwort und Einleitung führen in die Thematik ein. Daraus ist zu ersehen, dass sich die Neuausgabe bewusst auf die Inkunabeln als materielle Objekte konzentriert, „d.h. auf das ganze Spektrum von den Schriftträgern über Ordnungssysteme, Typen, Satz und Druck, den Buchhandel, Paratexte, Schriftformen bis hin zur Bebilderung.“

(S. VII) Da das Schwergewicht auf der Materialität liegt, treten andere Bereiche wie Literatur- und Wissenschaftsgeschichte, die sich auf die Inhalte stützen, demgegenüber zurück. Nicht erörtert wird der gesamte Komplex der Einbände, auch Konservierung und Restaurierung werden nur marginal behandelt. Berücksichtigt wird aber der „Leitgedanke der Emanzipation des gedruckten Buches von seinen handschriftlichen Grundlagen, die es lange begleiteten, aber im Laufe des 15. Jahrhunderts nach und nach den neu entdeckten Eigengesetzlichkeiten des Drucks Platz machten.“ (S. VII)

Der Aufbau des Buches in sechs Kapiteln entspricht im Wesentlichen dem Prozess der Buchherstellung: Die Schriftträger – Vom Blatt zum Buch – Setzen und Drucken – Paratexte (das sind Titelblatt, Kolophon, Signet, Widmungsvorrede, Register, Inhaltsverzeichnis) – Schrift und Type – Das Bild im Buch.

Es ist ein Werk entstanden, das – siehe den Untertitel Das gedruckte Buch im Zeitalter des Medienwechsels – vor dem Hintergrund der Diskussion 500 Jahre nach Gutenberg neue Aspekte für das Erscheinen des Buches aufzeigt und sich als ein unverzichtbarer Beitrag zur heutigen Mediendiskussion erweist. Es ist die Beschreibung des Medienwandels im 15. Jahrhundert für die Generationen des 21. Jahrhunderts.

Es ist unterhaltsam, verständlich und anschaulich geschrieben. Die Gestaltung ist hervorragend: Layout, Text- und Bildverteilung, cremefarbenes Papier, dazu 58 SchwarzWeiß- und 16 Farbabbildungen, nicht zu vergessen ein Anhang mit Daten und Zahlen zur Inkunabelforschung, einem Literaturverzeichnis und einem Register. Inhalt und Gestaltung gehen weit über das hinaus, was der Rezensent von einem Grundriss der Inkunabelkunde erwartet. Das Buch ist schlicht und einfach unentbehrlich. Buch- und Bibliothekswissenschaftler, Historiker, Antiquare, Bücherfreunde und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, die mit Inkunabeln arbeiten und sich mit Quellenüberlieferungen beschäftigen werden ihre Freude an dieser Veröffentlichung haben. Nur der Preis ist mit 169 Euro sehr hoch.

„Das vorliegende Buch soll dem intendierten Benutzerkreis den Weg zum Verständnis dieser wichtigen Epoche, dem Anfang des gedruckten Buches, zu ebnen helfen.“ (S. IX) Auf DER HAEBLER folgt nun DER SCHMITZ.

 

Karl Klaus Walther: Das Europa der Bibliographen. Von Brunet bis Estreicher. Berlin, Boston: Walter de Gruyter 2019. VI, 171 S., ISBN 978-3-11-064469-2. € 99,95.

„Täglich wird Europa mit seinen vielen Problemen neu diskutiert, doch die Tätigkeit der Bibliographen und ihrer Kollegen, der Bibliothekare, erregt nur selten das allgemeine Interesse.“ (S. 1) Die in diesem Buch zusammengefassten Arbeitsergebnisse der wichtigsten Bibliographen des 19. Jahrhunderts verzeichnen das schriftliche Erbe Europas. Ihre Werke „gehören ebenso wie Lexika, Nationalwörterbücher, Quelleneditionen, Literaturgeschichten und umfangreiche Handbücher für einzelne Wissensgebiete zu den großen enzyklopädischen und verlegerischen Leistungen des 19. Jahrhunderts.“ (S. 1)

