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Stalinismus – Höhepunkt und Zerfall

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 1/2020

Renate Lachmann, Lager und Literatur. Zeugnisse des GULAG, Reihe: Konstanz University Press, Wallstein, 2019, 504 S., 41 Abb., geb., ISBN 978-3-8353-91123. € 39,90.

Zu Lebzeiten des misstrauischen Tyrannen Josif Stalin, der über seine Untertanen unermessliches und unsagbares Unglück gebracht hatte – so unermesslich, dass Zahlen1 und Worte ihre Aussagekraft zu verlieren drohen –, drang kein Laut aus seinem Reich der Konzentrations-, Arbeitsund, wirklich, Besserungslager, und genauso wenig aus dem gesamten Reich, der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Nur Emigranten berichteten, seit den zwanziger Jahren, und wurden im Westen nicht nur kaum gehört, sondern wurden auch der Unwahrheit bezichtigt, so später in Frankreich von Sartre und Aragon, die sich damit allerdings selbst das Urteil sprachen.2

Nach Stalins Tod am 5. März 1953 setzte eine langsame und zähe Lockerung ein. Aber es war dann erst Alexander Solschenizyns Werk, das eine grundsätzliche Änderung brachte. In der Sowjetunion hatte Solschenizyns kleines vorsichtiges Buch über einen Tag des „Iwan Denissowitsch“ noch den Anfang einer Lockerung machen können, aber erst mit dem Amtsantritt Gorbatschows wurde die Entwicklung unumkehrbar3 . Eine Flut autobiographischer und literarischer Bücher über die Lager und über politische Verfolgung überhaupt ist jetzt im öffentlichen Leben Russlands präsent. Renate Lachmann4 hat mit dem vorliegenden Buch die herkulische Aufgabe gemeistert, diese Literatur eben als Literatur zu durchdenken und vorzustellen. Das bedeutet alles andere als eine abgehobene Schöngeisterei, denn selten sind die Prozeduren der Verhaftung, der Verurteilung, des Lageraufenthalts so konkret dargestellt worden wie hier, gerade weil es sich – auch – um ihre literarische Formung handelt. Können, dürfen denn diese oft qualvoll-tödlichen Vorgänge Gegenstand der Literatur sein? Sie müssen es. Zum einen hat große Literatur ohnehin zumeist sehr ernste Gegenstände zum Inhalt, deutlich schon in der Ilias mit ihrer Schilderung der furchtbaren Kämpfe um Troja – in kunstvollen Hexametern. Vor allem aber können schreckliche Erlebnisse, wie sie das Leben im Gulag prägten, nicht unmittelbar in das Bewusstsein der Leser eingehen – nicht einmal immer in das dessen, der sie erleiden musste –, sondern sie müssen geformt werden. Davon spricht das Buch.

Es ist so vielgestaltig, es birst von Tatsächlichem, von Sichtweisen, von Autoren-Individualitäten, dass es hier nicht möglich ist, selektive Hinweise und Stichworte zu geben. Eine Hilfe ist die Gliederung in Groß-Kapitel: Wissen und Wissensmöglichkeiten (Sartre, Aragon, Camus); Vorgänge vor der Einweisung ins Lager, am bekanntesten die psychopathischen Prozessfarcen; das Lagerleben, in dem die Kriminellen einen Terror im Terror praktizierten; die Arten des Schreibens durch die Davongekommenen; die Rolle des Autobiographischen; das Schreiben der Nachgeborenen.

Den Davongekommenen war das Schreiben oft deshalb nicht möglich, weil es zu belastend war; wie oft wird aus diesem Grunde auch von denen geschwiegen, die den NS-Gräueln entkommen konnten! Insbesondere aber reicht die Sprache für Derartiges nicht aus. Die Sprache, die Worte sind für menschliches Zusammenleben, auch sehr konfliktreiches, entstanden. Welche Worte stellt sie denn bereit, um das Geschehen im Lager zu benennen, das jenseits aller sonstigen Erfahrung liegt? Es ist ja von der Art, dass auch für die Sowjetlager Primo Levis Frage „Ist das ein Mensch?“ gestellt werden kann.

