Volkswirtschaft

Ein Wirtschaftsmärchen / Bedingungsloses Grundeinkommen

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2020
Prof. Dr. Karlhans Sauernheimer

 

Ulrike Herrmann, Deutschland, Ein Wirtschaftsmärchen. Warum es kein Wunder ist, warum wir reich geworden sind. Frankfurt am Main: Westend-Verlag, 2019, 319 Seiten, Hardcover mit SU, ISBN 978-3-86489263-9. € 24,00

Ulrike Herrmann ist Wirtschaftskorrespondentin bei der Tageszeitung taz. Sie hat eine Ausbildung als Bankkauffrau absolviert, eine Journalistenschule besucht und an der FU Berlin Geschichte und Philosophie studiert. Mit dem vorliegenden Buch setzt sie ihre Reihe wirtschaftskritischer Sachbücher fort. „Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen“ lässt die Wirtschaftsgeschichte Deutschlands Revue passieren: Die Wiederaufbaujahre, die Zeit der Ölkrisen und der Proteste, die Wiedervereinigung und ihre Folgen sowie die Finanzund die Eurokrise. Besonderes Augenmerk erhält die Wirtschaftspolitik der jeweiligen Regierungen Adenauer/Erhard, Brandt/Schmidt, Kohl, Schröder und Merkel. Kann ein Buch zu diesen wohlbekannten Themen und Personen heute noch Interessantes oder gar Neues bieten? Herrmann zeigt, dass dies durchaus möglich ist. Der rote Faden ihrer Erzählung sind die Mythen, die sich um die genannten Entwicklungen und Personen im Laufe der Zeit gesponnen haben. Das Bemühen um die Entlarvung dieser Mythen als „Märchen“ im Sinne interessengebundener, wahrheitswidriger Erzählungen, ist der Gegenstand des Buches.

Dieser Absicht wird schon in der Einleitung Ausdruck verliehen. Dort erfährt der Leser, welche „Märchen“ der Bevölkerung u.a. auftischt worden seien: Es habe ein einzigartiges „Wirtschaftswunder“, hervorgerufen von Währungsreform und „sozialer Marktwirtschaft“, gegeben. Erhard allein habe die D-Mark eingeführt und die „soziale Marktwirtschaft“, erfunden und etabliert. Diese Wirtschaftsordnung sei sozial, marktmachtbeseitigend und neu gewesen. Nach dem Krieg habe Erhard den Eindruck zu erwecken versucht, eine Art Widerstandskämpfer gewesen zu sein. Und bis heute werde behauptet, die Bundesbank habe für Stabilität gesorgt.

Richtig sei stattdessen, dass nicht nur Westdeutschland sondern auch Frankreich, Italien und Spanien ein hohes Wirtschaftswachstum in der Nachkriegszeit erlebt hätten. Die Währungsreform und die Einführung der DM sei das Werk der Amerikaner gewesen, Erhard habe dazu nichts beigetragen. Erhard sei ein „talentierter Selbstdarsteller“, „naiver Ökonom“, „Opportunist und Lügner“ und ein „NS-Profiteur“ gewesen. Die realisierte „soziale Marktwirtschaft“ sei nicht sozial sondern ungerecht gewesen, wegen der ungebrochenen Macht der Großkonzerne auch keine wirkliche Marktwirtschaft, und eine zu etwas Neuem führende Wirtschaftsreform habe es auch nicht gegeben, denn die westdeutschen Unternehmen seien weiterhin von jenen Managern geführt worden, die bereits zur NS-Zeit das Sagen hatten. Und die Bundesbank habe in Wahrheit keineswegs für Stabilität gesorgt, sondern mehrfach schwere Wirtschaftskrisen ausgelöst, indem sie die Zinsen nach oben getrieben und „Kredite abstrus verteuert“ habe. So habe sie auch durch ihre Zinspolitik „den Einheitsboom beendet und für bundesweite Tristesse gesorgt“.

So der Tenor von Herrmanns Erzählungen. Was ist davon zu halten?