Eine ausführliche Einführung berichtet von der neuen „Generation von Bibliothekaren, Buchhändlern, Antiquaren und Sammlern“ (S. 2), die sichten, ordnen und sammeln, was sie vorfinden und wie und wo sie ihre Befunde in gedruckten Bibliothekskatalogen, Bibliographien, Lexika oder Wörterbüchern veröffentlichen. „Die ordnenden und beschreibenden Tätigkeiten der Bibliographen und Bibliothekare des 19. Jahrhunderts bildeten eine der Voraussetzungen für das Entstehen neuer Forschungsgebiete und wissenschaftlicher Disziplinen, es war im weitesten Sinne des Wortes eine Kulturstiftung.“ (S. 4) Die akribische Arbeit der Bibliographen und Bibliothekare … zeugt vom Streben, das kulturelle Gedächtnis in einer sich rapide verändernden Zeit lebendig zu erhalten.“ (S. 23) Walter informiert ausführlich über die wichtigsten Bibliographen: der Franzose Jacques-Charles Brunet mit seinem „Manuel du libraire et de l`amateur de livres“, die Engländer William Thomas Lowdnes und Henry G. Bohn und das „Bibliographer`s Manual”, die Deutschen Ludwig Friedrich Theodor Hain und sein „Repertorium bibliographicum“, dem Vorläufer des Gesamtkatalogs der Wiegendrucke, Johann Georg Theodor Graesse mit seinen literargeschichtlichen und bibliographischen Arbeiten, Julius Petzholdt (1812–1891 als Begründer der Professionalisierung des bibliothekarischen Berufsstandes und seine „Bibliotheca bibliographica“, Hugo Hayn und die „Bibliotheca germanorum erotica et curiosa“, Michael Holzmann und Hanns Bohatta mit dem Anonymen-Lexikon und dem Pseudonymen-Lexikon und schließlich die Polen Stanisław und Karol Estreicher der Jüngere mit ihrer „Bibliografia Polska“. Sie sind allesamt Pioniere auf dem Gebiet der Bibliographie.

Diese teilweise schon veröffentlichten Beiträge sind ein wichtiger Führer durch eine leider längst vergessene Welt, aber sie sind und bleiben ein Mosaikstein für eine noch zu schreibende Geschichte der Wissenschaft von der Bibliographie und den Bibliotheken. Bibliothekare, Historiker und Literaturwissenschaftler werden diese Veröffentlichung mit Freude lesen.

Die Veröffentlichung von Walther ist auch eine wichtige Ergänzung zu Große Lexika und Wörterbücher Europas, u.a. mit einer Analyse von 11 Veröffentlichungen aus dem 19. Jahrhundert (Berlin, 2012. s. Rez. in fachbuchjournal 5 (2013) 1, S. 22).

Ein Europa der Bibliographen gab es auch schon im 17. und 18. Jahrhundert. Wir finden u.a. Philippe Labbé mit der wohl ältesten allgemeinen Bibliographie der Bibliographien „Bibliotheca bibliotheacarum“ in drei Auflagen (!) von 1653–1678, Vincent Placcius mit der ersten internationalen Bibliographie der verkleideten Literatur „Theatrum anonymorum et pseudonymorum“ 1689 und Caspar Thurmann mit der für die Geschichte des europäischen Hochschulwesens wichtigen „Bibliotheca academica“ (1700). Ihre Erforschung ist immer noch ein Desiderat und wird es wohl auch noch für lange Zeit bleiben.

 

Markus Malo: Bibliographie deutschsprachiger jüdischer Autobiographien. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Berlin: Peter Lang, 2020. 234 S., ISBN 978-3-631-81127-6. € 59,95.

Ausgangspunkt für die vorliegende Bibliographie sind zwei Beiträge von Markus Malo, seine Dissertation Behauptete Subjektivität. Eine Skizze der deutschsprachigen jüdischen Autobiographie im 20. Jahrhundert (Tübingen, 2009) und sein Beitrag Deutsch-jüdische Autobiographie im Handbuch der deutsch-jüdischen Literatur (Berlin, 2016).

