Landeskunde

Südkorea besser verstehen

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2021

Vor sechzig Jahren war Südkorea noch ein armes Entwicklungsland. Heute gehört die Republik auf dem südlichen Teil der koreanischen Halbinsel zu den reichsten und innovativsten Volkswirtschaften der Welt. Vieles, was im benachbarten China autoritär durchgesetzt wurde, gelang mit viel weniger Repression – beispielsweise ein rasanter Geburtenrückgang oder die umfassende Technologisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Auch im Gegensatz zu Japan, dem anderen großen Nachbarn, leidet Südkorea bisher nicht unter gesellschaftlicher Vergreisung, Stagnation und Deflationsgefahr. In Deutschland ist das Land vor allem für seine Smartphones und Autos bekannt. Speziell bei Jugendlichen punkten Exportschlager wie der staatliche geförderte „K-Pop“. Aber davon abgesehen scheint doch vieles anders zu sein als hierzulande: Industriepolitik hat eine lange Tradition, die konfuzianische Religion eine noch viel längere. Das extrem leistungsorientierte Schulsystem stößt in Deutschland ebenso auf Unverständnis wie manch ein Schönheitsideal, dem mit Bleich-Crèmes oder Operationen ganz selbstverständlich auf die Sprünge geholfen wird. Auch Turbokapitalismus und die Kommerzialisierung sämtlicher Lebensbereiche scheinen hoffähiger als bei uns. Obwohl – oder gerade weil – mit Nordkorea in unmittelbarer Nachbarschaft das letzte wirklich kommunistische System regiert? Drei Bücher helfen dabei, Südkorea besser zu verstehen.

Jintae Froese, Fabian (editor), Doing Business in Korea, Routledge, 2019 (Buchangabe: 2020), 224 S., ISBN 978-1-138-54944-9 (paperback), £ 27,99 (€ 45,49).

Das erste hier vorgestellte Buch richtet sich an Unternehmen, die mit oder in Korea ins Geschäft kommen wollen. Sein Herausgeber ist Professor für Personalmanagement mit Schwerpunkt China/Asien an der Universität Göttingen. Er hat unter anderem in Mannheim Betriebswirtschaftslehre studiert und zweimal promoviert: In Sankt Gallen im Bereich Internationales Management und an der japanischen Waseda-Universität über Soziologie. Anschließend lehrte und forschte er an mehreren südkoreanischen und japanischen Universitäten. Auch die weiteren 14 Autorinnen und Autoren des Sammelbandes forschen in oder über Asien. Die meisten bekleiden Professuren oder Assistenzprofessuren, die Hälfte von ihnen arbeitet an asiatischen oder australischen Universitäten. Inhaltlich decken sie von Management- über Politik- bis zu Kulturwissenschaften ein breites Spektrum ab. Entsprechend weit fächert sich der gesamte Leitfaden.

Teil 1 beschreibt das ökonomische, politische und kulturelle Geschäftsumfeld in Südkorea. Die wirtschaftliche Entwicklung wird in drei Phasen unterteilt: Exportorientiert von den 1960er- bis 1990er-Jahren; anschließend neoliberal, d.h. wesentlich offener für ausländische Kapital- und Güterimporte; heutzutage technologisch spitze, aber auch herausgefordert durch schwerfällige Industriestrukturen und das massiv aufstrebende China. Das Politikkapitel konzentriert sich auf zwei Schlüsselereignisse, nämlich die Asienkrise von 1997 und die Amtsenthebung der Präsidentin im Jahr 2016. Beides habe den Einfluss der Regierung auf die Geschäftswelt verringert. Im Kulturbeitrag geht es um Konfuzianismus, Misstrauen, informelle Netzwerke und Regeln und das Zusammenspiel von Individualismus und Kollektivismus.

