Theologie | Religion

Theologie | Religion

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 5/2020

Benjamin Dahlke, Hans-Peter Großhans (Hrsg.), Ökumene im Denken. Karl Barths Theologie und ihre interkonfessionelle Rezeption. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2020. 219 S., broschiert. ISBN 978-3-374-06491-5. € 34,00

Mit dem Wort theos bezeichneten die alten Griechen in Mythen mehrere Gestalten oder aber, so Platon im –4. Jahrhundert, Den Gott (z.B. Nomoi 804b). Im alten Orient wird bezeugt: Er gab sich unter Israeliten zu erkennen mit dem Namen: Ich bin (2. Buch Mose 3,14). Zur Römerzeit wird in Palästina bezeugt: Er gab sich wiederzuerkennen als Mensch unter Menschen (u.a. Johannesevangelium 6,35: „Ich bin…“). Was das bedeutet, dem denken Theologen nach. In der Sache – eben: Gott und die Welt – geht es um den ganzen bewohnten Erdkreis, die Ökumene.

Im Gedenken an den vor rund fünfzig Jahren gestorbenen Theologen Karl Barth (1886–1968) wurden zu einer Tagung vom 3. bis 5. April 2019 nach Münster in Westfalen Abendland-Bewohner verschiedener christlicher Überzeugungsrichtungen geladen, fleißige Gelehrte, deren Beiträge das vorliegende Buch dokumentiert: aus Paderborn Benjamin Dahlke (*1982), katholisch (Seite 23-49); aus Tübingen Johanna Rahner (*1962), katholisch (51-71); aus Rom Fulvio Ferrario (*1958), waldensisch (73-91); aus Manchester David R. Law (*1960), anglikanisch (93-132); aus Dortmund Ernstpeter Maurer (*1957), evangelisch (133-157); aus Helsingør Lise-Lotte Rebel (*1951), lutherisch (159-172); aus Bochum Michael Weinrich (*1950), evangelisch (173-193); aus Münster Hans-Peter Großhans (*1958), evangelisch (195-217).

Christlich-theologisch wird seit rund zweitausend Jahren gedacht. Ich bin in Theologie nicht gelehrsam ausgebildet, nur angelernt. Vieles, was die in Münster zusammengerufenen Theologen einander zu Barths Theologie zu bedenken gaben, machte mir Mühe. Anzuregen, sich beim Denken Mühe zu geben, ist verdienstvoll – ein Verdienst dieser Veröffentlichung. Mir gaben innertheologische Verständigungsbegriffe Rätsel auf. Bedeutet analogia entis, wovon besonders Dahlke handelt, etwa: des Menschen Sein wie Gott? Wegen des „unendlichen qualitativen Unterschieds“ kann das doch nicht sein, schrieb Barth 1922 im Vorwort seines Buchs zum Römerbrief des Paulus; anscheinend „dem Kopenhagener Philosophen Søren Kierkegaard (1813–1855) entlehnt“ (161, Rebel – die sorgfältig beigegebenen Lebensdaten sind ein weiteres Verdienst der Veröffentlichung) erinnerte er:„…denn Gott ist im Himmel, und du (bist) auf Erden“. Diese Mahnung begegnete mir kürzlich als von Ulrike Kriener auf CD vorgelesen („Alles ist Windhauch“, besprochen in fbj 3 | 2020 Seite 15), in der Lutherübersetzung ohne, in der Zürcher Bibel mit „bist“, im Buch Kohelet alias Prediger Salomo 5,1. Dort geht die Mahnung weiter: Drum mache nicht „viel(e) Worte“. Was weißt denn du? Bei früheren Begegnungen mit Karl Barths Theologie machte sein Reden über die Trinität mich stutzig: Woher weiß er, wie Gott der Dreieinige unter sich ist? Doch Barth träumt sich nicht in den Himmel. Er denkt Bezeugungen auf der Erde nach. Rede von Gott ist „menschlich gesehen eine ungesicherte Rede“, nur ein Nachvollziehen der „Bewegung, in der Gott zur Welt kommt“ (163) – Sohn vom Vater, eins im Geist. Dass der Theologe Barth so denkt, brachte mir Bischöfin Rebel an den Verstand. Sie hält in ihrer Diözese dazu an, in einfacher Sprache das von Gott vernommene Wort weiter kundzutun. Das ist bei uneinfachen Gedankengängen schwer, aber dringlich auch deshalb, weil nunmehr in lutherisch-Dänemark Muslime

