Literatur-und Kulturwissenschaften

Michael Ende zum 90. Geburtstag

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2019

Am 12. November 2019 wäre Michael Ende 90 Jahre alt geworden. Der runde Geburtstag des 1995 verstorbenen Autors, dessen erfolgreichste Titel Millionenauflagen und zahllose Übersetzungen erfahren haben, bot Anlass, sich der Person wie dem Werk erneut zuzuwenden. Endes Verlag von Anfang an, der Thienemann Verlag in Stuttgart, wartete zum Herbst 2019 mit einer großformatigen Prachtausgabe der „Unendlichen Geschichte“ auf, die 1979 erstmals erschienen war und somit ihren 40. Geburtstag begehen konnte. In deren Zentrum steht ein Bilderzyklus des Berliner Malers Sebastian Meschenmoser (Jg. 1980), der aus 50 doppelseitigen Farbabbildungen besteht, die sämtlich auf großflächige Ölgemälde zurückgehen. Daneben werden 110 Zeichnungen des Künstlers geboten, die als Illustrationen dem Text beigefügt sind. Die Bilderwelt dieses wohl berühmtesten und komplexesten deutschen Fantasy-Romans hat durch Meschenmoser eine originelle bildliche Neuinterpretation erfahren, die darüber hinaus voller kunstgeschichtlicher Anspielungen ist. Die äußerst beeindruckenden Originale sind in Ausstellungen in Berlin, dann in Troisdorf und München zu bewundern. Neben dem literarischen Werk haben stets auch die Person und das Leben Michael Ende Aufmerksamkeit erregt. Bereits im Vorfeld des Jubiläumsjahrs ist eine Biografie Michael Endes erschienen. Deren Verfasserin Birgit Dankert hat umfangreiche Archivmaterialien und Briefwechsel ausgewertet und zahlreiche Gespräche mit Menschen geführt, die den Autor gekannt haben und diesem nahe waren. Die wichtigsten literarischen Werke werden vorwiegend mit Inhaltsangaben eingebracht, wie auch deren Entste- hungs- und Publikationsgeschichte nachgezeichnet werden. Dennoch kann man nicht von einer wirklichen Künstlerbiografie sprechen, die Leben und Werk in Beziehung setzen und wechselseitig auseinander hervorgehen lassen müsste. Im Zentrum steht Ende als historische Person, deren Beruf das Schreiben und Dichten war. Die Verfasserin gehörte übrigens um 1980 herum zu den prominenten Kritikern von Endes Romanen, die sie als Fluchtliteratur bezeichnete, was im Untertitel ihres Buchs „Gefangen in Phantásien“ noch nachhallt. Erwähnt seien schließlich die zahlreichen Fotographien und der Anhang mit Lebensdaten, chronologischem Werkverzeichnis und diversen Literaturverzeichnissen.

 

Birgit Dankert: Michael ­ Ende. ­ in Gefangen ­ Phantásien. Verlag Lambert ­Schneider, Darmstadt 2016, 311 S., Hardcover m. SU, ISBN 978-3-65040122-9. € 12,95

Dem Leben Michael Endes ist ebenfalls der im Herbst 2019 herausgekommene Roman von Charlotte Roth gewidmet. Auch wenn wir es mit einem belletristischen Werk zu tun haben, das sich so manche Freiheit gegenüber den historischen Fakten erlaubt, besitzt es doch auch sachlichen Informationswert. Charlotte Roth gelingt es, den vorgegebenen historischen Rahmen mit tiefem Erlebnisgehalt zu füllen, gestützt nicht zuletzt durch briefliche Äußerungen von Ende selbst und anderen. Jenseits allen Vollständigkeitsanspruches konzentriert sich der Roman auf Schlüsselabschnitte von Endes Leben. Bewegend dargestellt sind die Eltern, der Maler Edgar Ende und dessen Frau Luise, geborene Bartholomä, deren schwierige Ehe und spätere dramatische Trennung, die Mutterbindung des Einzelkindes Michael, die intensive Beziehung des erwachsenen Sohnes zu der Münchener Schauspielerin Ingeborg Hofmann, seiner ersten Ehefrau, seiner heimlichen Liebschaften, seiner wechselvollen Beziehung zum Vater, dem spät anerkannten surrealistischen Maler, schließlich die Begegnung und spätere Heirat mit der Japanerin Mariko Sato. Die Um ­ stände der Veröffentlichung des „Jim Knopf“ werden dramatisch zugespitzt. Berührend geschildert wird die enge Freundschaft mit dem Jungverleger Hansjörg Weitbrecht, die später im Streit über die Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“ zerbrechen sollte. All dies gelingt der Autorin takt- und respektvoll ohne jeden Anflug von Voyeurismus. Plastischer noch als Ende selbst leben dessen private und berufliche Wegbegleiter vor unseren Augen auf. Auch bei diesem Titel haben wir es nicht eigentlich mit einem Künstlerroman zu tun. Die Lebenswelt des Autors und die imaginative Welt seiner großen Bücher werden nur gelegentlich aufeinander bezogen. Neue Wege zum literarischen Werk wollen erklärtermaßen weder Dankert noch Roth eröffnen.