Teil 2 konzentriert sich auf Fragen rund um den Eintritt in den südkoreanischen Markt: Was ist bei Direktinvestitionen (FDI) zu beachten, wie exportiert man am besten dorthin? Wie lassen sich grenzüberschreitende Fusionen und Übernahmen (M&A) gestalten, was sonst können ausländische Firmen vom Gastland lernen? Das FDI-Kapitel bietet umfangreiche Statistiken. Sie könnten dabei helfen, eine Investitionsentscheidung örtlich oder auf eine Branche einzugrenzen. Der Exportbeitrag diskutiert vor allem die jeweiligen Vor- und Nachteile direkter und indirekter Ausfuhren nach Südkorea. Indirekte Exporte schalten einen Zwischenhändler im Herkunftsland ein. Der M&AAufsatz zeigt die bisherige Entwicklung auf, erläutert wichtige rechtliche Rahmenbedingungen und gibt Tipps, wie sich kulturelle Stolpersteine bei der Unternehmensintegration umgehen lassen. Der letzte Beitrag beschreibt technologisches und Management-Wissen, das Südkorea dem Westen voraus hat. Nicht alles davon lässt sich ohne weiteres erlernen.

Teil 3 vertieft, was vor Ort zu tun ist: Wie funktioniert Marketing in Südkorea, wie Personalmanagement (HR)? Was erwartet Expatriates, was ausländische Start-up-Unternehmern? Der Marketing-Aufsatz analysiert die spezifischen lokalen Konsumtrends und notwendige Anpassungen des Marketing-Mix an Besonderheiten des südkoreanischen Marktes. Der HR-Beitrag beschreibt, welche Personalmanagement-Praktiken dort üblich sind, wie ausländische Unternehmen koreanische Talente dauerhaft an sich binden können und welche weiteren Herausforderungen der lokale Arbeitsmarkt bereithält. Der ExpatArtikel zeigt, mit welcher Vorbereitung Entsendefirmen und ihre Arbeitskräfte einen drohenden Kulturschock abfedern können. Der Startup-Bericht liefert einen Einblick in Koreas klein- und mittelständische Unternehmenswelt, nennt attraktive Tätigkeitsfelder und viele praktische Anforderungen, die ausländische Gründer in Südkorea erfüllen müssen.

Jintae Froeses Business-Leitfaden ist übersichtlich strukturiert: Das Einführungskapitel des Herausgebers fasst die Beiträge prägnant zusammen und bietet sich deshalb zur ersten Orientierung an. Jeder Aufsatz verfügt über Einleitung und Zusammenfassung, anhand derer sich – je nach individuellem Interessenschwerpunkt – prüfen lässt, ob die Gesamtlektüre lohnt. Einige Artikel bieten darüber hinaus interessante Abbildungen, Tabellen oder Fallstudien. Daneben überzeugen die verlässliche Literaturbasis und offensichtliche Landeskunde der Autoren. Stilistisch sind die Texte für die vornehmlich angesprochenen Praktiker gut lesbar. Ein Wermutstropfen liegt in zuweilen älteren Quellen, die sich nicht immer wirtschaftshistorisch rechtfertigen lassen. Beispielsweise verweist das Kulturkapitel zum Thema „Netzwerke“ darauf, dass rund 50 Prozent der koreanischen Regierungselite und über 30 Prozent der Firmenlenker von einer einzigen Universität kämen. Diese Information stammt von 2007. Vielleicht ist Südkoreas Führung seither etwas diverser geworden.

 

Kubek, Dennis / Kim, Bielle, Korea. Ein Land zwischen K-Pop und Kimchi in 151 Momentaufnahmen, Conbook, 2019, 288 S., ISBN 978-3-95889-253-8, € 16,95.

Das zweite Buch bietet eine Landeskunde für jedermann. Es erschien erstmals 2015. Die vorliegende vierte Auflage wurde komplett überarbeitet und aktualisiert. Dennis Kubek hat Mediendesign studiert und ist nach eigener Angabe von Asiens Kulturen fasziniert. Die Innenarchitektin Bielle Kim wuchs in Seoul auf. Seit 2011 lebt und arbeitet sie in Deutschland. 151 Schlagworte von A wie Aberglaube bis Z wie Zivilschutz bieten einen Streifzug durch Südkoreas Gesellschaft und Kultur. Jeder Beitrag umfasst höchstens eine Textseite und wird durch ein Foto verziert. Das Buch lässt sich deshalb wie eine Illustrierte durchblättern. Entsprechend kurzweilig und abwechslungsreich gerät die Lektüre.

