Widerstand

Stille Helden Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Die Rettung von Verfolgten angesichts des Massenmordes an den europäischen Juden ist ein wichtiger Teil des Widerstandes gegen die nationalsozialistische Diktatur. Viele Retter schweigen, sie halten ihre Hilfe für selbstverständlich. Erst viel später wird ihr Handeln gewürdigt, u.a. durch die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die bis zum vergangenen Jahr mehr als 26.000 Frauen und Männer als „Gerechte unter den Völkern“ auszeichnet. In Deutschland widmet sich seit 2008 die Gedenkstätte „Stille Helden“ in Berlin der Erinnerung an diese Menschen.

Unter Gefährdung der eigenen Person haben die stillen Helden geholfen, dass Juden untertauchen können. Sie beschaffen falsche Pässe, leisten Fluchthilfe, stellen Quartiere zur Verfügung oder verstecken die Verfolgten in ihren eigenen vier Wänden. Schätzungen gehen davon aus, dass mehrere zehntausend Menschen in Deutschland jüdischen Verfolgten geholfen haben. Auch in den besetzten Ländern Europas finden sich stille Helden, die tödlich bedrohte Juden vielfach unterstützen.

Nun liegen in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Stille Helden (www.gedenkstaette-stille-helden.de) nach umfangreichen Nachforschungen vier Bände über Hilfeleistungen in den deutsch besetzten Gebieten vor. Die Bände weisen eine ähnliche Struktur auf, sind brillant geschrieben, enthalten zahlreiches, zum größten Teil unveröffentlichtes Bildmaterial. Die Erschließung erfolgt durch Personenregister und Literaturverzeichnis, Informationen zu den Autoren fehlen. Die Gestaltung ist mustergültig. Auf dem Buchdeckel herrscht dem Inhalt entsprechend die Farbe gelb vor: der hintere Buchdeckel ist ganz in gelb, der vordere Buchdeckel enthält neben einem großflächigen Foto den Buchtitel in gelb, die Rückeneinlage mit Buchtitel ist ebenfalls ganz in gelb gestaltet. Diese zum größten Teil unbekannten Materialien zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus sind eine bedeutende Bereicherung der internationalen Holocaust-Literatur, auch als ideales Anschauungsmaterial für Schulen zu nutzen.

Katrin Reichelt: Rettung kennt keine Konventionen. Hilfe für verfolgte Juden im deutsch besetzten Lettland 1941–1945. Berlin: Lukas Verl., 2016. 264 S. ISBN 978-3-86732-255-3 € 25.00

Die Autorin thematisiert die Bedingungen und Dimensionen der Rettung der Juden durch die einheimische Bevölkerung und stellt 17 Fälle vor, die die Herausforderungen und Gefahren dieser humanitären Hilfsleistungen vergegenwärtigen. Fast vier Jahre deutsche Besatzung hinterlassen tiefe Spuren im sozialen Gefüge Lettlands, die Befreiung von den deutschen Besatzern durch die Rote Armee bedeutet weitere Verfolgung und eine erneute blutige Okkupation. Der Rahmen für die Taten der stillen Helden sind umfangreiche Bemerkungen über Lettland im Zeitraum der NS-Besatzung 1941 bis 1944/45, die Verfolgung der Juden im NSbesetzten Lettland und die Politik der Umgestaltung Lettlands durch die Sowjetunion, die nur ungebrochene, positive und kommunistische Helden zulässt, die Hilfe und Solidarität für verfolgte Juden ablehnt. Erst mit der Loslösung Lettlands von der sowjetischen Besatzung 1991 werden die stillen Helden geachtet und geehrt.

