Theologie | Religion

THEOLOGIE

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 1/2021

Mualla Selçuk / Martin Thurner (Hrsg.): Der Mensch in Christentum und Islam. Stuttgart: Kohlhammer, 2019. 418 Seiten. Kartoniert. ISBN 978-3-17-034471-6. € 50,00.

Der interreligiöse und interkulturelle Dialog, „den die Eugen-Biser-Stiftung ‚aus christlichem Ursprung‘ führt“, befasst sich gegenwärtig vor allem mit der „Verständigung zwischen Christen und Muslimen“, die zusammen mehr als die Hälfte der heutigen Weltbevölkerung ausmachen (407f, 18). Aus zehn Jahren Zusammenarbeit mit der MuslimischTheologischen Fakultät der Ankara Üniversitesi 1946 ging unter anderem das „Lexikon des Dialogs – Grundbegriffe aus Christentum und Islam“ (2013, und 2016 als Taschenbuch) hervor. Anteil an dessen Herausgabe hatten Mualla Selçuk (*1956 Mardin, Ostanatolien), in Ankara Professorin und ständige Direktorin des Bildungsinstituts der Universität, und Martin Thurner (*1970 Bozen, Südtirol), in München Philosophieprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität und Vorsitzender des Biser-Stiftungsrates. Den Band zur Anthropologie konzipierten drei türkische und fünf deutschsprachige Theologen gemeinsam. Zu zehn vereinbarten Unterthemen tauschten sie Texte aus, die in der Türkei in die jeweils andere Sprache übersetzt wurden. Abgedruckt ist zuerst der türkische, dann der deutsche Beitrag, zuerst auf Deutsch, anschließend auf Türkisch mit lateinischen Lettern und diakritischen Zeichen. Beide Wissenschaftler-Gruppen benutzen Begriffe mit griechisch-lateinischem Hintergrund; sie sind in der türkischen Version erkennbar: teoloji, antropoloji, felsefe (Philosophie), kültür, sosyal. Für den Begriff Religion allerdings steht im Türkischen das aus dem Arabischen übernommene Wort din, „Ergebenheit“, Plural dinler, religiös geregelte Lebensweise(n).

Die türkischen Beiträge zogen meine Aufmerksamkeit an. Erstens: Theologische Einsicht zu „Was ist der Mensch / insan nedir?“ wird im Offenbarungsbuch gesucht, im Kur’an beziehungsweise in der Bibel. Thurner (17) erinnert an Allahs Anrede in Sure 3/64, die auf Arabisch den Propheten Muhammad anweist: Sprich! Ihr Schriftbesitzer, überein / lasst kommen uns, dass Nichts wir je / dem Einen beigesellen, nicht / wir jemals nehmen außer Gott / zum Herren unter uns uns selbst!

Professor Halis Albayrak vertritt (37ff), dass sprach- und geschichtswissenschaftliche Informationen ermöglichen, mit Koran-Suren historisch-kritisch zu interagieren und zu unterscheiden, welche Befehle ‚mündlich‘-direkt die wandelbare menschliche Existenz betrafen, statt gottgewollte religiöse Dauer-Regeln vorzuschreiben. ‘Umar, der zweite Kalif (634-644), wandte auf eine als Sure herab gesandte Anordnung statt religiöser „Auslegung“ die „Bevorzugung“ an: Er, als Staatsmann, änderte sie auf eigene Verantwortung um in eine der veränderten Sachlage besser angemessene Verteilung von Kriegsbeute.

Zweitens: Der Mensch wird als Mängelwesen in den Blick genommen (77ff). Wie alle Lebewesen bedarf er stetiger Zufuhr von Atemluft und Nahrung. Diese Bedürftigkeit sollte Anlass zur Dankbarkeit sein, ruft im Menschen aber auch den Wunsch nach eigener Vervollständigung, nach Selbstverwirklichung hervor.