 

Michael Ende: Die Unendliche ­Geschichte. Illustriert von Sebastian Meschenmoser. Thienemann Verlag, Stuttgart 2019, Großformat, 415 S., geb. m. SU u. Leseband, ISBN 978-3-522-20250-3. € 35,00

Michael Ende hat ein umfangreiches und komplexes Werk hinterlassen, das sich über Lyrik, Epik und Dramatik erstreckt und das nur zu einem Teil ausdrücklich an Kinder gerichtet ist. Nichtdestotrotz wird Ende noch heute ausschließlich als Kinderbuchautor klassifiziert. Dies mag erklären, warum es im deutschsprachigen Raum bislang keine etablierte Ende-Forschung gibt. Den wenigen vorhandenen Dissertationen ist anzumerken, dass ihnen eine Betreuung und Beratung durch einen ausgewiesenen Ende-Forscher gefehlt haben. Bezeichnend ist auch, dass die meisten Beiträger eines jüngeren Sammelbandes über die Medienadaptionen einzelner Werke Michael Endes sich zum ersten Mal mit diesem Autor befasst haben. Es geht in dieser Publikation um Puppenspiel- und Figurentheaterumsetzungen, um Bilderbuchfassungen und Hörspielversionen, um die Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“, schließlich um Computerspieladaptionen. Ausgespart bleibt das Musiktheater, das aus der Zusammenarbeit Michael Endes mit dem Komponisten Wilfried Hiller hervorgegangen und das vor Jahren schon von Gunter Reiß erforscht worden ist. Zur Sprache gelangen daneben auch einzelne Werkaspekte und philosophische Positionen des Autors. Der 2016 unter dem Titel „Michael Ende intermedial“ erschienene Sammelband ist aus einem universitären „Lehr- und Forschungsprojekt“ hervorgegangen, was den unfertigen und vorläufigen Charakter so mancher Beiträge erklären mag. Die komplexen Aufsätze solch ausgewiesener Literaturwissenschaftler wie Jean-Pierre Palmier und Oliver Bach ziehen einzelne Werke Endes vornehmlich deshalb heran, um grundlegende literatur- und medientheoretische Positionen zu erörtern.

 

Hans-Heino Ewers: Michael Ende neu entdecken. Was Jim Knopf, Momo und die Unend­liche Geschichte Erwachsenen zu sagen haben. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2018, 278 S., Broschur, ISBN 978-3-52051601-5. € 16,90

Zu den ausgewiesenen Michael Ende-Forschern darf der emeritierte Germanist Volker Wehdeking gezählt werden, der seine bisherigen und seine neueren Studien 2018 in einem Band „zum 90. Geburtstag Michael Endes“ herausgebracht hat. Der Untertitel „Der Fantasy-Autor und seine Filme“ ist insofern irreführend, als nur in zwei Kapiteln von Filmadaptionen die Rede ist: von der „Momo“-Verfilmung von 1986 und der jüngsten Verfilmung des ersten Teils von „Jim Knopf“ durch Dennis Gansel von 2018. Ansonsten wendet sich der Band den ausdrücklich an Erwachsene gerichteten Werken des Autors zu, die heutigentags weniger bekannt sind. So geht es um den 1984 unter dem Titel „Der Spiegel im Spiegel. Ein Labyrinth“ erschienenen Band mit surrealistischen Erzählungen, die vielfach an einzelne Bilder und Gemälde Edgar Endes anknüpfen und in gewisser Weise eine späte Huldigung an den 1965 verstorbenen Vater darstellen. Hier wäre es nützlich gewesen, die jeweiligen Gemälde wenigsten in schwarz-weiß abzubilden. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit den längeren fantastisch-surrealen Erzählungen Michael Endes, die 1992 in dem heute weitgehend vergessenen Band „Gefängnis der Freiheit“ erschienen sind. Wehdekings Ausführungen sind hier gespickt mit vielfachen, insbesondere kunstgeschichtlichen Querverweisen. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit den Balladen aus „Der Trödelmarkt der Träume“ von 1986 und mit unveröffentlichter Lyrik. Sodann geht es um zwei „hochmoralische Schauergeschichten“ aus dem Nachlass. Den Abschluss bildet ein Kapitel über Endes Theaterstücke, darunter „Das Gauklermärchen“ von 1982, der „Goggolori“ von 1984 und „Der Rattenfänger“ (1993). Wehdekings bisweilen enigmatische Darstellungen begnügen sich oft mit Andeutungen und setzen damit einen beschlagenen und geduldigen Leser voraus. Während Wehdekings Buch den Blick auf das erwachsenenliterarische und das dramatische Werk Michael Endes lenkt, rückt eine im selben Jahr erschienene Publikation des Verfassers dieses Artikels die drei heute noch überaus populären kinderliterarischen Hauptwerke in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Diese bedürften einer neuen Lektüre, um herauszufinden, was diese auch erwachsenen Lesern zu sagen hätten. Tatsächlich hat Michael Ende bei jedem seiner Kinderbücher stets auch an den erwachsenen Leser gedacht. Ende der 2000er Jahre hat bereits die Kunsthistorikerin Julia Voß darauf aufmerksam gemacht, dass der „Jim Knopf“ von Erwachsenen als eine zeitgeschichtliche Parabel gelesen werden kann, die sich u.a. auf die nationalsozialistische Rassenideologie bezieht. Endes frühe Kindererzählung steht in der Tradition des aufgeklärten, durchaus auch politisch gemeinten Feenmärchens des 18. Jahrhunderts. Unter Anleitung seines Mentors Lukas, dem eigentlichen Helden der Erzählung, befreit sich Jim aus dem Angst auslösenden mythischen Denken, um am Ende ein multikulturelles Gemeinwesen zu gründen, das alle Züge einer aufgeklärten Utopie trägt. Von einer Hinwendung Endes zur Romantik, insbesondere zu Novalis, kann bei diesem Werk der frühen 1960er Jahre noch keine Rede sein.