Unter dem Stichwort „Tigerstaat“ erläutert das AutorenDuo zum Beispiel Südkoreas wirtschaftliches Erfolgsrezept seit den 1970er-Jahren: Gezielte Förderung und Regulierung von Schwerindustrie, Maschinenbau, Elektronik und Schiffsbau; Exportorientiertes Wachstum – jüngst etwa durch massive Subventionen für koreanische Kulturgüter; Oligopolistischer Wettbewerb – die 20 größten Unternehmen erwirtschaften rund 80 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Historische Verletzungen arbeitet unter anderem der Beitrag „Trostfrauen“ auf. Darin geht es um koreanische Sexsklavinnen während des Zweiten Weltkriegs. Die 11- bis 14-Jährigen mussten täglich 20 oder mehr japanische Soldaten bedienen. Rund 65.000 der geschätzt 100.000 verschleppten Koreanerinnen starben dabei an Misshandlungen oder Geschlechtskrankheiten. Lange wurde das Thema totgeschwiegen. Aber seit 20 Jahren organisieren die wenigen Überlebenden Demonstrationen, in denen sie von Japan eine Entschuldigung und Reparationen fordern. Hochpolitisch wird das Buch schließlich im Artikel „Wiedervereinigung“: Deren geschätzte Kosten liegen bei 400 Mrd. Euro. Deshalb seien nur 35 Prozent der Südkoreaner dafür. Zumal die Kluft zwischen dem bettelarmen, autoritär regierten Norden und dem kapitalistischen Süden von Jahrzehnt zu Jahrzehnt größer werde. Auch sonst scheint die Ausgangslage in Korea ungleich schwieriger zu sein als in Deutschland Ende der 1980erJahre – und bekanntlich waren selbst hierzulande 30 Jahre Einheit mit Integrationsschwierigkeiten verbunden. Einen roten Faden oder eine strukturierte „Storyline“ kann diese Landeskunde von A bis Z naturgemäß nicht liefern. Die kurzweiligen Beiträge ähneln eher Appetitanregern oder Teilen eines Puzzles, die sich mehr oder weniger zu einem Gesamtbild fügen. Daneben gehen kritische Töne, beispielsweise am praktisch inexistenten Datenschutz, in Huldigungen der digitalen Fortschrittlichkeit ziemlich unter. Wofür die künstlerisch wertvollen und vielfältigen Fotos jedoch reich entschädigen dürften.

 

Janowski, Jan-Rolf, Fettnäpfchenführer Korea. Auch ein Affe fällt mal vom Baum, Conbook, 2019, 320 S., ISBN 978-3-95889-184-5, € 12,95.

Auch das dritte Buch erschien erstmals 2013. Die vorliegende sechste Auflage dieser Landeskunde wurde aber ebenfalls komplett überarbeitet und aktualisiert. Ihr Autor bereiste erstmals 2002 als Jugendlicher Südkorea. Von 2007 bis 2012 lebte und arbeitete er dort als freiberuflicher Radiomoderator, Journalist und Autor. Zwischen 2012 und 2015 lernte er beruflich auch Nordkorea kennen. Wer mehr erfahren will, wird in einem Interview der Freien Universität Berlin fündig. Dort erläutert Janowski ausführlich, was ihn zum Koreanistik-Studium trieb und wie sein damaliger Arbeitsalltag in der Deutschen Botschaft Pjöngjang in Nordkorea aussah.

