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NS-Raubgut: HAB restituiert zwei Bücher an die Erben von Felix Ganz und Olga Kreiß-Ganz

Foto: HAB
„Die Gärtnerin aus Liebe, Komische Oper von W.A. Mozart“ mit hand­schrift­lichem Besitzvermerk von Felix Ganz, 22. Oktober 15.
Händel, Deutsche Arien aus dem Besitz von Olga Kreiß-Ganz
Johannes Mangei, Stellvertretender Direktor der HAB (links), übergibt die beiden Bücher an Adam Ganz (3. v. links), als den Vertreter der Erben von Felix Ganz und Olga Kreiß, in Anwe­sen­heit von Nicolette Mout, Witwe von Peter Felix Ganz (2. v. links) und Nathalie Neumann, Johannes-Guten­berg-Universität Mainz (rechts)

Bei der Suche nach NS-Raubgut unter den antiquarischen Erwerbungen ermittelte die HAB zwei Bücher aus dem Besitz der aus Mainz stammenden Familie Ganz. Die Erben, vertreten durch den Urenkel Adam Ganz (London), schenkten die Bücher nach der feierlichen Restitution am 6. November 2023 der Wolfenbütteler Bibliothek, so dass sie weiterhin für die Nutzung zur Verfügung stehen.

Bei den Büchern handelt es sich um „Die Gärtnerin aus Liebe. Komische Oper von W. A. Mozart. Neueinrichtung von R. u. L. Berger, Mainz [1912]“ von Felix Ganz (1869–1944) und „Georg Friedrich Händel, Neun deutsche Arien, hrsg., gesetzt und eingeleitet von Herman Roth, München 1921“ mit einem Besitzeintrag von Olga Kreiß-Ganz (1900–1974), einer Tochter von Felix Ganz.

Als jüdische Familie waren Felix Ganz, seine Frau und seine Kinder der antisemitisch motivierten Verfolgung durch das NS-Regime ausgesetzt. Bis zur „Arisierung“ des Unternehmens im Jahr 1934 hatte sich Ganz auf den Import von Textilien und Ausstattungsgegenständen aus dem Nahen und Mittleren Osten spezialisiert. Gesellschaftlich war er als Förderer zahlreicher kultureller Vereini­gungen aktiv, so in der Gutenberg-Gesellschaft, der Mainzer Liedertafel, dem Mainzer Alter­tums­verein und als Spender für das Römisch-Ger­ma­nische Zentralmuseum.

In seiner Privatvilla auf dem Mainzer Michelsberg versammelte Ganz eine überregional bekannte Sammlung von Kunstgegenständen sowie eine fachlich weitgespannte Privatbibliothek. Der bisher weitgehend ungeklärte Verbleib der Sammlung – insbesondere nach der erzwungenen Räumung der Mainzer Villa im Jahr 1941 und der 1942 erfolgten Deportation von Felix und seiner Frau Erna Ganz von Mainz über Darmstadt ins Ghetto Theresienstadt, von wo das Ehepaar 1944 nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet wurde – ist aktuell Gegenstand eines Forschungsprojekts in der Abteilung Kunstgeschichte der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Zwischen dem Mainzer und Wolfenbütteler Projekt gelang in diesem Fall eine erfolgreiche Kooperation.

Olga Renate Kreiß (später Rickards, geb. Ganz) war als Opern- und Konzertsängerin im In- und Ausland tätig. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme und einem 1934 durch örtliche NSDAP-Vertreter ausgesprochenen De-facto-Auftrittsverbot verlor Olga Kreiß ihre berufliche Existenz. Dem Holocaust konnte sie durch Emigration nach Großbritannien im März 1939 entgehen. Bis zu ihrer Flucht bewohnte Olga Kreiß eine Wohnung in der elterlichen Villa am Mainzer Michelsberg. Einrichtung und Besitz musste sie vor der Emigration unter Wert verkaufen. Im Zuge der von ihr in der Bundesrepublik angestrengten Rückerstattungsverfahren machte sie u. a. den Zwangsverkauf eines Notenschranks sowie von „Noten, Bildern, Chrystall“ geltend. Es ist wahrscheinlich, dass sich unter diesem Notenmaterial auch die in der HAB identifizierte Händel-Ausgabe befunden hat; die dort enthaltenen Arien zählten nachweislich zu Olga Kreiß’ Repertoire.

Beide Bände, der von Felix Ganz und der von Olga Kreiß-Ganz, kamen 1998 als Teil einer mehrere Bände umfassenden Schenkung einer Benutzerin in die HAB.

NS-Raubgut-Forschung

Ausgangspunkt für die Suche nach möglichem NS-Raubgut war in dem zurückliegenden Projekt das Objekt. Provenienzmerkmale wie handschriftliche Eintragungen, Stempel oder eingeklebte Exlibris ermöglichen in einigen Fällen die Rekonstruktion der Vergangenheit eines Buches. Sobald sich ein Herkunftsmerkmal ins 20. Jahrhundert datieren lässt, ist es für die NS-Provenienzforschung relevant.

An die Identifizierung von Personen und Institutionen schließen sich Recherchen zu deren Schicksalen während der Zeit des Nationalsozialismus an. Ergeben sich dabei Verdachtsmomente wie die Zugehörigkeit zu einer unter dem NS-Regime verfolgten religiösen, weltanschaulichen oder politischen Gruppe, kann die historische Detektivarbeit sehr umfangreich und tiefgehend sein. Wird ein Band als NS-Raubgut identifiziert, strebt die HAB eine „gerechte und faire Lösung“ im Sinne der „Washingtoner Prinzipien“ an. Das kann die Rückgabe entzogener Objekte bedeuten, schließt aber auch andere, individuellere Lösungsmöglichkeiten wie im vorliegenden Fall ein.

Gesellschaftliche Relevanz von NS-Raubgut-Forschung

Die Erforschung der eigenen Bestände gehört zu den Kernaufgaben von Museen, Archiven und Bibliotheken. Wenn es dabei Hinweise auf einen bislang nicht aufgearbeiteten Entzug einzelner Objekte oder ganzer Sammlungen unter der Herrschaft des NS-Regimes gibt, gewinnt dieser Auftrag an gesellschaftlicher Relevanz. Bücher mit einer individuellen Geschichte von Entziehung und Raub unter der nationalsozialistischen Diktatur sind noch heute – fast acht Jahrzehnte nach der Befreiung vom Nationalsozialismus – greifbare Zeugnisse des begangenen Unrechts.

NS-Raubgut-Projekte der HAB

Das inzwischen abgeschlossene, zweijährige Forschungsprojekt „NS-Raubgut unter den antiquarischen Erwerbungen der Herzog August Bibliothek seit 1969“ wurde gefördert durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste. Die NS-Raubgut-Forschung an der HAB wird derzeit im Nachfolgeprojekt „NS-Raubgut unter den Zugängen der Herzog August Bibliothek 1933–1969“, ebenfalls gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, fortgeführt.

http://www.hab.de

 

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