Kinder- und Jugendbuch

Sei, wer du bist!

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 5/2017

Familie ist ein Dauerthema. In Literatur und Gesellschaft wird sie abwechselnd als Segen oder seelisches Gefängnis geschildert. Die Soziologen haben sie schon oft totgesagt, und dennoch bleibt sie unverwüstlich, wenn auch nicht in der üblichen Konstellation. Denn die „Bilderbuchfamilie“ gibt es auch im Bilderbuch nicht mehr. Das traditionelle Schema Vater, Mutter, Kind ist einem bunten Muster gewichen, das man Patchwork oder noch schillernder „Regenbogen“ nennt. Dabei geht es in den Büchern um die tatsächlichen Erfahrungen der Kinder, aber nicht um ein bürgerliches Ideal.

Das Bilderbuch Alles Familie – ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis – versucht die Vielfalt der familiären Realitäten sachlich und pfiffig zugleich vorzustellen. Nur die wenigsten Tiere und Menschen sind Einzelgänger. Schon immer sind sie in Gruppen, Großfamilien, konstanten oder wechselnden Paarbeziehungen durchs Leben gegangen. Ob das Einzelkind, das abwechselnd bei Mama und Papa wohnt, ob Hund oder Katze als Kind- und Geschwisterersatz, alleinerziehende Mütter und Väter, zwei schwule Väter und zwei lesbische Mütter oder Adoptiveltern: all das nennt sich schlicht Familie. Ob diese glücklich oder unglücklich zusammenlebt, hängt jedenfalls nicht von der leiblichen Verwandtschaft ab. Streit und Gewalt gibt es auch in traditionellen Familien, und die Stiefmütter der Wirklichkeit sind viel netter als die im Märchen. Der versierten Illustratorin Anke Kuhl ist es gelungen, die menschliche Vielfalt in Aussehen und Aufmachung, in Gesten und Kleidung mit viel Witz und Schwung ins Bild zu setzen.

Noch mehr Vielfalt und Inklusion bietet uns Das Familienbuch aus dem fortschrittlichen Schweden. „Manchmal gibt es mehrere Mamas und Papas.“ Noch bevor die jungen Leser und Betrachter etwas über den natürlichen Zeugungsakt erfahren, geht es schon um die künstliche Befruchtung, die Samenbank und Leihmutterschaft, die in Deutschland allerdings verboten ist. Neben der familiären Beziehung von junger Frau und schwarzer Katze, strahlt uns auch eine Dreier-Familie an: Ein weißer und ein schwarzer Papa, dazu ein braunes Kind. Die Ärztin trägt ein muslimisches Kopftuch und ein junger Mann im Rollstuhl gibt einem adoptierten schwarzen Baby die Flasche. Man kann sich kaum mehr menschliche Vielfalt vorstellen, hier alles unter dem Dach Familie und unter der Rubrik normal. „Es gibt keine Regeln, wie eine Familie sein soll oder wie sie entstanden sein muss.“ Allerdings gelingt es der Illustratorin nicht wie Anke Kuhl, wirklich individuelle und lebendig wirkende Figuren zu schaffen, und der Text liest sich insgesamt nicht so locker, wie man es sich für ein Plädoyer in Sachen Freiheit und Toleranz wünschen würde.

Übersichtlicher geht es in Zwei Papas für Tango zu. Zwei männliche Pinguine adoptieren ein Ei und brüten es gemeinsam aus, eine wahre Geschichte, die sich im Zoo von New York zugetragen hat. Roy und Silo waren von „Ei an“ befreundet und interessierten sich niemals für Pinguinmädchen. Aber eines fehlte zu ihrem vollkommenen Glück, nämlich der Nachwuchs. Vergeblich versuchten sie Steine auszubrüten, die Pinguineiern ähnlich sahen. Eines Tages schoben ihnen die Zoowärter ein Pinguinei unter und tatsächlich, Tango schlüpfte unter den überglücklichen Blicken seiner Väter. Ist das ein Beweis für die Natürlichkeit der Homosexualität und die Notwendigkeit der „Ehe für alle“? Auch ohne Botschaft ist Zwei Papas für Tango ein unterhaltsames und äußerst ansprechend illustriertes Bilderbuch. Sind doch Pinguine, deren Äußeres immer an Herren im Frack erinnert, ohnehin Sympathieträger. Ihr Glück als frischgebackene Adoptivväter geht eindeutig zu Herzen.

