Betriebswirtschaft

Sturm im Wasserglas

Geht es der traditionellen BWL jetzt ans Leder? Werden Wöhe und Konsorten vom Sockel gestoßen? Wohl kein betriebswirtschaftliches Buch steht so für seine Zunft wie „der“ Wöhe. Für mehrere Generationen von BWL-Studenten ist (und bleibt?) das Buch schlichtweg ein Klassiker. Wöhe gilt der erste Griff, wenn es um die Vermittlung allgemeiner Grundlagen zur Betriebswirtschaftslehre geht. Und jetzt soll der Wöhe ausgedient haben? Neues Denken scheint in der BWL um sich zu greifen: Weg von bloßer Gewinnmaximierung hin zur Unternehmensethik, weg vom Zahlenoverkill hin zu echtem Corporate Social Responsibility. Die Bücher von Wöhe und Glogler könnten kaum unterschiedlicher sein, und dennoch drehen sich beide um das gleiche: Die Ausgestaltung moderner Betriebswirtschaftslehre.

Wöhe, Günter/Döring, Ulrich/Brösel, Gerrit, Einführung in die allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 26. Aufl., Vahlen, 2016, 991 Seiten, EUR 32,90, ISBN 978-3-8006-5000-2.

Glogler, Axel, Betriebswirtschaftsleere. Wem nützt BWL noch?, Neue Zürcher Zeitung. Frankfurter Allgemeine Buch, 2016, 199 Seiten, EUR 19,90, ISBN 978-3-02810-208-9.

Ohne Frage, er ist der Platzhirsch: Gut zwei Drittel aller Käufer greifen zum Wöhe, wenn sie sich in der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre kundig machen wollen. Die Erstauflage des Buches erfolgte bereits 1961. Obwohl das Cover ausschließlich auf den Autor Wöhe verweist, wird beim Aufblättern des Buchs deutlich, dass neben Günter Wöhe auch Ulrich Döring und Gerrit Brösel maßgeblich zu seinem guten Gelingen beitrugen. Wöhe selbst lehrte an der Universität Saarbrücken, er verstarb 2007. Über etliche Jahre hinweg wurde das Buch von seinem Schüler Döring betreut, der an der Universität Lüneburg bis zum Jahre 2010 lehrte. Und vor einiger Zeit übernahm die dritte Generation von Wissenschaftlern den Wöhe:

Gerrit Brösel unterrichtet an der Fernuniversität Hagen. Ungefähr alle zwei Jahre wird der Wöhe aktualisiert und überarbeitet. Dabei erreicht das Buch jeweils eine gedruckte Auflage von über einer Million Exemplaren.

Die Schrift von Wöhe steht inhaltlich für eine klassische, eher wirtschaftstheoretisch fundierte Betriebswirtschaftslehre. Darin finden sich bekannte betriebswirtschaftliche Bausteine: Nachdem die Geschichte der BWL behandelt wurde, erfolgt eine umfangreiche Schilderung zum traditionellen Aufbau eines Unternehmens (Organisation, Führung, Personalwirtschaft, Kontrolle, Informationswirtschaft, Controlling, Rechtsform, Standort). Die nächsten Abschnitte widmen sich der Produktion (Produktions- und Kostentheorie, Produktionsplanung) und dem Marketing (Marktforschung, Marketinginstrumente, Produkt, Preis, Kommunikation, Distribution). Im Kapitel Investition und Finanzierung erfährt der Leser von Investitionsplanung und Investitionsrechnung, Unternehmensbewertung, Finanzplanung, Innen- und Außenfinanzierung sowie finanzierungspolitischen Instrumenten. Auf über 370 Seiten wird im abschließenden sechsten Abschnitt das Betriebswirtschaftliche Rechnungswesen ausführlich beschrieben. Schwerpunkte bilden der Jahresabschluss (Bilanz, Erfolgsrechnung, Prüfung und Offenlegung, Internationaler Abschluss, Konzernabschluss, Bilanzpolitik und Bilanzanalyse) und die Kostenrechnung (Kostenarten-, Kostenstellen- und Kostenträgerrechnung, Kurzfristige Erfolgsrechnung, Plankostenrechnung). Im Wöhe findet sich gesicherte Betriebswirtschaftslehre. Diese wurde über die Jahre stets überarbeitet und ergänzt. Runderneuert wurde eine solche BWL freilich nicht. Studenten können den Wöhe gut dazu nutzen, um sich gezielt auf ihre Klausuren vorzubereiten. Wenn sie das ordentlich tun, kann in der Klausur zur Allgemeinen BWL eigentlich nicht mehr viel schief gehen. Der Wöhe enthält viele Aufzählungen und Tabellen. Die kann man prima auswendig lernen und in einer Klausur treffsicher unterbringen.

