Im Fokus

Neuerscheinungen zu Alexander von Humboldts 250. Geburtstag: Natur- und Kulturforscher, Weltweiser, Forschungsreisender, Polyhistor und Menschenfreund

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 5/2019

Spätestens 2016, mit dem Erscheinen der deutschen Über­setzung von Andrea Wulfs Buch „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ (siehe meine Besprechung im FBJ 9, 2017, 62-64), wurde der Countdown zur Publikati­onsrallye zu Humboldts 250. Geburtstag (14.09.1769) und seinem 160. Todestag (06.05.1859) eingeläutet. Schon ei­nige Monate vor diesem runden Geburtstag wurde er als „erster Naturschützer“ und als „Wegbereiter der Ökologie“ auf der Titelseite der „ZEIT“ vom 25. Juli 2019 gefeiert. Der Artikel im Innern des Blattes war dann eher etwas dürftig, wobei der hervorgehobene Hinweis auf sein „revolutionäres Denken“ nicht fehlen durfte. Zum Geburts­tag am 14. September 2019 gab es vermutlich nicht nur in jeder deutschen Tageszeitung mindestens einen Artikel über ihn. Beispielhaft sei hier auf die Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ vom 14./15.09.2019 hingewiesen. Auf deren Titelseite wird er mit Bild als „erster Klimaforscher“ und „Universalgelehrter“ bezeichnet; der Artikel im Innern trägt die nichtssagende Überschrift „Der Teufelskerl“, ein Leitartikel nennt ihn einen „universalistischen Naturfor­scher“, der „als Vorbild dringend gebraucht“ werde. Bei aller Wertschätzung dieses bedeutenden Gelehrten scheint es mir durchaus angebracht, ihn, wie man so sagt, ein wenig tiefer zu hängen, um seine tatsächlichen Leistungen und Verdienste nicht in plakativen Formulierungen zu überhöhen, sondern sich kritisch mit seinen Forschungen und deren Nach- und Auswirkungen auseinander­ zusetzen. Denn Kritik, das wusste gerade Humboldt zu schätzen, ist eine fundamentale Basis der Wissenschaft. Seine Verdienste als Wissenschaftler stehen außer Frage. Er verkörperte das, was heutzutage immer wieder gefor­dert wird, Interdisziplinarität, die er zur Multidisziplinarität erweiterte. Er war unter anderem Physiker, Chemiker, Geo­graph, Botaniker, Zoologe, Meteorologe, Anthropologe, Ethnologe, Kartograph und Historiker; manchmal glaubte er auch, er sei Schriftsteller. Zeichnen konnte er ebenfalls ausgezeichnet, galt als guter Redner, allerdings ist sein Schreibstil bisweilen etwas ausufernd. Zudem war er ein überzeugter Liberaler im zeitweilig konservativ-reaktio­nären Preußen, ein Demokrat, Verfechter der Menschen­ rechte der Französischen Revolution und fast immer ein entschiedener Gegner der Sklaverei, die, wie er schrieb, die Würde des Menschen „entadele“. Den Begriff „Rasse“ be­nutzte er eher unwillig und ging dezidiert von der „Einheit des Menschengeschlechts“ aus.

 

Andreas W. Daum, Alexander von Humboldt, München: C.H. Beck 2019, 128 S., Abb. und Karten (C.H. Beck Wissen)

Der schmale Band aus der Reihe „Beck Wissen“ des an der State University of New York in Buffalo (USA) leh­renden Historikers Andreas Daum, der sich seit längerer Zeit mit Humboldt und der Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts beschäftigt, bietet eine kompakte Ein­führung in Leben und Werk Humboldts. Wie in der Reihe üblich, gibt es zwar eine Zeittafel, ein Literaturverzeichnis und ein Personenregister, aber bedauerlicherweise keine Anmerkungen.

Daum wählt, auch dies bei Biographien üblich, eine chro­nologische Darstellung und stellt Humboldt jeweils in den Kontext der wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen. Sehr verdichtet und in knapper Form, aber dennoch gut lesbar, zeigt er die prägenden Einflüsse Humboldts, seine Beziehungen zu dem Welt­umsegler Georg Forster, zu dem Berliner Mediziner und Botaniker Karl Ludwig Willdenow oder zu dem Göttinger Professor für Anatomie Johann Friedrich Blumenbach. Im Unterschied zur älteren Forschung, die Humboldts homo­sexuelle Neigungen verschwiegen, geht Daum auch auf diesen Aspekt ein, über den aufgrund fehlender Quellen keine endgültigen Aussagen gemacht werden können. In jedem Falle widerspricht er dem häufig vermittelten Bild, Humboldt sei ein „emotionsloser Mensch“ gewesen. Statt­ dessen, so Daum, ginge aus den Korrespondenzen her­vor, dass er seine „männliche Empfindsamkeit“ mit großer Intensität ausgelebt habe. Nach seiner Rückkehr von der großen Forschungsreise 1804 hat er seinen privaten Be­reich zunehmend vor den Blicken anderer „geschützt“. Sei­ne Intellektualität und seinen Drang nach Wissen schul­te er in Begegnungen mit Friedrich von Schiller, Johann Wolfgang von Goethe und immer wieder auch im engen Kontakt zu seinem älteren Bruder Wilhelm. Nach dem Tod der wenig geliebten Mutter verfügten die Brüder über recht hohe Erbschaften, die es Alexan­der endlich ermöglichten, sich seinen Traum von einer großen Forschungsreise zu erfüllen. Gemeinsam mit dem französischen Arzt und Botaniker Aimé Bonpland erhielt er die Erlaubnis der spanischen Krone, deren Besitzungen in Amerika zu erforschen. Fünf Jahre forschten die bei­den, begleitet von mehreren Dienern und weiteren Hel­fern, in Venezuela, Kuba, Peru, Kolumbien, Mexiko und Ecuador (nach heutiger Bezeichnung). Legendär schon zu Lebzeiten wurde die Flussfahrt auf dem Orinoco in das Innere des Kontinents und die Besteigung des Chimbo­razo, der damals als der höchste Berg der Welt galt. Auf diesen Erkundungen gingen sie bis an die Grenzen ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit und teils sogar darüber hi­naus. Das Forschungsprogramm der beiden Wissenschaft­ ler umfasste in heutiger Terminologie Botanik, Geologie, Geographie, Zoologie, Klimatologie, Astronomie, Demo­graphie, Soziologie, Anthropologie, Ethnologie und Kul­turgeschichte. „Alles ist Wechselwirkung“ war Humboldts zentrale These, ihn interessierte, wie sich Mensch und Na­turraum gegenseitig beeinflussen. Heute würden wir nicht von „Naturraum“, sondern von Umwelt reden. Welche Prä­gungen gehen von den natürlichen Ressourcen aus, die die Menschen nutzen und ausbeuten (S. 47)? Er führte eine Art Tagebuch und schrieb zahllose Briefe, überlebte ein Erdbeben und einen Überfall, zahlreiche Un­fälle und Erkrankungen sowie Unmengen von Moskitos. Überall wurde ge- und vermessen, dafür hatte Humboldt noch in Europa die neuesten Instrumente angeschafft. Diese und die Reise finanzierte Humboldt aus seinen ei­genen Mitteln; er forschte mit Erlaubnis der spanischen Krone, aber nicht mit deren finanzieller Unterstützung. Das machte ihn auf eine gewisse Art unabhängig. Seine Begegnungen mit den Sklavenhaltergesellschaften Latein- und Nordamerikas verstärkten seine Ablehnung der Skla­verei. Nach einem kurzen Aufenthalt in den noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika im Mai und Juni 1804 erreichten Humboldt und Bonpland im August jenes Jah­res wieder Europa. Beide waren zu Berühmtheiten nicht nur der wissenschaftlichen Welt geworden. Die folgenden rund 20 Jahre, von 1807 bis 1827, verbrachte Alexander zumeist in Paris, für ihn die Hauptstadt der Wissenschaf­ten, auch wenn er inzwischen zum preußischen Kammer­herrn mit festem Gehalt aufgestiegen war, was vor allem späterhin von großer Bedeutung werden sollte, denn mit der Publikation seiner, je nach Zählung 29 oder 34 Bände umfassenden Werke über seine Amerikareise, hatte er sich finanziell endgültig ruiniert.

