Nachruf

„Nimm deine Kindheit, eine andere kriegst du nicht!“

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 2/2019

Mirjam Pressler war eine Ausnahmepersönlichkeit. Sie schrieb über 30 Kinder- und Jugendbücher und übersetzte mehr als 300 Titel, insbesondere aus dem Niederländischen und Hebräischen. Für ihr literarisches Werk und ihr politisches Engagement erhielt sie zahllose Preise und Ehrungen, vom Oldenburger Kinderbuchpreis für ihr erstes Kinderbuch „Bitterschokolade“ (1980) über den Jugendliteraturpreis für ihr Gesamtwerk 2010 bis zum großen Verdienstkreuz, das ihr Ende letzten Jahres in Landshut kurz vor ihrem Tod verliehen wurde.

Man kann nur staunen über dieses unermüdliche Schreiben, ebenso über ihre Biographie, die keineswegs zum literarischen Schaffen prädestinierte. 1940 kam Mirjam Pressler als außereheliches Kind einer polnischen Jüdin zur Welt und wuchs zunächst in einer bildungsfernen Familie auf. Sie begleitete ihre Pflegemutter, die zusätzlich drei Enkel aufzog, zum Putzen. Gesprochen wurde wenig in diesem Haus ohne Bücher, eher gezetert und geflucht. Aber Mirjam Pressler schaute den älteren „Geschwistern“ über die Schulter, als diese lesen lernten, und lernte mit. Als sie in die Schule kam, klaubte sie sich Bücher zusammen, wo immer es nur ging. In der Leihbibliothek und bei Freundinnen, die das Glück hatten, einen eigenen Bücherschrank zu besitzen. „Besonders faszinierend fand ich Huckleberry Finn. Das Buch habe ich immer und immer wieder gelesen. Später merkte ich dann: Donnerwetter, ich muss gespürt haben, wie anders und neu diese Sprache gewesen ist. Die hat überhaupt nicht das Betuliche von Nesthäkchen, was ich auch gelesen habe. Huckleberry Finn ist ein Asozialer, das war ich auch. Und er setzt sich trotzdem durch und sagt einfach, dass er seinen Vater nicht leiden kann. Das hat mich beeindruckt.“ Bücher erlebte sie als Fluchtweg aus einer ungeliebten Wirklichkeit. Das stumme, gedruckte Wort bescherte dem Kind Mirjam Pressler Freiräume für eine eigene Vorstellungswelt, diente als Bollwerk gegen die „lauten, groben Wörter, die mir an den Kopf geworfen wurden“.

 

Mirjam Pressler und Amos Oz in Leipzig. Mirjam Pressler erhielt 2015 den Preis der Leipziger Buchmesse für ihre Über­tragung von Amos Oz’ „Judas“ ins Deutsche. (Quelle: Wikimedia Commons)