Renate Lachmann hat neben ihrer literaturwissenschaftlichen Leistung auch dazu beigetragen, durch die Aufarbeitung dieser Fülle von Autoren, Büchern, Gegenständen auch Nichtfachleuten die Möglichkeit zu geben, diese Literatur wirklich kennenzulernen; das Buch ist ja in einem durchsichtigen, klaren Stil geschrieben. Die Lager – dort und anderswo – und das, was zu ihnen geführt hat, sind und bleiben ein Teil unserer europäischen Geschichte, und der Zugang zu den mit ihnen verbundenen Problemen ist durch das Buch wesentlich besser möglich geworden. Es hilft zu dem, was von uns verlangt werden muss, zur Anteilnahme.

Andreas Petersen, Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte. S. Fischer, Frankfurt am Main, 2019, 384 S., geb., ISBN 978-3-10-397435-5. € 24,00.

Man weiß, dass beim Aufbau der DDR schon seit dem Sommer 1945 mit der Gruppe Ulbricht die Moskau-Emigranten die wichtigste Rolle spielten. Das lag natürlich daran, dass sich diejenigen, die etwa nach Mexiko oder gar in die USA gegangen waren, die Frage gefallen lassen mussten, warum sie eigentlich das Vaterland der Werktätigen gemieden hätten. Die Moskau-Emigranten hatten eben authentische Kenntnisse aus erster Hand, wenn auch nicht unbedingt erfreuliche – und darin liegt die zutreffende und neue These des Buches: Das Führungspersonal der DDR war bis in die mittleren Ränge hinein in der Weise durch die Moskauemigration geprägt worden, dass es paradoxerweise die eigenen schrecklichen Erfahrungen waren, die ihr späteres Handeln nicht etwa gegen, sondern für den Stalinismus bestimmten. Das zeigt das Buch durch biographische Skizzen plastisch und eindrucksvoll. Die Erfahrungen waren diejenigen, die auch die Sowjetbürger zu machen hatten: nach anfänglicher pluralistischer – im Rahmen des leninschen Bolschewismus!

– Entwicklung wurden Politik und geistiges Leben immer mehr eingeschränkt, und hinzu kam die immer noch rational kaum verständliche psychopathische Verfolgungsmanie. Wer von deutscher Seite das alles überlebt hatte, tagaus tagein Angst haben musste, abgeholt zu werden, oder sogar auch im Lager war, war als der stalinistische gefühlskalte Funktionär qualifiziert, der auf Kommando gehorchte und Gehorsam für seine Kommandos verlangte. Die Repression im neu gegründeten Staat DDR entsprach in vielem der der stalinschen Sowjetunion, sogar Schauprozesse wurden vorbereitet; dass sie nicht schon früher geplant wurden, lag wohl an der fragilen Situation des gespaltenen Landes und an der Inanspruchnahme durch den Aufbau eines kommunistischen Staates. Aber fiktive Verdächtigungen und Säuberungen gab es dennoch, so etwa im Zusammenhang mit dem Fall Noel Field.5

Diese Erfahrungen wurden, wie in der SU, nie öffentlich gemacht, sie wurden beschwiegen, zumeist freiwillig – um „dem Gegner keine Handhabe zu bieten“ –, oder auch gezwungenermaßen. Alles war bestimmt durch die euphemistisch so genannte Parteidisziplin, den Kadavergehorsam. So verhielten sich dann ja auch diejenigen Parteimitglieder, die in andere Länder emigriert gewesen waren, Anna Seghers, Mexiko-Emigrantin, ist ein Beispiel.

Als Beleg für die Aussagen des Buches sei das spätere persönliche Verhalten Stalins genannt, woran sich Leser des fachbuchjournals erinnern mögen.6

Bei den Gesprächen, die die SED-Führung (ohne Ulbricht, mit Grotewohl) noch vor der DDR-Gründung bei ihm in Moskau hatte, fällt auf, dass er sich zum einen gelegentlich über sie lustig machte, zum anderen den Wahrheitsgehalt mancher in der Tat schönfärberischen Berichte ostentativ bezweifelte. Natürlich ließen sich Pieck und alle anderen das von demjenigen gefallen, dessen politisches Leben unzählige Opfer gefordert hatte und vor dem auch sie selbst elementare Angst um Freiheit und Leben gehabt hatten. Das Buch fügt dem Bild von der Herrschaft und der Herrschaftspraxis der SED ein neues Element hinzu.