Die Veröffentlichung umfasst drei Teile: ein Vorwort und eine Einführung in die deutsch-jüdische Autobiographie (S. 7-32), die eigentliche Bibliographie (S. 33-166) und mehrere Register (S. 167-234).

Der erste Teil ist eine gelungene Einführung in die Thematik, insbesondere der Grundriss zur Geschichte der deutschsprachigen jüdischen Autobiographie. Der zweite Teil enthält 890 Eintragungen von monographischen Autobiographien. Die alphabetisch geordneten Beiträge umfassen den Namen der Verfasser, das Geburtsund Todesdatum, Beruf(e) und zur Auswertung herangezogene Referenzen (Bibliographien, Lexika, Literaturverzeichnisse, biographische Nachschlagewerke), gefolgt von den autobiographischen Werken mit ihren wichtigsten bibliographische Angaben (Titel und eventuelle Zusätze, Verlagsort und Verlag, Erscheinungsjahr, aber leider keine Umfangsangabe). Bei mehreren Auflagen wird nur die Erstausgabe aufgenommen, spätere Ausgaben nur, wenn sie „deutlich erweitert oder verändert erschienen“ (S. 35). Leider werden u.a. das Lexikon deutsch-jüdischer Autoren (Band 1. 1992 – 21. 2013. München, sp. Berlin) und Gudrun Wedel: Autobiographien von Frauen. Ein Lexikon (Köln, 2010) nicht ausgewertet.

Der dritte Teil erschließt die Bibliographie optimal durch je ein Register biographischer Schlagwörter (ergänzt um vier farbige Landkarten zu europäischen Territorien), Geburtsorte und Sterbeorte.

Die Bibliographie „erschließt leicht zugänglich und an einer Stelle gebündelt eine Quellengattung für die Geisteswissenschaften, die bislang … nur verstreut nachgewiesen war“ (S. 8), sie „stellt eine Arbeitshilfe für alle diejenigen dar, die sich mit dem deutschsprachigen Judentum von der Aufklärung … bis in die Gegenwart beschäftigen.“

(S. 7) Diesen Ausführungen von Markus Malo hat der Rezensent nichts hinzuzufügen.

 

Bibliothekarinnen in und aus Österreich. Der Weg zur beruflichen Gleichstellung / Hrsg. Ilse Korotin, Edith Stumpf-Fischer. Wien: Praesens-Verl., 2019. 791 S., (BiografiA. Neue Ergebnisse der Frauenbiografieforschung. 25) ISBN 978-3-7069-1046-0. € 47,70.

Ziel des neuen Bandes aus der Reihe BiografiA, in der Ergebnisse des gleichnamigen multimodularen Dokumentations-, Forschungs- und Vernetzungsprojektes vorgestellt werden, ist es, den langen und hindernisreichen Weg zur beruflichen Gleichstellung der Frauen in Österreich am Beispiel der im Bibliothekswesen beschäftigten Frauen darzustellen. Er enthält im ersten Teil 21 Beiträge über Bibliothekarinnen in und aus Österreich und ihren Weg zur beruflichen Gleichstellung, im zweiten Teil ein Lexikon von Bibliothekarinnen in Vergangenheit und Gegenwart (S. 508-572).