Ein Beispiel ist die im fachbuchjournal vorgestellte Autobiographie von Valentˉına Freimane (Adieu, Atlantis. Erinnerungen. Göttingen, 2015. 340 S. ISBN 978-3-8353-1603-4 – in: fachbuchjournal 7 (2015) 6, S. 31). Die 1922 als Kind einer jüdischen Familie in Riga geborene Valentˉına L ˉevenštein heiratet 1941, wenige Wochen vor der deutschen Besetzung ihrer Heimat, den Medizinstudenten Dima Feinman, durch einen behördlichen Fehler erhält sie den Namen Freimane. Nach dem Einzug der deutschen Wehrmacht wird fast die gesamte Familie in das Rigaer Ghetto zwangsevakuiert, ihr Mann und die meisten Verwandten werden ermordet, Valentˉına gelingt es, in verschiedenen Verstecken zu überleben, darunter eine längere Zeit bei dem Publizisten Paul Schiemann. In ihrer Autobiographie berichtet Valentˉına über viele Facetten der Geschichte Lettlands in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und über die Menschen, die ihr im Untergrund helfen (Russen, Letten, Deutsche und Zigeuner). In Zeiten der sowjetischen Herrschaft hat sie durch ihre großbürgerliche Herkunft und als überlebende Jüdin Schwierigkeiten, kann aber als Film- und Theaterwissenschaftlerin Karriere machen.

In der Republik Lettland erhält sie 2001 die höchste Auszeichnung, den Drei-Sterne-Orden. Geehrt wird sie auch durch die Oper „Valentina“ des 1957 geborenen lettischen Komponisten Arturs Maskats.

Tanja von Fransecky: Sie wollten mich umbringen, dazu mussten sie mich erst haben. Hilfe für verfolgte Juden in den deutsch besetzten Niederlanden 1940–1945. Berlin: Lukas Verl., 2016. 320 S. ISBN 978-3-86732-256-0 € 25.00

Der Band zeigt anhand von 11 Fallstudien die unterschiedlichen Voraussetzungen und Formen jüdischer Selbsthilfe und Solidarität mit verfolgten Juden in den Niederlanden. Der Rahmen für die stillen Helden ist ein umfangreiches Kapitel der nationalsozialistischen Judenverfolgung in den Niederlanden von den Bürgerrechten der jüdischen Bevölkerung vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht, dem deutschen Besatzungsregime, den Instanzen und Maßnahmen der Judenverfolgung und der Kollaboration bis hin zu verschiedenen Formen des Widerstands und schließlich der Befreiung des Landes. In den Niederlanden werden unterdurchschnittlich wenig Juden gerettet: Die Hilfe für die verfolgte jüdische Bevölkerung kommt zu spät, nur wenige Menschen sind dazu bereit. Die Fallstudien beschäftigen sich u.a. mit der Westerweelgruppe, die etwa 300 Juden vor dem nationalsozialistischen Mordprogramm bewahrt, dem generationsübergreifenden Rettungsprojekt der Familie des Bauern Johannes Boogaard und mit dem weltweit bekanntesten Opfer des nationalsozialistischen Genozids an den Juden Europas Anne Frank (vgl. fachbuchjournal 6 (2014) 4, S. 6-7).

Claudia Schoppmann: Das war doch jenseits jeder menschlichen Vorstellungskraft. Hilfe für verfolgte Juden im deutsch besetzten Norwegen 1940–1945. Berlin: Lukas Verl., 2016. 232 S. ISBN 978-3-86732-257-7 € 25.00

Den Rahmen bildet ein Kapitel über Norwegen unter der deutschen Besatzung. Nur vereinzelt wird gegen die antijüdischen Maßnahmen der Quisling-Regierung protestiert. Sechs in Deutschland nicht bekannte Hilfsaktionen und Rettungen werden vorgestellt. Dazu gehören u.a. das Fluchthilfenetzwerk mit dem Tarnnamen Carl Fredriksen Transport, das in den sechs Wochen zwischen Gründung und Verrat 1.000 Menschen half, nach Schweden zu entkommen, und die Rettung von Kindern aus dem Jüdischen Kinderheim in Oslo. An der letztgenannten Aktion ist auch der deutsche Kommunist Hans Holm (1895–1981) beteiligt, der nach 1945 in der DDR im Verlagswesen arbeitet und als sog. Westimmigrant mehrfach Schwierigkeiten in der und durch die SED bekommt. Enttäuschend ist die nach der Kapitulation „mangelhafte juristische Aufarbeitung der norwegischen Verstrickungen in die Shoa“ (S. 214), erst in den 1990er Jahren wird die Entrechtung, Verhaftung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Norwegen öffentlich thematisiert.

