Landeskunde

Sri Lanka

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2019

Manuka Wijesinghe: Ein Mann des Mittleren Weges. Roman. Übersetzt von Reinhold Schein. 407 S. Heidelber ­ g: Draupadi 2019. Kt., 410 S., ISBN 978-3-945191-45-3, € 24,80

Könnten Sie auf Anhieb ein Werk der singhalesischen Literatur nennen, also ein Werk, das auf der Insel Sri Lanka, dem früheren Ceylon, entstanden ist? Dem einen oder anderen fällt vielleicht der in Sri Lanka geborene Michael

Ondaatje ein, der in einem seiner Bücher seiner Familiengeschichte im kolonialen Ceylon nachging; nur wenige dürften dagegen Vijayavardhanas englischsprachigen Roman „Der Umsturz im Tempel“ aus dem Jahr 1953 kennen, ein Buch, das als „Programmschrift des buddhistischen Modernismus“ (Heinz Bechert) seinerzeit dem Land den entscheidenden Impuls in eine antikoloniale, sozialistische, nationalistisch-buddhistische Richtung verlieh. Dazu mehr am Ende.

Es ist nicht allzu viel, was wir hierzulande über die kleine, landschaftlich wunderschöne Insel im Süden des indischen Subkontinents wissen. Der lang andauernde Bürgerkrieg zwischen dem tamilischen Norden und dem buddhistisch geprägten Süden, der von 1983-2009 die Schlagzeilen beherrschte, ist zwar vorüber, aber die Spannungen bestehen weiter und haben dem touristisch reizvollen Eiland sehr geschadet.

Nun also dieser faszinierende Roman aus dem dörflichen Ceylon der 1920er bis 1940er Jahre. Er ist Teil einer Trilogie, in der die Verfasserin, die in Deutschland lebende Singhalesin Manuka Wijesinghe, die Geschichte ihrer Familie seit der Jahrhundertwende bis in die Gegenwart hinein verfolgt. Die Erzählung dieses ersten Teils setzt in den frühen 1900er Jahren ein, als der Großvater, angesehener Schulrektor auf dem Lande und überzeugter Anhänger des britisch-kolonialen Fortschritts, sich um die Hand einer jungen Lehrerin bemüht, die ihm seine Werbung durch einen dreifachen Aufschub jedoch alles andere als leicht macht. Als Anhänger der strengen Theravada-Schule des Buddhismus, die die Entsagung als höchstes Ideal schätzt, ist für unseren Schulmeister Entbehrung jedoch nicht Ungewohntes, ja ihn reizt die Standhaftigkeit, Zurückhaltung und Bildung seiner Frau sogar besonders. Dreimal reist er im Jahresabstand auf dem Ochsenkarren bei ihr an, beim dritten Mal wird er erhört.

Die Ehe steht von Anfang an unter der Spannung zwischen dem religiösen Ideal des Schulmeisters, der die Ehe nicht als Gemeinschaft sieht, sondern nur den Erfordernissen der Physis folgt und sich in faustischer Suche nach letzter Erfüllung verzehrt, und den Erfordernissen des Alltags. In großartigen Dialogen zwischen den Eheleuten selbst, aber auch zwischen den ungebildeten, aber lebenserfahrenen Landsleuten und dem Schulmann entfaltet sich das Drama einer Beziehung, die je länger, desto schärfer unter dem Gegensatz der Weltanschauungen leidet: hier die Frau und Mutter, die die Familie als erste Pflicht gegenüber dem Dharma empfindet, dort ihr dogmatisch-starrer, auf strenge Observanz gebürsteter „Mann des Mittleren Weges“, der ihr – nach der Geburt von inzwischen sieben Kindern – eröffnet, er wolle nun den Weg des Sangha einschlagen, also der Welt Lebewohl sagen und in die buddhistische Mönchsgemeinschaft eintreten. Die Zwiegespräche zwischen den Eheleuten gehören zu dem Spannendsten, Intensivsten und Philosophischsten des Buches, ja man fühlt sich an die platonischen Dialoge erinnert, die oft genug in der Aporie, der Ausweglosigkeit, enden.

Dazu bilden die zahlreichen Szenen aus dem Dorfalltag einen geradezu shakespearischen Kontrast; das possenhafte Verhör vor dem britischen Magistrat, bei dem es um einen Mord aus Leidenschaft geht, gehört zu den Höhepunkten des Buches. Die Dialoge verraten die Hand einer erfahrenen Dramaturgin, und Wijesinghe hat ja ihr Können bereits in zahlreichen Sketches und Einaktern in

ihrer singhalesischen Heimat unter Beweis gestellt. Auch das lebhafte Zwiegespräch zwischen der Mutter und ihrem missratenen Ziehsohn Jinadasa über Recht, Liebe und Zufriedenheit und über das Weglaufen vor Problemen zählt zu den Höhepunkten ihrer Dialogkunst.

Während der Leser die Entwicklung des Paares und der Familie gespannt verfolgt, entfalten drei Randfiguren des Geschehens mehr und mehr ihre eigene Strahlkraft: der Fuhrmann, der Astrologe und der „Dorfdepp“ Scholaris. Während der Schulmeister überzeugt ist, die Welt sei durch buddhistisches Dharma ein für allemal erklärt (ergänzt um britische Schulbildung und modernen Fortschritt!), kümmern sich diese Drei wenig um solch aufgesetztes Gerede. Der Fuhrmann nutzt schlicht seinen gesunden Menschenverstand, der Astrologe ist der Vertreter einer alten Kenntnis vom Einfluss der Planeten auf Menschen und Schicksale (auch des „aufgeklärten“ Schulmeisters!), und der „Dorfdepp“ als Angehöriger der ursprünglich auf der Insel beheimateten Volksgruppe der Nagas hält immer wieder schützend seine Hand über die, die unter den strengen Prinzipien des Schullehrers zu leiden haben. Dass das Leben mehr ist als eine von Doktrin und Tradition vorherbestimmte Einbahnstraße, dass also „jeder Mensch auf seiner ganz eigenen Reise des Lebens ist, wovon man ihn nicht abhalten sollte“1, dürfte als Resümee gut zutreffen.

Mit dem ersten Band ihrer Familientrilogie hat die Autorin einen spannenden, komplexen und (in der deutschen Übersetzung von Reinhold Schein) sehr gut lesbaren Roman des modernen Sri Lanka vorgelegt. Dass sie die Vereinnahmung der Insel durch den mönchischen Buddhismus – nicht erst seit den 1950er Jahren und nicht erst seit dem vorne genannten Buch über den „Umsturz im Tempel“ – für ein Verhängnis hält, das ihrer Meinung nach die Entfaltung der Insel und ihrer Bewohner maßgeblich hemmt, gehört zur Problematik dieses tropischen Paradieses. (tk)

Dr. Thomas Kohl (tk) ist Herausgeber mehrerer historischer Lan­ deskunden und Reiseberichte. Er war bis 2016 im Universitätsund Fachbuchhandel tätig und bereist Südasien seit vielen Jahren regelmäßig.

thkohl@t-online.de

1 Waligora, Ich wollte nie so leben wie meine Mutter. Heidelberg: Draupadi 2017, S. 111

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