Kunst

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke: Darwin‘s Corals / Frobenius – Die Kunst des Forschens

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2020

 

Horst Bredekamp: Darwin‘s Corals. A New Model of Evolution and the Tradition of Natural History. [Deutsche Erstausgabe: Verlag Klaus Wagenbach 2005] Translated, edited and adapted by Elizabeth Clegg. Walter de Gruyter GmbH, Berlin, Boston, 2019, Hardcover, X + 128 p., 45 coloured figs., ISBN 978-3-11-064334-3, € 20,95

In seiner Abhandlung Antikensehnsucht und Maschinenglauben (1993) hatte Horst Bredekamp (*1947), Professor für Kunstgeschichte am Institut für Kunst- und Bildgeschichte der HU zu Berlin, dargelegt, dass Korallen als bevorzugte Sammlungsobjekte in den Kunstkammern der frühen Neuzeit Vorahnungen einer evolutionären Entwicklung vermittelten. Als er im WS 2001/02 von einem Seminaristen beiläufig erfuhr, dass sich Charles R. Darwin (1809–1882) in seinen frühen Evolutionsskizzen statt des Baumes die Koralle als stimmigeres Modell des Lebens vorgestellt habe, war er „elektrisiert“ (2005, S. 7). Bredekamps Spurensuche nach Darwins piktoralem Erbe wurde bald fündig. Eine marginale Notiz in Darwins Notebook B lautet: „The tree of life should perhaps be called the coral of life“ (S. 20). Welch eine Aussage! Vermittelt doch die Koralle als Metapher für die gesamte Struktur des Lebens – anders als das Baum-Modell – zwischen dem Lebenden und dem versteinerten Toten, den Fossilien, und weist dazu in ihrer Wuchsform eine anarchische Seite auf, die jede Idee einer Höherentwicklung ablehnt. Der belastende Vorwurf, Darwin habe mit seinem teleologischen tree of life sozialdarwinistischem und rassistischem Denken Vorschub geleistet, ist offenbar obsolet. Oder doch nicht? Die deutsche Erstausgabe des Essays erschien 2005 bei Wagenbach. Darwins Korallen ist also nicht neu und wurde sehr bald ins Italienische (2006), Französische (2008) und Japanische (2010) übersetzt, so dass das hier anzuzeigende Buch in der Muttersprache des Protagonisten und der Lingua franca der Wissenschaften längst überfällig ist. Nicht-Kulturwissenschaftler fragen sich vielleicht, warum einer der renommiertesten und vor Ideen und Arbeitskraft sprühenden Kunsthistoriker weltweit (vgl. A. Cammann: Der Deichdenker, https://www.wiko-berlin.de) sich mit Darwins Ikonologie befasst, obwohl der englische Naturforscher zu seinem eigenen Bedauern kein zeichnerisches Talent besaß. Ganz im Sinne des Kunsthistorikers Aby M. Warburg (1866–1929) fällt für den Träger des exzellenten Warburg-Preises „das gesamte Feld der Bilder von der Briefmarke bis zur Primavera Botticellis in den Gegenstandsbereich einer Kunstgeschichte, die sich als Bildwissenschaft definiert.“ Es geht ihm um „die Form als einen Ausdruck und zugleich Träger von politischen, psychischen, kulturellen Energien“ (vgl.: https://www.zeit. de/2005/15/Interv_Bredekamp). Da für die Bildforschung in allen Objekten Bedeutung schlummert, sucht sie nach versteckten Motiven hinter Bildern, nach Bildmustern und ihrem diachronen Fortbestehen seit der Antike, eingeschlossen Darwins Visualisierung der Evolutionstheorie.