Zum Wirtschaftswunder und zur Währungsreform. Richtig ist, dass es ein hohes Nachkriegswachstum nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern gab. Nach den Daten von Maddison, auf die sich Herrmann stützt, betrug die durchschnittliche, jährliche, reale Wachstumsrate des Pro-Kopf-Einkommens, PKE, zwischen 1950 und 1973 in Westdeutschland 5,0%, Frankreich 4,1%, Italien 5,0%, Spanien 5,8% und Japan 8,1%. Aufgrund dieser Daten kann man in der Tat von einem Wirtschaftswunder, das sich ausschließlich in Westdeutschland ereignet habe, genauso wenig sprechen wie von einem Wirtschaftswunder, das ausschließlich der Währungsreform oder der Sozialen Marktwirtschaft geschuldet sei.

Allerdings versäumt die Autorin darauf hinzuweisen, dass die hohen Wachstumsraten Italiens und Spanien Folge einer Hinwendung zu Liberalisierung und Marktwirtschaft waren. Auch ist die Zeitperiode 1950–1973, nahezu ein Vierteljahrhundert, viel zu lang, um an ihr die Wirkung der deutschen Währungsreform von 1948 abzulesen. So lag die jährliche Wachstumsrate in Westdeutschland im Zeitraum 1950–1961 knapp doppelt so hoch (6,5%) wie in Frankreich (3,6%), im Zeitraum 1950–1955 gar mehr als doppelt so hoch (8,5%) wie dort (3,4%). Im Zeitraum 1948/II bis 1949 dürfte der Unterschied noch größer gewesen sein. Zusätzlich ist beachtlich, dass die Zahl der Erwerbstätigen in Westdeutschland zwischen 1950 und 1960 um 6,1 Millionen Menschen, d.h. um 42%, zunahm, sodass die Produktion um wesentlich mehr gestiegen ist als das PKE. Diese Zahlen stammen aus dem wirtschaftshistorischen Standardwerk Stolper/Häuser/Borchardt „Deutsche Wirtschaft seit 1870“, das die Autorin leider nicht zu Rate zieht.

Letztendlich war das Empfinden eines „Wunders“ in Deutschland wegen des verlorenen Krieges, der zerstörten Städte sowie der extremen Not der sachwertlosen städtischen Bevölkerung vor der Währungsreform sehr viel stärker ausgebreitet als anderswo in Europa, zumal man das „Wunder“ nicht im Vergleich zum Ausland sondern im Vergleich mit der eigenen Lage zwischen 1945 und 1948 sah.

Recht hat die Autorin allerdings mit ihrer These, dass Erhard mit Herbeiführung und Ausarbeitung der Währungsreform wenig bis nichts zu tun hatte. Hier hat er in der Tat später Meriten für sich in Anspruch genommen, die er nicht verdient hatte.

Zurecht kann Erhard aber für sich in Anspruch nehmen, mit der der Währungsreform folgenden mutigen Preisfreigabe 1948 unmissverständlich die Weichen in Richtung einer Marktwirtschaft, der gegenüber damals eine weit verbreitete Skepsis herrschte, gestellt zu haben. Der wirtschaftliche Erfolg der Preisfreigabe in Form eines rasch steigenden Güterangebots hat jedoch dann im Laufe der Zeit zur Anerkennung der Marktwirtschaft in Gesellschaft und Parteien entscheidend beigetragen.