Es ist ein Kaleidoskop von großartigen Bibliothekarinnen in bemerkenswerten Beiträgen und einem präzis erarbeiteten Lexikon. Das Spektrum umfasst alle Bibliothekstypen und die Zeit vom 12. bis zum 21. Jahrhundert. Beispiele: Das Amt der Bibliothekarin in Frauenklöstern – Die Geschichte der katholischen Volksbüchereien – Bibliothekarinnen in den Wiener Arbeiterbüchereien und städtischen Büchereien – Bibliothekarinnen an Wissenschaftlichen Bibliotheken – Bibliothekarinnen in Museen – Bibliothekarinnen und die EDV-Anwendung. Der für den Rezensenten überraschendste Beitrag beschäftigt sich auf über 50 Seiten in zahlreichen Beispielen mit der Widerspiegelung der Bibliothekarin in der Literatur und im Film Österreichs. Die Autorin stellt fest, „dass das Klischee der Bibliothekarin aus der historischen Entwicklung des Berufs sowie aus der metaphernreichen Beschreibung des Arbeitsortes Bibliothek entwickelt. Es umfasst ihr Äußeres und ihre Kleidung, ihr Verhalten und ihren Charakter, ihr Berufs-bzw. Privatleben sowie den Arbeitsort.“ (S. 457) Da dem Anteil der Frauen an der Entwicklung des Bibliothekswesens kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist es mit diesen Epochen übergreifenden Untersuchungen möglich, dies zu ändern. Gratulation für ausgewogene biografische Artikel und für ein prägnantes Lexikon. Ein Analogon für Deutschland fehlt noch immer. Zu biografiA s.a. die Rezension zu Lexikon österreichischer Frauen (fachbuchjournal 8 (2016) 6, S. 58-59)

 

Ulrich von Bülow: Papierarbeiter. Autoren und ihre Archive. Göttingen: Wallstein Verl., 2018. 351 S., ISBN 978-3-8353-3361-1. € 29,90.

Erst seit einigen Jahren rückt das literarische Archiv eigenständig in den Fokus der Forschung. 2017 wird der Band Nachlassbewusstsein herausgegeben (Göttingen: Wallstein Verlag), ein Jahr später folgt Archive für Literatur. Der Nachlass und seine Ordnungen (Berlin: De Gruyter). Nun legt Ulrich von Bülow, Leiter der Handschriftenabteilung des Deutschen Literaturarchivs Marbach Papierarbeiter. Autoren und ihre Archive, einen Band mit einer Einleitung, in der er ein Szenario des schriftstellerischen Nachlasses entwirft und 16 exemplarischen Studien vor, in denen er Archive und Archivalien von Schriftstellern und Philosophen des 20. Jahrhunderts vorstellt. 14 Beiträge werden 2006 bis 2018 veröffentlicht, zwei sind bislang unpubliziert.

Die Nachlässe werden unter dem Begriff Papierarbeiter gefasst, ein angemessener Titel wäre papyrifex, eine alte und hier durchaus zutreffende Berufsbezeichnung für Papierarbeiter.

„Die Auswahl der hier versammelten Fallstudien folgt dem Pluralitätsprinzip.“ (S. 8) Der erste Teil befasst sich mit Nachlässen im Ganzen und fragt nach den NachlassStrukturen u.a. am Beispiel von den Registraturen von Rudolf Pannwitz und Martin Heideggers Papieren, der zweite Werke „widmet sich der Frage, wie einzelne Quellen aus Vor- und Nachlässen das Verständnis von Autoren und werken verändern können“ (S. 9) u.a. am Beispiel von Hans Blumenbergs Zettelkasten und Notizbüchern von Peter Handke, der dritte Teil Korrespondenzen ist „Quellen, die durch das Zusammenwirken verschiedener Akteure entstanden sind“ (S. 10) vorbehalten, u.a. am Beispiel der Duineser Briefmappe von Rainer Maria Rilke und Soldatenbriefen an Rudolf Alexander Schröder. Die Veröffentlichung ist in dreierlei Hinsicht bedeutsam: Der Autor beschreibt die Entstehung und den Bestand von Literaturarchiven im Kontext im engeren Sinn mit dem Literaturbetrieb und in weiterem Sinn mit der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts. Es ist zum zweiten eine angenehme, anregende Lektüre auch für ein größeres Publikum, zeichnet es doch die Denkprozesse der Autoren nach und verfolgt die Spuren ihrer Hinterlassenschaft. Schließlich ist das Buch gestalterisch sehr anspruchsvoll – vom Buchumschlag mit einer Fotografie des Arbeitszimmers von Rudolf Pannwitz über das vorzügliche Layout bis zu den herausragenden, reichlich vorhandenen Abbildungen. Über Autorenbibliotheken gibt es einen wichtigen Sammelband, der Erkenntnisse über den Inhalt von Büchersammlungen, über deren Besitzer und deren gesellschaftliches Umfeld und die möglichen Netzwerke vermittelt (Rez. in fachbuchjournal 9 (2017) 4, S. 60.)

