Medizin | Gesundheit

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Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 2/2021

Beate Frenkel, Pillen, Heiler, Globuli. Das Geschäft mit der Alternativmedizin. Hirzel Verlag 2020, 160 S., Klappenbroschur, ISBN 978-3-7776-2849-3, € 18,00.

Als Redakteurin bei Frontal 21 hatte Beate Frenkel eine Recherche vorgestellt, in der sie das „Geschäft mit der Alternativmedizin“ kritisch analysiert hat. Diese Dokumentation liegt nun als Buch vor. Aktueller Anlass, die Corona Pandemie und die damit verbundenen Widerstände gegenüber der Schulmedizin, die durch Vertreter eben dieser Alternativmedizin befeuert werden.

Die Autorin führt in einem einleitenden Kapitel mit interessanten Beispielen in die Welt der selbst ernannten Heiler ein. Sie hinterfragt durchaus berechtigt Ansätze und Methoden, zeigt auch das enorme Kapital welches hinter den zweifellos manchmal fragwürdigen Ansätzen steht, und zurecht kritisiert sie, dass die Therapeutika, wie Bachblüten und Kräuterextrakte, neben den Pillen und Globuli keiner Prüfung unterliegen, wie dies bei herkömmlichen Pharmaka der Fall ist.

Zweifellos hat die Autorin recht, dass es für den Patienten nicht ohne weiteres möglich ist die therapeutische Qualität des Alternativmediziners einzuschätzen und es letztlich eine Frage des glücklichen Zufalls sei, ob der Patient an einen verantwortungsbewussten Vertreter dieses Berufsstandes gerät, also jemanden der weiß wo seine therapeutischen Grenzen liegen und im Zweifelsfall an einen Facharzt überweist. Grundsätzlich darf unterstellt werden, dass die meisten Heilpraktiker in diesem Sinne verantwortungsvoll handeln. Dass dies auch bei Ärzten nicht immer der Fall ist beschreibt sie eindrucksvoll im Kapitel zu Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern.

Hier erfährt man in einer spannenden Schilderung, wie der Bogen vom Impfskeptiker zum Impfverweigerer und letztlich zum Verschwörungstheoretiker gespannt wird. Alles begleitet und unterstützt durch Ärzte, selbst ernannte Experten und eben auch häufiger durch so genannte Alternativmediziner. Hier macht die Autorin deutlich, wie aus Skepsis Gewissheit und aus Assoziation Kausalität gemacht wird. Aktuell lässt sich dies in gleicher Weise in der Corona Pandemie erkennen. Auch hier werden Assoziationen oder Verschwörungstheorien zu Kausalitäten und die Schuldigen werden in der Pharmaindustrie, in der Politik und vor allen Dingen bei den Superreichen, allen voran Bill Gates, verortet. Dabei übersehen diejenigen, die sich den so genannten alternativen Behandlungsmethoden anschließen, dass auch hier mit diversen Pillen, Kräutern und Elixieren und den damit verbundenen, teilweise sehr teuren Fortbildungsveranstaltungen ein sehr gutes Geschäft zu machen ist. Die Autorin beschreibt eindrucksvoll Beispiele von Verschwörungstheorien der Impfgegner, die sich in ihrer Skurrilität und Fantasie mit den Verschwörungstheorien zu Corona decken.

Im Kapitel über das Geschäft mit der „sanften Medizin“ widmet sich die Autorin der Behandlung von Störungen, die allgemein unter dem Aspekt Autismus zusammengefasst werden. Hier gelingt es ihr eindrucksvoll zu zeigen, dass die Diagnose Autismus beziehungsweise die damit verbundenen Störungen ein weites Feld für die Alternativmedizin darstellen, wobei die Behandlungsmethoden weder verifiziert noch deren Erfolge wissenschaftlich geprüft sind. Zweifellos ist Autismus beziehungsweise das Spektrum der zum Autismus gehörenden Erkrankungen eine Modediagnose an der auf allen Seiten viel verdient werden kann. Gerade hier greift aber wegen der Unsicherheiten in Diagnose und Therapie die Alternativmedizin, da sie Lösungen eben dort anbietet, wo die Schuldmedizin keine Lösungen anbieten kann und will, solange keine klare Diagnose gestellt werden kann.

Im abschließenden Kapitel stellt sie denn die Frage was getan werden kann und getan werden muss, um die Auswüchse der Alternativmedizin besser regulieren zu können. Hierbei werden Aspekte der wissenschaftlichen Evidenz von Naturheilverfahren ebenso angesprochen wie eine Novellierung des Heilpraktikergesetzes oder Fragen der allgemeinen Impfpflicht (z.B. Masern).

Das Buch ist unterhaltsam und informiert über die vielfältigen Irrungen und Wirrungen wie sie nicht nur bei Heilpraktikern, sondern auch bei Ärzten und selbst ernannten Experten zu finden sind. Die Leidtragenden sind die P ­ atienten, die sich auf diese Berufsgruppe verlassen oder als letzten Ausweg sehen, da ihnen hier endlich Heilung versprochen wird und die damit möglicherweise Schaden erleiden. Heilpraktiker füllen allerdings auch eine Lücke, die die moderne Evidenz passierte Medizin durch die vorwiegend biochemische Betrachtung von Krankheitsursachen und Folgen erzeugt hat. Medizin als empirische Wissenschaft wird vernachlässigt, obwohl gerade die empirische Erfahrung immer wieder zu neuen therapeutischen Ansätzen und Erkenntnissen in der Medizin geführt hat. Gerade aber die Erfahrung, die ein Patient mit seiner Krankheit macht und die ihm durch seinen behandelnden Heilpraktiker oder Arzt als therapeutische Wegweiser bestätigt wird, bringt Menschen dazu in Zeiten einer auf Ökonomie ausgelegten technisierten Medizin Heiler aufzusuchen, die Zeit haben zuzuhören und damit eben Alternativen bieten. (hkb)

Prof. Dr. Hans Konrad Biesalski war Lehrstuhlinhaber und bis zu seiner Pensionierung 2018 Geschäftsführender Direktor des Instituts für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft der Universität Hohenheim. hans-k.biesalski@uni-hohenheim.de

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