Rezensionen, Theologie | Religion

Theologie in der Religionenbegegnung

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 1/2018

Klaus von Stosch: Herausforderung Islam. Christliche Annäherungen. 2., durchgesehene und korrigierte Auflage. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2017, ein Imprint der Brill Gruppe. 208 Seiten. Kartoniert. ISBN 978-3506-78783-5. € 26,90. (Erste Auflage 2016 ISBN 9783-506-78494-0. € 24,90)

Zu behaupten, der Gott der Muslime wäre ein anderer als der christliche Gott, nennt Klaus von Stosch „perfide“. Christen und Muslime bezeugen Gott als den Einen. Bescheinigt man den anderen, einen Götzen anzubeten? Oder beanspruchen die einen, als „theologische Entwicklungshelfer“ die anderen besser zu verstehen als diese sich selbst? Jedenfalls sollte die Goldene Regel gelten: Was du nicht willst, dass man von dir sage, das sage auch von den andern nicht. Klaus von Stosch geht es in Komparativer Theologie um das Wahrhaben von Differenzen, damit das Anderssein aufschlussreich werden kann. Ihm bleibt bewusst, dass er sich von bestimmten Überzeugungen her, als katholischer Theologe, bestimmten Interpretationen des Islam annähert. Im Austausch mit muslimischen Kollegen nachdenkend über die eine und die andere Religion, wie bei gemeinsamen Lehrveranstaltungen an der Paderborner Universität mit der Kollegin Muna Tatari (mit ihr hat Stosch 2013 „Trinität – Anstoß für das islamisch-christliche Gespräch“ herausgegeben), wächst man einander ans Herz. (7-10: Einleitung)

— Woran halten sich Muslime?

I. Koran (11-36): Wort Gottes, das in Jesus menschliche Person war, wurde zwischen etwa 610 und 632 nach Christi Geburt als qur’an (Q) herabgesandt ins menschliche Gedächtnis zum Rezitieren (160f). Die erste Verschriftlichung des herabgesandten Wortes war bloße Gedächtnisstütze, nur mit Konsonanten. Erst als die Kommunikation durch Gedrucktes das Speichern im Gedächtnis verdrängte, wurde eine vokalisierte Lesart verbindlich, der Kairiner Koran von 1925. Bei Vereindeutigung droht Verlust, wie durch Auslagerung aus dem Gedächtnis die Lebendigkeit des Mündlichen verloren geht. Im Alten Testament wird im 5. Buch Mose (Deuteronomium) 6,6 geboten, Worte Gottes „zu Herzen“ zu nehmen. (Auf Englisch heißt memorieren: to learn by heart.) „Ich erinnere mich gut,“ schreibt Stosch (34f), „wie glücklich es mich in meiner Jugend gemacht hat, ganze Psalmen auswendig zu lernen und mit ihnen im Herzen wandern zu gehen.“ Gottes Sprechen ist das Entscheidende. Die Resonanz im Hörenden muss nicht in jedem Fall eindeutig sein. (Dietrich Bonhoeffer spricht von Polyphonie, DBW 8, 440f; „Inanspruchnahme“, ein von ihm wie von Karl Barth benutzter Ausdruck, lässt sich dreifach ins Englische übersetzen: to claim, beanspruchen, to address, ansprechen, und darin anklingend to attract, anziehen durch Wohlgefallen.) Theologen rangen in der Frühzeit des Islam – ähnlich wie Theologen in den frühen Jahrhunderten des Christentums – mit der Frage, ob der Koran – beziehungsweise Jesus Christus – geschaffen oder ungeschaffen sei. Ist die Mitteilung Gottes so erschaffen wie die Menschen, dann kann die menschliche Vernunft das Mitgeteilte erfassen und sich danach richten. Teilt aber Gott sich mit, dann ist das den Menschen Offenbarwerdende kein ‚Erzeugnis‘, sondern ungeschaffen und unfasslich wahr. Verkörpert der Koran nur das der Vernunft zugängliche Ethische – ist Jesus Christus nur ein Pädagoge –, so ist er „letztlich überflüssig“; widerspricht er der Vernunft, so ist er ihr „suspekt“. „Ich weiß nicht,“ bekennt Stosch, „wie man aus diesem Dilemma entkommen kann“, und wendet sich einer Koran-Auffassung zu, die „beispielsweise bei dem deutsch-iranischen Islamwissenschaftler und Schriftsteller Navid Kermani“ begegnet: einem vornehmlich ästhetischen Interpretieren (27f). Kermani erinnert an Muhammads Herausforderung seiner Gegner, sie sollten versuchen, eine ähnliche Offenbarung wie den Koran hervorzubringen – sie würden das unnachahmlich Schöne, Gute und Hinreißende des Korans bestätigen müssen. Die Araber, das Dichtervolk schlechthin, faszinierte das sprachliche Wunder: die Rezitation des von Gott auf Arabisch herabgesandten unüberbietbar vollkommenen Offenbarungsworts. Schönheit und Güte – das wird gespürt, ehe es gedacht werden kann. Beim Empfangen des Wortes Gottes und dem ihm Respondieren darf das Ästhetische den Vorrang haben. Poesie gibt dem Gespür für Nicht-Eindeutiges und a-logisch Wahres Ausdruck. Sie zeigt, wie paradox es zugeht, wenn Gott zur Welt kommt.