Schiefer, Mark / Stief, Martin (Bearb.), Die DDR im Blick der Stasi 1989. Die geheimen Berichte an die SED-Führung, V & R, 2019, 320 S., 8 Abb., geb., ISBN 978-3-525-31066-3. € 30,00.

Im Herbst 1989 begann eine Revolution, die in noch nicht einmal einem Jahr den gesamten Staat Deutsche Demokratische Republik beseitigte, diesen Staat mit dem Feindstaat Bundesrepublik Deutschland zusammenführte und die dessen politische und gesellschaftliche Struktur vollständig übernahm. Wie nahm das Sicherheitsministerium diesen Vorgang wahr, wie berichtete es darüber und wie wurden die Berichte aufgenommen? Zunächst stellen die Vorgänge selbst eine Besonderheit dar. War in früheren Bänden der Reihe oppositionelles Geschehen berichtet worden, so doch immer als Ausnahme, das wenig an die Öffentlichkeit gelangte. Das wurde jetzt anders, und das wurde verhältnismäßig ungeschminkt in den Berichten dargestellt.

Es begann mit den Kommunalwahlen im Mai, bei der die Opposition schon angekündigt hatte, sie überwachen zu wollen, und bei der sie an vielen Orten tatsächlich die Auszählung überwachte – die Behörden und das MfS scheinen fast überrumpelt worden zu sein. Der Protest war so umfangreich und so furchtlos – die Akteure gaben regelmäßig Name und Adresse an –, dass die Leute von der Sicherheit kaum noch nachkamen. Das verstärkte sich im Laufe des Jahres, und ab September wuchs der Widerstand zu einer Massenbewegung an. Das MfS musste nun von der Gründung oppositioneller Organisationen berichten und tat das von abschätzig-hilflosen Adjektiven abgesehen verhältnismäßig offen, es legte sogar die jeweiligen Gründungsaufrufe bei. Womöglich noch beunruhigender war, was über die Stimmung in der Gesell ­ schaft und sogar auch bei „progressiven Kräften“ und Parteimitgliedern berichtet wurde – es unterschied sich in der Sache kaum von dem, was die Opposition vorbrachte.

Die Berichte gingen an ungewöhnlich zahlreiche Mitglieder der Parteiführung, die sich also ein zutreffendes Bild von der Lage hätte machen können. Davon war aber nicht viel zu spüren. Vom Generalsekretär Honecker ist unter anderem durch den Planungschef Schürer bekannt, dass er es untersagte, ihm negative Wirtschaftsdaten vorzulegen, und ähnliches haben wir hier anzunehmen. Die Partei reagierte so ahnungs- und hilflos auf die Vorgänge, dass der Schluss unvermeidlich ist, dass diese führenden Männer die Berichte lieber nicht gelesen haben. Was hätten sie auch machen sollen? Die Forderungen nach größerer Freiheit der Reisemöglichkeiten oder nach wahrheitsgemäßer Berichterstattung der Medien richteten sich ja gegen die Substanz einer kommunistischen Herrschaft, nämlich gewaltbewehrte Freiheitsbeschränkung und wahrheitswidrige Indoktrination. Das war jetzt etwas, was überall im sich auflösenden Ostblock geschah. Und dennoch: Dass eine Revolution begonnen hatte, die den gesamten Staat hinwegfegen werde, das hatte das Sicherheitsministerium doch nicht gesehen. Vorwerfen kann man ihm das eigentlich nicht, denn sogar die meisten Akteure waren sich zunächst über den Charakter dieses ihres eigenen Tuns nicht klar.

Rainer Eckert, SED-Diktatur und Erinnerungsarbeit im vereinten Deutschland. Eine Auswahlbibliografie, Halle: Mitteldeutscher Verlag, 2019, geb., 764 S., ISBN 978-3-96311-206-5. € 40,00.