Iva Arakchiyska: Kann ein Mensch dabei untätig bleiben? Hilfe für verfolgte Juden in Bulgarien 1940–1944. Berlin: Lukas Verl., 2016. 208 S. ISBN 978-3-86732-254-6 € 25.00

Das ist wohl das überraschendste Buch, weil die Beteiligung Bulgariens als Deutschlands Verbündeter im Zweiten Weltkrieg und an der Judenverfolgung in Mittel- und Westeuropa kaum bekannt sind. In den von Bulgarien besetzten Gebieten West-Thrakien und Vardar-Makedonien wird die jüdische Bevölkerung unter Aufsicht und tatkräftiger Mithilfe bulgarischer Behörden deportiert und in Vernichtungslagern ermordet. Im Unterschied zu den meisten europäischen Ländern fällt die jüdische Bevölkerung im Kernland Bulgarien nicht dem Holocaust zum Opfer, geschuldet der negativen Wendung des Weltkrieges für Deutschland und den Unruhen und Protesten bei der Umsetzung der Vernichtungspläne in die Praxis. Eingebettet in Kapitel über den politischen Kontext und die Situation der bulgarischen Juden werden die Spezifika und Dimensionen der Hilfeleistungen summarisch und an einzelnen Beispielen dargestellt. Dazu gehören die konstante Unterstützung durch Politiker, Intellektuelle und Geistliche wie den Vizepräsidenten des Parlaments Dimitar Peschev, den Vorsitzenden des Bulgarischen Ärzteverbandes Ivan Koichev, den Schriftsteller Hristo Punev, die Bulgarische Orthodoxe Kirche mit Metropolit Stefan von Sofia und Kyrill von Plovdid oder die Hilfe für die Juden aus den okkupierten Gebieten oder Diplomaten der bulgarischen Konsular- und Handelsabteilung in Sofia, die Transitvisa für europäische Juden ausstellen. Nach 1944 werden kommunistische Helden mythisiert, andere Akteure geraten in Vergessenheit. Erst nach 1989 beginnt in langsamen Schritten die Aufarbeitung dieses Themas.

Diese beeindruckenden Schilderungen über stille Helden werden durch thematisch verwandte Bücher ergänzt.

Klaartje de Zwarte-Walvisch: Mein geheimes Tagebuch. März – Juli 1943. München: Verl. C.H. Beck, 2016. 201 S. ISBN 978-3-406-68380-0 € 17.95

Am 22. März 1943 holen die Nationalsozialisten die damals 32 Jahre alte Näherin Klaartje de Zwarte-Walvisch und ihren Mann aus ihrem Haus in Amsterdam und bringen sie zur zentralen Sammelstelle in Hollandsche Schouwburg. Von dort geht es für sie über die Konzentrationslager Herzogenbusch und Westerbork in das Vernichtungslager Sobibór, wo sie unmittelbar nach ihrer Ankunft am 16. Juli 1943 ermordet wird. Ihr Mann wird auch deportiert, wo er stirbt, ist nicht bekannt. Ihr vor einigen Jahren durch Zufall entdecktes Tagebuch, das sie vom 22. März bis zum 4. Juli 1943 führt, macht in den Niederlanden nach der Veröffentlichung 2009 Schlagzeilen, auch weil es viele Niederländer an Anne Frank und ihre Aufzeichnungen erinnert. Nun erscheint es endlich auch in Deutschland, mit einer Einführung von Ad van Liempt und einem Nachwort (zur deutschen Ausgabe) von Leon de Winter. Klaartje de Zwarte-Walvisch beginnt zu schreiben als Anne Frank aufhören musste – bei ihrer Deportation („Es gibt nur sehr wenige ausführliche Zeugnisse von Holocaustopfern auf ihrem Weg in den Untergang.“, S. 177). Beide schreiben mit dem gleichen Ziel: Die Welt soll erfahren, was mit ihnen und ihren Verwandten und Freunden stellvertretend für das jüdische Volk geschehen ist.