In acht weiteren Hinsichten (107ff) wird der Lebensweg des Menschen von der Geburt bis ins Jenseits betrachtet mit Artikeln zu Geschlechterverschiedenheit, Begegnung, Danksagung, Verantwortung, Schuld und Leid dazwischen. Geburt (111ff): Nach biblischem und koranischem Schöpfungsglauben formte der Schöpfer die Gestalt des Menschen aus zuvor geschaffenem Material und blies ihm Lebensgeist ein. Nach islamischem Verständnis befähigte diese Einhauchung den Menschen zur Erkenntnis von Gut und Böse (iyi und kötü). Mit den Sinnen und dem Herzen – schlägt dort das Gewissen? – kann der Mensch seinen Existenzbereich und sich wahrnehmen und denkend sein Verhalten bestimmen. Menschen, die ihren Verstand nicht zu gebrauchen wissen und ihr Gelüst zu ihrem Gott machen, kann Allah nicht retten. Menschen vermögen ihren Schöpfer zu erkennen und Ihm ergeben – in einer Religion nach freier Wahl – zu leben. Das Glaubenswissen, Werk des Schöpfers und Besitzers des Universums zu sein, der Geschaffenes auf den Menschen hin geordnet hat, gibt Sicherheit. Der Mensch ist zugleich bedürftig und Würdenträger, Statthalter, Kalif Allahs. Dem Möglichkeitswesen Mensch obliegt, verändernd bildend sich und das in seinem Wirkungsbereich Existierende zu bessern. Zu Begegnung (157ff) zitiert Selçuk ein Gedicht des Mystikers Rumi (†1273 Konya, Anatolien): „Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus, / jeden Morgen ein neuer Gast, / Freude, Kummer und Niedertracht – / auch ein kurzer Moment der Achtsamkeit / … / begegne ihnen lachend an der Tür / und lade sie zu dir ein. / Sei dankbar für jeden, der kommt – / denn alle sind zu deiner Führung geschickt worden / aus einer anderen Welt.“ In der islamischen Kultur gehört es sich, den Gruß Salam, den Segens- und Friedenswunsch, allem Begegnendem zu entbieten, denn alles preist auf je eigene Weise den Schöpfer. Unterschiedlich Beschaffenes verlangt danach, durch gegenseitige Beziehung verbunden zu werden. Mit dem Koranwort (Sure 49/13) ta ‘aruf – begegnet, entdeckt, erkennt einander, ausgedrückt in der Interaktiv-Form teâruf des Verbs in der arabischen Sprache – beschwichtigte Selçuk in Sommerakademie-Lehrveranstaltungen der Wiener Universität 2010–2014 (www. vicisu.com) unter muslimischen und christlichen Studierenden die Angst vor kulturell Fremdem. Im Gewohnten Bescheid zu wissen reicht in der Begegnung mit Ungewohntem nicht hin. Andere wissen anders Bescheid. Das fordert heraus zum Bedenken, wieso man ‚weiß‘, dass ‚das so sein muss‘. Yasmeen aus Saudi-Arabien begriff, das Eigene nicht wirklich verstanden zu haben, ehe sie das Andersartige verstehen zu lernen versuchte, und in Karoline aus Deutschland erwuchs Zuneigung zu den tüchtigen jungen arabischen Frauen. Aus Wissen umeinander entsteht Liebe. „In der islamischen Philosophie ist Gott die Liebe selbst“ (171, und 185: der Erhabene – sevgi).

Am Ende läuft der Lebensweg hinaus (327ff) auf Vertrauen, güven. „Fürchte dich nicht!“, sprach die Ehefrau Chadidscha Muhammad zu, den das auf ihn herabgekommene Wort Gottes erschüttert hatte. Die ins Herz gesprochene Offenbarung weckt Vertrauen und macht den Vertrauenden vertrauenswürdig. Sie gibt Glaubensgewissheit über den Tod hinaus. Gottesglaube und Jenseitsglaube sind eins. „Siehe, wir sind Gottes, und zu ihm kehren wir zurück“ (Sure 2/156) – zum Ewigen, der unser Tun bewerten und beurteilen, verwerfen oder lohnen wird. Die auf Gottes Weg Erschlagenen sollen nach Sure 3/169 nicht für Tote gehalten werden, sondern für Lebendige bei ihrem Herrn (303).

Lese-Eindrücke der muslimischen Artikel aus christlicher Sicht (359ff) und der christlichen Artikel aus muslimischer Sicht (377ff) resümieren den Ertrag und stellen „offene Fragen“. Die christlichen Leser fragen zum Ganzen: Haben wir die muslimische Position verstanden, oder muss manches noch richtiggestellt werden, wenn auch nicht in diesem Buch? Die Einzelfrage, ob man vom Koran her einen dem Menschen „nahen“ Gott denken kann (361), schien mir beantwortet zu sein: „sehr nahe“. „Er ist bei euch, wo immer ihr auch seid“, Sure 57/4 (328). Die muslimischen Leser bekunden, ihnen habe die Analogie der „Relationen Gott – Christus, Christus – Mensch, Mann – Frau“ in Reiner Anselms Artikel „Verständnisschwierigkeiten“ bereitet (384 zu 141f). Überlasen Mualla Selçuk und ihre Kollegin Nahide Bozkurt in Ankara, dass der Artikel auf die von der Botschaft Jesu geforderte Überwindung solchen Überordnungs-Denkens hinausläuft (148), um das ‚westliche‘ Vorurteil in Frage zu stellen, in der islamischen Kultur herrsche ein Gleichberechtigungs-Defizit? Gefragt wird auch: Kann, wie Corinna Dahlgrün (284) es tut, das Essen vom Baum der Erkenntnis als „Wahl des Bösen“ gewertet werden (388)? Hätten nach biblischer Logik die Menschen ‚paradiesisch‘ unerwachsen bleiben sollen (124)? Und: Stellen Christen sich vor, dass Gott „sich in Schöpfung und Geschichte erfahrbar gemacht hat“ (Julia Knop 223), indem er „den Menschen gleich“ wird (nach dem Brief des Paulus an die Philipper 2,7-8 bis hin zum Tode am Kreuz, Hans-Georg Gradl 315)? Das ist mit der islamischen Vorstellung vom Erhabenen als einem transzendenten Wesen nicht vereinbar. „Demnach sind wir zum Schluss gekommen, dass sich das Gottesbild der beiden religiösen Traditionen voneinander unterscheidet.“ (389f) (it)

Ilse Tödt (it), Dr. phil., Dr. theol. h.c., seit 1961 ­nebenamtlich Kolle­giums­mitglied der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) Heidelberg.

itoedt@t-online.de

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