Das Rückencover der Erstausgabe bringt Bredekamps Fragestellung auf den Punkt: „Lebensbaum mit dem Menschen als Krone oder Entwicklung der Arten nach allen Seiten?“, während die englischsprachige Version die Lösung gleich verrät: „… Darwin, the coral enthusiast and collector, found in it [the coral, wh] an adequate illustration of evolution through natural selection. […]. Here­in Darwin is proving himself to be both a destroyer and a consummator of traditional natural philosophy” (Backcover, Auszug). Die Gliederung der englischen Ausgabe behält den ursprünglichen Aufbau bei bis auf das Kapitel Die Evolution und das Problem der Schönheit, das modifiziert und stark gekürzt in den neuen Schluss (The Lure of the „Endless“) integriert wurde. Die Analyse der Bildwerdung der Evolutionstheorie beginnt mit den Korallenfundstücken, die den jungen Weltumsegler auf der Beagle-Expedition faszinierten. Die einzelnen Arbeitsschritte „formal acquisition, registration, codification and preservation“ (S. 4) eröffneten Darwin „a paradigmatic instance in which to determine the ‘surplus’ [dt. gestaltpsychologischer Überschuss] that attaches to things when they are removed from their original context“ (S. 4). Bredekamps Hypothese lautet daher, dass Darwins eigene Motivation nur zu verstehen ist, wenn man ihn als konstruktiven Ikonologen begreift.

Wer mit Darwins Biographie vertraut ist, weiß, dass er seine paradigmatische Entdeckung kurz nach der Weltreise (1831–1836) machte. Bereits 1837/38 visualisierte er im Notebook B seine Idee der Transmutation der Arten (= Evolution) durch Variation und natürliche Selektion, − welch Glücksmoment der Wissenschaft! Die berühmte 3. Evolutionsskizze mit der Inschrift „I think“, bei der alles, was einem Baum ähnelt, verschwunden ist, verdeutlicht die Brisanz der neuen Idee. Deshalb bewahrte der damals gerade 28-Jährige sein „fürchterliches Geheimnis“ zwei Jahrzehnte lang, da es ihm zu ketzerisch wider die Artenkonstanz der göttlichen Schöpfung erschien. Erst unter dem Druck der Parallelentdeckung der Theorie der natürlichen Auslese durch Alfred Russell Wallace (1823–1913) und wegen des Risikos, um die Meriten seiner Forschungsarbeit gebracht zu werden, verfasste Darwin in hektischer Eile sein Hauptwerk The Origin of Species (1859). Darin befindet sich als einzige Abbildung die Klapptafel natural selection.

Bestechend präzise schildert Bredekamp, wie in der ersten Hälfte des 19. Jhdt. über die Metaphorik der Natur gestritten wurde. Er beschreibt die unterschiedliche Visualisierung einer variablen Natur vom Baum- zum Korallenmodell und interpretiert dabei minutiös Darwins Evolutionsdiagramme. Zu Darwins „comrades-in-arms“ (S. 31) gehörte u.a. Hugh E. Strickland (1811–1853, Geologe und Ornithologe), der die Zusammenhänge zwischen Arten in Form kartographischer Modelle darstellte. Der Naturforscher J. R. Louis Agassiz (1807–1873) versuchte in Kreiszeichnungen die Zeitdimension einzubeziehen, jedoch, „without thereby evoking the record change of a teleological sort“ (S. 39). Gegen 1857 entstand das Urdiagramm des Faltblatts in The Origin, das nach Darwins Randnotizen den Evolutionsprozess als ein Phänomen „of enormous complexity and […] unimaginably long duration“ verbildlichte und die daran beteiligten Prinzipien, wenn auch nicht hinreichend, wie folgt beschrieb: „namely, natural selection, divergence & extinction“ (S. 53).

Bredekamps Analyse mündet in der eminent spannenden Frage, warum Darwins Faltdiagramm von 1859, dem das strauch- und buschartige des Modells der Koralle zugrundeliegt, im Text jedoch völlig inkohärent zur Abbildung in hoch-trabenden Worten als Baummetapher beschrieben wird. Der Brückenschlag zwischen Bildwissenschaft und Biologie führt zu der „puzzling «incoherence»“ (S. 68), zu einer semantischen Lücke, wie es im deutschenText heißt, und wirft neues Licht auf das Dilemma, in dem sich Darwin beim Schreiben seines Hauptwerks befand. Im Abriss Coral: Tradition and Encouter wird schließlich die Kunst der Verwandlung exemplarisch an historischen Gemälden, Fresken und Skulpturen illustriert und der im 19. Jhdt. blühende Korallenkult beschrieben. Darwins Bild der Koralle als Künstlerin der Metamorphose fügt sich nicht nur bruchlos in das Modell der Evolution der Natur ein, sondern „thanks to the intensity of his feeling for coral, nature as perceived by Darwin remained an aesthetically enchanted world “ (S. 86). Der vielgepriesene Revolutionär erscheint aus bildanalytischer Perspektive als „Janus-headed genius“ (S. 90), dessen Blick auf die Schönheit nicht nur das traditionelle Bild der Natur zerstörte, sondern in der Visualisierung der Evolutionstheorie „im Gegenzug ein Kernstück der traditionellen Naturphilosophie gerettet [hat]“ (2005, S. 7).