Klaartje de Zwarte-Walvischs Aufzeichnungen sind ein Bericht aus dem inneren Zirkel der systematischen Vernichtung der europäischen Juden. Es ist kein unterhaltsamer Lesestoff, sondern „vom Anfang bis zum Ende die Geschichte einer grausamen, teuflischen Illusion“. (S. 184) Der Rezensent bestaunt ihre journalistischen, investigativen Fähigkeiten, ihre Offenheit, mit der sie von den Qualen und der Brutalität in den KZs berichtet, wie sie emotional ungeschönt und unverholen Ross und Reiter nennt. Bemerkenswert sind auch ihr schwarzer Humor und ihre Ironie. Und ihre Analyse und Weitsicht: „Wie man manchmal einfach so ein Stück Papier zerreißt, so wurden Herzen und Seelen zerfetzt und auseinander gerissen. Alles ging in Stücke. Alles wurde zertreten, beschmutzt und für immer zerstört. Das war Zivilisation. Das war Kultur. Das war das neue Europa.“ (S. 179) „Mich erfüllt die brennende Hoffnung, dass alles, was ich hier aufgeschrieben habe, einmal die Außenwelt erreicht. Nicht um Propaganda zu betreiben, sondern nur, damit diejenigen, die von diesen Zuständen nichts wissen (und davon gibt es noch genug) davon erfahren.“ (S. 190) Ein Tagebuch mit großer historischer Bedeutung – nicht nur für die Geschichte des Holocaust in den Niederlanden, sondern für die gesamte Holocaustforschung unverzichtbar, und für Schulen neben und mit dem Tagebuch der Anne Frank eine lohnenswerte Lektüre.

Hartmut Traub: Ein Stolperstein für Benjamin. Den namenlosen Opfern der NS- »Euthanasie«. Essen: Klartext Verl., 2013. 88 S. ISBN 978-3-8375-0902-1 € 14.95

Der Autor erzählt die Geschichte von seinem am 25. November 1914 geborenen Onkel Benjamin, der mit seinen drei Brüdern in einer reformiert protestantischen Predigerfamilie aufwächst. 1931 wird er mit der Diagnose Jugend-Schizophrenie („ein diffuses, komplexes, facettenreiches und für Benjamins weiteren Lebensweg schicksalhaftes Krankheitsbild“, S. 18) in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau eingewiesen, nach neun Jahren wird er nach Weilmünster verlegt, ein Jahr später in die nahe gelegene Tötungsanstalt Hadamar – vergast am 13. März 1941, angeblich gestorben an den Folgen einer Grippe mit Hirnhautentzündung. Heute erinnert ein Stolperstein vor dem Wohnhaus Auerstraße 59 in Mülheim an Benjamin. „Benjamins Geschichte ist die Geschichte von zigtausend Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden, die durch eine krisenhafte Lebenssituation in das tödliche Räderwerk eines menschenverachtenden Systems gerieten.“ (S. 8) In der Familie wird darüber nicht gesprochen, sie hat alles verdrängt. Hartmut Traub aber recherchiert in Tagebüchern und Fotoalben der Familie, in Archiven und heutigen Gedenkstätten. Entstanden ist ein großartiges Buch, das das Schicksal von Benjamin in den Zusammenhang der bundesdeutschen Nachkriegs- und Gegenwartsgeschichte stellt. Über 400.000 Menschen werden in Deutschland zwischen 1934 und 1945 zwangssterilisiert und mehr als 200.000 in Heil- und Pflegeanstalten ermordet. In der Gaskammer von Hadamar werden zwischen Januar und August 1941 10.113 Männer, Frauen und Kinder umgebracht und im Krematorium der Vernichtungsanstalt verbrannt.

