Politik

So bin ich

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 2/2020

Sahra Wagenknecht fasziniert und polarisiert. Sie war lange Zeit dauerpräsent in den Medien, eloquent in Talkshows – und dennoch umgeben von einer Aura der Unnahbarkeit.

Mit vier Jahren hat sie sich das Lesen beigebracht, als Jugendliche Goethe und die großen Philosophen für sich erobert und immer am liebsten ohne viel Außenkontakt gelebt. Sie hat Philosophie studiert und in VWL promoviert. Warum ist die hochbegabte Theoretikerin in die Politik gegangen? Biograf Dr. Christian Schneider hat sich in intensiven Gesprächen mit ihr und ihren Weggefährten ein Bild gemacht. Sie hat ihm Zugang zum engsten Kreis gewährt und Gespräche mit ihrer Mutter, einer Freundin aus Kindertagen und Oskar Lafontaine ermöglicht. Entstanden ist ein einfühlsames Porträt, informativ, wunderbar komponiert, ausgezeichnet geschrieben. Empfehlenswert! (ab)

 

Herr Schneider, von wem ging die Initiative für das Buch aus?

Die Initiative kam vom Campus-Verlag, der seiner Autorin Sahra Wagenknecht eine Biografie zum 50. Geburtstag – im Juli 2019 – auf den Gabentisch legen wollte.

Schöne Geste. Und wie kam es, dass Sie den „Zuschlag“ bekamen?

Sahra Wagenknecht hat dem Projekt zugestimmt und mich als Autor vorgeschlagen, weil ich 2014 ein Porträt von ihr in der taz veröffentlicht hatte, in dem sie sich wiedererkennen konnte. Mich hat das erstaunt, denn was ich da nach einem gerade mal 90minütigem Gespräch mit ihr zu Papier brachte, war alles andere als eine Lobhudelei. Ich war völlig überrascht, dass sie das Porträt sogar auf ihre Website genommen hat.

Unter Biografie versteht man ja allgemein, dass da ein ganzes Leben als Abfolge von Entwicklungen, Erlebnissen usw. beschrieben wird. Wie geht man denn an die Lebensgeschichte einer gerade mal 50jährigen heran?

Ja, das wurde tatsächlich zu einem Problem für mich. Mir wurde vor allem durch die Gespräche, die ich mit Sahra Wagenknecht führte, schnell klar, dass es nicht um die Beschreibung eines „abgeschlossenen“, in seinen Intentionen endgültig geklärten Lebens gehen konnte. Gerade wenn man ihre von vielen Volten und Veränderungen gekennzeichnete Lebensgeschichte genauer kennt, muss man zu einem Konzept kommen, in dem das bisherige Leben als Potenzial für Zukünftiges verstanden wird. Ich habe mein Projekt, ihre, die Lebensgeschichte einer 50jährigen, zu schreiben, als „Biografie der Möglichkeiten“ angelegt, sprich: Ich betrachte ihr bisheriges Leben sehr stark unter dem Aspekt künftiger Entwicklungsmöglichkeiten.

Wie war Ihre Zusammenarbeit mit Sahra Wagenknecht?

Die Zusammenarbeit hat mich überrascht. Sarah Wagenknecht war in allen Punkten sehr offen, hat sich auch nicht gescheut, heute v­on ihr als problematisch eingeschätzte Teile ihrer Geschichte offen anzusprechen. Ich hatte bei unseren Gesprächen immer wieder den Eindruck, dass sie – ich kann es nicht anders sagen – neugierig auf sich selbst war. Im Gegensatz zu Vielen, die hohen Wert darauf legen, ein möglichst perfektes, abgeschlossenes Bild von sich zu vermitteln, hat sie in unseren Gesprächen eher versucht, die Brüche und Konflikte ihres Lebens verständlich zu machen. Nicht nur für den Biografen, so mein Eindruck, sondern auch für sich selber. Es hatte etwas Selbstreflexives.