 

Susanne Bieri: Bild und Bibliothek. Die Graphische Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek oder: Wie die Kunst in die Bibliothek kam und warum sie dort geblieben ist. Basel: Schwabe Verl., 2017. 396 S., ISBN 978-3-7965-3752-3. € 88,00.

Die Kunsthistorikerin Susanne Bieri erzählt in ihrer an der Basler Universität verteidigten Dissertation die Geschichte der Graphischen Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek und versieht den Buchtitel mit der hoffnungsfreudigen Ergänzung Wie die Kunst in die Bibliothek kam und warum sie dort geblieben ist. Und der Leser wird nicht enttäuscht von dieser ersten Gesamtdarstellung der Graphischen Sammlung, die bisher in den Darstellungen zur Geschichte der Schweizerischen Nationalbibliothek sträflich vernachlässigt wird.

Die Autorin fasst in 26 Einzelartikeln minutiös die Geschichte und die Tätigkeiten dieser Einrichtung zusammen – von der Bedeutung graphischer Sammlungen im allgemeinen und in der 1895 gegründeten Schweizerischen Nationalbibliothek, über den Aufbau und Ausbau der Sammlungen einschließlich ihrer Verwaltung und Vermittlung über ein Jahrhundert bis 1995 (ein Höhepunkt ist das Kapitel über Status, Sinn und Potenz des Bildes in der Schweizerischen Nationalbibliothek) und Schritten in das zweite Jahrhundert bis zu verschiedenen Quellenauszügen und Verzeichnissen über Ausstellungen, Veranstaltungen und Publikationen im Anhang.

Die Sammlung umfasst heute in erster Linie „bildliche Dokumente und ikonografische Medien zu Geografie, Brauchtum sowie kulturellen und politischen Themen der Schweiz“ (S. 17), darunter Druckgrafik des 17.–20. Jahrhunderts, Künstlerbücher des 20.–21. Jahrhunderts, eine Fotosammlung des 19.–21. Jahrhunderts, Künstlerarchive und Nachlässe des 20.–21. Jahrhunderts (die wichtigsten Archive sind die von Karl Gerstner, Ulrich Meister und Karl Walser, dem Bruder des Schriftstellers Robert Walser) und das eidgenössische Archiv für Denkmalpflege mit Dokumenten „zu Archäologie, Denkmalpflege, Topografie, ­Architektur- und Kunstgeschichte sowie Volkskultur“ (S. 19) Was für ein Reichtum.

Die vielen positiven Erfahrungen werden die Graphische Sammlung „künftig noch ausgeprägter als multifunktionalen Austauschort und Plattform für Fragen und Informationen aller Art im Hinblick auf die> Schweiz im Bild< in Erscheinung treten lassen.“ (S. 317)

Auch optisch ist diese Veröffentlichung eine Freude – von der Gestaltung des Umschlags und des Titelblatts, dem Layout und der Auswahl der Schriften (ITC Stone Serif und ITC Stone Sans) bis hin zum Papier (Z-Offset natural). Ein Standardwerk, dem leider Abbildungen und ein Register fehlen.

Prof. em. Dieter Schmidmaier (ds), geb. 1938 in Leipzig, ­studierte Bibliothekswissenschaft und Physik an der ­Humboldt-Universität ­ Berlin, war von 1967 bis 1988 ­Biblio­theksdirektor an der Berg­ aka­de­mie Freiberg und von 1989 bis 1990 General­direktor der Deutschen Staatsbibliothek Berlin. ­

dieter.schmidmaier@schmidma.com

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