Es liegt nahe, dass sich in der „Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre“ Begriffe wie Gewinnmaximierung, Effizienzsteigerung, Liquiditätsreserve, Rationalisierungspotenzial oder Werterhöhung finden. Alles Themen, mit denen BWL-Studenten schon in ihren ersten Semestern konfrontiert und groß „gezogen“ werden. Und die Autoren im Wöhe verstehen sich darauf, anschaulich und übersichtlich in diese Welt einzuführen. Von Auflage zu Auflage wurde das didaktische Konzept verfeinert. Der Schreibstil ist lehrbuchgerecht, Beispiele aus der Praxis finden sich allerdings kaum. Genau hier setzen seit einigen Jahren die Kritiker an: Sie halten die wirtschaftstheoretische BWL für überholt, insbesondere weil ihr der verhaltenswissenschaftliche Aspekt fehle. Axel Glogler ist ein solcher Kritiker. Mit seiner „Betriebswirtschaftsleere“ legt er eine Schrift vor, welche die BWL-Welt eines Wöhe kritisiert. Glogler, selbst studierter Volkswirt und jetzt Wirtschaftsjournalist, sieht ein neues Zeitalter gekommen, in dem eine klassische Betriebswirtschaftslehre nicht länger haltbar ist. Er verdammt diese regelrecht. Eine seiner Thesen lautet: Bloße Gewinnmaximierung führt zu menschenunwürdigen Arbeitsverhältnissen. Kleinunternehmer kommen in der klassischen BWL gar nicht vor: Alt-BWLer richten sich statt dessen seit vielen Jahren an wenigen börsennotierten Konzernen aus, um ihre Theorien abzuleiten. Wo sind die Erfolgstories, die in der Garage geschmiedet wurden? Wo finden diejenigen Menschen ihren Platz, die ihre Ärmel hochkrempelten, um kleine Imperien zu schaffen? Was ist mit den vielen Internet-Startups? Haben sie in der klassischen BWL keinen Platz? Glogler erzählt im fast flapsigen Schreibstil Geschichten. Während im Wöhe hunderte von Abbildungen zum besseren Verständnis beitragen, sind es bei Glogler viele Unternehmensbeispiele. In der „Betriebswirtschaftsleere“ findet sich keine Abbildung. Glogler liefert dafür Anekdoten, die zum Teil durchaus amüsant zu lesen sind.

Das Buch Gloglers ist eine Grundsatzkritik, welche die Ausbildung des „klassischen Betriebswirtes“ an den Pranger stellt: Wozu sich vier oder fünf Jahre im Elfenbeinturm abmühen, wenn man die betriebswirtschaftliche Quintessenz auch in einem mehrwöchigen Crashkurs beigebracht bekommen kann? Studieren über 200.000 junge Deutsche aus ihrer tiefen persönlichen Neigung heraus Betriebswirtschaftslehre, oder tun sie dies vielleicht nur, weil ihnen partout nichts Besseres einfällt? Ist BWL Massenware, in die problemlos Heerscharen von Studenten hineingepresst werden können?

Jeder betriebswirtschaftliche Traditionalist bekommt in der „Betriebswirtschaftsleere“ Gloglers sein Fett weg. Besonders scheint er es auf private Elitehochschulen abgesehen zu haben. Denn eine der Kernthesen Gloglers ist, dass private Business Schools unter dem Strich auch nur BWL at its best vermitteln. Wofür viel Geld ausgeben, wenn man das auch (nahezu) kostenfrei haben kann? Warum sich an Rankings festklammern, wenn diese die Individualität einer Hochschule und ihrer Lehrenden unterdrücken und letzten Endes doch nur Geschäftemacherei sind? Warum im betriebswirtschaftlichen Zahlenwirrwarr einer klassischen Budgetierung untergehen, wenn doch bekanntlich weniger häufig mehr ist (Better Budgeting und Beyond Budgeting lassen grüßen)? Warum Jahr für Jahr kleine Kofferträger großzüchten, wenn zu guter Letzt der gesunde Menschenverstand und die eigene Triebkraft über den Unternehmenserfolg entscheiden? Natürlich will Glogler mit seiner Schrift provozieren und dafür werben, alte betriebswirtschaftliche Denkmuster über Bord zu werfen. Nicht nur weil sie für die Praxis untauglich, sondern weil sie sogar gefährlich wären. Hat nicht die klassische BWL in der Finanzkrise komplett versagt? Gibt es nicht viele Selfmade-Unternehmer, die auch ohne BWL-Studium erfolgreich ihr Geschäft lenken? Glogler liefert reichlich Beispiele von Machern, Leute die es geschafft haben, wovon der Otto-NormalBWL-Student kaum zu träumen wagt.

Beim Lesen der „Betriebswirtschaftsleere“ ertappt man sich hin und wieder dabei, kurz zu nicken und Glogler in vielem Recht zu geben. Doch beim zweiten Blick muss man sich fragen, ob Glogler nicht doch reichlich über das von ihm anvisierte Ziel hinaus schießt: Er wirft Wöhe und Konsorten vollmundig vor, fast alles falsch zu machen, was man denn falsch machen kann. Doch wo sind seine Alternativen? Wo sind seine empirisch belastbaren Konzepte? Reichen einige, zugegebenermaßen nett geschriebene, kleine Geschichten aus, um eine ganze wissenschaftliche Zunft in Frage zu stellen? Wohl kaum, denn Glogler kann zwar gut Meckern, doch bleibt er letzten Endes Antworten schuldig. Wie soll es denn nun konkret gemacht werden?

Dennoch ist es Menschen wie Glogler zu verdanken, dass Bewegung in die Sache kommt: Die moderne Betriebswirtschaftsehre darf sich nicht länger einigeln, sie muss Kritik aushalten können, sie muss ihren Tunnelblick aufgeben und sich öffnen. Die wirtschaftstheoretisch fundierte BWL muss dazu fähig sein, neue, verhaltenswissenschaftliche Ideen zuzulassen. Moderne Betriebswirtschaftslehre darf nicht Selbstzweck sein, sie muss die Anforderungen der Praxis erkennen, diese verarbeiten und praktikable Lösungen für das betriebliche Umfeld liefern.

Prof. Dr. Hartmut Werner lehrt seit 1998 Controlling und Logistikmanagement an der Hochschule RheinMain (Wiesbaden Business School).

Hartmut.Werner@hs-rm.de

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