So siedelte er denn am Ende der 1820-er Jahre wieder nach Berlin um, reiste 1829 auf Kosten des russischen Kaisers Nikolaj I. durch das Russische Reich bis an die Grenze nach China. Diese Reise, die noch nicht einmal ein Jahr dauer­te, stand und steht immer im Schatten der „amerikani­schen“ Reise, dabei war sie für Humboldts Forschungen zur Entstehung von Gebirgen, wie auch Daum schreibt, von eminenter Bedeutung. Darüber hinaus arbeitete er unausgesetzt an seinen Projekten, darunter vor allem der Pflanzengeographie und verfolgte seinen Plan, ein Werk über den „Kosmos“ zu schreiben. Berühmt wurden sei­ne Berliner „Kosmos-Vorträge, die er öffentlich, kostenlos und für jeden zugänglich Ende 1827/Anfang 1828 in der Berliner Singakademie (heute Maxim-Gorki-Theater) na­ he der Prachtstraße „Unter den Linden“ hielt. Vom König bis zum Handwerksmeister waren alle Schichten vertreten, sogar Frauen waren, wie die Presse süffisant berichtete, anwesend. Nach Humboldts eigenen Angaben besuchten etwa 1.500 Personen jede Woche seine Veranstaltung. Er sprach, wie es seine Art war, nur auf Zettel gestützt, frei und entwickelte in 16 Vorträgen sein wissenschaftliches Konzept der „grenzenlosen Verknüpfung aller natürlichen Räume“ unter Einschluss des Menschen und des Bildes „eines Natur Ganzen“ (S. 87f.). Auch die Geschichte des Menschengeschlechts wurde berücksichtigt und das Sys­tem der Sklaverei scharf verurteilt.

Zugleich hielt er, als Mitglied der Berliner Akademie war dies möglich, „Kosmos-Vorlesungen“ an der Berliner Uni­versität. Hier ist darauf hinzuweisen, dass Alexander von Humboldt noch nicht einmal sein Studium an der Berg­akademie Freiberg abgeschlossen hatte. Die Universität Frankfurt/Oder, die Viadrina, an der er ein paar Semes­ter studiert hatte, promovierte ihn 1805, kurz nach seiner Rückkehr aus Amerika, in absentia, zudem wurde ihm sie­ben Mal die Ehrendoktorwürde verliehen. Aber in den da­maligen Zeiten zählten die Formalia längst noch nicht in dem Maße, wie dies späterhin der Fall war. Möglicherweise ist dies auch einer der Gründe, warum die heutige wis­senschaftliche Welt so begeistert von ihm ist: Humboldt war ein Außenseiter, keiner, der eine akademische Karriere gemacht hatte, sondern ein unabhängiger Privatgelehrter liberal-humanistischer Prägung, wie Daum mehrfach her­vorhebt (S. 83).

Sein Verdienst, so Daum abschließend, sei es, „unter­schiedliche intellektuelle und geographische Räume zu­ einander in Beziehung gesetzt und unterschiedliche Be­obachtungen, Kulturen und Kontinente miteinander verknüpft“ zu haben. Alexander von Humboldt sei „in seiner entgrenzenden Neugier“ eine historische Gestalt, die uns zu Recht anspreche (S. 118). Der Band ist in jeder Hinsicht lesenswert und eine gute Einführung zum Thema. Er hät­ te noch dadurch gewonnen, wenn der Verlag denn end­lich für diese Reihe zwei oder drei zusätzliche Seiten für die wichtigsten Nachweise als Anmerkungen bereitstellen würde, um die Basis für eine sinnvolle Weiterbeschäfti­gung zu legen.

 

Rüdiger Schaper, Alexander von Humboldt. Der Preuße und die neuen Welten, 2. Aufl., München: Siedler Verlag 2018, 285 S., zahlreiche Abb.

Rüdiger Schaper leitet das Kulturressort des Berliner „Ta­gesspiegel“ und war zuvor zehn Jahre Kulturkorrespon­ dent der „Süddeutschen Zeitung“. Er publizierte unter anderem eine Biografie Karl Mays und einen Band über die Geschichte des Theaters von Schlingensief bis Aischy­ los. Die hübsche Formulierung erinnert an einen Satz des englischen Schriftstellers David Lodge, der in einem seiner satirischen Bücher über die akademische Welt dies- und jenseits des Atlantiks in den 1950er bis 1980er Jahren einen Doktoranden auftreten lässt, der eine Dissertation über den Einfluss von T.S. Elliot auf William Shakespeare schreiben will.

Auch in Schapers Buch fehlt jede Anmerkung, nichts lässt sich überprüfen und auch wörtliche Zitate werden nicht nachgewiesen. Wir haben es also mit einem sogenannten Sachbuch zu tun, denn für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Humboldt ist der Band unbrauchbar. Das Literaturverzeichnis umfasst gerade einmal knapp vier Seiten, und eine Reihe von Büchern, die der durchaus be­lesene Autor zitiert, bleibt unerwähnt. Andrea Wulfs Buch über Humboldt (s.o.) wird nur in der englischen Original­fassung von 2015 genannt, obwohl Schaper aus der deut­schen Übersetzung von 2016 zitiert. Auf S. 34 erwähnt er die Studie von Hannah Arendt über Rahel Varnhagen von Ense, Schriftstellerin und Berliner Salonière, mit deren Mann Karl August Alexander von Humboldt sehr eng be­ freundet war. Die Arbeit wird jedoch im Literaturverzeich­nis nicht genannt. Warum denn nicht? Zu viel Arbeit für Autor und Verlag? Aber heutzutage gibt es ja Tante Goog­le und dazu noch Wikipedia, die ab und zu auch nützlich sind und mühevolles Suchen ersparen. Man erfährt, dass es sich dabei um Arendts Habilitationsschrift handelt, die sie vor ihrer Emigration nicht mehr beenden konnte und die erst 1938 im Pariser Exil abgeschlossen wurde. Sie liegt inzwischen in 10. Auflage vor. Leider ist dies kein Einzel­fall. So fehlt auch der Hinweis auf die Edition der Jugend­briefe Alexanders, die Ilse Jahn und Fritz G. Lange 1973 in der DDR (Akademie-Verlag, Berlin) herausgegeben haben; Schaper zitiert häufiger daraus, vor allem in seinem Kapitel über „Das wissenschaftliche Geschlecht“ aus den Briefen an seinen mutmaßlichen Geliebten Reinhard von Haeften, einen preußischen Offizier.