II. Muhammad (37-60): Wie zu Maria (Lukas 1,26f) kommt zu Muhammad der Erzengel Gabriel, um Menschen-Unmögliches anzukündigen – jungfräuliche Empfängnis, vollendetes Wort. Muhammad wirkte als „Sprecher“, als Prophet, nicht nur unter denen, die sich der Rechtleitung im Koran hingaben, sondern auch politisch im Gemeinwesen, das der Recht-Setzung zur Friedenswahrung bedarf. (Auf Luthers politische Ratschläge ging zum Beispiel die Einrichtung des Armen kastens in Städten zurück, wie von Gerta Scharffenorth in ihren Lutherstudien „…den Glauben ins Leben ziehen“ ausgeführt, erwähnt in fbj 2013 | 4, 15-17.) Im Koran, in dem ja Gott das Wort hat, wird Muhammad gemaßregelt für Verstöße gegen Gottes Willen. Er begeht schwerwiegende Verfehlungen – wie Petrus –, aber unterwirft sich – wie Petrus auch – der Barmherzigkeit Gottes.

III. EIN Gott (61-83): Das arabische Wort Allah ist kein Eigenname, sondern eine Beschreibung, zurückzuführen auf al-ilah, der Zuneigende. Die Redeeinleitung „Im Namen Gottes / des barmherzigen / Erbarmers“ hat man bei syrischen Christen in vorislamischer Zeit gefunden; sie wurde den Suren des Koran vorangestellt, und Christen gingen über zu „…des Vaters / Sohnes / Heiligen Geistes“. Anbetung Gottes ist nur schön, wenn sie nicht aus Furcht vor Strafe oder Hoffnung auf Lohn geschieht, sondern aus Liebe allein, weiß eine 801 gestorbene Sufi. Manche Mystiker schildern die im Menschen entflammte verzehrende Liebe zu Gott so ekstatisch oder intim, dass im 11. Jahrhundert al-Ghazali meinte, der Betreffende hätte seine Äußerung des Verliebtseins besser für sich behalten. Dass Gott die Liebe ist, betont der Koran nicht derart emphatisch. Aber in der muslimischen Welt bestimmt das Ineins des ergreifend Schönen und erschauernd Schrecklichen der Liebe das Lebensgefühl weithin. Muslimische Dichter sahen es als ihre Aufgabe an, in der arabischen, auch in Persien übernommenen Gedichtform Ghazel, „Gespinst“, Liebe lyrisch auszudrücken. Goethe, bevor er die „West-Östliche“ Liebesgedichtsammlung erdachte, hatte Sufi-Dichtung gelesen, die 1812 ins Deutsche übersetzt worden war. Klaus von Stosch: „Liebe – das wissen wir alle – ist immer verwundbar und kann auf sehr verschiedene Weise spürbar werden“ (97). Der Mensch nimmt sinnlich Schreckliches wahr – und glaubt das Schöne so unbeirrt, dass er es von Gott einfordert (Kermani). Besorgt mahnt der Koran die christlichen Schriftbesitzer: „So glaubt an Gott und seine Gesandten und sagt nicht ‚Drei‘! Hört auf damit, es wäre für euch besser. Denn siehe, Gott ist EIN Gott“ (Q 4:172).

— Wie ist vom Glauben her das Leben der Muslime gestaltet?

