Medizin

Resilienz

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2019

Krankheiten, Unglücksfälle, Arbeitslosigkeit, gescheiterte Beziehungen, Leistungsdruck – das Leben ist kein „Ponyhof“. Wir müssen Krisen und Schicksalsschläge meistern. Aber warum zerbrechen manche Menschen daran, während andere an ihren Lebenssituationen – egal wie widrig sie auch scheinen mögen – wachsen und seelisch gesund bleiben? Die Resilienzforschung widmet sich dieser Frage vor dem Hintergrund der Erhaltung psychischer Gesundheit. Unsere Rezensentin Stefanie Engelfried stellt sieben Bücher zum Thema vor, die vermitteln, welche Grundhaltungen und Fähigkeiten Resilienz ausmachen, wie man diese verinnerlichen und trainieren kann, welche Bedeutung der Gesellschaft und unserem Umfeld dabei zukommt, aber auch wie Eltern die Resilienz ihrer Kinder fördern können.

„Resilienz. Die Strategie der Stehauf-Menschen. Krisen meistern mit innerer Widerstandskraft“ ist 2018 im Herder Verlag erschienen. Die Autorin Monika Gruhl ist eine der führenden deutschen Resilienz-Spezialistinnen und Gründerin des Resilienzzentrums Osnabrück, das nach eigenen Angaben 2005 als erste deutschsprachige Einrichtung damit begonnen hat, ein effektives Aus- und Weiterbildungskonzept zur Resilienzförderung zu entwickeln. Die Sozialpädagogin ist in Osnabrück als Trainerin, Coach und Mediatorin tätig. Ihre Veröffentlichungen zu Resilienz haben bei Therapeuten und Coaches einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht. Zum Thema ist von ihr erstmals 2008 im Herder Verlag ein Buch mit ähnlichem Titel erschienen. Das aktuelle Taschenbuch umfasst mit 288 Seiten rund 100 Seiten mehr als sein Vorgänger. Der Herder Verlag bewirbt es als „das erste populäre Sachbuch zur Resilienz für Erwachsene“. Es gliedert sich in sechs gut verständliche Hauptkapitel, die in sehr angenehmer Sprache verfasst wurden. Im ersten Kapitel beschreibt Gruhl „Resilienz als zentrale Kraft im Leben“, die erlernt, vertieft und trainiert werden kann. Im zweiten Kapitel definiert sie drei wichtige Grundhaltungen resilienter Menschen, während im dritten Kapitel vier Schlüsselfähigkeiten erläutert werden. Das vierte Kapitel vermittelt Resilienz als Prozess. Darauf folgt ein Abschnitt, der beschreibt, wie starke Menschen mit Resilienz der Überforderungsfalle entgehen. Das sechste und letzte Kapitel enthält umfassende Trainingseinheiten für den Alltag mit Beispielen und Platz für eigene Notizen. Das Buch ist gut strukturiert, enthält Zusammenfassungen der wichtigsten Inhalte und ist mit treffenden Zitaten bekannter Dichter und Denker aufgelockert. 14 Euro, die sich mehr als lohnen.

Bei Bastei Lübbe ist mit rund 100 Seiten sozusagen das Geschenkbuch zum eben beschriebenen Titel erschienen. „Aufleben! 5 Minuten für mehr innere Stärke und Resilienz“ von Monika Gruhl besticht durch eine positive optische Gestaltung, dominiert von warmen Orangetönen und Illustrationen im Stempeldruckstil auf haptisch wertigem Papier. Das kleinformatige Taschenbuch enthält Wissens­ impulse, Denkanstöße und kleine Übungen, um Resilienz in den Alltag zu integrieren. Dabei kann nach Lust und Laune quergelesen werden. 8 Euro, die man gerne verschenkt.

