Sport

„Manni“ Breuckmann zum 70sten

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2021

Manni Breuckmann, Manni Bananenflanke, ich Kopf-Tor! Legendäre Szenen des deutschen Fußballs, W ­ estend Verlag, Frankfurt/Main 2021,2 256 S., kart., ISBN 978-3-86489-060-4, € 16,00.

Manni, und dass gleich zweimal? Oh je, geht das in Richtung Andy (Mailand oder Madrid…), Poldi, gar Schweini oder Hansi (56 Jahre alt) und Jogi (60 Jahre alt)? Was damit bezweckt wird, ist klar. Angesprochen ist damit etwas, das am heutigen Profi-Fußball zumindest befremdend wirkt: Die Journalisten- und Reportersprache bietet verschiedentlich neben Seriösem auch Geschwätziges, Unpassendes und schlicht Kindisches sowie so Manches, was zum Denken vor dem Schreiben (beim spontanen Reden weit eher verzeihlich) anregen sollte (oder schätzt man seine Zuschauer und Hörer entsprechend ein?). So werden „Elfmeter“ fast ausnahmslos „erbarmungslos“, „eiskalt“ oder „gnadenlos vollstreckt“, womöglich im Kampf um die „Herbstmeisterschaft“, die es (wie lange noch?) nicht gibt im Füllhorn des DFB, der UEF A und der FIFA zur Erschließung immer weiterer Einnahmequellen. Letzteres Thema erweitert Hannah Jonas, Fußball in Deutschland und England von 1961–2000. Vom Verlierer der Wohlstandsgesellschaft zum Vorreiter der Globalisierung, 2019, besprochen von Stefanie Sippel, „Der immer schnellere Kreislauf des Geldes“ (FAZ vom 31.12.2019, S. 8). Bemerkenswert für etwas, das immer noch als „Sport“ mit Fair Play ausgegeben wird, ist beispielsweise das „taktische“, oder gesteigert: das „unnötige Foul“, schmerzlich die „völlig unnötige Niederlage“, rechnerisch wundersam die Devise „wir müssen heute 120 % bringen“, aufgeblasen die „Philosophie“ des Trainers, albern den „genialen Pass – über drei Meter“, ganz abgesehen noch von den heute offenbar in vielen Bereichen unverzichtbaren „Super- oder Megastars“, seltsam das Siegestor, das der „Torschütze“ seiner Ehefrau, dem Nachwuchs oder wem auch immer „widmet“, und schlicht lächerlich finde ich manche Gesten nach einem Tor, aber auch, wenn es etwa im ZDF am 19.9.2020 nach dem zweiten Spiel der Saison hieß, „noch ein Blick auf die Tabelle, noch nicht so richtig aussagekräftig“ oder wenn man lesen durfte „Mainzer Serie reißt im August“ – nach zuvor gerade einmal zwei Siegen hintereinander. Das Ende bilde, immer noch, das kriegerische „der Bomber der Nation“ und zeittypisch „Alario schießt Schalke ab“. Dass es in den Medien anderer Länder durchaus nicht (wesentlich) anders zugeht, etwa in England, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Und jetzt die Überraschung: Mit Manfred Breuckmann trifft der Leser, heute tatsächlich vermehrt auch die Leserin, auf einen Kommentator, Moderator und Autor, der bestens informiert ist und, hier besonders wichtig, sehr unterhaltsam schreibt. Es bereitet Vergnügen, seine regelmäßig gut durchdachten Texte, aber auch die einiger seiner Interviewpartner, zu lesen. Schon der Titel des Buchs erfreut wohl nicht nur ältere Leser und Fans des HSV: Manfred Kaltz im Zusammenspiel mit Horst ­Hrubesch und die Schilderung eines typischen Ergebnisses der jahrelangen Zusammenarbeit der beiden auf dem Fußballplatz (zu Hrubesch S. 209 ff.). Der Untertitel des Buchs benennt das Kriterium, das der Autor für die Auslese aus der unüberschaubaren Menge von Fußballspielen mit deutscher Beteiligung zugrunde gelegt hat: Legendäre Szenen. Und die gab und gibt es immer wieder in Hülle und Fülle, jedenfalls für Menschen, die das Fußballspiel begeistert. – Schon im Entree, das da heißt „Der Autor möchte vorher noch was sagen“ (S. 9 f.) bekennt er nämlich, dass der Fußball für ihn „zwar wichtig, letztlich aber immer noch eine Nebensache ist“. Und weiter, wie schwer es zwei Mitarbeitern des Westend Verlag (Markus J. Karsten und Rüdiger Grünhagen) und ihm gefallen sei, aus hunderten von spektakulären Spielen und Situationen diejenigen auszuwählen, die sich besonders heftig in unserer Erinnerung eingenistet haben“ (S. 9). Man möchte Alles wiedergeben, was Breuckmann in diesem Entree schreibt, was aber unterbleiben muss, denn das würde auf große Teile des Buchs ebenso zutreffen. Wer dieses Vorwort gelesen hat, wird – höchst wahrscheinlich – weiterlesen, hierbei immer wieder einmal, je nach Lebensalter, sich mit Freude („Jubel/Begeisterung“) oder Enttäuschung („Trauer/Depression“) an das Beschriebene erinnern.