IV. „Islam im Vollzug“ (85-111): Fünf Säulen – Glaubensbekenntnis, Ritualgebet fünfmal täglich, Armensteuer, Fasten, Pilgern – regeln als verbindlicher Brauch den Alltagslebenswandel im Raum des öffentlichen Rechts. Klaus von Stosch berichtet von Selbstversuchen: Waschung an einer Quelle in der Wüste, dann die gemeinsame Gebetsgymnastik, das Berühren der Erde mit der Stirn; und Ramadan in Marokko, wo „ein ganzes Land dem Abend förmlich entgegen schmachtet“. „Wenn man die Schale der Harira-Suppe oder die Dattel in der Hand hält und der Stimme des Vorbeters lauscht, die das Ende des Fastens bekannt gibt, spürt man in ungeheurer Intensität, wie einen religiöse Gemeinschaft tragen kann“ – fast wie in einem „eucharistischen Moment“. (90f) Scharia, Sammelbegriff für das islamische Recht und die Sittlichkeit in ihm, weist den „Weg zur Quelle“, aus der eine bestimmte Gemeinschaft die ihr von Gott bestimmte Art zu leben schöpfen kann. Islamische Rechtsgelehrte der Gegenwart ringen um die Scharia-Auslegung im Sinne der Wahrung von Religionsfreiheit und Menschenwürde und der Autonomie wissenschaftlichen Denkens.

V. Mensch (113-134): Bei der Erschaffung des Menschen zum Stellvertreter Gottes auf Erden warnen die Engel (Q 2:30), der Mensch werde Unheil anrichten und Blut vergießen. Aber Gott heißt sie niederzufallen vor Adam, dem ersten Propheten, was nur Iblis nicht tut. Er flüstert Adam und seinem Weibe ein (Q 7:20): „Nur deshalb hat euch euer Herr von diesem Baum verboten, damit ihr keine Engel werdet oder gar ewig lebt!“ Die Menschen nutzen ihre geschaffene Freiheit zum Eigenwillen, kappen die (Liebes-)Beziehung, die sie an den Willen Gottes bindet, werden auf die Erde verwiesen, zu leben und zu sterben und wieder aus ihr hervorzugehen (Q 7:25), und Gott gewährt ihnen dort Rechtleitung (Q 2:37; 20:122). Warum hat Gott den Menschen in die Eigenwilligkeit entlassen? (Wird aus Liebe der Menschen untereinander dann die Sucht, sich des anderen zu bemächtigen?) Rührt alles böse Menschentun von Gott her? Die Rechtleitung ruft die Muslime dazu auf, „die eigenen destruktiven Impulse zu bändigen und dem barmherzigen Gott Raum in ihrem Leben zu geben. Der Theologe, Rechtsgelehrte und Mystiker al-Ghazali beschreibt diesen Dschihad als Weg der Selbsterkenntnis und Selbsterziehung“ (117). Von dem, was Menschen mit eigenem freien Willen ausdenken und anrichten, lässt Gott die Geschichte mit-bestimmen (und wird damit „fertig“, mit Fehl- wie mit vermeintlichen Guttaten, glaubt Bonhoeffer, DBW 8, 31).

VI. Gewalt (135-151): Heute „stockt einem angesichts der Ignoranz muslimischer Fundamentalisten gegenüber der eigenen Religion und ihren intellektuellen Traditionen der Atem“ – statt weitherziger Vielfalt erbarmungslose Vereindeutigung zur Ideologie (149).

