Kulturgeschichte

Kaspar Hausers Geschwister

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2019

P. J. Blumenthal, Kaspar Hausers Geschwister. Auf der Suche nach dem wilden Menschen, 2018, 2., über­arbeitete und aktualisierte Auflage. Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2018, 442 S., 14 s/w-Abb., ISBN 978-3-515-11646-6, Hardcover, € 26,00.

Seitdem der amerikanische Philologe P. J. Blumenthal (*1946) den von Lucien Malson (1926–2017) verfassten Band Les Enfants Sauvages (Die wilden Kinder) (1964/1972) auf einem Wiener Flohmarkt erwarb, ist der in München lebende Wissenschaftsjournalist vom Phänomen des ‹Wilden Menschen› fasziniert. Damit steht er nicht allein, wie sein hier in zweiter Auflage vorliegender Band über sog. ‹Wolfskinder› zeigt. So werden Menschen bezeichnet, die sich freiwillig aus der Gesellschaft entfernt oder einfach unauffindbar in unwegsamen Wäldern verirrt haben sowie aus unterschiedlichsten Motiven ausgesetzt wurden. Entgegen der verbreiteten Annahme, es handele sich bei dem Thema nur um Sensationsberichte der Medien, was zum Großteil auch zutrifft, belegen wissenschaftshistorische Studien, dass der ‹Wilde Mensch› seit der Aufklärung auch Gegenstand ernsthafter Forschung war. Das wissenschaftliche Interesse an den ‹rätselhaften Findlingen› erklärt Blumenthal mit ihrer Rolle als Stumme Zeugen. Sie boten als ‹natürliche Experimente› die Möglichkeit, Die Grenze zwischen Mensch und Tier auszuloten; es ging um Fragen zum Selbstverständnis: „Ist der Mensch das Ergebnis seiner Natur oder der Einflüsse der Umwelt?“ (S. 25). Was macht den Mensch zum Menschen? Ist es die Sprache oder die Vernunft?

In der 10. Auflage des Systema naturae von 1758 stufte Carl von Linné (1707–1778) den ‹Wilden Mensch› als Homo sapiens ferus ein, als eine Unterart unserer Spezies mit den Charakteristika: vierfüßig laufend, ohne Sprache, stark behaart. Als Beleg galt damals u.a. der Wilde Peter von Hameln, der 1724 verwildert aufgegriffen wurde. Die Kritik an Linnés Klassifikation beschreibt Blumenthal im Exkurs Jedem das Seine, dessen Titel unsensibel gewählt ist; obwohl er sich vom römischen Rechtsgrundsatz suum cuique herleitet, gilt er wegen der Inschrift am Tor des KZ Buchenwald als verpönt. Im 18. Jh. wurde der H. sap. ferus als Unterart für obsolet erklärt. Aber worum handelte es sich bei den seltsamen Menschen dann? Der Arzt und Naturforscher J. C. D. von Schreber (1739–1810) sah in ihnen eine ›Ausartung‹, die auch nicht behaart und vierbeinig sei, sondern ohne Vernunft und Sprache als eine Folge der Einsamkeit. Und der Anthropologe J. F. Blumenbach (1752–1840) kam zu dem Schluss, dass es sich in allen Fällen um ‹naturwidrige Missgeschöpfe› handelt. Beide Diagnosen sind heutzutage sprachlich politisch inkorrekt, weisen aber in die richtige Richtung: auf angeborene oder erworbene Verhaltensstörungen sowie Intelligenzminderung unterschiedlicher Ätiologie; der ICD 10 Code der Krankheitsdiagnosen lässt viele Ursachen zu, über die bei den historischen Fällen nur Vermutungen bestehen wegen mangelnder Daten und Plausibilität. Sind die Fallberichte überhaupt authentisch, oder wurden sie aus Sensationsgründen kontextspezifisch modifiziert? Hatten die aufgegriffenen ‹Wilden Kinder› wirklich im Wald gelebt und mit Tieren als ‚Zieheltern‘ fraternisiert. Ist es überhaupt glaubhaft, dass sie deren Aussehen (z.B. Behaarung) und Verhaltensweisen annahmen, z.B. Bewegungsverhalten, lautliche und gestische Kommunikation, Nahrungshalten (Verzehr von rohem Fleisch)? Oder sind es doch nur Mythen und Legenden? Wer kennt nicht den Mythos der Staatsgründung Roms durch die Zwillingsbrüder Romulus und Remus? Wer verschlang nicht R. Kiplings Jungle Book über das Findelkind Mowgli, das in Naturverbundenheit unter wilden Tieren aufwuchs. Wer staunte nicht über E. R. Burroughs‘ fiktionale Abenteuergeschichten von Tar­zan. Stets schwingt in diesen Phantasien die Fürsorglichkeit der Tiere als Diskurselement mit.