Nachbarn sind (160), die Gottes Der-Eine-Sein betonen. Wenn denn von analogia zwischen Himmel und Erde die Rede sein soll, dann von analogia relationis – Eins-Seinin-Beziehung, wie im Himmel so auf Erden. Lange begrübelte ich beim Lesen von Maurers Beitrag den Terminus Anhypostasie. Meint er so etwas wie un-ichigSein? Vor der Bezeichnung Selbstlosigkeit warnte mich Dietrich Bonhoeffer (1906–1945), der seinem Theologen-Freund Eberhard Bethge (1909–2000) gesteht (Brief aus der Haft am 19. März 1944, Dietrich Bonhoeffer Werke Band 8, 359), an gemeinsamen Bekannten – sogar an dem Physiker, mit dem er nach Indien hatte reisen wollen, um zu erfahren, was in der dortigen Weltgegend von Gott wahrgenommen worden ist –, sei ihm aufgefallen: „etwas selbstsüchtiger wäre selbstloser!“ Man lebt in einem Wir als ein Ich, das wird man nicht los. Aber nicht daran gefesselt, sondern dazu sich freimütig verhaltend kann man notwendigenfalls dem Beziehungsganzen zugut auch selber wollen: Nicht mein Wille geschehe…

Maurer zitiert (136) aus Barths Riesen-Werk Kirchliche Dogmatik den Vorschlag, in gegensätzlichen theologischen Entscheidungen von Lutheranern und Reformierten eine „irenisch-polemische Stellung“ einzunehmen (KD I/2 [1938] 931). Friedfertig streiten mit Andersüberzeugten? Das ist widersprüchlich und leuchtet dennoch ein wie das „Ich lebe, doch nun nicht ich“ (Paulus im Galaterbrief 2,20). So kompliziert geht es unter Theologie-Denkenden zu. Aber uns steht eben manchmal vor Augen, was wir für unmöglich halten, so wie Sokrates in Platons Dialog Politeia (375d, Schleiermacherübersetzung) entdeckt: „Wir haben nicht gemerkt, dass es wirklich solche Naturen gibt, wie wir nicht glaubten, die dieses Entgegengesetzte vereinigen“: die „zugleich sanfte und hocheifrige Gemütsart“ des Hundes! Wachsame Angriffslust und hingebendes Vertrauen ist in diesem unserem Mitlebewesen ganz konkret, zusammengewachsen, wahrnehmbar.

Denk-Akrobatik auf Gedeih und Verderb angesichts dessen, was uns konkret angeht… Auf diesem Felde hat Barth gearbeitet, und offenbar gern. Dass er sich wohlfühlte in seiner theologischen Existenz heute und hier, geben die Tagungseinleitungs-Notizen (11-22) zu spüren. Der Alttestamentler Rudolf Smend (*1932), von dem sie erbeten wurden, hat sie unter das von Barth stammende Motto gestellt: „In Münster lässt sich’s leben“ – sogar in der befremdlichen norddeutschen Tiefebene, wo die Einheimischen „Berge“ nennen, „was bei uns [in der Schweiz] kaum ein ernsthafter Misthaufen heißen dürfte“ (Zitat aus Barths Rundbrief vom 26.3.1922). Die Lektüre gerät zu einem „auch vergnüglichen Unterfangen“ (13f). (it) ˜

Ilse Tödt (it), Dr. phil., Dr. theol. h.c., seit 1961 ­nebenamtlich Kolle­giums­mitglied der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) Heidelberg. itoedt@t-online.de

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