— Islam und Christentum

Lässt sich theologisch zeigen, „welch heilsgeschichtlicher Sinn“ in der „Verwiesenheit beider Religionen aufeinander liegen könnte“? (153) „…unsere Geschichte führt mir täglich Bilder vor Augen, die mich am Menschen irre werden lassen, so dass ich wie die Engel im Koran Gott fragen möchte, warum Gott uns geschaffen hat … ich staune, wie muslimische Reformtheologen so mutig sein können, mit Gott weiter an den Menschen zu glauben. Mir hilft dieser Glaube nicht weiter“ (177f). Doch das Kreuz – sich halten an das als Mensch gekommene Wort, das in der Ohnmacht des Kreuzes die tödliche Verwundung der Liebe auf sich nahm … (96) Weshalb ist der Einband des Buches 2016 goldgrundig? Etwa wegen der Goldenen Regel? Wohl eher wegen der ästhetischen Qualität des Goldes. Es glänzt, selbst wenn nur eine Spur von Licht es trifft – Gleichnis des irdisch Heiligen. Auf dem Buchdeckel im weißen Bauch des Fisch-Umrisses auf dem kreisförmigen grünen Grund könnten die weißen Zeichen die Konsonanten des Wortes Allah sein. Der Einband ist in der zweiten Auflage, 2017, zu mattem Erdbraun abgedunkelt, und auf dem Buchrücken sind zwei Zitate aus Zeitungsrezensionen der ersten Auflage hinzugekommen. „Das wichtigste Islambuch der neueren Zeit“, empfiehlt Angelika Neuwirth; etwas ältere Schriften von ihr hat Klaus von Stosch im Buch oft aufgegriffen. Das Papier ist 2017 dunkler, nicht mehr gelblich-hell. Der Übergang der Herstellung zu „Brill Deutschland“ in Paderborn macht sich bemerkbar. Beim Vergleich der zweiten mit der ersten Auflage entdeckte ich im Personenregister (205-208) das Fehlen von vier Namen, die mit der Seite 81 zusammenhingen. Was 2016 auf dieser Seite, den drei letzten Zeilen von Seite 80 und den oberen zwölf Zeilen auf Seite 82 stand, ist verschwunden. Es las sich so, als ob im Koran gemeint wäre, dass Christen Maria für eine Gottperson hielten und sie identifizierten mit dem Geist in der Mutterrolle neben Gott dem Sohn und Gott dem Vater und folglich von Christen drei Götter geglaubt würden. Die Spekulation, Maria sei „im Orient an die Stelle der Kulte der Muttergöttinnen“ getreten, 2016 akzeptiert als überzeugendes religionsgeschichtliches Ergebnis, weist Stosch 2017 als „hochproblematisch“ zurück. Eine Vater-Mutter-Kind-Trinität im Christentum zur Zeit der Koran-Offenbarung annehmen zu müssen wäre wirklich ärgerlich. Das ist eine gewichtige Korrektur auf zwei Seiten in der zweiten Auflage, und das Buch wurde zwei Euro teurer. Nichts für ungut, bitte… Die Beschäftigung mit dem Buch lohnt sich sehr. Mich bereitete es auch vor auf die Lektüre einer anderen Neuauflage:

 

Navid Kermani: Ungläubiges Staunen. Über das Christentum. 1. Auflage in edition C.H.Beck PAPERBACK 2017. 304 Seiten mit 40 meist farbigen Abbildungen. Klappenbroschur. ISBN: 978-3-406-71469-6. € 18,00 (In gebundener Form München: C.H.Beck, 2015, 14. Auflage 2017)

In die katholische Vorstellungswelt eintauchend, zuweilen im Gespräch mit (manch) einem katholischen Freund, betrachtet Kermani vierzig Werke der bildenden Kunst und schreibt zu jedem „eine frei assoziierende Meditation“ (292), „wie ich mir bei allen Bildern etwas denke und zuvor die Maler sich etwas gedacht haben, als sie die Überlieferungen studierten, und am kühnsten Caravaggio“ (82). Von Caravaggio (1573-1610) stammen acht der betrachteten Gemälde. Er malt den Menschen, dem Unfassliches zustößt. „Diese Wahrheit offenbar werden zu lassen, … genügt kein Naturalismus … . Du mußt sie erlebt haben.“ (127) Die meisten Begleittexte Kermanis umfassen vier oder drei oder fünf Seiten, nur fünf sind länger als sechs Seiten. Den Paperback-Umschlag ziert ein Ornament (vom Marmorfußboden um 1270 einer Kirche in Florenz) aus verschlungenen Kreisen, die Vierfüßer-Paare – zwei Löwen, viermal zwei Wölfe – umschließen und von Vögel-Paaren umgeben sind. Dieses Ornament eröffnet jeden der drei Buchteile: I. Mutter und Sohn (7, 9-98), II. Zeugnis (99, 101-186), III. Anrufung (187, 189-290).