Dass einige Tiere nachweislich Artfremde aufnehmen und umsorgen, ist trotz aller Skepsis belegt, aber wuchsen Kinder jemals allein unter Wölfen, Bären, Affen, Löwen, Panthern, Gazellen u.a. Tieren als Ersatzfürsorger auf? Zynisch formuliert: Wer das für wahr hält, glaubt auch, Zitronenfalter würden Zitronen falten.

In Die Stunde der Wölfe schildert Blumenthal, wie das eigentlich abgehakte Thema durch die 1852 verfasste Broschüre über ‹Wolfskinder› aus der Feder eines in Indien stationierten englischen Generals neu befeuert wurde. So ist es mit der schönsten Entzauberung von Mythen, sie haben offenbar mehrere Leben.

Unter dem schillernden Begriff Seele, der allgemein die Gesamtheit aller Gefühlsregungen und geistigen Prozesse beim Menschen meint, beleuchtet Blumenthal zunächst Das beseelte Tier. Es geht dabei um die Erforschung tierischen Verhaltens durch die Ethologie. Nach der Darstellung diverser kultureller Annahmen über das Wesen der Tierseele und religiöser Vorstellungen über Tier-Mensch-Unterschiede im Verhalten, erfolgt ein Abriss über Befunde von K. Lorenz (1903–1989), das ‹Prinzip Eigennutz› des Briten R. Dawkins (*1941) und Sprachversuche an Menschenaffen (u.a. Gua, Viki, Koko) sowie Erfahrungen des Pferdeflüsterers Monty Roberts. Selbst interessierte Laien finden hier längst Sediertes aus der Ethologie. Unterforderten sei die Lektüre von H. W. Ingensiep (2013) Der kul­ tivierte Affe empfohlen (s. FBJ 3/2013, wh). Im Mittelpunkt eines weiteren Exkurses steht Der entseelte Mensch. Dabei geht es um Einzelgänger, „die am äußersten Rand des Menschseins [agieren]“ (S. 82), um ihre oft fehlende Sprachfähigkeit und die Chancen für die Erlernung einer Sprache nach Isolation und Deprivation. Der Anatom A. Rauber (1841–1917) sprach bereits im 19. Jh. von der ‹Erstarrung der Bildungsfähigkeit›. Dieses Muster findet sich nach Blumenthal in Forschungsbefunden zur ‹biochemischen Uhr› und ‹kritischen Zeiten› während der Entwicklungsphasen wieder. Der Parforce-Ritt durch die Entwicklungsbiologie beschreibt, wie das Unterbleiben wichtiger Entwicklungsschritte zu Defiziten in der Sprachfähigkeit, im Bewegungs- und Sexualverhalten führt. Blumenthal diskutiert mögliche Ursachen für die gesteigerten Fähigkeiten des Hör-, Geruchs- und Sehvermögens von ‹Wolfskindern› und thematisiert das Fehlen eines breiten Spektrums menschlicher Gefühle, u.a. Empathie. Angesichts der Aktualisierung der Auflage vermisst man den Bezug zu neuen Arbeiten zur Naturgeschichte des menschlichen Denkens sowie Kommunikation und Moral (z.B. M. Tomasello; FBJ 5/2017, wh).

Autismus, die häufigste Krankheitsdiagnose an ‹Wolfskindern›, ist nach Blumenthal „lediglich ein altes Argument in neuer Montur“ (S. 91). Viele Fälle lassen sich so nicht klären, und damit hat der Autor recht, wie z.B. eine offenbar übersehene Studie am Porträt des ‹Wilden Peter von Hameln› zeigt. Anhand physiognomischer Merkmale des ‹Wild Boy›, der auf Veranlassung von King George I. zu Erziehungsversuchen nach England gelangt war, wurde ein angeborener Gendefekt, das sog. Pitt-Hopkins-Syndrom, diagnostiziert.

Der Hauptteil des Bandes besteht aus einem Katalog der Fallgeschichten. Auf über 300 Seiten präsentiert der Autor über 100 akribisch gesammelte Fälle aus der Literatur und Zeitungsberichten. Die ‹Überlieferungen› umfassen Frühe Erinnerungen, die vom Ziegenkind von Asculum Picenum (539 n. Chr.) bis zu heutigen Fällen, wie dem Affenmädchen von Uttar Pradesch (von 2017), reichen. Sorgfältig dokumentierte Originalquellen geben Einblick in die Faszination und die Irritation, die die Schicksale der ‹Wilden Menschen› auf die Zeitgenossen ausgeübt haben. Da sich viele Berichte bzgl. der näheren Umstände des Auffindens ähneln, wird vermutet, dass sie redundant sind. Blumenthal macht zu den meisten Fallgeschichten Be­ merkungen, vielfach auch zu ihrer Plausibilität: Mal wird „hoffnungsvoll nach einem Körnchen Wahrheit gesucht“ (S. 102), mal „eine passende Vorgeschichte als Wolfskind angedichtet“ (S. 109) oder der „Bericht stimmt von vorne bis hinten nicht“ (S. 111), mal ist es nur die „Verballhornung einer Geschichte“ (S. 126), ein andermal „klingt [es] mehr als wundersam“ (S. 218) oder es ist eine „Märchenstunde“ (S. 221). Auch bei den meisten Fällen, die sich nicht als Fakes entlarven, schwingt der Zweispalt zwischen Fakten und Fiktionen mit, denn im Konjunktiv ist bekanntlich alles möglich.

