Kunst

Lackwaren aus Japan

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2021

Jan Dees, Breaking out of Tradition. Japanese Lacquer, 1890-1950. München/Münster: Hirmer/Museum für Lackkunst 2020, 224 S., Softcover, ISBN 978-3-7774-3153-6, € 45,00.

Zu den vielen Ausstellungen, die im Pandemiejahr 2020 nicht stattfinden konnten, gehörte auch eine Schau mit Lackwaren aus Japan, die vom Museum für Lackkunst in Münster in Zusammenarbeit mit dem Rijksmuseum in Amsterdam vorbereitet worden war. Als Kurator fungierte Jan Dees, ein ausgewiesener Kenner der japanischen Lackkunst. Er ist auch der Autor des englischsprachigen Katalogs, der seit dem letzten Jahr vorliegt und auf die Ausstellung einstimmt, die nun in Münster für den Herbst 2021 angekündigt wurde.

 

Am Anfang des Katalogs steht ein Textteil, der in drei Kapitel unterteilt ist. Das erste bietet eine auch für Laien gut verständliche Einführung in die japanische Lackkunst. Dem folgen zwei Kapitel über die Entwicklung dieser Handwerkskunst in der Tokugawa-Zeit (1600–1867) und frühen Meiji-Zeit (1868–1890) sowie über die Lackkunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. An diese Textteile schließt sich ein umfangreicher Katalogteil mit Abbildungen und kurzen Erläuterungen zu den ausgestellten Objekten an. Die Qualität der Abbildungen ist, was die Farbwiedergabe und Präsentation von Details angeht, ausgezeichnet; das kann man nicht besser machen. Selbst Kenner der Materie werden im Anhang einen Abschnitt mit Fotografien und kurzen Lebensläufen der bedeutendsten Lackkünstler Japans zu schätzen wissen. In seiner Einführung holt Jan Dees weit aus. Er zeigt, dass es schon in frühgeschichtlicher Zeit (in der Jômon-Zeit, ca. 14000 bis ca. 300 v. Chr.) in Japan zur Dekorierung von Gefäßen mit Lack gekommen ist. Die Einführung des Buddhismus im 6. Jahrhundert hat dann zu einer Verfeinerung der Lackkunst geführt, wobei in Japan die Verwendung von Gold- und Silberstaub im Auftrag des Lacks charakteristisch wurde. Lackdosen dienten in diesem Zusammenhang u.a. für die Verwahrung buddhistischer Texte. Die Natur – Pflanzen und Tiere, weniger Landschaften – war eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration, was die Motive der Dekoration angeht. Viel zu kurz kommt in diesem Abschnitt die Gewinnung von Lack (jap. urushi) durch Abschöpfung von Sekreten aus dem Stamm des in Ostasien beheimateten Lackbaums. Hierüber hätte man gerne mehr erfahren. Dafür schildert Dees, wie nach dem Jahr 1000 Motive aus der japanischen Poesie Verwendung fanden. Im alten Japan gehörten zunächst die Adeligen bei Hofe, ab ca. 1200 auch die hohe Kriegerschicht zu den Abnehmern von Lackwaren, vor allem von Tellern, Dosen und Tabletts verschiedener Größe.

 

In der Tokugawa-Zeit, in der es zur Herausbildung einer bürgerlichen Schicht in den Burgstädten kam, traten nun auch vermögende Kaufleute und Gelehrte zur Schicht der Kunden hinzu. In dieser Phase kam es zu einer Professionalisierung bei der Herstellung der Lackwaren. Die Gestaltung des Holzkorpus, die Lackierung und die Dekoration wurden von unterschiedlichen Personen durchgeführt. Bestimmte Familien bildeten spezifische Stile aus. Der Meister, der in der Regel für die Dekoration zuständig war und den Objekten ihren letzten „Schliff“ gab, vermittelte sein Wissen an seine Söhne oder Nachfolger. Die Geschenkkultur Japans, in der Tokugawa-Zeit befördert durch eine rege Reisetätigkeit, hat dazu geführt, dass Lackwaren besonders stark nachgefragt wurden. Erst zum Ende der Tokugawa-Zeit, als es mit der Wirtschaft bergab ging und die Samurai zusehends verarmten, nahm auch die Nachfrage nach Luxusartikeln ab.

 

In den frühen Jahren der Modernisierung nach der MeijiRestauration von 1868 war das Interesse an traditionellem Kunsthandwerk nicht besonders groß. Der Blick des Publikums richtete sich eher auf den Westen und seine technischen Errungenschaften. Doch auf den Weltausstellungen, u. a. auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1878, wurde die japanische Lackkunst bestaunt und hat später das europäische Design, etwa im Art déco, beeinflusst. Das Jahr 1878 läutete deshalb, so der Verf., ein Ende der Krise ein. Fortan produzierten über 70% der Lackkünstler für den Export. Auch in Japan wurde die Lackkunst nun gleichsam „wiederentdeckt“. Die hohe Nachfrage führte vorübergehend zu industriellen Fertigungsmethoden. Um 1890 nahm man von diesen Formen der seriellen Produktion wieder Abstand. Japan besann sich in der Lackkunst, wie in so vielen anderen Bereichen, wieder stärker auf sich selbst. Die Neugründung von Nationalmuseen in Tôkyô (1872), Nara (1895) und Kyôto (1897) führte zu einer neuen Wertschätzung kultureller Traditionsbestände. Davon profitierte auch die Lackkunst. Okakura Kakuzô (Tenshin), im Westen bekannt als Autor des „Buchs vom Tee“, rief als Gründungsdirektor der Kunsthochschule in Tôkyô zu einer Rückkehr zur japanischen Ästhetik auf.

 

Die Förderung amtlicher Stellen galt aber eher der bildenden Kunst, etwa in den vom Kulturministerium organisierten Ausstellungen, welche die Lackkünstler ausschloss. Auch Japan kannte also die Unterscheidung von Kunst und Kunsthandwerk. Im Jahre 1913 wurde Lackkunst deshalb offiziell nur vom Agrarministerium auf einer Ausstellung mit Kunsthandwerk gezeigt. Die Ausstellungen der Kaiserlichen Akademie hingegen nahmen nach dem 1. Weltkrieg auch Lackobjekte wieder in die Ausstellungen auf. Es kam im Klima des Modernismus zu einer Individualisierung der Lackkunst: Die Objekte erhielten einen Titel und wurden sig­niert. Was die Verwendung von Motiven betraf, verharrte die japanische Lackkunst bei Anregungen aus der Natur. Die Verwendung moderner, z. B. geometrischer Formen in der Dekoration blieb eine Ausnahme. Die auf dem Titelblatt abgebildete Dose für Schreibutensilien und Papier ist für den Katalog durchaus untypisch. Vor diesem Hintergrund erscheint dem Rezensenten der Titel des Katalogs nicht wirklich gut gewählt. Man hat als Betrachter der Objekte im gelungenen Katalogteil den Eindruck, dass gerade in der Wahl der Motive traditionelle Elemente vorherrschend blieben. Das zeigt auch ein rundes Tablett mit Blütenmotiven, das als letztes und einziges Objekt aus der Zeit nach 1945 in den Band aufgenommen wurde. (wsch)

Wolfgang Schwentker (wsch) ist Professor em. für vergleichende Kultur- und Ideengeschichte an der Universität Ôsaka und Mitherausgeber der Neuen Fischer Weltgeschichte.

schwentker@hus.osaka-u.ac.jp

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