 

Michael Ende Intermedial. Von Lokomotivführern, Glücksdrachen und dem (phantastischen) Spiel mit Mediengrenzen. Hrsg. v. Tobias Kuhrwinkel u.a. (Kinder- und Jugendliteratur Intermedial Bd. 4.), Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2016, 236 S. ISBN 978-3-82604810-4. € 29,80

Dass der in Italien spielende fantastische Groß- bzw. Vorstadtroman „Momo“ von 1973 ein hochpolitisches Werk darstellt, dürfte von Beginn an wohl keinem entgangen sein, wurde er doch zum Kultbuch der abebbenden Studenten- und Schülerbewegung. In „Michael Ende neu entdecken“ wird die geradezu atemberaubende Mischung von Darstellungsweisen herausgearbeitet: Ende lässt allegorische bzw. Symbolfiguren (Momo, die grauen Herren, Meister Hora) mit realistischen Figuren (Beppo, Giggi, die Vorstadtbewohner) interagieren, verzahnt kausallogische Handlungszüge mit magischen Praxen. Einzelne Gestalten wechseln gar ihren Figurencharakter: Die von allen verlassene Momo verliert ihre Symbolfunktion und wird zu einem erbarmungswürdigen Sozialfall. Symbolfiguren wie Meister Hora sind der romantischen Literatur eines Novalis entlehnt, während die Wirklichkeitsschilderung dem Brecht’schen epischen Theater folgt. Am Schluss des Romans wird die politische Handlungslogik durch ein märchenhaftes Geschehen ersetzt: Der Sieg über die grauen Herren ist zu schön, um wahr zu sein – eben märchenhaft. Mit seinem ironischen Finale ist der „Momo“-Roman nicht frei von – freilich versteckten – pessimistischen Zügen. Bei der landläufigen Wahrnehmung von Michael Endes Hauptwerk, der 1979 erschienenen „Unendliche Geschichte“ steht die Rahmenhandlung um den 10- bis 11-jährigen Bastian Balthasar Bux im Vordergrund, um dessen psychologische Entwicklung es im Wesentlichen gehe. Manche sprechen gar von einem Bildungsroman.

 

Charlotte Roth: Die ­ganze Welt ist eine ­ große ­Geschichte und wir spielen darin mit. ­Michael Ende – Roman eines­ Lebens. ­Verlag Julia Eisele, ­München 2019, 431 S., Hardcover m. SU, ISBN 9783961610693. € 24,00

Tatsächlich ist Endes erste Idee zu diesem Buch gewesen, von einem lesebegierigen Jungen zu handeln, der in einem Buch verschwindet. Doch dann hat sich das Projekt – wie so oft bei Ende – ausgewachsen und zu einem ganz anderen, einem tiefgründigen philosophischen Werk entwickelt. Zu dessen Hauptinhalt ist die Rettung Phantásiens geworden, die nicht bloß dazu dient, einem schüchternen Jungen auf die Sprünge zu helfen, sondern mit der ein Schlüsselproblem der modernen Gesellschaft als ganzer angesprochen ist. Endes Roman knüpft an das frühromantische Projekt einer neuen Mythologie an und führt in seiner Rationalismuskritik die Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno fort, ohne einem strikten Anti-Modernismus zu verfallen. Der Autor plädiert dafür, die „Unendliche Geschichte“ als einen philosophischen Beitrag in Romanform zum Thema ‚Mythos und Moderne‘ wahrzunehmen und zu würdigen. Dass dieser überaus komplizierte Fantasy-Roman gleichzeitig bei Generationen von jungen Lesern großen Anklang gefunden hat, gehört zu den Wundern, mit denen die Belletristik gelegentlich aufwartet. ●

Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Heino Ewers leitete bis Ende 2014 das Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität Frankfurt am Main und lehrte anschließend bis 2017 im Fachbereich Erziehungswissenschaften.

ewers@em.uni-frankfurt.de

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