Intensiv hat sich Schaper mit dem Protagonisten seines Buches auseinandergesetzt. In seiner „Nachbemerkung“ schreibt er, Humboldt sei „Dauergast“ gewesen; salopp gesprochen also schon beim Frühstück präsent und beim Abendessen immer noch am Tisch sitzend. Dabei geht bisweilen die Distanz zum Gegenstand verloren, das zu untersuchende oder zu beschreibende Objekt kommt dem Betrachter zu nahe, um noch objektiv und distanziert ana­lysiert und beschrieben werden zu können. Das merkt man dem Buch manchmal an, wenn der Autor „Humboldts Seele“ sucht, aber stattdessen schreibt: „Humboldt sucht sich selbst“ (S. 52). Das ist so banal wie zutreffend, denn so gut wie jeder sucht sich irgendwann einmal selbst, bis­weilen sogar öfter als ihm lieb ist. Humboldt war rastlos und ständig in Bewegung. Die Salons, die er besuchte, verließ er zumeist nach einer halben oder dreiviertel Stun­de wieder, um den nächsten aufzusuchen. Ebenso war es mit seinen Ideen, die er beständig produzierte, ohne sie später umsetzen zu können oder zu wollen. So blieben ei­nige Werke unvollendet, Fragmente, denen das Ende fehl­te. Daraus kann man viele Schlüsse ziehen oder es dabei bewenden lassen, dies als einen grundlegenden Charakter­zug Alexanders zu akzeptieren.

Zudem stellt Schaper, durchaus verdienstvoll, bisherige Beschreibungen oder Auslassungen in den biographi­schen Studien in Frage. So hält er das bisher von Wil­helm und Alexanders Mutter Marie-Elisabeth Colomb, Nachfahrin hugenottischer Zuwanderer, in der Forschung gezeichnete Porträt für „nicht gerecht“ (S. 25). Sie gilt als „strenge, disziplinierte Frau“ (Daum, S. 11) ohne emotio­nale Regungen, die ihren Kindern nach dem frühen Tod des Vaters ohne Wärme begegnete. Alexander jedenfalls empfand seine Jugend als trostlos, da sein Gemüt „ge­ mißhandelt“ worden sei, und hatte ein äußerst distan­ziertes Verhältnis zu seiner Mutter. Weder reiste er von Bayreuth nach Hause, als sie schwer erkrankte, noch war er bei ihrer Beerdigung anwesend. Überzeugende Belege für seine These präsentiert Schaper aber nicht. Unzuläng­lich erscheint mir auch das Kapitel über Humboldts Sexu­alität. Sicherlich trifft es zu, dass die ältere Forschung die offensichtlich vorhandenen homoerotischen Neigungen Alexanders mit Schweigen oder Unwohlsein übergangen hat. Seine Briefe an seinen Jugendfreund Reinhard von Haeften sind allerdings seit der Veröffentlichung 1973 in der schon erwähnten Edition der Jugendbriefe bekannt. Ebenso bekannt sind auch tatsächliche oder mögliche Af­fären mit Frauen. Augenscheinlich gehörte Alexander zu denjenigen Personen, die es vorziehen, sowohl zu Leb­zeiten als auch nach dem Tode darüber zu schweigen und mögliche Quellen dazu zu vernichten. Und die Frage bleibt, ob denn die homoerotischen Neigungen oder die Bisexualität für das wissenschaftliche Denken Humboldts relevant waren. Ich erlaube mir an dieser Stelle die Bemer­kung, dass mir die sinnlich-erotischen Neigungen meiner akademischen Kolleginnen und Kollegen herzlich egal waren und sind, solange sie vernünftige Wissenschaft treiben. Ich war und bin auch weiterhin an genauerer Kenntnis darüber völlig desinteressiert und glaube bei­ spielsweise nicht, dass homosexuelle Männer/Frauen Wis­senschaft anders betreiben als heterosexuelle oder bisexu­elle Männer/Frauen. „Worüber man nicht sprechen kann, davon soll man schweigen“, meinte der Philosoph Ludwig Wittgenstein, und das Privatleben gehört zu den Berei­chen, über die man in der Wissenschaft, außer sicherlich in der Psychologie und verwandten Gebieten, den Mantel des Schweigens ausbreiten sollte. Es sei denn, man ist mit der betreffenden Person eng befreundet. So ist denn meine Bilanz dieses Buches auch zwiespältig. Der Gegenstand der Darstellung, also Alexander von Hum­boldt, hat sich stellenweise des Autors bemächtigt oder ihn, wie es am Ende des Buches heißt, abgewiesen oder sich wie ein scheues Reh ins Unterholz geflüchtet. Es miss­fiel dem Verfasser, dass Humboldt offensichtlich der Mei­nung war, sein Werk spreche für sich und die Person da­hinter zu verbergen suchte. Die Zeitgenossen begegneten ihm in den Salons von Paris, Berlin oder London, manche auch im lateinamerikanischen Urwald. Die Nachlebenden sollten sich mit seinem Riesenwerk vergnügen.

 

Andrea Wulf, illustriert von Lillian Melcher, Die Abenteuer des Alexander von Humboldt, München: C. Bertelsmann 2019, aus dem Englischen von Gabriele Werbeck, 272 S.

Das Buch ist ein Graphic Novel, in dem Andrea Wulf auf der Basis der Humboldtschen Tagebuchaufzeichnungen und zahlreicher veröffentlichter und unveröffentlichter Dokumente seine Amerika-Reise mit Aimé Bonpland von 1799 bis 1804 als eine Art Comic präsentiert. Der Band ist ansprechend koloriert, bisweilen bilden die Tagebuchaufzeichnungen, die mittlerweile auf der Seite der Staatsbibliothek Berlin Preußischer Kulturbesitz im Netz verfügbar sind, und andere Dokumente den Hinter­grund für die Zeichnungen. Wie in Comics üblich, reden die handelnden Personen in Sprechblasen, aber es gibt auch erzählende Texte. Trotzdem ergibt sich meines Er­achtens kein wirklicher Erzählstrang. Der Erzähler ist Hum­boldt selbst, der fast immer eine himmelblaue Jacke trägt. Weder er noch Bonpland, der ein ganz aufgedunsenes Ge­sicht hat, sehen so aus, wie man sie von den zahlreichen überlieferten Gemälden her kennt. Und ab und zu taucht auch die Verfasserin auf (S. 210) und Humboldt freut sich, dass er diesmal – im Unterschied zu Andrea Wulfs Monographie – etwas über Mexiko erzählen darf. An einigen Stellen ist die Lektüre schwer erträglich. Auf Seite 17 wird der Ausbruch des Typhus während der Überfahrt von Humboldt und Bonpland geschildert. In den Hängematten liegen die kranken Seeleute und man liest: „Ächz, Hust, Hust, Stöhn, Hust, Schnief, Krächz, Hust, Ächz, Röchel, Stöhn, Hust“. Das ist so, wie in diversen Co­mics kommuniziert wird, auf teilweise sprachlich niedri­gem Niveau. Ein zentrales Thema des Buches, und dies ist durchaus verdienstvoll, ist die Hervorhebung von Hum­boldts Ablehnung und Kampf gegen die Sklaverei. Für den geübten Leser von Comics oder Graphic Novels mag der Band eine vergnügliche und ansprechende Lek­türe sein. Ich empfand sowohl Lesen als auch Betrachtung als ausgesprochen anstrengend und vermisste sehr oft eine zusammenhängende Darstellung der Ereignisse.

 

Volker Mehnert/Claudia Lieb, Alexander von Humboldt oder Die Sehnsucht nach der Ferne, 2. Aufl., Hildesheim: Gerstenberg Verlag 2018, 112 S., zahlreiche Abb.