Der Autor erzählt die Geschichte Benjamins eingebettet in die T4-Aktion, mit der „Hitlers rassistische Ideen von Zucht und Züchtung, von Selektion und Ausmerze ,minderwertiger‘ Bevölkerungsgruppen systematisch“ (S. 23) verwirklicht werden. Erst 1974 wird das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 (Erbgesundheitsgesetz)“ außer Kraft gesetzt, erst 1988 stellt der Bundestag fest, dass die auf der Grundlage dieses Gesetzes vorgenommenen Zwangssterilisationen nationalsozialistisches Unrecht sind, erst 1998 beschließt der Bundestag, die Entscheidungen des Erbgesundheitsgerichts aufzuheben, erst 2007 wird das Gesetz von 1933 vom Bundestag geächtet. Entsprechend dieser Gesetzeslagen werden die Täter kaum zur Rechenschaft gezogen. Wer sich über den Stand der Anerkennung, Rehabilitation und Entschädigung der Opfer der Eugenik und Euthanasie anno 2016 informieren will, der informiere sich bei der „AG Bund der ,Euthanasie‘-Geschädigten und Zwangssterilisierten“. Vor diesem Hintergrund ist das Buch von Hartmut Traut ein Aufruf, diese brutale Menschenverachtung zu verurteilen und die Opfer schnellstmöglich zu entschädigen.

Edith Jacobson: Gefängnisaufzeichnungen / Hrsg. Judith Kessler, Roland Kaufhold. Gießen: Psychosozial-Verl., 2015. 247 S. ISBN 978-3-8379-2513-5 € 29.90

Edith Jacobson (1897–1978) entstammt einer jüdischen Ärztefamilie, studiert Medizin, legt in München 1922 das Staatsexamen ab, wird ein Jahr später in Heidelberg promoviert. Fortan beschäftigt sie sich mit Psychoanalyse u.a. im Berliner Psychoanalytischen Institut bei Otto Fenichel. 1930 wird sie Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft. 1933 entscheidet sie sich gegen eine Emigration und wird Mitglied der marxistischen Widerstandsorganisation „Neu Beginnen“. 1935 wird sie verhaftet und nach elf Monaten Untersuchungshaft zu über zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Dort verfasst sie Aufzeichnungen über ihre Lebenssituation, Gedichte und eine psychoanalytische Studie, die später auch veröffentlicht wird. Sie erkrankt in der Haft, von einem Krankenhaus gelingt ihr die Flucht über die Tschechoslowakei in die USA, wo sie bis zu ihrem Tode bleibt und eine der renommierten Psychoanalytikerinnen wird. 1941 wird sie Mitglied der New York Psychoanalytical Society and Institute und von 1954 bis 1956 deren Präsidentin. Sie gilt heute als führende Theoretikerin und Klinikerin der nachfreudianischen US-amerikanischen Psychoanalyse, mehrere ihrer Bücher zählen heute zu den Klassikern der Psychoanalyse. In Deutschland gerät sie in Vergessenheit, erst nach 1970 erscheinen ihre Werke auch in deutscher Sprache. 2005 wird eine Gedenktafel an ihrem Wohnhaus in der Emser Straße in Berlin angebracht. Die o.g. Aufzeichnungen entdeckt Judith Kessler im Nachlass ihrer Mutter und gibt sie 80 Jahre nach Niederschrift komplett als Abschrift und Faksimile unter dem Titel Gefängnisaufzeichnungen heraus. Sie werden von den Herausgebern eingeleitet durch Essays zur Geschichte der Gefängnisnotizen und zu Leben und Werk von Edith Jacobson.