Zur „Sozialen Marktwirtschaft“. Müller-Armack, Volkswirtschaftsprofessor, in Münster und Köln, 1952 von Erhard in das Bundeswirtschaftsministerium geholt, hatte das Konzept der „Sozialen Marktwirtschaft“ als dritten Weg zwischen einer privatwirtschaftlich organisierten Marktwirtschaft und einer staatlich gelenkten Planwirtschaft konzipiert. Anders als Erhard, der stark vom Ordoliberalismus Euckens geprägt war, sah Müller-Armack das Erfordernis, die Marktwirtschaft um eine starke staatliche Sozialpolitik zu ergänzen. Angesichts einer von 1950 bis heute von ca. 30% auf ca. 45% gewachsenen Staatsquote und einer von ca. 20% auf ca. 30% gestiegenen Sozialleistungsquote wird der sozialstaatliche Charakter der Marktwirtschaft in Deutschland mehr als deutlich. Herrmanns abwertender Interpretation der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland ist daher energisch zu widersprechen. Selbstverständlich kann man immer der Meinung sein, der Staat gebe Bedürftigen zu wenig und nehme Wohlhabenden nicht genug. Ein exaktes Maß für eine „gerechte“ oder „optimale“ Umverteilung gibt es nicht. Über die diesbezügliche Wirtschaftspolitik muss in der Demokratie der Wähler entscheiden. Dessen Urteil missfällt freilich der Autorin. Sie übersieht dabei, zu apodiktischen Urteilen neigend, dass es die Wirtschaftspolitik oftmals mit Zielkonflikten zu tun hat, die auch der Verteilungspolitik Grenzen setzen. Der Person Erhards widmet die Autorin ein eigenes Kapitel. Sie stützt sich dabei auf die bekannte, umfängliche Monographie Hentschels „Ludwig Erhard. Ein Politikerleben“ (1996). Ausführlicher als dort kommen bei Hermann die Aktivitäten Erhards während der NS-Zeit zur Sprache. Sie verweist auf wirtschaftspolitische Gutachten, die Erhard für NS-Regierungsstellen zwischen 1939 und 1943 über die besetzten Gebiete Lothringen und Polen anfertigte. Herrmann sieht auf der Grundlage dieser Gutachten und anderer Quellen in Erhard einen „Profiteur des NS-Regimes“. Wenngleich ein definitives Urteil über diese Schriften noch aussteht, ist aber klar: ein Widerstandskämpfer war Erhard nicht. Die Autorin empört sich, nicht zu Unrecht, dass er nach dem Krieg zuweilen aber genau diesen Eindruck hervorzurufen versuchte.

Insgesamt zeichnet Hermann ein sehr negatives Bild von Erhard. Die hohe Anerkennung, die seiner Person und seiner Politik durch namhafte und sachverständige Zeitgenossen entgegengebracht wurde, wird dem Leser freilich vorenthalten.

Das Kapitel über die Bundesbank beginnt Frau Herrmann mit dem Satz: „Deutschland ist eine Demokratie, doch eine Institution ist dem Zugriff des Parlamentes entzogen: die Bundesbank“. Das ist Unsinn. Wenn dem Parlament die Geldpolitik der Bundesbank oder ihre Unabhängigkeit missfallen hätte, hätte es mit einfacher Mehrheit das Bundesbank-Gesetz ändern können. Das ist nicht geschehen, aus guten Gründen, von denen die Autorin allerdings nichts wissen will.

Herrmanns Mantra ist einfach: Steigende Zinsen sind schlecht für die Konjunktur, Beschäftigung und Staatshaushalt. Ähnliches gibt Trump von sich. Da sich die Bundesbank für derlei nach Herrmanns Meinung nicht interessierte, sondern „stets und einseitig die Interessen der Geldbesitzer vertrat“ erhöhte sie in unverantwortlicher Weise immer wieder die Zinsen. Auf diese Weise schickte sie 1981 „mehr als zwei Millionen Westdeutsche in die Arbeitslosigkeit“, „torpedierte“ sie 1990 die Deutsche Einheit und „empörte Europa“. Nun ja.

Den eigentlichen Text ergänzen mehr als 50 Seiten Anmerkungen. Sie geben nützliche, vertiefende Einsichten. Leider fehlt ein Personenverzeichnis, sodass die Personensuche zu einem mühseligen Geschäft gerät. Der Untertitel ist irreführend: Davon, wie ein Land reich wird, handelt das Buch nicht.

Was bleibt? Das Buch bietet Lesern, die an einer kritischen Betrachtung tatsächlicher und vermeintlicher Legendenbildungen in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands der Nachkriegszeit ihre Freude haben, unterhaltsame und kurzweile Lektüre. Prägnante und zuspitzende Behauptungen tragen wesentlich dazu bei. Eine volkswirtschaftlich fundierte, problemadäquate Bewertung der Wirtschaftspolitik dieser Zeit bietet das Buch aber nicht.