Das Buch, dessen Text von Volker Mehnert und dessen Bilder von Claudia Lieb stammen, richtet sich an junge Le­ser und Leserinnen, ist aber auch für all jene empfehlens­wert, die nur wenig über Alexander von Humboldt wissen. Nach dem Inhaltsverzeichnis folgt eine Karte mit der Rou­te der amerikanischen Forschungsreise, dann eröffnet der Band mit einem Prolog wie bei Rüdiger Schaper und er­ zählt auf zwei Seiten über Humboldts „Kosmos-Vorträge und -Vorlesungen“ im Winter 1827/28 an der Universität und an der Sing-Akademie. Danach geht die Darstellung zur Chronologie über und folgt den bekannten Stationen des Humboldt’schen Lebens, legt aber eindeutig den Schwerpunkt auf die „amerikanische Reise“, wobei der Aufenthalt in Kuba nur kurz angerissen wird. Mehnert erzählt anregend und anschaulich über Humboldts und Aimé Bonplands Reisen und Forschungen. Die Zeichnungen von Claudia Lieb illustrieren diese Erzäh­lungen durchaus gelungen. Zur Erläuterung sind immer wieder Erklärungen an den Seitenrändern eingeschoben, die Personen und Sachverhalte knapp erläutern. Am Ende stehen kurze Ausführungen über Humboldts Reise durch Russland und seine Jahre in Berlin von 1827 bis zu seinem Tod 1859. Knapp gewürdigt wird auch Bonpland, dessen Leben nach seiner großen Forschungsreise mit Humboldt eher unglücklich verlief. Am Ende finden sich Quellen- und Literaturhinweise sowie Verweise auf Filme, Museen und selbstverständlich auch auf das Internet. Mehnert macht, wie so viele andere Alexander von Humboldt und seinen Bruder Wilhelm zu Baronen. Das ist unzutreffend, auch wenn Alexander selbst sich bisweilen Baron oder Freiherr nannte.

Dem Buch sind viele junge und auch ältere Leser zu wün­schen, weil es knapp und informativ in eingängiger und verständlicher Sprache über die zentralen Aspekte der Humboldt‘schen Forschungen informiert und auch aktu­elle Bezüge herstellt.

 

Alexander von Humboldt, Die Russland-Expedition. Von der Newa bis zum Altai, hg. von Oliver Lubrich; mit einem Nachwort von Karl Schlögel, München: C. H. Beck 2019, 220 S., eine Karte

Bei diesem Band handelt es sich um eine stark gekürz­te Fassung des 2009 im S. Fischer-Verlag erschienenen Buches: Alexander von Humboldt. Zentral-Asien. Unter­suchungen zu den Gebirgsketten und zur vergleichenden Klimatologie, neu bearbeitet und herausgegeben von Oli­ver Lubrich; mit einer Auswahl aus Alexander von Hum­boldts Reisebriefen und Gustav Roses Reisebericht. Von April bis Dezember 1829 bereiste Humboldt auf Ein­ladung des russischen Zaren Nikolaj I., der mit Charlotte, der ältesten Tochter des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. verheiratet war, das Russische Reich bis zur chinesischen Grenze. Der Untertitel führt ein wenig in die Irre, denn Humboldts Russlandreise begann im estnischen Dorpat (heute Tartu), einer wichtigen Universitätsstadt als Scharnier zwischen Ost- und Westeuropa, und endete an der chinesisch-russischen Grenze. Im Unterschied zur amerikanischen Forschungsexpedition wurde diese Reise von russischer Seite finanziert, die damit sowohl wirtschaftliche als auch politische Interessen verfolgte. Darü­ber hinaus war die Reise exakt vorgeplant und sollte auf einer vorher festgelegten Route verlaufen, alle Behörden auf der Strecke waren angewiesen, den deutschen Ge­lehrten und seine Begleitung nach Kräften zu unterstüt­zen und ihn „würdig“ zu behandeln. Es gab daher stets offizielle Begrüßungen und Empfänge und eine Art von Überwachung, die Humboldt nervten, denen er sich aber dennoch fügte.

Wie so oft bei Humboldt ist auch die Geschichte der Pu­blikation der Reiseberichte mehr oder minder kompliziert und problematisch. Humboldt selbst hat keinen Bericht veröffentlicht, sondern zunächst 1843 im französischen Original eine Untersuchung über die asiatischen Gebirgs­ketten und zur vergleichenden Klimatologie, die 1844 in einer deutschen Übersetzung erschien. Den Reisebericht verfasste Humboldts Reisebegleiter, der Berliner Minera­loge Gustav Rose, während der zweite Reisebegleiter, der Zoologe und Biologe Christian Gottfried Ehrenberg, mik­robiologische Artikel verfasste.

In dem vorliegenden Band finden sich in einer Art Mon­tage-Auszüge aus dem Reisebericht Roses, der 1837/42 zweibändig publiziert wurde, sowie Auszüge aus Hum­boldts Briefen an seinen offiziellen Gastgeber, Graf Georg Cancrin, russischer Finanzminister deutscher Herkunft, an dessen Gattin Katharina, an den preußischen Gesandten in St. Petersburg, Baron Friedrich von Schöler, sowie an seinen Bruder Wilhelm und seinen Freund François Ara­go. Humboldt korrespondierte also, wie der Herausgeber Oliver Lubrich hervorhebt, auf zwei Ebenen, einer of­fiziellen und einer privaten. Sie unterscheiden sich, wie kaum anders zu erwarten, fundamental. Während er sich bei seinem Bruder Wilhelm und bei seinem Freund Ara­go über alle Unzulänglichkeiten und störenden Begleit­erscheinungen „beklagte“, schrieb er diplomatische Briefe an den Herrn Finanzminister, dem er mehrmals mitteilte, dass er aus wissenschaftlichen Gründen die Reiseroute ein wenig verändern musste, so dass sowohl ein Besuch an der russisch-chinesischen Grenze als auch ein Abstecher an das Kaspische Meer möglich wurden.

Diese Reise nach Zentralasien war sowohl ein Wunschtraum Humboldts seit seinen Studienjahren als auch ein Ersatz für die von britischer Seite wegen vorgeblich be­fürchteter Spionage stets abgelehnte Reise in das Massiv des Himalayas. Dafür war Humboldt durchaus bereit, sich, wie in manch anderen Fällen auch, den herrschenden Gegebenheiten anzupassen. Dies tat er auch gegenüber den preußischen Königen, mit denen er im Laufe seines Lebens zu tun hatte, oder mit dem Sklaven haltenden amerika­nischen Präsidenten Thomas Jefferson. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Der Osteuropahistoriker Karl Schlögel hat für den Band ein Nachwort geschrieben, in dem er dankenswerter Wei­se auf Alexander von Humboldts deutsche Vorgänger bei der Erforschung Sibiriens seit dem Beginn des 18. Jahr­ hunderts hinweist: Auf Daniel Gottlieb Messerschmidt (1685-1735), Johann Georg Gmelin (1709-1755), Ger­hard Friedrich Müller (1705-1783), Georg Wilhelm Stel­ler (1709-1746) und auf Peter Simon Pallas (1741-1811). Vor allem die Werke seines Berliner Landsmannes Peter Simon Pallas hat Humboldt sehr geschätzt und häufiger auf dessen Verdienste verwiesen. Messerschmidt konnte leider nicht, wie Schlögel, schreibt, „ein großes Werk“ über seine Ersterforschung Sibiriens veröffentlichen. Aufgrund der Anordnungen der St. Petersburger Akademie ist zu sei­nen Lebzeiten nicht eine Zeile seiner Schriften publiziert worden. Die Edition seiner Tagebücher in Kooperation der Akademien der Wissenschaften in der DDR und der UdSSR in den 1960er und 1970er Jahren ist, gelinde gesagt, ver­fälschend; sein Hauptwerk „Sibiria Perlustrata“ liegt als Manuskriptfassung immer noch im Akademiearchiv in St. Petersburg. Alle hier genannten Forschungsreisenden ha­ben das praktiziert, was nun „Wissenschaft in Bewegung“ genannt wird. Sie führten Tagebücher und weitere Auf­zeichnungen, sammelten, maßen, verglichen und zeichne­ten. Pallas publizierte 1771 auf Druck Katharinas II. den ersten Band seiner „Reise durch verschiedene Provinzen des Russischen Reichs“ noch während er im Auftrag der St. Petersburger Akademie der Wissenschaften in Sibirien forschte.