Welchen Einfluss hat Sahra Wagenknecht auf das Manuskript genommen?

Praktisch keinen.

Ihr Porträt in der taz vor rund fünf Jahren, das Auslöser für den „Zuschlag“ war, hatte die Überschrift „Sahra und die Wörter“. Sie schrieben schon damals: „Wer ihr genau zuhört, merkt: die Wörter sind ihre Freunde. Sie stellen sich ihr zwanglos zur Verfügung.“ Wörter als Freunde?

Ja, die Wörter waren und sind ihre intimsten Freunde. Sahra Wagenknecht hat aufgrund ihres – genetische Erbschaft ihres iranischen Vaters – „anderen“, abweichenden Aussehens sehr früh Ausgrenzung und Mobbing erfahren. Sie hatte von Kindesbeinen an Probleme mit Gleichaltrigen und sich deshalb stark zurückgezogen. Die früh erworbene Fähigkeit zu lesen hat ihr ein eigenes Reich erschlossen. Sie hat mit den Märchen und Geschichten, die sie „sich reingezogen“ hat, wirklich einen Dialog eröffnet. Ihr Lesen war tatsächlich eine Art Gespräch mit anderen. Die Wörter haben sie berührt.

Im Buch wählen Sie einen wunderbaren roten Faden, nämlich den von Sahra Wagenknecht als Gastgeberin eines „Salons“. Vielleicht beschreiben Sie das einfach mal kurz. Wem gewährt die Gastgeberin in welchen Lebensabschnitten Zugang zu ihrem Salon?

Im Gegensatz zu den negativen Ausgrenzungserfahrungen in der Außenwelt stand ihre früh erworbene Welt der Wörter ja unter ihrer Regie. Sie, die Lesende, war gewissermaßen die Gastgeberin für die Autoren, die sie besuchten. Sie erschuf sich in ihren intensiven Lektüren eine Binnenwelt des Gesprächs – ganz ähnlich wie es eben in einem Salon des 19. Jahrhunderts der Fall war. Der erste und bis heute wohl wichtigste Gast dieses Salons war Goethe. Später kamen vor allem Theoretiker wie Kant, Hegel und Marx oder Rosa Luxemburg dazu.

Was treibt Sahra Wagenknecht an? Sind Sie der Antwort durch die Begegnungen mit Wagenknecht und ihren engsten Vertrauten nähergekommen?

Ja. Aber um es vorwegzunehmen: Es bleiben auch Rätsel. Vor allem, wie sich die beiden Leidenschaften Sahra Wagenknechts, die intensive Beschäftigung mit Literatur und Philosophie auf der einen und das zeitraubende politische Engagement auf der anderen Seite unter einen Hut bringen lassen. Ursprünglich hat ihr die theoretische Beschäftigung vor allem mit Hegel und Marx den Weg zur Politik gewiesen – die ihr nun manchmal den Rückweg zur Theorie ­versperrt.

Wie meinen Sie das?

Das ist ebenso leicht wie schwer zu beantworten. Was am Grund ihres politischen und sozialen Engagements ruht, ist ein Aufbegehren gegen das offenkundige Unrecht, das in einer Gesellschaft wie der unseren herrscht, die wirklich reich ist, aber zugleich massenhaft Armut zulässt und produziert. Sahra Wagenknecht ist, bei aller intellektuellen Versiertheit, in einer beinahe naiv zu nennenden Weise den Parolen der französischen Revolution verpflichtet: Sie will Freiheit, ein – objektiv mögliches – gutes Leben für alle und damit eine solidarische Gesellschaft. Sie ist in diesem Sinne in der Spur des Denkens von einem ihrer Salongäste geblieben: Karl Marx– auch wenn sie weiß, dass seine Theorie aktualisiert werden muss, um den veränderten Bedingungen gerecht zu werden.

Sie beschreiben sie als Person großer Widersprüche – vor allem ihren teils harten Auftritt in der Öffentlichkeit gegenüber ihrer privaten, weichen Seite. Was heißt das für die Politikerin und was für die Intellektuelle Sahra Wagenknecht?