Die Buchtitel-Formulierung „Ungläubiges Staunen“ findet sich ausdrücklich unter dem Überschriftswort „Spiel“ (210-215). Kermani betrachtet eine um 1400 von einem Kölner Goldschmied kunstvoll gefertigte Monstranz. „Was soll ich denn tun, ich glaube nun einmal nicht an so etwas“ wie das Gottmensch-Essen in der Eucharistie. „An Wunder glauben viele … aber nur der Katholizismus, weil er sich so vernünftig, geordnet, wissenschaftlich gibt, erzeugt in mir jenes ungläubige Staunen, das Caravaggio dem Thomas ins Gesicht schrieb.“ Unglaublich erstaunlich, wie seit so langer Zeit an so vielen Orten von so vielen Menschen „das Unmögliche mit völliger Selbstverständlichkeit für tatsächlich erklärt wird: ‚Nehmet, esset; das ist mein Leib.‘ (Markus 14,22)“ Die Eucharistie „hat durchaus einen Sog …; ich erlebte ihn nur als Zeuge des Vorgangs selbst … und des Friedens danach … dankbar, überhaupt einer Messe beiwohnen zu dürfen“. „Die Liturgie hat keinen ‚Zweck‘“, zitiert Kermani von Romano Guardini, und er assoziiert das selbstvergessene Spiel seiner Tochter und das eigene Brüten über dichtendem Handhaben der Sprache. Zweck wird unwichtig, auch in alltäglichen Handlungen. „Deshalb wetterten manche Sufis gegen Paradies und Hölle, damit niemand mehr Gott liebe, Gott diene, um Lohn zu erwerben oder Strafe abzuwehren. Gott lieben, Gott dienen wir aber, wo und wodurch immer wir jemanden um seiner selbst willen lieben, eine Sache um ihrer selbst willen tun.“ Ein wenig später im Buch, bei der uralten Liturgie in einem serbisch-orthodoxen Kloster im Kossovo: „Was für ein Geschenk! denke ich, daß es ein paar Stunden am Tag nicht um uns oder um mich geht, uns Menschen, und bin um so mehr von den Eindrücken überwältigt, die meine Sinne durch die Beschränkung um so begieriger aufnehmen“ von außerhalb von mir (232).

Das auf „Spiel“ folgende Überschriftswort heißt „Wissen“ (216-224). Kermani besucht den Vatikan. „Wahrheit wird hier nicht behauptet“, sondern wissenschaftlich erforscht. Wissenschaft ist ein Spiel, in dem Menschen sich dem tatsächlichen Sachverhalt zu nähern trachten. „Wie kein anderer religiöser Ort der Welt, den ich je besucht habe“ strahlt der Vatikan „Seriosität“ aus: „Der abwegigste Glaube wurde zum gewissenhaftesten.“ Kermani vergegenwärtigt sich seines persischen Großvaters schiitischen Glauben, „der mehr als jeder andere Bezugspunkt meine eigene religiöse Erziehung bestimmt hat“ (66). Der Großvater breitete auf seiner Europareise 1963 den Gebetsteppich in Kirchen aus. Nicht dort – er wird sich wie sein Enkel „in Kirchen immer wohlgefühlt“ haben –, aber in Isfahan wurde er verspottet, „weil er täglich in die Moschee ging“ (73); denn die Bildungsbürger im Iran ließen sich, seit der Staat ein islamischer ist, immer mehr vom Islam abbringen (260f). Obwohl er „sich in seinen Erinnerungen gegen die neue Mode wandte, die Wunder, mit denen Gott seine Propheten versah, mit einer wissenschaftlichen Erklärung, gar einem Beweis zu versehen“, hätte vielleicht doch die vatikanische wissenschaftliche Sorgfalt „seine Bewunderung gefunden, die sofort in die Scham über die eigene Leichtgläubigkeit übergegangen wäre“ (220)? Die Kirche hat, „in gewisser Weise, den geringgeschätzten Apostel Thomas rehabilitiert oder jedenfalls ernstgenommen, der die Wahrheit mehr als nur glauben, nämlich wissen, also durch die eigene Erfahrung bestätigt sehen wollte“. Thomas reicht es nicht, dass die anderen Apostel den Auferstandenen gesehen haben. Außer „ich … lege meine Hand in seine Seite, will ich’s nicht glauben“. Und Jesus kommt und spricht zu Thomas: „… reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig. Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott.“ (Johannesevangelium 20,25.2728) Diese Szene hat Caravaggio gemalt (Abbildung 218f). Das Matthäus-, das Markus- und das Lukasevangelium sowie das nicht ins Neue Testament aufgenommene Thomasevangelium versichern, das Reich Gottes sei nicht nur außen, sondern auch „innerhalb“ (Thomas 3), „inwendig in euch“ (Lukas 17,21), und Sufis bezeugen, dass Menschen hinter geschlossenen Lidern es sehen, wenn im „schwarzen Licht“ die „Engel und die Göttliche Barmherzigkeit“ in die Brunnentiefe des Herzens herabsteigen (244, 246). „Daß es leuchtet, das Schwarz, kann nur gewußt, aber unmöglich geglaubt werden“ (122). „Abstieg der göttlichen Ruhe, koranisch sakina“ – dieses Wort ließ „Großvater gegen Großmutters Willen meiner Mutter in die Geburtsurkunde schreiben“ (74); „ich selbst stell’s mir, weil sich der Mensch im Wachzustand und noch im Traum ja doch etwas vorstellen muß, wie Funken vor, Funken, die aus einem Feuer herausschießen, oder wie Sternenlicht auch“ (247), Strom geschmolzener Sterne im Seligkeitsaugenblick.