In jedem Falle vermittelt der Band einen recht guten ers­ten Eindruck von Humboldts zweiter großen Reise, die immer wieder gerne „vergessen“ oder als weniger wichtig angesehen wird, die aber nicht nur für seine Forschungen über die Entstehung der Gebirge von erheblicher Bedeu­tung war.

 

Alexander von Humboldt, Tierleben, herausgegeben und mit einem Nachwort von Sarah Bärtschi, Berlin: Friedenauer Presse 2019, 187 S., zahlreiche Abb.

Humboldt war, daran erinnert die an der Berner Univer­sität tätige literaturwissenschaftliche Komparatistin Sa­rah Bärtschi, auch Zoologe, ein Bereich, der bald nach seinem Tod weitgehend aus dem öffentlichen Bewusst­sein verdrängt wurde. Mit 15 Porträts von Tieren, denen Humboldt auf seiner Reise in Südamerika begegnete, ruft Bärtschi uns dies wieder ins Gedächtnis. Zu ihnen gehören Zitteraale und -rochen, Seekühe, Krokodile, verschiedene Affenarten, Jaguare, Papageien, Kraterfische und Kondo­re. Am Ende des Bandes finden sich ein Verzeichnis von Humboldts Lebensdaten und wichtigen Werken, ein Nach­wort, und verschiedene Aufstellungen.

Humboldts Zoologie ist, wie Bärtschi schreibt, eine des Zufalls und nicht systematisch, auch wenn er zur Zoolo­gie Lateinamerikas ein zweibändiges Werk publizierte, das späterhin auch ins Deutsche übersetzt wurde. Dennoch fällt bei den Beschreibungen auf, wie intensiv und um­fassend er mit der bisherigen Forschung, welcher Art auch immer, vertraut ist. Bisweilen drängt sich der Eindruck auf, er habe die Klassifikationen des 18. Jahrhunderts von Carl von Linné und Georges-Louis Leclerc Comte de Buffon auswendig gelernt, um sie an Ort und Stelle widerlegen zu können und ihnen entscheidende Fehler nachzuweisen. Zudem kannte er wohl auch eher abgelegene Publikati­onen und weist in seiner Beschreibung des Jaguars, den er auch als „amerikanischen Tiger“ bezeichnet, auf eine Publikation von Peter Simon Pallas in der St. Petersburger Akademiezeitschrift aus dem Jahr 1772 über in Sibirien aufgefundene Mammutknochen hin.

Dann schildert uns Humboldt ein nächtliches Affenkon­zert im Urwald, und der Leser gewinnt den Eindruck, mit dabei gewesen zu sein. Zu all den herrlichen Beschreibun­gen sind dem Band noch die zu den Texten passenden Zeichnungen Humboldts beigegeben, der ein mindestens ebenso guter Zeichner wie Georg Forster war. Am schöns­ten sind die Affenbilder auf den Seiten 75 bis 78 mit dem Simia ursina und dem Simia satanas. Dies ist ein schö­nes und interessantes Buch nicht nur für Tierfreunde. Es zeigt, wie Humboldt aus der unmittelbaren Anschauung vergleichend seine Erkenntnisse gewann und die bisheri­ ge Forschung teils en passant widerlegte oder zumindest korrigierte. Zugleich macht er deutlich, zu welchen „Op­fern“ und Leistungen der Feldforscher im Selbstversuch fähig war. Während ein Moskito auf seiner Haut sitzt und sein Blut saugt, beschreibt er sowohl das Insekt, dessen Aktivitäten und seine Folgen. Ein lehrreiches Beispiel für wissenschaftliches Arbeiten unter erschwerten Bedingun­gen.

 

Alexander von Humboldt, Der Andere Kosmos. 70 Texte, 70 Orte, 70 Jahre 1789 – 1859, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nerlich, München: dtv 2019, 448 S.

Dies ist die Kurzfassung der zehnbändigen Ausgabe „Ale­xander von Humboldt, Sämtliche Schriften. Berner Ausga­ be“, die gleichfalls 2019 von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich herausgegeben, aber leider – aus welchen Grün­den auch immer – nicht zur Besprechung zur Verfügung gestellt wurde. Über die rund 50 eigenständigen Publika­tionen hinaus hat Humboldt in den rund 50 Jahren seines wissenschaftlichen Wirkens weltweit etwa 1.000 Artikel und Beiträge publiziert, die jene Ausgabe nun zugänglich macht. Während den „Sämtlichen Schriften“ drei Apparat­bände beigegeben wurden, gibt es in dem vorliegenden Band nur ein Quellenverzeichnis mit dem Nachweis der Druckorte.

Genaugenommen enthält dieser Band 71 Texte aus 71 Kalenderjahren und endet mit jenem „kuriosen Hilferuf“aus dem März 1869, dem „Ruf um Hülfe“, den er in Ber­liner Zeitungen veröffentlichte und darum bat, ihn nicht weiter mit allen möglichen Ansinnen zu behelligen, auch brauche er keine Häusliche Pflege, Zerstreuung oder Erhei­terung, sondern wolle lieber in Ruhe am „Kosmos“ arbei­ ten. Dieser Aufruf wurde binnen kurzem weltweit in Zei­tungen nachgedruckt. Ein „spätes, aber umso beredteres Zeugnis von Humboldts internationaler Bedeutung“, wie die Herausgeber kommentieren (S. 24).

Der Band zeigt die Bandbreite des Humboldt‘schen Wer­kes und seiner Interessen und ebenso sein öffentliches Engagement in gesellschaftspolitischen Fragen. 1842 wandte er sich – auch öffentlich – gegen jede Verschärfung der Gesetzgebung gegen die jüdischen Mitbürger in Preußen, in deren Familien und Salons sein Bruder und er seit ihrer Jugend verkehrten und mit denen sie zum Teil eng be­ freundet waren. In diesem, wie in vielen anderen Fällen, nahm er für sich in Anspruch, „den Muth eine Meinung [zu] haben“ (S. 346). Genau zehn Jahre später publizierte er noch einmal, wie schon in seinen Kosmos-Vorträgen von 1828/29, seine Überlegungen zur „Einheit des Men­schengeschlechts“, in denen er allen Formen von Rassis­ mus eine deutliche Absage erteilte. Diese Einheit sei „eine der großen leitenden Ideen in der Geschichte der Mensch­heit“ (S. 388).

Humboldts Publikationen betreffen zahlreiche wissenschaftliche Fächer, sind aber teils auch inter- oder sogar transdisziplinär (S. 19f.). Zudem gab es seit den 1830er Jahren eine Entwicklung hin zu einer „Globalisierung der Leserschaft“, die, ausgehend vom deutschsprachigen Raum, zunächst fast flächendeckend Europa durchdrang. Dann aber erschienen Humboldts Aufsätze auch in Süd-, Nord- und Mittelamerika, in Asien und schließlich ab 1850 sogar in Afrika, bis sie endlich Australien und Neuseeland erreichten. Die Vielfalt der Themen ist immer wieder ver­blüffend. Das Buch lädt zur vergleichenden Lektüre gera­dezu ein.

 

Alexander von Humboldt, Das Buch der Begegnungen. Menschen – Kulturen – Geschichten aus den amerikanischen Reisetagebüchern, herausgegeben, aus dem Französischen übersetzt und kommentiert von Ottmar Ette. Mit Originalzeichnungen Humboldts sowie historischen Landkarten und Zeittafeln, München: Manesse Verlag 2018, 393 S.