Später kam Mirjam Pressler in einem Kinderheim unter, besuchte das Gymnasium, studierte Kunst und Sprachen in Frankfurt, lebte ein Jahr lang in einem Kibbuz, heiratete, bekam drei Töchter, ließ sich scheiden und brachte die Familie mit einem Jeansladen in München Schwabing durch. Inzwischen war sie fast 40 Jahre alt, als sie beschloss, ein Kinderbuch zu schreiben. 1980 erschien Bitterschok ­ olade bei Beltz&Gelberg, einem Verlag, dem sie bis zum Schluss treu blieb. Der Erfolg dieser Erzählung über ein fresssüchtiges, dickes Mädchen, gewiss auch eines der Trendthemen dieser Zeit, ermutigte sie, in schneller Folge weitere Kinderbücher zu schreiben; daneben erhielt sie Übersetzungsaufträge nicht nur im Bereich Kinder- und Jugendliteratur. Presslers literarische Sprache klingt oft wie ein mündliches, spontanes Erzählen. Locker und assoziativ lässt sie subjektive, für die Handlung unverzichtbare Erinnerungen aufleuchten: Ernst und Humor wechseln ab, zwischen der Autorin und ihren Figuren bleibt immer ein Rest Distanz. Nichts Vages oder Geschwätziges belastet ihren knappen, treffsicheren Stil. Jedes Wort sitzt, und viele darunter versprühen kleine Funken von Ironie. Pressler stieß zu einer Zeit auf die Kinder- und Jugendliteratur, als die sog. heile Welt in ihr gerade untergegangen war. Steuerte doch kein wirkliches Kinderleben so sicher auf ein happy end zu, wie es die traditionelle Kinderbuchwelt vorgaukelte. Wurden doch Arme nicht reich, Kranke nicht immer gesund und geschiedene Eltern vertrugen sich nicht wieder. Mirjam Pressler sprach niemals über ihre leibliche Mutter und wenig über ihre frühen Jahre, erklärte diese aber zur Ursache ihres Schreibens. „Auch heute treibt mich das Kind in meinem Inneren noch oft genug vorwärts mit seinen unstillbaren Sehnsüchten und seinem Hunger nach etwas, das es selbst nicht kennt.“ Sie wollte die Bücher schreiben, „die ich als Kind gerne gelesen hätte“. Denn: „Mich interessieren ja immer die unbehüteten Kindheiten.“ Von Anfang an standen deshalb konkrete Lebenswelten, insbesondere die „beschädigten Kindheiten“ nicht aber Märchenhaftes oder Phantastisches im Mittelpunkt. Nun red doch endlich (1981), Stolperschritte (1981) oder Kratzer im Lack (1981) handeln von unehelicher Geburt, Gewalt, Selbstmord und Behinderung und bringen die Einsamkeit und Schulangst der Außenseiter zur Sprache. Inspiriert sind diese frühen Werke vom antiautoritären Problembuch der 70er Jahre, das gesellschaftliche Veränderungen postulierte. Mirjam Pressler dagegen glaubte fest an die individuellen Kräfte des Kindes. „Schlimm fände ich es“, meinte sie, „wenn Menschen gar nicht ent­ decken, dass sie so etwas wie eine Innenwelt haben.“ Und weiter: „(…) dass der Wille zu leben glücklicherweise meist stärker ist als alles, was Menschen sich gegenseitig antun. Mich interessiert die Frage, wie Identität unter widrigen Bedingungen entstehen und wachsen kann.“ Neben vielen Erstlese-, Geschwister- und Weihnachtsgeschichten heben sich die autobiographisch gefärbten Kinderromane deutlich ab. Novemberkatzen (1986) ist eine Erinnerung an das ungeliebte Kind in der Pflegefamilie, das sie einst selbst war. „Am Schluss habe ich aus ihr (der Protagonistin) und mir eine Figur gemischt. Dabei habe ich gemerkt, was mir Schreiben bedeutet. Vorher war das wie Aufsatzschreiben.“ Ihre Figuren erfüllen keine Vorbildfunktion, denn sie sind nicht besser und nicht schöner als ihre jungen Leser. In Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen (1994) werden Presslers Jahre im Kinderheim wieder gegenwärtig. Die Heldin Halinka ist zwar sensibel, aber keineswegs ein Opfer. Wie die Autorin selbst identifiziert sie sich mit Huckleberry Finn, ihr Lieblingsmärchen heißt Tischlein deck dich, nicht weil sie ständig Hunger leidet, sondern wegen des „Knüppels aus dem Sack“, den sie sich für manche Zimmergenossin wünscht. Halinka führt ein Gedankenbuch, eine Sammlung von Überlebensstrategien, und wartet unverdrossen auf ein wenig Glück, dem sie auch mit etwas Lügen und etwas Klauen nachhilft. Aber „Gott wartet lange und zahlt mit Prozenten“. So braucht sie am Ende dem Glück wirklich „nur einen Stuhl hinzustellen“.

Erst nach der Neuübersetzung der Tagebücher der Anne Frank wandte sich Mirjam Pressler den eigenen jüdischen Wurzeln und dem Holocaust zu. Das Thema Judenvertreibung und -vernichtung sollte sie bis zu ihrem Tod nicht mehr loslassen. „Als ich Kind war, habe ich alles, was an meinen sozialen Verhältnissen kaputt war, auf das Jüdischsein geschoben. Ich hatte ja nur den schlechten Klang im Ohr, den das Wort Jude damals hatte. Auch als Autorin habe ich jüdische Themen erst gemieden. Bis Anne Frank kam. Der S. Fischer Verlag wollte, dass ich die historisch-kritische Ausgabe ihrer Tagebücher übersetze, und natürlich habe ich sofort Ja gesagt, denn das war ja eine Ehre. Die Beschäftigung mit ihr und ihrer Familie hat mich verändert. Meine Tochter war damals im gleichen Alter wie Anne, und ich dachte immer: Die hätte es auch sein können.“

