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Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 5/2019

Koran in der Übersetzung von Friedrich Rückert. Hrsg. von Hartmut Bobzin. Mit erklärenden Anmerkungen von Wolfdietrich Fischer. 5. Auflage. BadenBaden: Ergon, 2018. 597 Seiten. Gebunden, Hardcover. ISBN 978-3-95650-284-2. € 28,00

Gehe ich recht in der Annahme, dass dieser „Koran“ in sei­ner ersten Auflage, der die fünfte 2018 folgte, im Jahre 1888 erschien?

Friedrich Rückert starb am 31. Januar 1866. Am 13. De­zember desselben Jahres erwähnte ein Beitrag, wohl von Rückerts Sohn Heinrich, in Nr. 50 der „Blätter für litterari­sche Unterhaltung“ eine im Nachlass befindliche „Überset­zung der poetischen Bestandtheile des Koran, die schon vor etwa 30 abgeschlossen und damals zum Druck bestimmt war“. Als Friedrich Rückerts Geburtstag, der 16. Mai 1788, sich zum hundertsten Mal jährte, erschien die Originalaus­ gabe dieses im Auftrag der Familie von dem Orientalisten August Müller edierten Manuskripts: „Der Koran. Im Aus­zug übersetzt von Friedrich Rückert. Frankfurt am Main: J. D. Sauerländer 1888“.

Friedrich Rückert schrieb formvollendete deutsche Lyrik. Sein Dichterfreund August Graf von Platen erwartete 1830 dringlich Rückerts ‚deutschen Koran‘. Den „poetischen Reiz“ dieser „Bibel einer halben Welt dem Okzident zu­gänglich zu machen“ wäre „er vor allen andern berufen“. „Wer weiß, wann es wieder einen Poeten geben wird, der zugleich arabischer Orientalist ist?“

Rückert, des Persischen, Türkischen und Arabischen mäch­tig, bekleidete seit 1826 die Professur für orientalische Sprachen in Erlangen. Aus der Universitätsbibliothek ent­lieh er im Mai 1827 eine Koran-Ausgabe, vielleicht eines der drei vorhandenen Exemplare aus Russland. Die Zarin Katharina II. ließ für ihre muslimischen Untertanen in neu­ eroberten Territorien erstmals 1787 in St. Petersburg den Koran drucken. (Aus dieser Ausgabe ist die Eröffnungs-Sure auf dem Buchdeckel der 5. Auflage 2018 abgebildet.) Das in Kazan nachgedruckte Exemplar entlieh Rückert nach­weisbar im Oktober 1829.

In Leipzig erschien ab 1834 eine erschwingliche Koranaus­gabe, von der Rückert ein Handexemplar erstand. Neben dem Beginn von Sure 26 steht seine Notiz „übers. Jan. 1836“. Jetzt übersetzte er mit Hochdruck. In den beiden folgenden Jahren entlieh er Werke zum Koran, zur Ge­ schichte, zum Leben Mohammeds und ein arabisch-latei­nisches Wörterbuch. Ein druckfertiges Manuskript sollte 1840 fertig sein. Verhandlungen mit Verlagen waren ein­ geleitet. Sie scheiterten. In einem Brief Rückerts vom 30. Mai 1841 ist erwähnt, dass er „alle Lust … für den Koran … verloren habe“. Das mit Elan begonnene Projekt blieb unvollendet.

Dies – und vieles mehr – erfährt der Leser in dem voran­ gestellten Beitrag „Friedrich Rückert und der Koran“ von Hartmut Bobzin (IX-XXXVIII)1. Bobzins in Anmerkung 48 zu Seite XXV genanntes Buch von 1988 „Friedrich Rückert an der Universität Erlangen 1826–1841“ belegt, wie lange schon er sich dem Nachlass widmet.

Wolfdietrich Fischer gibt auf den Seiten 495-587 „Erklä­rende Anmerkungen zum besseren Verständnis der Ko­ranübersetzung von Friedrich Rückert“ und erläutert im Anhang 588-597 Namen und Begriffe von „Abraham“/Ib­rahim bis „Zeichen“. Einleitend verweist er auf Spuren der Berufung Muhammads (in Rückerts Übersetzung): „Beim Stern, der flirrt! / Nicht euer Genosse thört und irrt… / Von Zeichen seines Herrn sah er das große.“ (53:1.2.18) „Das Wort ists eines Bothen werth… / Nicht euer Landsmann irrt noch thört. / Er sah ihn in der Höh verklärt, / Und will mit dem nicht geizen was er sah und hört’.“ (81:19.22-24) Er wurde zum Bezeuger von Wort-Zeichen in klarer ara­bischer Sprache, die den Einen Schöpfer und Richter der Welt offenbaren.

1 Bobzin ist selber zum maßgeblichen Koranübersetzer ins Deutsche geworden, entnehme ich einem im Mai 2019 ausgelieferten Buch: „Gott im Koran“.

Die prophetische Verkündigung Allahs durch Muhammad an seine Stammesgenossen begann um 610, als er un­gefähr 40 Jahre alt war. Um ihn entstand in Mekka ei­ne Gemeinde, in deren Gottesdiensten Offenbarungsver­se liturgisch rezitiert wurden. Sie erreichten Muhammad einzeln, und diese einzelnen Teile heißen Koran, Lesung. Koran 25:34/32 (nicht ‚Sure 25…‘ – so zitiert Karimi kon­sequent), von Rückert nachgedichtet: „Und wenn ihr fragt, warum wir euch kein Ganzes geben? / Wir geben es euch so, wie wir’s empfangen eben. / Mir zur Erquickung gab in einzelnen Augenblicken / Es Gott, und also mög’ es einzeln euch erquicken.“ Als frühestes Teilstück gilt: „Lis im Namen deines Herrn der schuf, / Den Menschen schuf aus zähem Blut. / Lis, dein Herr ists der dich erkohr, / Der unterwies mit dem Schreiberohr; / den Menschen unter­ wies er / In dem was er nicht weiß zuvor.“ (96:1-5) Aus den Einzelteilen wurden Suren komponiert. Muhammad verstand die ihm zuteilwerdende Botschaft als Bestätigung des Glaubens Abrahams an den Einen Gott, den zuvor die dem Mose gegebene Torah und das Jesus gegebene Evan­gelium für die jüdische und die christliche Gemeinschaft bestätigt hatten.