„Bei Caravaggio schaut nicht nur Thomas, sondern schauen auch zwei weitere Jünger nach dem Loch in Jesu Seite und sind sehr interessiert. … Und Jesus … Seinen Umhang wie einen Theatervorhang zur Seite schiebend, führt er Thomas’ Finger an die Wunde und scheint er genauso interessiert zu zeigen, daß Gott inwendig in uns ist.“ (223f)

Aber das steht doch gar nicht in Caravaggios Bild. Zwar hebt der Finger des Thomas die Haut über dem Loch wie ein Augenlid ein wenig an. Aber die Blicke der zwei anderen Jünger sind nicht dorthin gerichtet – als spähten sie in Jesu Leib nach Gott –, sondern auf Jesu Hand, die Thomas’ Handgelenk fasst; Thomas blickt ins Leere, die Stirn gerunzelt, den Rücken gebeugt, die andere Hand in die Hüfte gekrallt, und spürt nur das Geführt-Werden.

Beim Nachbetrachten noch eines Bildes, dem zu „Schönheit“ (44-49), fiel mir auf, dass Kermani scheinbar etwas entging: Botticelli (1445-1510), „der ein neuplatonischer Geist war“, malt den kreuztragenden Jesus in einem roten Seidengewand mit einem Seil um die Taille, das außerhalb des Bildes gehalten wird. Die Figur trägt Merkmale hinreißend schöner Jugend wie auf persischen Miniaturen, Bebilderungen der Liebeslyrik, „die im Orient selbst dort nicht bloß weltlich war, wo sie vom irdischsten Vergnügen sprach“. Im Persischen bestimmt die Grammatik kein Geschlecht, „und die Dichter, erst recht die mystischen Dichter, für die Gott das Ersehnte ist, vermeiden die Eindeutigkeit allzu gern“. Aufgeregt entdeckt Kermani, wie Jesus desto weiblicher wird, je weiter er, der Betrachter, vom Bild weggeht. Die Gestalt schreitet auf überlangen Beinen tänzerisch „den vorbestimmten Weg entlang“. Das Seil bleibt unerwähnt. In der Betrachtung der um 1450 gemalten „Muttergottes in der Rosenlaube“, die das Baby Jesus auf dem Schoß hält, dem die Engel einen Apfel gereicht haben, erwähnt Kermani „die Erlöstheit oder kleistisch gesprochen die Unschuld, für die wir erst vom Baum der Erkenntnis essen müssen“ (96). Mit diesem paradoxen Anklang an die Paradiesgeschichte 1. Buch Mose (Genesis) 3,6 endet bei Heinrich von Kleist der Dialog „Über das Marionettentheater“, in dem der Erste Tänzer der Oper die unnachahmliche Grazie der Gliederpuppen bestaunt, die, ohne sich zu zieren, dem an ihrem Schwerpunkt ansetzenden Zupfen der Schnur folgen. Im platonischen Dialog Nomoi steht zentral das Gleichnis von der Marionette, die nicht den triebhaften Zügen gehorcht, sondern an dem von Gott zu ihr herabreichenden Goldenen Faden haftend sich bewegen lässt (erwähnt im Nachwort zu Dietrich Bonhoeffers „Nachfolge“, DBW 4, 328f; übrigens zitiert Kermani die Bibel in der Lutherübersetzung von 1912, derselben wie Bonhoeffers Meditationsbibel). Auf „Schönheit“ folgt die Betrachtung „Kreuz“ (50-53): Eine Skulptur, die ein 1935 geborener, von einem Japaner ausgebildeter Münchener Künstler aus hauchdünnen Stahlquadraten geflochten hat, mutet an wie die Abstraktion eines anmutigen Wesens auf überlangen Beinen in tänzerischer Haltung, kreuzgestaltige Idee des Tanzens nach dem Willen Gottes. Kermani tut, als hätte er das nicht gesehen, formuliert nur: „Inkarnation als ein Prinzip“.