Während seiner Süd- und Mittelamerikareise führte Hum­ boldt ein Reisetagebuch, das rund viertausendfünfhundert Seiten umfasste, die er 1858, also kurz vor seinem Tod, in neun Schweinslederbände binden ließ. Sie gelangten nach einer Odyssee nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und nach dem Fall der Mauer schließlich in einer „Jahr­hunderterwerbung“ im November 2013 in die Staatsbib­liothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz. Dort wurden sie digital gespeichert und sind nun im Netz auf der Seite der Berliner Staatsbibliothek gebührenfrei zugänglich. Wer möchte, kann sich also das Original anschauen. Der Band stellt die Begegnungen Humboldts mit den Men­schen auf seiner Forschungsreise in den Mittelpunkt. So wie er es sieht, ist der Mensch Teil der Natur und die Natur ein Teil des Menschen, was eben auch für den Forscher selbst gilt. „Natur und Kultur sind in der Humboldt‘schen Wissenschaft nicht voneinander ablösbar und im Erkennt­nisprozess zugleich mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden. Jede naturräumliche Ausstattung zeitigt ge­sellschaftliche Folgen, die Humboldt nicht aus dem Fokus seiner Wissenschaft ausblendet“, schreibt Ette in seinem Vorwort (S. XIII).

Wie der Titel des Bandes verdeutlicht, hat Ette aus dem Tagebuch vor allem Humboldts Begegnungen mit Men­schen aller Art und unter allen nur denkbaren Umständen und Verhältnissen ausgewählt. Im Vordergrund stehen die Beschreibungen der amerikanischen Ethnien und deren Kultur, einschließlich der Sprache, Religion und Mythen, Geschichte und Gesellschaft sowie die Sklaverei und, damit eng verbunden, Zivilisation und Barbarei. Beim Lesen folgt man Humboldt auf seiner Reise nur teilweise in seiner un­mittelbaren Wahrnehmung, denn, wie Ette ausführt, bil­deten sie nicht nur die Grundlage für sein amerikanisches Reisewerk, sondern auch für weitere Forschungen, so dass er sein Leben lang daran arbeitete, also Einschübe oder Randbemerkungen vornahm oder Zettel und Blätter ein­klebte. So gibt der Herausgeber hilfreich einen „Lesepar­cours“ an die Hand, „in den Manuskripten auf die Reise zu gehen“ (S. 366). Man kann das Buch aber durchaus auch mit Gewinn ganz normal von Anfang bis Ende durchle­sen und dem Gelehrten bei seinen niedergeschriebenen Reflexionsprozessen über die Schulter schauen. Bei der Rekonstruktion des Reiseweges hilft die „Zeittafel 2“, die sehr ausführliche Auflistung der Reisestationen mit An­gabe der entsprechenden Daten. Und wer dazu Lust und Laune hat, kann den Text im Internet im Original in der Humboldt‘schen Handschrift und Anordnung nachlesen und selbst weiterforschen oder mitdenken. Insgesamt ein nicht nur gutes, sondern auch schönes Buch, dem man viele Leser/Leserinnen wünscht.

 

Oliver Lubrich/Adrian Möhl, Botanik in Bewegung. Alexander von Humboldt und die Wissenschaft der Pflanzen. Ein interdisziplinärer Parcours, Bern: Haupt-Verlag 2019, 272 S. mit zahlreichen Abbildungen

Dieses Buch ist das Resultat der Kooperation des Berner Literaturwissenschaftlers Oliver Lubrich und des Berner Botanikers Adrian Möhl. Wie bei dem zuvor besprochenen Band von Ottmar Ette laden die beiden Autoren die Le­serschaft in ihrem ersten Kapitel zur Expedition ein, einer Expedition in die Natur, zur botanischen Feldforschung. Das Buch basiert bzw. lag einer 2018 in Bern und 2019 in Hamburg gezeigten, gleichnamigen Ausstellung zugrun­de. Der Band ist in vier Teile „Träumen“, „Beobachten“, „Auswerten“ und „Nachwirken“ gegliedert. Es gibt Endno­ten, ein umfangreiches Literaturverzeichnis und ein Regis­ter und dazu sehr viele und sehr schöne Abbildungen und Karten. Zahlreiche Abbildungen stammen von Humboldts Hand.

Die Kapiteleinteilung macht deutlich, dass wir Humboldt auf seinem Lebensweg begleiten; von den Träumereien in seiner Kindheit und Jugend hin zu den Aus- und Nach­wirkungen seiner nicht nur botanischen Forschungen. Lubrich und Möhl zeigen noch einmal in aller Deutlich­keit, dass Humboldt an „Stubengelehrsamkeit“ nicht in­teressiert war. Das Auswendiglernen der Taxonomie Carl von Linnés, das seinem älteren Bruder Wilhelm so leicht fiel, interessierte ihn nicht. Bevor die Arbeit am Schreib­tisch begann, musste die Welt aus eigener Anschauung erforscht und erlebt werden. Sei es im Botanischen Gar­ten Berlins, wo er seinen lebenslangen Freund Carl Ludwig Willdenow kennenlernte, oder auf der Reise mit seinem Freund und Mentor Georg Forster, dem er meines Erach­tens mehr verdankte als seiner Bekanntschaft mit Johann Wolfgang von Goethe. In seiner Zeit als „Bergbaubeamter“ erforschte er die unterirdische Flora und Fauna und erfand allerhand Gerätschaften, um den dort Tätigen die Arbeit unter Tage, wo er selbst sich häufiger aufhielt (eigene An­schauung), zu erleichtern.

Weiterführende und sehr anregende Informationen finden sich auf grau unterlegten Seiten. So können wir in Kapitel 9 unter der Überschrift „Cyanometer & Sextant. Messen mit Humboldt“ über dessen Messverfahren und -technik lesen. Dort gibt es auch Ausführungen über Humboldts wissenschaftliche Vorgänger bzw. Nachfolger, etwa über den schwedischen Naturforscher Carl von Linné und sein Systema Naturae oder über Charles Darwin und die Entstehung und Entwicklung der Evolutionslehre. Am Ende weisen die Autoren nochmals darauf hin, dass Humboldt einer der ersten Forscher war, der über den Einfluss des Menschen auf seine Umwelt, aber auch über den reziproken Prozess nachdachte. In jedem Falle dach­te Humboldt intensiv über die Wirkungszusammenhänge von Klima und Vegetation nach. Ob man dies schon als „ökologisches Denken“ bezeichnen will, lasse ich einmal dahingestellt.

Zu diesem Band gehört auch ein „Postkartenbuch“, gleich­falls 2019 im Haupt-Verlag erschienen, mit heraustrenn­baren Karten, die allerdings nicht alle so schön sind, dass man sie verschicken möchte, während das Buch jedoch graphisch so ansprechend gestaltet ist, dass man es ger­ne nicht nur an Pflanzenliebhaber/innen, sondern einfach nur so verschenken möchte und sich fragt, warum es noch nicht einmal auf der Longlist der schönsten Bücher des Jahres 2019 stand. Darüber hinaus ist es gut lesbar, ver­mittelt eine Fülle an Informationen und regt zur weiteren Forschung an.

Hinweisen möchte ich am Ende noch auf das 2018 im Metzler-Verlag von Ottmar Ette herausgegebene „Alexander von Humboldt-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung“, das ebenfalls eine Fülle von Informationen zur bisherigen Forschung und umfassende Anregungen für weitere Stu­dien bietet und das in dieser Ausgabe von Professor Win­fried Henke ausführlich besprochen wird. Vermisst habe ich in diesem Buch nur umfassendere Mitteilungen über Humboldts Kosmos-Vorlesungen und die Kosmos-Vorträge in der Berliner Universität bzw. der Berliner Sing-Aka­demie, zumal gerade eine Neuedition der „Kosmos-Vor­träge“ erschienen ist, die erstmals den Namen jener Person nennt, Henriette Kohlrausch, der wir die Mitschrift aller 16 Vorträge verdanken.