Mit dem Wachsen der Gemeinde wuchs die Gegnerschaft in Mekka. In der Hidschra im Jahre 622 verließen, wie in der Arche des Noah, die Gläubigen die Stadt. Von Medina aus, der neuen Stadt des Propheten, erreichte in den zehn Jahren bis Muhammads Tod die Glaubensbotschaft des Islam fast alle Stämme der arabischen Halbinsel. Die Abfolge, in der Muhammad die Koran-Worte empfing, zu erschließen hat mehr als zwanzig Jahre nach Rückerts Bemühungen Theodor Nöldeke (1836–1930) versucht. Er unterschied drei mekkanische Perioden. In der ersten über­ wiegt Lobpreis, in der zweiten das predigende Erinnern an Erzählungen aus der Bibel, die in Arabien offenbar längst bekannt waren, und in der dritten das Drohen mit Gottes Strafgericht. Von den mekkanischen sind die medinensi­schen Suren stilistisch deutlich unterschieden. In ihnen geht es auch um das, was nun unternommen wird, um Gemeinwesen-Aufbau sowie um Beute- und Feldzüge; angriffslustige Verse tauchen auf, Stolpersteine der Ver­ständigung unter Abrahamiten.

Ich habe die Suren in Rückerts Übersetzung nach Nöl­ dekes chronologischer Rekonstruktion (Zahlenreihen auf den Seiten 500 und 505) gelesen und fand das durch­aus empfehlenswert. Fischers kurze Anmerkungen zu den Suren 1 bis 114 (ab 508) erwähnen die wahrscheinliche Entstehungszeit und skizzieren den Inhalt der von Rück­ert nicht übersetzten Stellen. Rückerts Auslassungen und Umgruppierungen listet Bobzin in seinem Beitrag auf (An­merkungen 60 und 63 auf den Seiten XXIX-XXXII). Sure 88 hatte Rückert schon, vor seiner Berufung nach Erlangen, als Privatgelehrter in Coburg im Winter 1822/23 übersetzt, und ebenfalls aus der Coburger Zeit stammt ei­ne Übersetzung der Sure 90. Fischer verweist in seinen Anmerkungen auf Bobzins Beitrag, in dem diese Über­setzungen zu finden sind – aber nicht dort, wo sie ste­hen sollten, „S. XVII“ und „S. XIX“ (581f); sie stehen Seite XX-XXI und Seite XXII-XXIII. Die Verschiebung erklärt sich aus Hartmut Bobzins „Vorwort“-Zeilen auf Seite V: „Für die vorliegende fünfte Auflage der Koranübersetzung von Friedrich Rückert wurde mein Beitrag ‚Friedrich Rückert und der Koran‘ leicht überarbeitet. Erlangen, im Januar 2018“.

Weshalb verlor Rückert die Lust am poetischen Übertragen des Koran ins Deutsche? Mir fiel unter Rückerts gelegent­lichen Kommentierungen zu seiner Übersetzung die Fest­stellung bei Sure 77 Vers 35.36 auf: „Hier hat der deut­sche Reim (wer ihn dafür will gelten lassen) den Ausdruck einmal kürzer und erhabner gemacht, als der arabische ist. Oft genug ist das Gegentheil nicht zu vermeiden“ (461). Was sich auf Deutsch reimen soll, ist: „Ein Tag heut von Nichtsprechern, / Und Nichtentschuldigern.“ Ob Rück­ert den Reim selber gelten lassen wollte? Dass es unver­meidlich war, hohe Ansprüche an poetische Qualität zu senken, konnte ihm nicht gefallen. Falls Rückert deshalb das Projekt abbrach, dann wäre dies ein neuerliches Zei­chen für Gläubige: Der arabische Koran ist unnachahmlich vollkommen, unübertrefflich schön, „göttliches Werk“, „Sprachwunder“! Dieser Beweis, dass er Offenbarung ist, wird spätestens seit dem 10. Jahrhundert Muhammads Gegnern entgegengehalten. Das lernte ich bei Klaus von Stosch („Herausforderung Islam“, 2017, siehe fbj 2018 | 1, 72-74) und Navid Kermani („Gott ist schön. Das ästheti­ sche Erleben des Koran“, 1999).

Während des Koran-Übersetzens dichtete Friedrich Rück­ ert („Weisheit des Brahmanen“ 1838, Bobzin XXXVII): „Wol eine Zauberkraft muß seyn in dem, woran / Bezau­bert eine Welt so hängt wie am Koran. / Laß näher treten uns und zusehn zauberfrei, / Ob es in Wahrheit nur ein böser Zauber sei. / Ob nicht in dieser Form auch eine Of­fenbarung / Des ewigen Geistes sei, für unsern Geist zur Nahrung.“ (it) ˜

Ilse Tödt (it), Dr. phil., Dr. theol. h.c., seit 1961 ­nebenamtlich Kolle­giums­mitglied der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) Heidelberg.

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