Dass in der englischen Ausgabe Haeckels Eichen „gefällt“ wurden, ist nachvollziehbar, da er ein „hoch ambivalenter Wissenschaftler“ war (sensu Christina Brandt, Jena, s. Leopoldina aktuell 6/2019), der sehr viel zur soziopolitischen Darwin-Rezeption beigetragen hat. Seinen „Sündenfall“ und „methodologisches Desaster“ (2005, S. 73) aber gleich ganz zu streichen, erscheint didaktisch problematisch. Fazit: Durch die englische Ausgabe ist das bildwissenschaftliche Kleinod erfreulicherweise einer breiteren Leserschaft verfügbar. Mag man über Bredekamps Interpretationen im Detail auch trefflich streiten, so überzeugt doch die generelle Aussage des fächerübergreifenden Gedankenexperiments zwischen Kunst und Biologie, dass Bilder die Gedanken forcieren.

Dank neuer wissenschaftlicher Befunde, z.B. des horizontalen Gentransfers bei Prokaryonten, und zahlreicher wissenschaftshistorischer Analysen im Kontext des DarwinDoppeljubiläums hat das buschige Modell der Koralle in den letzten 15 Jahren breite Anerkennung erfahren, wie die erweiterte Literaturliste zeigt. Daher profitieren auch Leser, die die meeresblaue Wagenbach-Ausgabe mit dem hieroglyphischen Titelbild und ihrem ganz eigenen Charme bereits kennen, von der Lektüre des glänzend-korallenroten Bandes mit der erwartbaren Cover-Collage. (wh)

 

Museum Giersch der Goethe-Universität und Frobenius-Institut für kulturanthropologische Forschung, Frankfurt a. M. (Hrsg.) Frobenius – Die Kunst des Forschens. Petersberg: Michael Imhof Verlag, 2019, Großformat 23 x 28 cm, Hardcover, 280 S., 250 Farb- und 95 S/W-Abb., ISBN 978-3-7319-0824-1. € 29,95.

Nachdem das Griesch-Museum bereits 2013 die Ausstellung „Faszination Fremde – Bilder aus Europa, dem Orient und der Neuen Welt“ in Kooperation mit dem Frobenius-Institut für kulturanthropologische Forschung präsentiert hatte und 2016 aufsehenerregende großformatige Bilder aus dem kolossalen Fundus im Berliner Gropius-Bau gezeigt worden waren, lief vom 24. März bis 14. Juli 2019 in Frankfurt die Ausstellung „Frobenius – die Kunst des Forschens“. Darin wurden weitere Teile des überwältigenden Bilderschatzes, wie Nachzeichnungen prähistorischer Felsbildkunst sowie ethnographische Bilder und Fotografien, die der Völkerkundler Leo Frobenius (1873–1938) auf seinen zahlreichen Forschungsexpeditionen gesammelt hatte, einem breiten Publikum vorgestellt. Für all jene, die die Eindrücke der letztjährigen Exposition vertiefen oder Versäumtes nachvollziehen möchten, bietet der vorliegende Katalog, der von den Kuratorinnen Brigitte Sander (Museum Giersch) und Gisela Stappert (Frobenius-Institut) unter Mitwirkung von Dr. Richard Kuba (ebd.) mit bestechender fachlicher Kompetenz konzipiert wurde, eine hervorragende Möglichkeit.