„Das Geheimnis seelischer Kraft. Wie Sie durch Resilienz Schicksalsschläge und Krisen überwinden“ hat einen völlig anderen Sachbuchcharakter als die beiden Bücher von Gruhl. Das Autorenteam besteht aus dem DiplomPsychologen Dr. Jens-Uwe Martens, Leiter des Instituts für wissenschaftliche Lehrmethoden in München sowie Dozent an der Universität der Bundeswehr in München, und der Diplom-Soziologin Birgit M. Begus. Das Buch beschäftigt sich mit der zentralen Frage, wie schreckliche Schicksalsschläge und Krisen überstanden werden können und klammert den Themenkomplex „Stressoren in der Berufswelt“ bewusst aus. Beide Autoren hatten selbst mit einschneidenden Erlebnissen zu kämpfen und schildern nicht nur authentisch, wie sie damit umgegangen sind, sondern haben viele weitere außergewöhnliche Schicksale von Persönlichkeiten mit unterschiedlichem Bekanntheitsgrad gesammelt und untersucht. Dabei stießen sie auf zwölf Resilienz-Faktoren, die für ein gelingendes Leben unter schwierigen Bedingungen entscheidend sind und geben Empfehlungen, wie man diese fördern kann. Die Beschreibung der zwölf Faktoren nimmt den größten Raum im Buch ein. Es gibt darüber hinaus aber auch ein Kapitel, das sich mit Sackgassen auf dem Weg der Bewältigung beschäftigt und eines zum Thema Angst. Abgerundet wird das Buch durch eine Checkliste zur eigenen Widerstandskraft sowie einer Auflistung hilfreicher Gedankenmuster und günstiger äußere Umstände, die man anstreben sollte. Lesenswert, nicht nur für Menschen in der Krise, sondern auch für ihr Umfeld.

Monika Gruhl: Resilienz. Die Strategie der Stehauf-Menschen. Krisen meistern mit innerer Widerstandskraft. ­Freiburg/Breisgau: 2018 Herder. 1. Auflage. 288 S. Kart. ISBN 978-3-451-03120-5. 14 Euro.

 

Monika Gruhl: Aufleben! 5 Minuten für mehr innere Stärke und Resilienz. Köln: 2018 Bastei Lübbe. 1. Auflage. 104 S. Gebundenes Taschenbuch, ISBN 978-3-404-60997-0. 8 Euro.

 

Jens-Uwe Martens, Birgit M. Begus: Das Geheimnis seelischer Kraft. Wie Sie durch Resilienz Schicksalsschläge und Krisen überwinden. Stg.: 2018 Kohlhammer. 2. Aufl. 207 S. Kart. ISBN 978-3-170-33703-9. 19 Euro.

 

Vorankündigung: Undine Lang: Resilienz. Ressourcen stärken, psychisches Wohlbefinden steigern. Stuttgart: 2019 Kohlhammer. 1. Auflage. 240 S. Kartoniert. ISBN 978-3-17-036173-7. 27 Euro.

 

Nicole Strüber: Risiko Kindheit. Die Entwicklung des Gehirns verstehen und Resilienz fördern. Stuttgart: 2019 Klett-Cotta. 1. Auflage. 364 S. Gebundenes Taschenbuch. ISBN 978-3-608-96287-1. 22 Euro.

 

Robert Brooks, Sam Goldstein: Das Resilienz-Buch. Wie Eltern ihre Kinder fürs Leben stärken – Das Geheimnis der inneren Widerstandskraft. Stuttgart: 2015 Klett-Cotta. 6. Auflage. 374 S. Kartoniert. ISBN 978-3-60894421-1. 19,95 Euro. (Titel ist in unterschiedlichen Auflagen erhältlich. Aktuellste Version im neuen Format, inhaltlich identisch: 1. Aufl. 2017, ISBN 978-3-608-96147-8)

 

Gregor Hasler: Resilienz: Der Wir-Faktor. Gemeinsam Stress und Ängste überwinden. Reihe: Wissen & Leben. Stuttgart: 2018 Schattauer Verlag/Klett-Cotta. 2. Nachdruck der ersten Auflage, 256 S. Kart. ISBN 978-3-608-43225-1. 19,99 Euro.