In insgesamt 57 Episoden schildert der Autor zunächst meist ein Ereignis oder einen besonderen Spieler. Sodann die Begebenheit der jeweils aus der Erinnerung berichtenden Person oder des Interviewten. Auftritte haben neben Spielern auch (Co-) Trainer, R. Assauer, A. Köpke, der „Kaiser F. B.“, dem Breuckmann ebenso wie zuvor schon Hoeneß (S.79 ff.) einen meiner Ansicht nach zu Recht herben Beitrag widmet (S. 83 ff.); ferner Schiedsrichter, Moderatoren und Kommentatoren. Bei den Spielen, jeweils mit deutscher Beteiligung, ist alles an denkbaren Fußballveranstaltungen vertreten: WM, EM, UEFA-Cup, Champions League, (Europa-) Pokalspiele, Bundesliga u. A. m. Im 3. Teil jeder Episode kommt sodann der Autor zu Wort, abgewogen, meist den Höhepunkt der Episode bildend. Man möchte gern Beispiele vorstellen, aber welche und welche nicht? Breuckmanns Auswahlproblem besteht hier in verstärkter Form. Ich entziehe mich einer Wahl und schildere knapp den Inhalt der ersten Episode „ein Pfosten zwischen Werder und der Meisterschale“ sowie den der letzten „Gol da Alemanha!“.

Michael Kutzop erzählt in der ersten aus seiner Erinnerung: Werderstadion, 22.4.1986: Werder gegen Bayern München. Durch einen Sieg wäre am vorletzten Spieltag die Meisterschaft entschieden. Roth gab in der 88. Spielminute einen Elfer. Keiner hätte es ihm „übel nehmen können, wenn er nicht gepfiffen hätte“, denn der Ball was Sören Lerby „angeblich im Strafraum an die Hand“ gesprungen. Bayern-Co-Trainer Egon Cordes schlug den Ball wutentbrannt weg. Da es noch keine Ersatzbälle gab (!), dauerte es 12 Minuten, bis der Ball auf dem Elfmeterpunkt lag. „Genug Zeit für die Bayern-Spieler, mir ‚Freundlichkeiten‘ zuzuflüstern und mich mit Schubsern zu traktieren. Die Konzentration war dahin. Trotzdem habe ich es richtig gemacht… Aber der Ball ging an den rechten Pfosten! Aus der Traum!… Ein Punkt beim Auswärtsspiel in Stuttgart, und wir hätten die Schale gehabt. Aber der Elfer-Genickschlag hat unsere Moral gebrochen, dagegen konnte selbst der Motivationsweltmeister Otto Rehhagel nichts ausrichten. Stuttgart gewann gegen uns mit 2:1, zweimal Allgöwer, und die Bayern (Frage: Wieviele gebürtige Bayern spielten damals bei Bayern München und wieviele sind heute Teil der 1. Mannschaft?) fegten Gladbach mit 6:0 weg“. Rehhagel tröstete den niedergeschlagenen Kuzop, der „von den Mitspielern und von allen anderen im Verein keinen ernsthaften Vorwurf gehört hatte“: „Da oben gibt es einen Fußballgott, und der wird dir das zurückgeben, was du an dem Dienstagabend verloren hast“ (S. 13). „Tatsächlich sind wir ja zwei Jahre später doch noch Meister geworden: Völler, Pezzey und Möhlmann waren aber nicht mehr dabei“. – Kuzop hatte in seiner Karriere über 40 „Elfer“ geschossen, nur zweimal hat er gepatzt, „das erste Mal „in der Zweiten Liga gegen Solingen und dann dieses blöde Ding gegen Bayern München“. Es folgt, wie bei allen Episoden unter dem Titel „Alles Bayerndusel, oder was?