Der Katalog enthält im ersten Teil 32 ambitionierte wissenschaftliche Beiträge von 17 Ethnologen, Kulturanthropologen und Kunsthistorikern. Zunächst geht es um Informationen über den schillernden Ethnologen Leo Frobenius, seine außergewöhnliche Biographie und Forschungsweise auf dem transdisziplinären Forschungsfeld zwischen Kulturanthropologie und Kunstgeschichte. Seit frühester Jugend entwickelte Frobenius als Enkel von Heinrich Bodius (1814–1884), Leiter des Berliner Zoos, eine „Leidenschaft für alles «Afrikanische»“ (s. Kuba S. 15). Der Autodidakt ohne Abitur und Studium wurde als akademischer Außenseiter zu einem der einflussreichsten, aber auch umstrittensten Völkerkundler in der Wilhelminischen Ära und nach dem I. Weltkrieg. Frobenius‘ innovative Feldforschung „war das Schlüsselloch, durch das Europa im späten 19. und bis weit ins 20. Jahrhundert die Kulturen Afrikas wahrnahm“, schreibt der Kulturwissenschaftler Richard Kuba (S. 15). Bereits 1898 gründete er die private „Stiftung Afrika“ in Berlin; 1920 erfolgte der Umzug nach München ins „Forschungsinstitut für Kulturmorphologie“, dem sich bereits 1925 die Übersiedlung des Instituts nach Frankfurt und dessen Angliederung an die Goethe-Universität anschloss, an der Frobenius zunächst Lehrbeauftragter war und 1932 zum Honorarprofessor berufen wurde.

Die Finanzierung ausgedehnter Forschungsreisen, die ihn vorwiegend nach Afrika, aber auch nach Indonesien, Indien, Australien sowie Süd- und Nordeuropa führten, sicherte der charismatische Ethnologe durch den lukrativen Verkauf – durchaus auch umstritten – gesammelter Kulturgüter und großzügige Spenden seiner Gönner, wie z.B. Kaiser Wilhelm II., mit dem ihn eine Männerfreundschaft verband, sowie die Tantiemen für zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher und Zeitschriftenpublikationen. Frobenius gab Afrika, dem das „Hegel’sche Diktum der Gesichtslosigkeit anhaftete“ (Kuba, S. 16), durch seine schwärmerischen Schilderungen einen emanzipatorischen Schub, weshalb er vielen als Vaterfigur der „Négritude“ gilt, was nicht ausschloss, dass er zeitgenössische Küstenafrikaner als „verelendete Hosennigger und schmarotzende Niggerclerks“ (Kuba; S. 16) titulierte.

Dank seiner Sammlungsaktivität zur Bewahrung der ihm der Antike ebenbürtig erscheinenden afrikanischen Kultur liegt heute eine nahezu unüberschaubare Anzahl ethnographischer Objekte in deutschen Völkerkundemuseen. Frobenius kommt das Verdienst zu, neben der einzigartigen Bilddokumentation durch die Sammlung von Märchen, Fabeln und historischen Erzählungen große Teile der „alten, echten afrikanischen, warmblütigen Kultur“ (n. Frobenius 1933, Kuba, S. 16) bewahrt zu haben. Er entwickelte die sog. „Kulturkreislehre“, die er später jedoch zugunsten des theoretischen Forschungsansatzes der „Kulturmorphologie“ verwarf. Sein aus Intuition und Ergriffenheit geprägter Blick richtete sich auf die „Kulturseele“, das Paideuma (gr. von paideuein = bilden, lehren, erziehen). Wer etwas mehr darüber erfahren möchte, findet in „Die Kunst des Forschens“ Aufschlussreiches über die besondere Rolle der Kunst zur Erlangung der Wahrheit. In „Der Forscher im Bild“ beschreibt und illustriert Birgit Sander den „gerne im Rampenlicht stehenden Forscher“ (S. 30), der über die „Wirkmächtigkeit von Bildern“ (S. 27) wusste und sie selbstbewusst zur Eigenprofilierung einsetzte. Andere Beiträge zeigen „Frobenius in Paris“ anlässlich der „Sahara“-Ausstellung im Trocadéro und beschreiben die Rezeption seiner Forschung durch französische Wissenschaftler (s. Aufsatz der Historikerin Hélène Ivanoff). Wissenschaftshistorisch von besonderem Interesse ist der Beitrag „Das Institut in Zeiten von Diktatur und Krieg“, in dem die Wiener Ethnologin Katja Geisenhainer Forbenius‘ taktierende Rolle im NS-Regime bis zu seinem Tod 1938 und die seines Instituts darüber hinaus im Zweiten Weltkrieg darlegt. Durch die von Frobenius gesammelten Ethnographika inspiriert, „[betraten] die Künstler der Moderne […] verschiedene Terrains des Randständigen und Unbekannten“, wie die Ethnologin und Kunsthistorikerin Judith E. Weiss (Berlin) in ihrem Beitrag „Imitation, Illusion, Rückkehr?“ über den Primitivismus und die Kunst von 1900 bis 1950 schreibt. Die Chefkuratorin des Paul Klee-Zentrums (Bern), Fabienne Eggelhöfer, zeigt Klee (1879–1940) als modernen Felsmaler und Steinzeichner, während die bereits erwähnte stellvertretende Leiterin des Giersch-Museums, Birgit Sander, die „Archaische Moderne“ und insbesondere das Werk von Willi Baumeister (1889–1955) beleuchtet und ein kunsthistorischer Beitrag von Philipp Gutbrod, Direktor des Instituts Mathildenhöhe (Darmstadt), die Begegnung zwischen Leo Frobenius und Wols (1913–1951), einem der Wegbereiter des Tachismus und Ahnherr des Informel, in den Fokus rückt. Obwohl die vorgestellten Inhalte hinreichend Stoff für eine attraktive Frobenius-Ausstellung geboten hätten, stellt der Band ausführlich das Team talentierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor, das den umtriebigen Ethnologen auf seinen abenteuerlichen Forschungsreisen begleitete. Darunter befanden sich vergleichsweise viele Frauen, obwohl ihnen erstmals 1908 die Zugangsberechtigung für ein Universitätsstudium erteilt wurde und erst in der Weimarer Republik alle Zulassungsbeschränkungen an Universitäten und Kunstakademien aufgehoben wurden. In ihrem Beitrag „Die starken Frauen des Frobenius-Instituts“ geht die Kuratorin Gisela Stappert der Rolle der „Frobeniden“ nach, während die Frankfurter Wissenschaftssoziologin Marion Keller in ihrem Beitrag „Inklusion/Exklusion“ exemplarisch die Karrieren einiger Mitarbeiterinnen am Frobenius-Institut während der NS-Zeit beleuchtet.