Ihre Übersetzung Anne Frank Tagebuch erschien 1988, drei Jahre später eine von ihr selbst erweiterte und kommentierte Ausgabe, die bisher unveröffentlichte Tagebucheintragungen und zahlreiche Fotos der Familie Frank enthält, und sich bis heute die „weltweit verbindliche Ausgabe, autorisiert vom Anne Frank Fonds in Basel“ nennt. Mit einer Biographie über Anne Frank unter dem Titel Ich sehne mich so…, setzte Mirjam Pressler ihre Beschäftigung mit dem jüdischen Mädchen fort. Jahre später verfasste sie eine Familiengeschichte der Franks auf der Grundlage zahlloser Briefe, Dokumente und Fotos, die auf dem Dachboden eines Basler Hauses ruhten. Dieses hatte im und nach dem Krieg der Verwandtschaft Otto Franks als Wohn- und Fluchtstätte gedient. Ein Gemälde von Annes Großmutter als Kleinkind in Lederstiefelchen und Spitzenkleid animierte Pressler nach einigem Zögern, sich dieser Mammutaufgabe zu stellen. Der Familienroman Grüße und Küsse an alle erzählt auf über 400, reich bebilderten Seiten von drei Generationen, deren Vorfahren aus der Frankfurter Judengasse stammen. Der umfangreiche Briefwechsel dokumentiert ein inniges Familienleben in der Diaspora. Mirjam Pressler, das einstige kleine Mädchen ohne Familie und ohne Herkunft, ließ sich von einem groß- und bildungsbürgerlichen Lebensstil faszinieren, von dessen Status und Wohlstand auch zahlreiche Fotos zeugen. Obwohl kaisertreu, deutschnational und im 1. Welt­krieg dekoriert, blieben die Franks Außenseiter. Pressler erarbeitete hier auch die Geschichte des Judentums in Frankfurt; nicht nur die Ahnen der Franks stammten aus der engen, übervölkerten Frankfurter Judengasse, sondern auch so bekannte Familien wie die Rothschilds und Wertheimbers. Grüße und Küsse an alle war 2015 der Titel für die Aktion „Frankfurt liest ein Buch“. 1994 begegnete Miriam Pressler in Israel Malka Mai, von deren Fluchtgeschichte aus Polen sie sich zu dem gleichnamigen Jugendroman Malka Mai (2001) inspirieren ließ. Hanna, eine Ärztin und ihre beiden Töchter, Minna und die siebenjährige Malka, machen sich völlig unvorbereitet auf einen gefährlichen Weg nach Ungarn. Malka erkrankt, so dass die Mutter mit ihrer älteren Tochter alleine weiterzieht, in der vermeintlichen Hoffnung, dass Malka nach ihrer Genesung wieder zu ihnen stoßen könnte. Der Plan misslingt. Malka wird nach Polen zurückgebracht, wo sie wochenlang auf sich gestellt herumirrt, hungert, friert, in Kellern übernachtet und schließlich mit Typhus in eine jüdische Krankenstation eingeliefert wird. Zwar treffen sich Mutter und Tochter in Polen wieder, aber die schwer traumatisierte Malka kennt oder will ihre Mutter nicht wiedererkennen. Malka Mai gehört zu den beeindruckendsten Büchern Presslers. Die Verschmelzung zwischen Zeitgeschehen und individuellem Schicksal gelingt vollkommen und ist bis zur letzten Seite hin außerordentlich spannend.

Es folgen historische Jugendromane über das Judentum in Europa. Dazu greift Miriam Pressler Stoffe der Weltliteratur auf, gegen deren Verlust sie anschreibt: Etwa Shyloks Tochter (1999) nach Shakespeares Drama Der Kaufmann von Venedig und Nathan und seine Kinder nach Lessings Drama und der darin enthaltenen Ringparabel. Golem stiller Bruder geht auf den Prager jüdischen Legendenschatz zurück. In diesen Romanen erzählt Pressler in epischer Breite von religiösen Mentalitäten und Lebensstilen. Landschafts- und Städtebeschreibungen, Kleidung, Essund Trinkgewohnheiten, Fauna und Flora bringen dem jungen Leser räumlich und zeitlich ferne Orte und Menschen nahe. Ihr letztes, posthum erschienenes Werk Dunkles Gold handelt noch einmal von all den Themen, die ihr im Laufe ihres Lebens und Schreibens ans Herz gewachsen sind. Von der grausamen Judenverfolgung im Zeitalter der europäischen Pest, dem Antisemitismus heutiger Zeit und der schwierigen Existenz Israels. Dabei verfällt sie niemals der Versuchung, alles Jüdische zu verklären. Feinde können hilfreich handeln, untreue Freunde bieten keinen Verlass, Unerwartetes lauert überall.