Diese Bibliographie ist ein nüchternes Fachbuch und Arbeitsbuch, wenn es je eines gab – zunächst. Aber schon die Tatsache, dass der Autor dieses Buch von 761 Seiten eine Auswahlbibliographie nennt, zeigt, dass es sich um etwas Besonders handelt. Das wird dadurch noch deutlicher, wenn man sieht, dass für die DDR allgemein zehn Seiten ausreichten. Der Löwenanteil ist, sozusagen, eine Spezifizierung dessen, was der Titel sagt, die DDR als Diktatur. Vorbei ist die Zeit, in der versucht wurde, Teil-Sympathien in terminologische Variationen wie kommod oder modern zu kleiden, mit denen diese Diktatur weichgespült zu werden drohte. Diktatur ist, das zeigt das Buch deutlicher als manches andere, das richtige Wort. Allerdings war sie – wie andere von kommunistischen Parteien regierte Staaten auch – keine traditionelle Diktatur, wie sie in anderen Teilen der Welt und im Europa der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts häufig war, mit der Franco-Diktatur als letztem Ausläufer. Die DDR war die Diktatur einer in sich diktatorisch verfassten Partei, und so lautet dann auch der endgültig-gültige Titel des Buches: SED-Diktatur. Wie diese Parteidiktatur strukturiert war, das zeigen so viele Kapitel und in sich aufgeschlüsselte

Unterkapitel, und wenn Opposition und Widerstand einen besonders großen Raum einnehmen, so weist gerade dieser Gegenstand insofern über sich hinaus, als an ihm die konkrete Diktatureigenschaft des Regimes deutlich wird. In der klugen und vorbildlich klaren Einleitung wird einer der Zwecke der Bibliographie deutlich: Es geht auch darum, durch die Erinnerung an den damaligen erfolgreichen Widerstand aktuellen Freiheitsgefährdungen entgegenzutreten, und so ist der Begriff Erinnerungsarbeit im Titel zu verstehen. Wie jede gute Bibliographie fallen auch hier Forschungslücken auf. Es gibt nämlich überraschend wenig die SED als Partei und als Organisation betreffende bibliographische Angaben. Nur ist daran die Bibliographie nicht schuld, sondern die Forschungslage. Daher sei zum Schluss angemahnt, dass die innere Struktur der durch die Sowjetunion und nach dem Vorbild der sowjetischen Partei geformten SED intensiver untersucht werden sollte.

Prof. Dr. Wolfgang Schuller ist Althistoriker und Volljurist.1976 folgte er einem Ruf als Ordinarius an die Universität Konstanz, wo er bis zu seiner Emeritierung Anfang 2004 als Lehrstuhlinhaber für Alte Geschichte blieb.

wolfgang.schuller@uni-konstanz.de

1 Die Autorin spricht von 20 bis 30 Millionen Häftlingen, wozu noch die Angehörigen kommen; außerdem ist die allgegenwärtige Angst davor zu berücksichtigen, ebenfalls auf diese Weise zu verschwinden.
2 Wer wollte, konnte natürlich schon vorher ein zutreffendes Bild bekommen, insbesondere dann, wenn er auf die Sowjetzone und die DDR blickte. Nach vielen anderen Büchern – zuerst Kravchenkos Ich wählte die Freiheit – war dann Nadeschda Mandelstams Das Jahrhundert der Wölfe mein Schlüsselerlebnis.
3 Hoffentlich doch wohl trotz Einschränkungen durch Putins Politik.
4 Sie war meine Fakultätskollegin in Konstanz; dennoch meine ich, das Buch unbefangen beurteilen zu können.
5 Vielleicht kann ich aus meiner juristischen Arbeit (Geschichte und Struktur des politischen Strafrechts der DDR bis 1968, 1980) noch hinzufügen, dass Theorie und Praxis auch des politischen Straf- und Strafprozessrechts weitgehend auf Fiktionen und Wahnvorstellungen beruhten.
6 fbj 5, 2013, Heft 2, S. 62 f.

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