In der Mitte des Buches: „Franziskus“ (150-156). Auf dem Gemälde des Georges de la Tour (1593-1652) liegt der Strick, der Bruder Leos Kutte gürtet, angeleuchtet im Blickfeld, und dem Franziskus scheint der Strick in die Seite gebohrt. Nichts dazu in Kermanis Betrachtung. Er zitiert Teresa von Avila, die ihre Ekstase schildert, und erwähnt: „So oft stand ich während des römischen Jahres“, das er 2008 mit einem Künstlerstipendium in der Villa Massimo verbrachte, „vor der lebensgroßen Skulptur in Santa Maria della Vittoria, und immer wollte ich Berninis verzückte, vor Wollust stöhnende, wenn nicht gar aufschreiende Teresa in das eigene Christentum aufnehmen. Es lag so nahe, da ich so lang schon über die Seligkeit nachdenke, sie zugegeben auch selbst suche, wenn Lust und Gebet, Sex und Gott sich eins fühlen und für die islamischen Mystiker auch eins sind. Wahrscheinlich war es das Naheliegende selbst, das mich jedesmal abhielt.“ Franziskus, der „in den Werken seines Lebens“ Christus nachahmte – „heitere Gottergebenheit“ lebte, dem Sultan al-Malik al-Kamil, zu dem er sich 1219 aus dem Kreuzfahrerlager begab, wie „Ein Sufi!“ hat vorkommen können (Franziskus-Wiederaufnahme in der Schlussbetrachtung 274-290) –, wird von der Verzückung niedergestreckt und stigmatisiert. Die Wundmale von der Kreuzigung hat er „sich nicht gewünscht, er zeigt sie auch niemandem, schwört Leo ein, sein Geheimnis niemals zu enthüllen“ – der Führung Gottes anheimgegebenes „Ich, das sich verliert“. „Wenn ich etwas am Christentum bewundere“, überlegt Kermani, „oder vielleicht sollte ich sagen: an den Christen, deren Glaube mich mehr als nur überzeugte, nämlich bezwang“, und „zum Vorbild nehme, zur Leitschnur auch für mich“, dann „die Liebe, die ich bei vielen Christen und am häufigsten bei jenen wahrnehme, die ihr Leben Jesus verschrieben haben,“ Liebe „über das Maß hinaus, auf das ein Mensch auch ohne Gott kommen könnte“ (169). Da ist „ein Rest, der mir unerklärlich bleibt, auch theologisch, weil keine Religion einen so … dezidiert ausschließenden Zug wie das Christentum aufweist“. „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“, sagt Jesus zu Thomas (Johannes 14,6). Man könnte misstrauisch werden. „Allein, ich bin nicht mehr mißtrauisch, sondern jedesmal dankbar, wenn ich Liebe erfahre, die keinen Unterschied macht.“ (170) Wie kommt ‚Heil‘ in die Welt(geschichte)? Der exklusiv EINE spricht Menschen an.

Wenn ich vorschlagen darf: Lesen Sie das Buch, betrachten Sie es, oder falls Sie es schon kennen, lesen und betrachten Sie es erneut. Sie könnten spannende Rätsel und lösende Antworten finden. Lassen Sie sich von dem Sprachkunstwerk faszinieren, genießen Sie – möglichst ‚protestantisch‘ unempfänglich für mystisch-erotische Beunruhigungen (144). (it)

Ilse Tödt (it), Dr. phil., Dr. theol. h.c., seit 1961 nebenamtlich Kollegiumsmitglied im Institut für interdisziplinäre Forschung / Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg.

itoedt@t-online.de

Diese Seite benutzt Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmen Sie dem zu. Datenschutzerklärung