Das gehört mit zum angesprochenen Rätsel: Wer Sahra Wagenknecht nur als öffentliche Person, etwa von ihren Auftritten im Bundestag oder in Talkshows kennt, kennt sie nicht. Tatsächlich steht hinter ihrem politischen Engagement die Fähigkeit, sich mit Menschen zu identifizieren, eben auch jenen, denen es, oft unverschuldet, schlecht geht. Hinter ihrer vermeintlichen Härte steht Mitgefühl, ja Mitleid. Die wirkliche Härte liegt in ihrer Fähigkeit zu analytischer Präzision, sie bildet den Kern ihres intellektuellen Lebens.

Was hat Sie bei Ihren Begegnungen mit Sahra Wagenknecht persönlich beeindruckt oder berührt?

Einiges. Ich nenne hier mal nur zwei Dinge. Zum einen, was ich als die Akkuratesse ihres Denkens bezeichne. Sie hat eine geradezu mathematische Genauigkeit der Gedankenführung und hasst gedankliche Schlamperei. Das andere wird viele verblüffen: Ihre Schüchternheit.

Ja, das ist verblüffend. Dazu steht sehr viel in Ihrem Buch, das sich wirklich zu lesen lohnt.

 

Christian Schneider, Dr. phil. habil., Sozialpsychologe und Führungskräfte­coach, gilt als Begründer der Disziplin „psychoanalytische Generationengeschichte“. Er lehrte an den Universitäten Hannover, Kassel, CEU Budapest und LMU München. Von 1989 bis 2001 Forschung und psychoanalytische Fortbildung am Sigmund Freud-Institut Frankfurt. Seit 2001 ­eigene Praxis für psychoanalytisches Coaching. Der Autor zahlreicher sozialpsychologischer und wissenschaftsgeschichtlicher Veröffentlichungen sowie vieler Porträts von Politikerinnen und Politikern lebt in Frankfurt am Main.

 

Christian Schneider, Sahra Wagenknecht. Die Biografie, Frankfurt/New York campus 2019, Hardcover geb., 272 S., mit farbigem Bildteil, ­Lesebändchen, ISBN 978-3-593-50986-0, € 22,95

 

Sahra Wagenknecht über ihren Rückzug

„Mehr geistige Freiheit“

Haben Sie Ihr Bild von sich selbst verändert in der Beschäftigung mit der Sahra Wagenknecht, die Ihr Biograf Christian Schneider beschreibt? 

SW: Es war erstaunlich für mich, dass andere über mich Dinge erzählt haben, die ich völlig vergessen hatte oder vielleicht auch verdrängt. Also, ja: Da habe ich selber noch was über mich gelernt.

Ich kenne Ihren Biografen Christian Schneider. Wenn der einen anschaut, denkt man: Der weiß was über mich, das ich selbst nicht weiß oder bei dem ich auf keinen Fall möchte, dass es jemand weiß.

SW: Er hat eine geniale Begabung, Menschen zu durchschauen und sich nichts vormachen zu lassen. Wäre ich jemand mit einem großen Lebensgeheimnis, hätte ich nicht mit ihm geredet. Es gab ja von mir wirklich viele Porträts in allen möglichen Zeitungen. Sein Text damals in der taz am Wochenende war mir in Erinnerung geblieben, weil ich verblüfft war, wie er mich nach nur einer Stunde Gespräch so authentisch beschrieben hat. Er wunderte sich, dass ich es auf meine Website gestellt habe, weil es durchaus kritisch war. Ich fand aber weitgehend: So bin ich.

Warum haben Sie sich also auf die Biografie eingelassen?

SW: Ich wünsche mir, dass Menschen wissen, woran sie bei mir sind. Ich glaube nicht, dass ich mich ­verstecken muss.

Sahra Wagenknecht im taz-Gespräch mit Peter Unfried am 19. Januar 2020, (Auszug)

 

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