Da finden sich sehr schöne Gedichte, d.s. verschiedene Erinnerungen, Naturbeobachtungen und Metaphern, zwischen diesen in der Heftmitte vier Seiten Selbstbeschreibungen „Einige Betrachtungen über physische und psychische Hafteinwirkung“ mit dem Fazit: „Depersonalitätserscheinungen: Unwirklichkeitsgefühle; unmöglich, daß man das hier ist, traumartiges Empfinden!“ (S. 110), abschließend eine Arbeitsskizze „Zur Technik der Analyse Paranoider“. Eine interessante Ergänzung zur Geschichte der Psychoanalyse und des Widerstandskampfes gegen den Nationalsozialismus.

Alexander Goeb: Die verlorene Ehre des Bartholomäus Schink. Jugendwiderstand im NS-Staat und der Umgang mit den Verfolgten von 1945 bis heute. Die Kölner Edelweißpiraten. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel Verl., 2016. 178 S. ISBN 978-3-95558-162-6 € 16.90

In Köln-Ehrenfeld werden am 10. November 1944 13 Mitglieder der „Ehrenfelder Gruppe“ um den 23jährigen geflüchteten KZ-Häftling Bartholomäus Schink ohne Gerichtsverhandlung, ohne Anklage und Urteil hingerichtet. Sechs der Erhängten sind zwischen 16 und 18 Jahre alt. Die Gruppe praktiziert Widerstand gegen den Nationalsozialismus: Sie verüben Sabotageakte, stehlen Lebensmittel, gehen mit Waffengewalt gegen NS-Funktionäre vor und helfen Zwangsarbeitern und versteckten Juden.

Nach 1945 gelten sie jahrzehntelang als Verbrecher und entgleiste Rowdys. Alexander Gröb trägt über 30 Jahre lang wesentlich dazu bei, dass die Ermordung der Mitglieder der Ehrenfelder Gruppe zu einem öffentlichen Thema wird. Er dokumentiert in Zeitungsbeiträgen, Reportagen und Büchern ihren Widerstand, ihre Verfolgung durch die Nationalsozialisten und den erschreckenden Umgang mit ihnen nach 1945 und ihre (zu) späte Anerkennung als Widerstandskämpfer im Jahre 2005. Als Beispiel kann sein in neun Auflagen erschienenes Buch „Er war sechzehn, als man ihn hängte“ (Reinbek 2012) dienen.

In dem vorliegenden Buch versucht der Autor Antwort zu geben auf folgende Fragen: „Warum konnte es nach dem Krieg dazu kommen, dass in der neuen Bundesrepublik Deutschland die Urteile der Nazis nahtlos übernommen wurden? Wie war es möglich, dass die Henker und Folterer straffrei davon kamen oder zu geringfügigen Strafen verurteilt wurden?“ (S. 8) Er beschreibt ausführlich den Kampf der Ehrenfelder Jugendlichen gegen den Nationalsozialismus, ihre Ermordung und den Kampf um deren Rehabilitierung in der Bundesrepublik. Für den Rezensenten ist das Kapitel über die Rückkehr NS-Belasteter in höchste Ämter von Politik und Justiz und die zögerliche Rehabilitierung und Wiedergutmachung nach Kriegsende – selbst um Gedenktafel und Straßenbenennung entbrennt ein unwürdiger Streit – das stärkste und erschütterndste. Eine der Zeitzeugen: „Wir sind regelrecht kriminalisiert worden. Die Nazis hatten noch unheimlichen Einfluß.“ (S. 90)

Die Ehrenfelder Jugendlichen, so das Fazit dieses aufrüttelnden Buches, sollten in gleicher Weise geehrt werden wie die Geschwister Scholl.

Prof. em. Dieter Schmidmaier (ds), geb. 1938 in Leipzig, studierte Bibliothekswissenschaft und Physik an der Humboldt-Universität Berlin, war von 1967 bis 1988 Biblio theksdirektor an der Berg akademie Freiberg und von 1989 bis 1990 General direktor der Deutschen Staatsbibliothek Berlin.

dieter.schmidmaier@schmidma.com

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