Die Hälfte des Bandes ist eine ausführliche Würdigung der Expeditionszeichnerinnen und -zeichner, die durch ihr engagiertes künstlerisches und wissenschaftliches Werk maßgeblich zum Renommee von Frobenius und die anhaltende Bedeutung des Frobenius-Instituts beigetragen haben. Inhaltsreiche Biographien von neun Künstlerinnen und dreizehn Künstlern rücken jene Persönlichkeiten in den Vordergrund, die bislang keine angemessene Würdigung für ihre wissenschaftlichen Dienste erfahren haben. Die Dokumentation ihrer Herkunft, ihres Bildungsweges, ihrer Motivation für die Kunst und Wissenschaft und ihres spezifischen Werkes ist eine längst überfällige Hommage.

Wer mit der Ethnologie vertraut ist, dürfte die Bildwerke einiger Künstler/innen vielleicht bereits kennen, ohne aber Näheres über deren Vita zu wissen. Dazu zählen neben anderen Carl Arriens (1869–1952), der auch für den Archäologen Otto Hauser (1874–1932) zeichnete, Herrman Frobenius (1871–1954, Leo Frobenius‘ älterer Bruder), Norbert Freiherr von Stetten (1885–1979), Katharina Marr (1911–2004), Elisabeth Charlotte Pauli (1906–1984), Agnes Susanne Schulz (1892–1973), Elisabeth Mannfeld (1891–1971) und die Kunstmalerin Gerta Kleist (1911– 1998), über die ihre Tochter in einer Laudatio schrieb: „Sie hatte den unbändigen Drang zur Malerei, zur künstlerischen und persönlichen Herausforderung, zur intensiven Auseinandersetzung mit Künstlerkolleginnen und -kollegen und zur Extravaganz“ (vgl. Stappert, S. 177). Der fulminante Band vermittelt einen einzigartigen Einblick in die Arbeitsweise von Leo Frobenius, der in der Wilhelminischen Ära als enthusiastischer Feldforscher die Kunst als eine Methode der ethnologischen Wissenschaft begründete und anschließend mit seinem Team perfektionierte, um vorwiegend Felsbilder aus Afrika, Australien und Europa so zu dokumentieren, dass sie ihr spirituelles Wesen widerspiegeln und bewahren. – Wer sich für die beschriebenen Inhalte interessiert, sollte sich die Lektüre dieses Bandes und die großartige Bilddokumentation nicht entgehen lassen. (wh) ˜

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er ist Mitglied der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften und der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

henkew@uni-mainz.de

 

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