 

Edward Summanen (Text), Johanna Arpiainen (Ill.): Das Familienbuch, aus dem Schwed. Von Eno R. Liedtke, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2015, 32 Seiten, 12,00 €. Ab 8

 

Edith Schreiber-Wicke (Text), Carola Holland (Ill.): Zwei Papas für Tango, Thienemann Verlag, Stuttgart 2017, 32 Seiten, 12,99 €. Ab 4

 

Alex Gino: George, aus dem Engl. von Alexandra Ernst, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2016, 208 Seiten, 14,99 €. Ab 10

 

Lisa Williamson: Gemeinsam werden wir leuchten. Aus dem Engl. von Angelika Eisold Viebig, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2016, 384 Seiten, 12,49 €. Ab 14

Patchwork, Scheidung, Stief- oder Adoptiveltern gehören im Kinder- und Jugendbuch schon längst zum Alltag. Ein unbekannter Vater, ein „Teilzeitvater“ und wechselnde Beziehungen der Mutter charakterisieren auch das Familienleben in dem Kinderbuch George und dem Jugendroman Zusammen werden wir leuchten. Im Mittelpunkt steht hier allerdings ein ganz anderes Problem. Der zehnjährige George ist im falschen Körper geboren. Nur heimlich darf er seinen Wünschen freien Lauf lassen, von Frauenkleidern und Kosmetik träumen. Nur dann darf er ein Mädchen sein. Seine verständnisvolle Freundin Kelly sorgt schließlich dafür, dass er in einem Theaterstück eine Mädchenrolle spielen kann und sich seiner Mutter anvertraut. Die jungen Leser erfahren hier nicht nur etwas über die Verzweiflung eines Menschen, der seine wahre Identität verbergen muss, sondern auch über die medizinischen Möglichkeiten einer Geschlechtsumwandlung. Aber so weit ist der zehnjährige George noch nicht. Ein Ausflug mit seiner Freundin, beide in Mädchenkleidern, bildet das vorläufige Happy end.

„Ich möchte ein Mädchen sein“, das ist auch der innigste Wunsch des 14-jährigen David in Zusammen werden wir leuchten. In seinem männlichen Körper steckt eine weibliche Seele. Da auch er sein heimliches Sehnen nicht verrät, droht sein Leben in eine Sackgasse zu geraten. Erst als Leo, ein gutaussehender Junge, obendrein ein Mathe-Ass, an seine Schule kommt, gerät Bewegung in Davids frustrierende Existenz. David und Leo erzählen alternierend in der Ich-Form, dennoch erfährt der Leser erst spät Leos Geheimnis. Er wurde als Mädchen geboren und steckt bereits mitten in einer Geschlechtsumwandlung. Der umfangreiche Jugendroman erzählt von vielen tragischen Momenten, da die Mitschüler den beiden „Transen“ mit Hass und Gewalt begegnen. Der amerikanische Autor von George und die englische Autorin von Zusammen werden wir leuchten möchten ihren Protagonisten Gerechtigkeit widerfahren lassen. Trotz dieses Anliegens schleichen sich unbeabsichtigt traditionelle Rollenbilder ein. Besteht das Mädchensein doch nicht in erster Linie aus geschminkten Lippen und abgefahrenen Klamotten. Und warum muss der als Mädchen geborene Leo seine Männlichkeit mit herausragenden Mathe-Kenntnissen, Mut und körperlicher Stärke beweisen? Dennoch: Beide Bücher fordern gesellschaftliche Toleranz gegenüber ungewöhnlichen Menschen, darüber hinaus die Sympathie des Lesers für ungewöhnliche Protagonisten.

Dr. Barbara von Korff Schmising arbeitet als Rezensentin und Publizistin überwiegend im Bereich Kinder- und Jugendliteratur. Sie ist als Referentin in der Erwachsenenbildung tätig und hat 25 Jahre lang die „Silberne Feder“, den Kinder- und Jugendbuchpreis des Dt. Ärztinnenbundes als Geschäftsführerin geleitet.“

bschmising@gmx.de

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