Mannis Kommentar“: Breuckmann ergreift die Gelegenheit, mit seinem Abschied vom WDR-Mikrofon zu beginnen, berichtet von zahlreichen hymnischen Lobpreisungen auf ihn und davon, dass er sich „immer wenn ich beginnen wollte, mich für das Zentrum der Medienwelt zu halten, … als Gegentherapie zu den Briefen (griff), die mich als mieses Bayernhasser-Schwein brandmarkten“ (S. 13). Es lohnt sich zu lesen, wie er dagegenhält. Er verteidigt sogar die von Kuzop erwähnten „Freundlichkeiten und Schubser“ als „vielleicht nur die Konsequenz aus dem selbstbewussten ‚Mir-san-mir‘-Auftreten der Bayern“. Die Wirkung auf Kuzop nennt der Autor „den Dr. Oetker-Effekt: Er erzeugt Pudding in den Beinen. Und wenn die Bayern in den letzten Minuten die entscheidenden Tore schießen, dann deshalb, weil sie einfach weitermachen. Du hast sie erst im Sack, wenn der Schiedsrichter pfeift, keine einzige Sekunde eher… Den parteiischen Fußballgott, der das Glück über die frommen Bayern ausschüttet, den lassen wir lieber mal in der Sakristei mit den Vorurteilen“ (S. 14). Die letzte Episode ist, „selbstverständlich“ aus Sicht des deutschen Fußballs, dem 13. Juli 2014 gewidmet, wenn auch nicht nur, nämlich auch der vielleicht am wenigsten erwartbaren Sensation, dem 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien. Jogi Löw meint, „der Sieg über Argentinien in WMFinale war natürlich das Allergrößte, weil wir damit Weltmeister geworden sind. Aber vom Spielverlauf und vom Ergebnis her war das 7:1 im Halbfinale gegen den Gastgeber Brasilien das spektakulärste Spiel meiner Trainerkarriere“ (S. 250) – woran auch durchaus anders zu bewertende Spiele nichts ändern konnten. Löws Text zu seinen Erinnerungen ist bemerkenswert gediegen, weit entfernt von seinen oft etwas hölzernen Stellungnahmen in Interviews, und ganz besonders von seinen beiden, jeweils unangemessenen, Lieblingsworten in Interviews, freilich typisch für die so häufig übersteigernde Wortwahl im Fußball, nämlich „wahnsinnig“ und „Wahnsinn“. Überraschend, wie häufig, dann „Mannis Kommentar“: „Das größte Massaker in der Historie der Seleção“ (ein Zitat, S. 253 ff.). Er vergleicht nämlich die Stimmung hierzulande nach dem erstmaligen Ausscheiden in einer WM-Vorrunde 2018 mit der Reaktion in Brasilien nach dem 1:7 gegen Deutschland im WM-Halbfinale 2014 (S. 253 ff.). In Deutschland 2018 „waren alle Medien voller trauriger, sarkastischer oder gehässiger Kommentare. Aber kaum jemand bekam fundamentale Anwandlungen, verzweifelte am Sinn jeglicher Existenz oder wünschte dem Bundestrainer (richtig: dem Trainer der Mannschaft des Deutschen Fußball Bunds; M.H.) den Tod, niemand beschwor das Ende Deutschlands“ (S. 253). Was nämlich 2014 in Brasilien „losbrach, sprengte tatsächlich alle Dimensionen… Zumal die brasilianischen Fans auch noch davon ausgehen mussten, dass die Deutschen sich nach dem 5: 0-Halbzeitstand entschlossen hatten, Gnade walten zu lassen. Eine noch größere Erniedrigung! Das Land weinte, regte sich auf, prügelte oder randalierte – je nach Temperament und krimineller Energie (S. 253 f.)… Selbstverständlich wurden 2014 Trainer Scolari und sein kompletter Stab rausgeworfen, nachdem er seine Landsleute noch wortreich um Vergebung gebeten hatte“. Wie reagiert „der Brasilianer“ bei einer schweren persönlichen Niederlage? Er ruft„gerne sete-um (7:1)“. Und wenn ihm ein kleines Missgeschick unterläuft, „was brüllt er dann? ‚Gol da Alemanha!‘ heißt sein Entsetzensschrei, ‚Tor für Deutschland‘ eben, seit 2014 ein gängiger Kommentar bei Missgeschicken aller Art“ (S. 255).

Neben den vielen Sprüchen Sepp Herbergers, etwa: „Der Ball ist rund“, sticht als ebenfalls von besonderer Güte hervor der zum geflügelten Wort geadelte Satz „Zuerst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu“. Autor dieser Schöpfung war Jürgen Wegmann, der später das so häufige, aber in seiner Dramatik wenig bekannte Schicksal vieler Fußballer teilen musste, das auch Ditmar Jacobs widerfuhr: Infolge einer Verletzung durch einen Karabinerhaken der Toraufhängung im einem Derby 1989/90 gegen Werder Bremen (S. 39, 40 ff.) war dessen Karriere nach über 400 Pflichtspielen abrupt zu Ende. Seinen Kommentar zu diesem Unglück nimmt Breuckmann zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass der Fußball… für 57 % aller Fälle von Spätinvalidität verantwortlich ist“ (S. 41). Auch dieser Schattenseite des Zirkus Profifußball gedacht zu haben, ehrt Breuckmann. Er schließt: Wer Fußball und Gesundheit kombinieren möchte, sollte sich also im Fußballstadion besser auf die ergonomisch vorbildlichen Sitze im VIP-Bereich konzentrieren“. Dem sollten die Leser dieses Buchs in ihrem Heim adäquat folgen, denn viele von ihnen werden sich nach Beginn der Lektüre festlesen. Ein schönes, ein gelungenes Buch! (mh)

Univ. Prof. Dr. iur. utr. Michael Hettinger (mh). Promotion 1981, Habilitation 1987, jeweils in Heidelberg (Lehrbefugnis für Strafrecht, Strafprozessrecht und Strafrechtsgeschichte). 1991 Profes­sur an der Universität Göttingen, 1992 Lehrstuhl für Strafrecht und Strafprozessrecht in Würzburg, von 1998 bis zum Eintritt in den Ruhestand 2015 in Mainz. Mit­herausgeber der Zeitschrift „Goltdammer’s Archiv für Strafrecht“.

hettinger-michael@web.de

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