Was ist Resilienz?

Der Begriff Resilienz wurde erstmals 1950 vom Psychologen Jack Block (Berkeley Universität, Kalifornien) in die Wissenschaft eingeführt, während ihn die Entwicklungspsychologin Emmy E. Werner (University of California at Davis) bekannt gemacht hat. In der ersten Langzeitstudie zum Thema aus den 70er Jahren begleitete sie knapp 700 Kinder auf der HawaiiInsel Kauai 40 Jahre lang. Der familiäre Hintergrund der Kinder wies eine Vielzahl von Risikofaktoren auf, die eine gesunde Entwicklung gefährdeten, wie Gewalt in der Familie, Armut und niedriger Bildungsstand. Dabei stellte sich heraus, dass sich gut ein Drittel der Kinder trotz der schlechten Prognosen hervorragend entwickelte. Diese Kinder hatten bestimmte Eigenschaften und Lebensstrategien entwickelt, die verhinderten, dass sie an den schwierigen und problematischen Verhältnissen zerbrachen und im Gegenteil sogar daran wuchsen. Werner bezeichnete diese Kinder als „resilient“.

Resilienz leitet sich vom lateinischen Verb „resilire“ ab, das „zurückspringen, abprallen“ bedeutet. Ursprünglich kommt der Begriff aus der Physik und bezeichnet Materialien, die nach einer Belastung wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückkehren können. In der Psychologie versteht man unter Resilienz die „innere Widerstandskraft“ – die Fähigkeit, auf wechselnde Lebenssituationen flexibel zu reagieren und auch stressreiche, frustrierende oder schwierige Lebenssituationen ohne schwere psychische Schäden meistern zu können. Vor dem Hintergrund steigender Arbeitsbelastung, dem Zwang zur räumlichen Mobilität und dem oft daraus resultierenden Wegbrechen sozialer und familiärer Stabilität sowie der kürzeren Halbwertszeit privater Beziehungen und allgemeiner Verunsicherung ist Resilienz gefragter denn je.

„Resilienz. Ressourcen stärken, psychisches Wohlbefinden steigern“ erscheint im Juni bei Kohlhammer. Die Autorin Prof. Undine Lang leitet die Erwachsenenpsychiatrische Klinik und Privatklinik der Universität Basel und hat den Lehrstuhl für Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie inne. Das Buch soll 53 unterschiedliche Wege aufzeigen, die helfen, die psychische und körperliche Gesundheit zu unterstützen. Leider durfte unsere Rezensentin vorab keinen Blick ins Buch werfen, weshalb wir uns an dieser Stelle auf eine kurze Vorankündigung beschränken.

(K)ein Kinderspiel

Die beiden nächsten Titel verlagern ihren Fokus vom resilienten Erwachsenen auf das Kind und gehen den Fragen nach, welche Risiken die Entwicklung von Resilienz beeinträchtigen können und wie die Ausprägung der seelischen Widerstandskraft gefördert werden kann. „Risiko Kindheit. Die Entwicklung des Gehirns verstehen und Resilienz fördern“ stammt aus der Feder der Entwicklungsneurobiologin und -psychologin Dr. Nicole Strüber. Der Titel untersucht frühe Risikofaktoren bei der Entwicklung eines Kindes und spannt den Bogen dabei von vorgeburtlichen Einflüssen bis hin zu überfüllten Kitas, gestressten Eltern, frühem Smartphonegebrauch, aber auch Scheidung, Vernachlässigung oder Flucht. Strüber beschreibt den Einfluss auf das Gehirn, widmet sich aber auch emotionalen Schwierigkeiten, sozialen Schwächen, Persönlichkeitsproblemen und psychischen Erkrankungen, die daraus resultieren können. Das Buch thematisiert zudem die Weitergabe von Eigenschaften über Generationen, die Entstehung von Resilienz und skizziert Möglichkeiten zur Veränderung, die sich durch Prävention, Intervention und Psychotherapie ergeben – immer mit einem deutlichen Bezug zu Erkenntnissen aus der Hirnforschung. Der Titel ist verständlich geschrieben und enthält vielfältige Erläuterungen, die der Leser konsumieren oder überspringen kann, je nachdem wie tief er fachlich in das Thema einsteigen möchte. Zudem gibt es kleine Geschichten zur Illustration des Gesagten, kurze Exkurse, wichtige Definitionen zum Merken und Zusammenfassungen am Abschluss jedes Unterkapitels.