Der Fettnäpfchenführer bezieht sich ebenfalls auf die Republik Korea. Anhand der fiktiven deutschen Studentin Julia und des ebenso erfundenen deutschen Praktikanten Nico schildert das Buch zahlreiche typische Alltagssituationen, die Neuankömmlinge mit kulturellen Schwierigkeiten konfrontieren. In 46 Kapiteln geht es vom Anflug bis zur Abreise um sämtliche Fallstricke, die gerade jungen Menschen in Südkorea drohen – ob männlich oder weiblich, beruflich oder privat. In jedem Kapitel erleben Julia oder Nico zunächst etwas, das sie nicht verstehen oder falsch einordnen. Anschließend erklärt der Autor, was hier warum falsch gelaufen ist. Kästen mit reinen Sachinformationen ergänzen das jeweilige Erlebnis und seine kulturelle Einordnung. Beispiel „Gelebte Demokratie“: Nico gerät auf dem Heimweg in eine politische Demonstration, deren Symbolik er nicht versteht. Die zugehörige Infobox erläutert die zugrundeliegenden „Kerzenscheinproteste“ der Jahr 2016 und 2017. Sie richteten sich gegen die damalige Präsidentin Park Geun-hye, die wegen Korruption im Gefängnis landete. Zum besseren kulturellen Verständnis erklärt Janowski schließlich, dass in einer „komplett medialisierten Demokratie“ nur „radikal wirkende Demos“ für Aufmerksamkeit sorgen (S. 192).

Geschmackssache sind Kapiteluntertitel wie „Spatzenzunge im Tee, Loch im Huhn“ und Zwischenüberschriften wie „Der Frosch erinnert sich nicht an seine Zeit als Kaulquappe“. Sie durchziehen das Buch und garnieren in obigem Beispiel ein Kapitel über koreanische Esskultur. Daneben könnte manch eine Erzählung um Julia oder Nico langatmig, banal oder klischeehaft wirken. Wer das nicht alles lesen will, sollte sich auf die Informationskästen konzentrieren. Sie erklären z.B. kurz und bündig Südkoreas inzwischen international gefragte Popkultur, die hierzulande unbekannte Google-Alternative Naver, beliebte alkoholische Getränke, die überragende Bedeutung ausländischer Markenartikel – vor allem deutscher!, den Weg zur Ausländerregistrierungskarte – auch auf Koreanisch ein Bandwurmwort namens „waegugindeungnokjeung“ (S. 66 f.), Koreas Geschichte, Hindernisse auf dem Weg zur Wiedervereinigung mit Nordkorea, den kulturell kaum zu überschätzenden Konfuzianismus koreanischer Prägung und die ganz eigene Trauerzeremonie. Besonders interessant für Deutschland sind die Hinweise auf „Jaebeols“, also industriepolitisch geförderte Firmenkonglomerate, und auf Koreas Top-Universitäten. Denn auch die deutsche Politik strebt immer unverblümter nationale oder europäische „Champions“ bzw. ein Studium für alle an. Die Jaebeols sieht Janowski allerdings kritisch: Sie hätten in Südkorea marktbeherrschende Oligarchien begünstigt, die der Autor als „dynastische Kraken“ (S. 159) bezeichnet. Und eine Abiturientenquote von fast 90 Prozent habe den Differenzierungsprozess einfach nur nach hinten verschoben, nämlich auf die Universitäten des Landes: Deren Niveau reiche von den drei renommierten SKY-Unis bis zu zahlreichen Einrichtungen, deren Niveau bestenfalls einer erweiterten Oberstufe entspräche. Schließlich zum Buchende: Hier empfehlen sich ein begriffliches Glossar und zwei Anhänge zu den jeweils zehn wichtigsten Dingen, die man in Südkorea unbedingt tun bzw. unterlassen sollte. Zur ersten Kategorie gehören zum Beispiel Ausflüge ins Seouler Nachtleben oder in die Bergwelt. Zur zweiten Gruppe zählen löchrige Socken und Widerspruch gegenüber einem Vorgesetzten oder Professor. Ob das wohl auch für Professorinnen gilt?

Prof. Dr. Britta Kuhn lehrt seit 2002 VWL mit Schwerpunkt International Economics an der Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain.

britta.kuhn@hs-rm.de

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