Mit gleicher Leidenschaft widmete sich Mirjam Pressler dem Übersetzen. Neben Kinder- und Jugendbüchern vor allem aus dem Niederländischen sind auch zeitgenössische Autoren aus Israel erst durch ihre Übersetzungsarbeit in Deutschland bekannt geworden. Unter anderen Zeruya Shalev, Lizzi Doron und Uri Orlev. Über Zeruyas Shalevs ersten Roman Liebesleben soll Marcel Reich-Ranicki sogar gesagt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es im Original so gut ist wie in dieser Übersetzung.“ 2015 erschien ihre deutsche Version von Amos Oz‘s Roman Judas, für die sie mit dem Leipziger Buchmessepreis für Übersetzung und gemeinsam mit dem Autor mit dem Internationalen Buchpreis des Hauses der Kulturen der Welt (Berlin) geehrt wurde. Was zeichnet Mirjam Presslers Übersetzungen aus? „Beim Übersetzen komme ich mir vor wie ein Musiker, der eine fremde Komposition interpretiert.“ Das geht nicht ohne Intuition. Für Stimmungen, Anspielungen und Wortspiele findet sie deutsche Entsprechungen und nimmt sich dabei so viele Freiheiten, dass man dem Text die Übersetzungsarbeit nicht anmerkt. Mirjam Pressler gelinge „eine feine Nuancierung des Atmosphärischen, das dieses kluge und mehrschichtig konstruierte Werk durchwirkt und trägt“, so lautet die Jurybegründung des Internationalen Buchpreises. Für ihre Übersetzungen zahlloser Kinder- und Jugendbücher wurde sie 1994 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Ihr politisch-pädagogisches Engagement blieb nicht unbeachtet. Folgende Ehrungen wurden ihr zuteil: der Bayerische Verdienstorden 2006, die Rosenzweig-Buber Medaille der christlich-jüdischen Gesellschaft als „Impulsgeberin für Toleranz und ein friedliches Miteinander“ (2013) und im Dezember 2018 das große Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland im Hinblick auf ihren Einsatz für die „Völkerverständigung insbesondere zwischen Israel und Deutschland“ und „die unermüdliche Erinnerung an das nationalsozialistische Unrecht“. Am 19. Januar ist Mirjam Pressler nach langer schwerer Krankheit in Landshut im Alter von 78 Jahren gestorben.

Eine Auswahlbibliografie

Bitterschokolade, Beltz & Gelberg, Weinheim 1980 (Gulliver Taschenbuch), 160 Seiten, 5,95 €, ab 13 Novemberkatzen, Beltz & Gelberg, Weinheim 1982 (Gulliver Taschenbuch) 328 Seiten, 7, 95 €, ab 12 Ich sehne mich so. Die Lebensgeschichte der Anne Frank, Beltz & Gelberg, Weinheim 1992 (Gulliver Taschenbuch) 224 Seiten, 7,95 €, ab 14

Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen, Beltz & Gelberg, Weinheim 1994 (Gulliver T ­ aschenbuch) 7,95 €, ab 12

Shylocks Tochter, Beltz & Gelberg, Weinheim 1999, 272 Seiten, 16,90 €, ab 14 Malka Mai, Beltz & Gelberg, Weinheim 2001 (Gulliver ­Taschenbuch) 328 Seiten, 7,95 €, ab 12 Golem stiller Bruder, Beltz & Gelberg, Weinheim 2007, 376 Seiten, 8,95 €, ab 14 Nathan und seine Kinder, Beltz & Gelberg, Weinheim 2009 (Gulliver Taschenbuch) 264 Seiten, 8,95 €, ab 14 Grüße und Küsse an alle, in Zusammenarbeit mit Gerti Elias, S. Fischer Verlag 2009, 400 Seiten, 22, 95 € Dunkles Gold, Beltz & Gelberg, Weinheim 2019, 336 ­Seiten, 17,95 €, ab 14

Übersetzungen (Auswahl)

Anne Frank: Anne Frank Tagebuch, aus dem Niederl. von Miriam Pressler, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1991, 10,00 €, 368 Seiten, ab 14

Uri Orlev: Lauf, Junge, lauf, aus dem Hebr. von Mirjam Pressler, Beltz & Gelberg, Weinheim 2004, (Gulliver T ­ aschenbuch) 232 Seiten, 8,95 €, ab 12

Amos Oz: Judas, aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main 2015, 335 ­Seiten Zeruya Shalev: Liebesleben, aus dem Hebr. von Mirjam Pressler, Berlin Verlag, Berlin 2000, 368 Seiten

 

Dr. Barbara von Korff Schmising arbeitet als Rezensentin und Publizistin überwiegend im Bereich Kinder- und Jugenliteratur. Sie ist als Referentin in der Erwachsenenbildung tätig und hat 25 Jahre lang die „Silberne Feder“, den Kinder- und Jugendbuchpreis des Dt. Ärztinnenbundes geleitet. bschmising@gmx.de

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