Ob man Alexander von Humboldt nun als „Globalhistori­ker oder als „Denker der Globalität“ bezeichnet, ist mei­nes Erachtens nicht besonders erhellend, ebenso wenig wie seine Charakterisierung als „letzter Universalgelehrter“. Heutzutage würde er möglicherweise jene Richtung ver­treten, die im angloamerikanischen Bereich als „Big Histo­ry“ bezeichnet wird, also den Kosmos, die Biosphäre und den Menschen umfasst.

Hanno Beck schloss vor rund 60 Jahren seine zweibändige Humboldt-Biografie mit der Feststellung: „Über allem aber leuchtet seine Menschlichkeit, die ihn den Rassenwahn verachten ließ. Er kannte keine höheren und niederen Völ­ker, sondern nur Entwicklungsstadien und Bildungsaufga­ben und entwarf damit auch für unsere europäische Welt das Programm, dem wir folgen müssen, wenn wir nicht untergehen wollen.“ Angesichts weltweiter Entwicklungen können diese Bemerkungen nicht ernst genug genommen werden. ˜

Prof. em. Dr. Dittmar Dahlmann (dd), von 1996 bis 2015 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Rheinischen FriedrichWilhelms-Universität Bonn, hat folgende Forschungsschwerpunkte: Russische ­Geschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Wissenschafts- und Sportgeschichte sowie Migration.

ddahlman@gmx.de

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke

Ottmar Ette (Hrsg.), Alexander von Humboldt. Handbuch, Leben – Werk – Wirkung. J.B. Metzler Verlag, Stuttgart, 2018, Hardcover, 52 Abb., davon 22 in Farbe, 331 S., ISBN 978-3-476-04521-8. € 99,99

Am 14. September 2019 jährt sich der Geburtstag von Alexander von Humboldt (1769–1859) zum 250. Mal. In den Medien ist die Renaissance seiner Wertschätzung längst in vollem Gange. Die Wissens- und Feuilletonseiten überschlagen sich in fast einhelligem Lob auf den preußi­schen Freiherrn, der als Forschungsreisender, Schriftstel­ler und Diplomat zu den bekanntesten Persönlichkeiten seiner Zeit zählte. Die Liste überschwänglicher Attribute für den genialen Natur- und Kulturwissenschaftler ist el­lenlang, was insofern erstaunlich ist, als sich der gegen­wärtige Forschungsstand meilenweit von dem zu seinen Lebzeiten entfernt hat. Was macht AvH noch 160 Jahre nach seinem Tod weltweit zu einem der bekanntesten his­torischen deutschen Persönlichkeiten, so dass sich in den Buchhandlungen aufwendige bibliophile Editionen seiner Reisebeschreibungen sowie prächtige Bildbände seines zeichnerischen Schaffens und biografische Bücher sta­peln – (wenn man außer Acht lässt, dass sie offenbar für Verlage und Autoren/innen erfolgversprechend sind, denn die Ökonomie folgt immer der Aufmerksamkeit). Der absolute Bestseller stammt von Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur (Bertels­mann, 2016), jedoch teilt der Bonner Historiker Dittmar Dahlmann das euphorische Lob der Presse nicht, sondern beurteilt das Werk als „eine anregende Lektüre für dieje­nigen […], die nur wenig über Humboldt wissen und ei­ ne Einführung in dessen Denken erhalten wollen“ (FBJ 03/2017,S. 62, dd).

Jenen, die sich mehr Informationen zum Lebenswerk des Protagonisten wünschen, sei die rechtzeitig zum Jubilä­um erschienene, fast 7000-seitige, 10-bändige dtv-Stu­dienausgabe Sämtliche Schriften empfohlen, die von den Berner Literaturwissenschaftlern Oliver Lubrich und Tho­mas Nehrlich herausgegeben wurde. Die Dokumentation des riesigen Œuvres von AvH ist zwar ein Muss für Hum­boldt-Spezialisten, – aber wie kann sich ‚Otto Normalleser‘ ein Bild von dem begnadeten Wissenschaftler und seiner schillernden Persönlichkeit verschaffen?

Für einen systematischen Zugang zu Leben, Werk und Wirkung von Alexander von Humboldt ist das hier an­zuzeigende, von dem Romanisten und Komparatisten Ottmar Ette herausgegebene Metzler-Handbuch eine un­schätzbare Hilfe. Der Potsdamer Hochschullehrer gilt als hervorragender Humboldt-Experte. Ihm ist es gelungen, neben erfahrenen, auch jüngere Kolleginnen und Kollegen für das Projekt zu gewinnen, das „für eine lebendige und transgenerationell angelegte Diskussionskultur […] steht“ (Ette, S. VIII).

In der Einführung „Faszination AvH“ sowie dem vor­geschalteten Kapitel „Biographie“ mit dem vieldeutigen Titel „Ein Leben in Bewegung“ erklärt der Herausgeber zunächst die „rationale Wissenschaftskonzeption Hum­boldts“ (S. 6): „Alles war in seinem Denken in Bewegung und befand sich in ständiger Wechselwirkung. Natur und Kultur waren für ihn nicht trennbar […]. Es ging ihm stets ums Ganze“ (Ette, S. 7).

Humboldts Biographie lässt sich in drei Lebensabschnitte von jeweils rd. 30 Jahren gliedern. In der Kindheits- und Jugendphase erfährt der adlige Spross zusammen mit sei­nem älteren Bruder Wilhelm nach den Vorstellungen sei­ner Mutter eine exzellente Bildung und Ausbildung von erstklassigen Hauslehrern, um dann 1787 als 21-Jähriger zunächst in Frankfurt/O. Kameralistik und anschließend auf dem Familiengut Tegel Philosophie, Mathematik, Physik und Philologie zu studieren. 1789 folgt AvH seinem Bruder an die Univ. Göttingen, um sich vor allem dem Studium der Botanik zu widmen und mit „Repräsentanten des deutschen Geisteslebens wie Georg Christoph Lich­tenberg oder Johann Friedrich Blumenberg Kontakte [zu pflegen]“ (Ette, S. 11). Bald schon folgen erste Veröffent­lichungen, z.B. zur Mineralogie. 1790 geht eine gemein­same Reise mit dem verehrten Weltumsegler Georg Forster (1754–1794) an den Niederrhein und weiter über Brüssel und Amsterdam nach London und ins revolutionäre Paris. Sie wird zur Initialzündung für ein „vielbewegtes Leben“, wie AvH später in seinem Opus magnum Kosmos schreibt (siehe auch G. Forster: Ansichten vom Niederrhein, Re­zension FBJ 1/2018, wh).

AvH hatte damals bereits „entfernte Pläne“, deren Reali­sierung jedoch warten musste, denn er beginnt – wiede­rum nach den Vorstellungen seiner Mutter – ein Studium an der Bergakademie Freiberg mit steiler Karriere bis zum Oberbergrat (1795). Doch als seine Mutter 1796 stirbt, bricht AvH, ausgestattet mit einem stattlichen Erbe, seine rasante Laufbahn im preußischen Staatsdienst abrupt ab. Er publiziert sein erstes Buch über Studien und Selbstver­suche zum Galvanismus, beginnt zu reisen und vernetzt sich mit allen damaligen Größen der Wissenschaft, Kultur und Literatur. „Er wird […] zum Europäer“ (Ette, S. 12). Gleichzeitig arbeitet er akribisch an der Vorbereitung einer außereuropäischen Reise. Aber die politischen Verhältnisse im postrevolutionären Frankreich verhindern seine Pläne einer Weltumseglung mit dem Seefahrer Nicolas Baudin (1754–1803), ebenso wie die Teilnahme am wissenschaft­lichen Teil von Napoleons Ägyptenfeldzug. Schließlich erfolgt zusammen mit dem französischen Arzt und Bo­taniker Aimé Bonpland (1773–1858) die große Reise in die amerikanischen Tropen (1799–1805): „Der Aufbruch in die Neue Welt war der Aufbruch in ein neues Leben“ (Ette, S. 13).