 

 

Kovce, P. und Priddat, B. P. (Hrsg.), Bedingungsloses Grundeinkommen. Grundlagentexte. suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2265, Berlin 2019, 514 Seiten, ISBN: 978-3-518-29865-7, € 26,00

Philip Kovce, 34, ist Philosoph und Ökonom, freier Autor und Mitglied des Philosophicums Basel, Prof. Dr. Birger P. Priddat, 70, Professor für Politische Ökonomie an der Universität Witten/Herdecke und ehemaliger Präsident der Hochschule. Ihr Sammelband ergänzt sehr gut die drei Sammelbände zum gleichen Thema von Butterwegge, Kovce und Osterkamp, die im fachbuchjournal 2019-3 besprochen wurden.

Die im vorliegenden Buch versammelten Texte greifen im Hinblick auf Zeit und Raum deutlich weiter aus als die im letzten Jahr besprochenen Bände. Inhaltlich und personell gibt es einige Überschneidungen, insbesondere mit dem Band von Kovce. Die jetzige Besprechung kann daher knapper ausfallen. 24 Autoren präsentieren Ansichten, die zum Teil nur in losem, zum Teil auch in engem Zusammenhang mit einem bedingungslosen Grundeinkommen stehen. Vorangestellt

ist ein mit 43 Seiten vergleichsweise umfangreicher, in das Thema einführender und gut strukturierender Beitrag der beiden Herausgeber. Es kommen sodann, in chronologischer Reihenfolge, ältere Berühmtheiten zu Wort, darunter Thomas Morus mit einem Auszug aus „Utopia (1516)“, Thomas Paine über „Agrarische Gerechtigkeit“ (1797), Thomas Spence mit „Die Rechte der Kinder“ (1797) und Paul Lafargue mit seinem berühmten „Recht auf Faulheit“ (1848). Aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lesen wir von Bertrand Russell „Wege zur Freiheit“ (1918) und von John Maynard Keynes „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“ (1930).

Die 60-er Jahre des letzten Jahrhunderts sind vertreten mit Hannah Arendt „Vita activa oder vom tätigen Leben“ (1960), Milton Friedman „Kapitalismus und Freiheit“ (1962) und Erich Fromm „Psychologische Aspekte zur Frage eines garantierten Einkommens für alle“ (1966). Aus neuerer Zeit stammen Beiträge von Autoren wie Ralph Dahrendorf „Ein garantiertes Mindesteinkommen als konstitutives Anrecht“ (1986), André Gorz „Arbeit zwischen Misere und Utopie“ (2000). Van Parjis, Offe, Votruba und Opielka sind zeitgenössische Autoren, die mit Beiträgen schon in den früheren Sammelbänden vertreten waren und im letzten Jahr besprochen wurden.

Der Sammelband zeigt eindrücklich, welche suggestive Kraft von der Vorstellung eines bedingungslosen Grundeinkommens ausgeht. Philosophen, Ökonomen, Soziologen, Psychologen werden von der Idee angezogen und entwerfen phantasiereiche Vorstellungen. Deutlich wird auch die sich wandelnde Vorstellung von der Arbeit: Mühsal und Last, von denen das bedingungslose Grundeinkommen Befreiung verspricht, in der Vergangenheit. Heute gewinnen dagegen Vorstellungen Raum, wonach die „kostbare“ Arbeit ausgehen könnte und arbeitsfreies Einkommen lediglich als Ausgleich für wegfallende Arbeitseinkommen gesehen wird.

Das Buch bietet eine außerordentlich anregende Lektüre. Kritiker des Konzeptes kommen hier allerdings nicht zu Wort. So bleiben so „hässliche Dinge“ wie Finanzierbarkeit, Anreizwirkungen bei den Finanziers der Wohltaten, Sogwirkungen für Migranten und anderes mehr unausgesprochen. Wer eine Gegenüberstellung von Pro- und Contra-Argumenten sucht, kann zu dem oben erwähnten Sammelband von Kovce greifen. ˜

Prof. Dr. Karlhans Sauernheimer (khs) wirkte von 1994 bis zu seiner Emeritierung im März 2010 als Professor für VWL an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er publiziert schwerpunktmäßig zu Themen des internationalen Handels, der Währungs- und Wechselkurstheorie sowie der Europäischen Integration. Er ist Koautor eines Standardlehrbuchs zur Theorie der Außenwirtschaft und war lange Jahre geschäftsführender Herausgeber des Jahrbuchs für Wirtschaftswissenschaften.

karlhans.sauernheimer@uni-mainz.de

 

 

 

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