Landeskunde

„Prachtvolle Scenerie“

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 1/2022

Peter Pantzer (Hrsg.), Österreichs erster Handelsdelegierter in Japan. Das Japan-Tagebuch von Karl Ritter von Scherzer, 1869. München: Iudicium 2019, geb., 227 S., 40 Abb., ISBN 978-386205-120-5, € 28,00.

Das Jahr 1868 markiert in der Geschichte Japans einen Wendepunkt. Nach dem Sturz des Tokugawa-Shōgunats übernahm formell wieder der Kaiser die Macht. Darin bestand der restaurative Aspekt des Umbruchs. Gleichzeitig begann eine umfassende Modernisierung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Sie diente auch dazu, Japan in die Lage zu versetzen, sich gegenüber den westlichen Mächten zu behaupten. Diese hatten sich seit 1853/54 unter der Ägide des amerikanischen Admirals Perry und seiner „Schwarzen Schiffe“ Zugang zu Japan verschafft. In der Folge schlossen die USA, Großbritannien, Russland, die Niederlande, Preußen und andere Staaten mit Japan sogenannte „ungleiche Verträge“ ab. Diese räumten den westlichen Mächten, ihren diplomatischen Vertretern und Kaufleuten bestimmte Vorrechte in Japan ein. Dazu gehörten u. a. die exterritoriale Gerichtsbarkeit und das Niederlassungsrecht für Ausländer in ausgewählten Vertragshäfen. Diese Privilegien blieben den Japanern im Ausland verwehrt.

Im September 1869 trafen zwei Schiffe der österreichischungarischen Marine in Japan ein. Ziel war, mit Japan einen Handels- und Freundschaftsvertrag abzuschließen, der sich an den vorab mit anderen westlichen Staaten abgeschlossenen Verträgen orientieren sollte. Die Delega­tion stand unter dem Befehl von Konteradmiral Anton Freiherr von Petz (1819-1885). Für die wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Verhandlungen und die Ausrichtung einer „Waarenausstellung“ in Yokohama war Karl Ritter von Scherzer (1821–1903) als ranghöchster Zivilbeamter zuständig. Die Tagebücher dieser beiden Herren, ergänzt durch die Aufzeichnungen von Ottokar Pfisterer (1829– 1893), einem Beamten aus dem Handelsministerium, werden in diesem mit großer Sachkunde edierten und mit schönen Abbildungen ausgestatteten Band zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Wie der Japanologe Peter Pantzer in der Einleitung schreibt, geht es in dem Band „weniger um eine Geschichte der Beziehungen der beiden Länder Österreich und Japan, sondern um ein Verständnis der jeweils anderen Geschichte […]“ (S. 48). Den Hauptteil des Bandes bildet das Japan-Tagebuch von Karl Ritter von Scherzer, weswegen es auf dem Cover des Buchs auch als einziges genannt wird. Es setzt am 12. September 1869 mit der Abreise von der chinesischen Küste nach Nagasaki ein und war offensichtlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Das Tagebuch vermittelt die Eindrücke des Verfassers über Land und Leute weitgehend undiplomatisch und unvermittelt. Auffallend ist, wie stark von Scherzer (und die anderen Teilnehmer der Expedition) von den Landschaften Japans fasziniert sind. Notiert sind im Tagebuch Besuche von Städten und kleineren Fabriken, wie beispielsweise in Sakai, dessen Schwerter und Klingen über einen ausgezeichneten Ruf verfügten. Bemerkenswert sind darüber hinaus die vergleichenden Beobachtungen über das Verhalten der Menschen in Japan und in China. Die Japaner erschienen dem österreichischen Beobachter „weit heiterer, vergnügungssüchtiger, arbeitsscheuer und trunksüchtiger als die Chinesen“ (S. 99). Einen großen Erfolg konnte von Scherzer mit der von ihm organisierten Ausstellung von Produkten aus Österreich, Ungarn und Böhmen erzielen. Weine und Tuche, Metallwaren, ja selbst Operngläser wurden den japanischen Besuchern der Ausstellung dargeboten und führten zur Bestellung von Warenproben.

Von Scherzers Tagebuch wird, wie es erst das Titelblatt im Buch ausweist, ergänzt durch das „Japan-Tagebuch“ von Ottokar Pfisterer, einem Beamten des Handelsministeriums, und die „amtlichen Japan-Berichte der österreichisch-ungarischen Ostasien-Expedition“ des leitenden Freiherrn von Petz. Während die Notizen Pfisterers manch feinsinnige Beobachtung enthalten, sich aber schlussendlich auf Beschwerden wegen der „Roßarbeit“ der Schreibpflichten beschränken, sind die Darlegungen des Konteradmirals eher konventionell. Anschaulich lässt sich allerdings nachverfolgen, wie geschickt sich die österreichische Diplomatie auf den Pfaden bewegte, die die Gesandten der anderen Staaten bereits ausgeschritten hatten. Man lud sich untereinander ein, dinierte, bedachte sich mit Geschenken und versorgte sich gegenseitig mit Informationen über ein Land, das den meisten Besuchern zu dieser Zeit noch sehr fremd war. Nur zu dem Gesandten Preußens als Vertreter des Landes, mit dem man drei Jahre zuvor noch im Krieg um die Vorherrschaft in Deutschland stand, hielt man Distanz. Die Audienz beim Tennō war zweifellos der diplomatische Höhepunkt des offiziellen Besuchs. Insgesamt vermittelt die Lektüre der Tagebücher der drei Teilnehmer der Delegation ein facettenreiches Bild von ihrem zwei Monate währenden Aufenthalt. Grundsätzlich Neues, das über das hinausginge, was man zur fremdkulturellen Wahrnehmung aus den Berichten der anderen ausländischen Missionen bereits kennt, enthalten die hier vorgelegten Aufzeichnungen nicht. Die Aufstellung der „Waaren und Produkte“, die in Yokohama (und Shanghai) ausgestellt wurden, verrät mehr über Österreich und seine Wirtschaft als über Japan; gleichwohl lohnt hier ein Blick in den Anhang des Buchs. Vermisst hat der Rezensent lediglich einen Abdruck des Vertrags, für den die Expedition nach Japan eigentlich unternommen wurde und der in nur zehn Tagen, nach dem Vorbild der anderen „ungleichen Verträge“, abgeschlossen wurde. Für die Aushandlung eines Freihandelsvertrags, der seit Anfang 2019 zwischen der EU und Japan existiert, hat man mehr als vier Jahre gebraucht. So haben sich die Zeiten geändert. (wsch)

Wolfgang Schwentker (wsch) ist Professor em. für vergleichende Kultur- und Ideengeschichte an der Universität ˉOsaka und Mitherausgeber der Neuen Fischer Weltgeschichte.

schwentker@hus.osaka-u.ac.jp

 

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