In seinem mittleren Lebensabschnitt (1799–1829) steigt AvH zu einer „international gefeierte[n] Zelebrität“ auf (Ette, S. 13). Die Erfolgsmeldungen über seine Expedition ins Zweistromland von Orinoco und Amazonas, die Über­querung der Anden sowie die Besteigung des Chimbora­zo begeistern zu beiden Seiten des Atlantiks Wissenschaft und Öffentlichkeit, die der Forschungsreisende mit immer neuen Veröffentlichungen bedient. „Seine Amerikanischen Reisetagebücher bilden gleichsam das Geburtsprotokoll dieser bewussten Entfaltung einer die unterschiedlichen Disziplinen querenden Wissenschaftskonzeption, der Humboldtschen Wissenschaft“ (Ette S. 13). Die Amerikareise mit Aimé Bonpland („Welche Verheiratung!“, lt. AvH) und die anschließende unermüdliche Auf­arbeitung seiner Expeditionsforschung im geliebten Paris zählen zu Humboldts glücklichster Lebensphase. Geprägt von den Idealen der Französischen Revolution wird er „zu einem Weltbürger in einem nicht nur europäisch, sondern weltumspannenden Sinne“ (Ette S. 15). Der wissbegierige Nomade zwischen den Wissenschaften, der als preußischer Diplomat eine kosmopolitische Ethik vertritt, der Kolonialismus und Sklaverei harsch anprangert, wird zur Leitfigur einer globalisierten Weltsicht.

Als sich das Erbvermögen zunehmend erschöpft, sieht AvH sich gezwungen, sich mehr und mehr der „Sandwüste“ Berlin zuzuwenden, wo seine diplomatischen, wissen­schaftlichen und kulturellen Aktivitäten am Hofe und der Berliner Akademie „zu einer Demokratisierung des Wissens wie der Gesellschaft“ (Ette, S. 15) führen. Noch in Paris schmiedet AvH Pläne für eine große Expe­ dition nach Osten, nach Persien, Indien bis nach Zentral­asien, die aber an dem fehlenden Permit der britischen Kolonialbehörden scheitert. Die großzügige Einladung des russischen Kaisers für eine mehrmonatige russisch-sibiri­sche Expedition im Jahre 1829, die von St. Petersburg bis an die chinesische Grenze führt, schlägt AvH daher nicht aus. Sie steht am Anfang der dritten Phase seines Lebens (1829–1859), in der er zwar seine Kontakte zu Paris inten­siv weiter pflegt, sein einflussreiches Schaffen aber vorwie­gend im wissenschaftlichen, politischen, kulturellen und sozialen Einsatz für Berlin und Preußen steht. AvHs Meis­terschaft „bestand zu keinem Zeitpunkt in einem Arriviert-Sein: Er war niemals ein Mann des Ankommens, sondern ein Mann des Aufbruchs – ständig auf dem Sprung“ (Ette, S. 18). 38 Einzelbeiträge von insgesamt 28 Autorinnen und Au­toren geben in fünf Großkapiteln über Werke, Wissenschaften, Wissen, Weggefährten und Wirkungen einen breiten Einblick. Ursula Klein, die sachkundige Verfasserin von Humboldts Preußen. Wissenschaft und Technik im Aufbruch (s. Rezension FBJ 6/2015: 81-82, wh) sieht be­reits in die frühen Schriften von AvH, ein „Plädoyer für die empirische Forschung und entschiedenes Hinterfragen politisch-administrativer Routine“ (Klein, S. 29). Natürlich stehen Humboldts Lieblingswerk Ansichten der Natur sowie Das amerikanische Reisewerk und insbeson­dere das Examen critique, die Geographischen Schriften über die Neue Welt, im Fokus, ebenso wie Das Russisch-Sibirische Reisewerk, das Tobias Kraft (BBAW) als Vor­aussetzung für Humboldts physische Weltbeschreibung im unvollendeten Hauptwerk Kosmos sieht.

Welche Schätze es noch zu heben gilt, verdeutlichen drei Beiträge über Die Korrespondenz (mind. 30.000 Briefe von Humboldt), Die unselbständigen Schriften sowie Der Nachlass. Dass sich AvH zeitlebens mit unvergleichlicher Wissbegierde das natur- und kulturwissenschaftliche Wis­ sen seiner Zeit angeeignet, kompiliert und ausgebaut hat, macht ihn in den Augen seiner Bewunderer zu einem der letzten Universalgelehrten, während Kritiker wie Matthias Glaubrecht vor seiner Heroisierung warnen (Überschätzter Universalgelehrter, Der Tagesspiegel 28.12.2016). Einschlägige Beiträge unter dem Kapitel Wissenschaften wie Die Humboldtsche Wissenschaft, Naturwissenschaften, Wissenschaftsgeschichte sowie Botanik, Biologie, Von der Lebenskraft zur Theorie des Lebens bis zur Geschichts- und Sprachwissenschaft listen die Vielzahl seiner Anstöße für moderne Disziplinen von der Ameri­kanistik über die Pflanzengeografie, Ozeanografie bis zur Ökologie auf. Die Lemmata unter der Rubrik Wissen rei­chen von Politik und Diplomatie über Das Humboldtsche Schreiben bis zu Ästhetik, Kunst, Zeichnungen und der Popularisierung des Wissens.

Dass im Kapitel Weggefährten zunächst das Verhältnis der Brüder Humboldt dargestellt wird, und dann das von Alexander zu den französischen Wissenschaftlern und Literaten und dazwischen das zu Goethe (1749–1832) ist bezeichnend. Weitere eigene Kapitel sind Carl Ritter (1779–1859), dem renommiertesten Geographen seiner Zeit, sowie dem britischen Evolutionsforscher Charles R. Darwin (1809–1882) gewidmet.

Besonderes Interesse dürfte das Kapitel Wirkungen erfah­ren, in der die Ausgaben und Übersetzungen sowie AvHs Einflüsse auf Lateinamerika und Spanien beschrieben werden. Aufschlussreich ist der Beitrag Berlin im Spiegel von Humboldts Adressbuch von Ingo Schwarz, einem der erfahrenen Mitarbeiter in dem seit 2015 laufenden BBWA-Publikationsprojekt Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft in Bewegung. Die BBAW gibt die Reiseta­gebücher sukzessiv digital und gedruckt heraus; der erste Band von AvHs Tagebuch der Amerikareise in der edition Humboldt digital ist bereits erschienen. Das Kapitel Humboldt-Ausstellungen ist angesichts vieler laufender Jubiläumsexpositionen zum Humboldtjahr leider etwas zu wissenschaftshistorisch ausgerichtet.

Wie in biografischen Metzler-Handbüchern üblich, enthält der Band eine biografische Zeittafel sowie eine ausführli­che Bibliographie, der sich das Abbildungs- sowie Autoren/ innen-Verzeichnis und Personenregister anschließen. Trotz der dichten Informationen ist das Handbuch lt. Ette ein work in progress, denn längst sind noch nicht alle Quellen zum Faszinosum AvH erschlossen. Aber für alle, die sich nicht von der „Kehlmannschen Humboldt-Karikatur“ (lt. Frank Holl, UiN, XIII, 25, 2012) blenden lassen oder sich mit dem heroisierenden Roman von Julia Wulff (s.o.) be­gnügen, für die ist das Handbuch erste Wahl, wenn es um die Entdeckung der Forscher-Ikone geht! (wh) ˜

 

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er ist Mitglied der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften und der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

henkew@uni-mainz.de

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