„Das Resilienz-Buch. Wie Eltern ihre Kinder fürs Leben stärken“ der beiden amerikanischen Autoren Robert Brooks und Sam Goldstein ist mit gut 370 Seiten der umfangreichste Titel unserer Buchvorstellungen und bricht eine Lanze für Primärprävention und Gesundheitsförderung durch frühzeitige Stärkung. Die erfahrenen Kindertherapeuten legen ihren Fokus darauf, was Eltern und Erzieher tun können, um Kinder dabei zu unterstützen, die entscheidenden Ressourcen zu erwerben, um „stark“ durchs Leben zu gehen – egal welche Belastungen sie im Laufe ihres Lebens erwarten. Dabei illustrieren die Autoren die theoretischen Ansätze des Resilienzkonzepts in 13 Kapiteln mit vielen unterschiedlichen Fallbeispielen, halten die Erziehungsberechtigten aber auch dazu an, über ihr eigenes Tun nachzudenken und geben praktische Tipps zur Alltagsbewältigung. Die Kapitel befassen sich unter anderen mit den Themen Empathie, wirksame Kommunikation, Liebe und Wertschätzung, Akzeptanz, Erfolgserfahrungen und Rückschläge sowie Disziplin. Ein Kapitel widmet sich den Herausforderungen im schulischen Umfeld. Der Anhang gibt einen Überblick der Ratschläge aus allen Kapiteln sowie eine Übersicht der genannten Geschichten einzelner Kinder. Die Grande Dame der Resilienzforschung Emmy E. Werner (vgl. Infokasten) lobt das Buch als „eine meisterhafte Zusammenstellung aktuellen Wissens zum Umgang mit Belastungen und Stress“, das „wohldurchdachte Empfehlungen für Eltern“ enthalte.

In „Resilienz: Der Wir-Faktor. Gemeinsam Stress und Ängste überwinden“ legt der renommierte Schweizer Stress-Forscher Prof. Gregor Hasler sein Augenmerk auf die Wechselwirkungen zwischen persönlicher Resilienz und Gesellschaft. Mehr als 100 Millionen Menschen in Europa leiden pro Jahr an Stress-assoziierten Erkrankungen wie Angst und Depression. Das Buch untersucht, was in die aktuelle Stress-Krise geführt hat und identifiziert unter anderem den erlebten Bedeutungsverlust, das ungenügende Eingebundensein in sinnstiftende soziale und religiöse Kontexte, den Mangel an gemeinsamem Sinn und gemeinsamen Werten sowie den Status-Dauerkampf als Ursachen für die schwindende Resilienz in unserer Gesellschaft. Als Ausweg für unsere Ellenbogengesellschaft, in der sich viele als Einzelkämpfer wahrnehmen, plädiert Hasler für die Wiederentdeckung des „Wir-Faktors“ und das gezielte Nutzen von sozialen Bindungen und dem Gruppengefühl zur eigenen psychischen Stärkung. Seine Thesen untermauert er durch aktuelle neurobiologische, neuropsychologische und epidemiologische Forschungsergebnisse. ˜

Stefanie Engelfried ist Kommunikationswissenschaftlerin und war viele Jahre für einen Medizinverlag tätig. Sie lebt mit ihrem Sohn und viel Geschichte in einem 400 Jahre alten Fachwerkhaus in Ditzingen.

stefanie.engelfried@gmx.net

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