Das gilt merkwürdigerweise auch für den untypischen, mit Lügen gespickten Paradefall Kaspar Hauser. Der Knabe wurde 1828 in Nürnberg aufgegriffen und als Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen [Hauser-Biografie von Paul Johann Anselm Feuerbach (1775– 1833)] bekannt. Da Hauser 1833 gewaltsam zu Tode kam, konnten an dem anhaftenden Blut seiner Kleidung DNA-Untersuchungen zu seiner Verwandtschaft vorgenommen werden, was den Fall aktualisierte.

Ähnlich interessante Fälle, denen Blumenthal ausführlich nachgeht, sind der erwähnte ‹Wilde Peter›, ferner ‹Victor, der wilde Knabe von Aveyron›, der von J.-J. Truffaut in L‘Enfant Sauvage frei verfilmt wurde, ‹Marcos, der wilde Junge von der Sierra Morena›, sowie die Horrorbiographie des Mädchens ‹Genie›, das bis zu seiner Entdeckung als 13-Jährige nie das Tageslicht gesehen hatte. Wenn man bedenkt, dass die wenigen authentischen Fälle bereits ausführlich beschrieben wurden und viele weitere in Blumenthals Katalog nach eigenem Urteil gefaked sind, stellt sich die Frage nach deren Nutzen. Naturwissenschaftlich betrachtet, wäre weniger mehr gewesen, was die Falldokumentation betrifft. Und ebenso kulturwissenschaftlich, da ein überbordender Katalog den Blick auf das Wesentliche verstellt, wie Hansjörg Bruland in seiner glänzenden wissenschaftshistorischen Dissertation Wilde Kin­ der in der frühen Neuzeit. Geschichten von der Natur des Menschen (2008) bemerkt (vgl. dort S. 12). Diese erschien auch im Franz Steiner Verlag, was von Blumental aber nur marginal erwähnt wird – merkwürdig.

Vergleicht man – auch unter Berücksichtigung unterschiedlicher Zielgruppen – die ausgefeilte, klar konzipierte Studie zur Rezeptionsgeschichte der ‹Wolfskinder› von Bruland ebenso wie die exzellente Abhandlung über

Frank Vorpahl (Hrsg.), Georg Forster. Die Südsee in Wörlitz, 2019, Band 42 der Kataloge und Schriften der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, München, Hirmer Verlag, 208 S., 116 Abb. in Farbe, 2 x 28 cm, geb., ISBN 978-3-7774-3179-6. € 39,90

„Die Versuche der Ausweisung Georg Forsters aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen ziehen sich durch Jahrhunderte“, schrieb Klaus Harpprecht 1987 (s. Vorpahl, S. 15). Forsters Scheitern als führender Kopf beim Aufbau der „Mainzer Republik“ und das Stigma als deutschnationaler Landesverräter ließen den Ruhm des einst gefeierten Weltreisenden, Naturforschers, Ethnologen, Reiseschriftstellers, Essayisten, Zeichners und polyglotten Übersetzers nach seinem frühen Tod während der Schreckensherrschaft in Paris rasch verblassen. Sic transit gloria mundi! – Aber es gibt eine Wiederkehr.

Dabei war Georg Forster (1754–1794) für Alexander v. Humboldt (1769–1859) der «hellste Stern» seiner Jugend, wurde von den großen Denkern seiner Zeit geschätzt und von den Akademien geehrt. Schon als Jüngling hatte Forster auf seiner Russlandreise und der zweiten Weltumseglung James Cooks mehr von der Welt gesehen als jeder andere Deutsche. Auf seiner Expedition in die Südsee entwickelte er eine humanistische Perspektive gegenüber den Fremden, die seiner Epoche weit voraus war. Grund genug, sich des einst gefeierten «Wunderkinds», dieses großen Deutschen, Europäers und Weltbürgers, der in der breiten Tarzans arme Vettern von Dieter E. Zimmer (1993), so zeigt sich der Unterschied zwischen streng theoriengeleiteter, brillanter Wissenschaft sowie beispielhafter Wissenschaftspublizistik und Blumenthals populärwissenschaftlichem Buch, das auf dem Stand des letzten Drittels des 20. Jh. bereits hinlänglich beschriebene Antworten auf Fragen zu Erbe und Umwelt gibt und aktuelle Forschungsansätze unberücksichtigt lässt. Die Schlussfolgerungen sind trivial, wenn es heißt: „Homo ferus […] ist nur ein Zerrbild, eine elende Fußnote der Menschengattung“ […] „Der wilde Mensch ist also kein Urmensch, sondern eher ein kaputter Mensch und vor allem kein Vorbild“ (S. 414f.) Längst gehört zum anthropologischen Grundwissen die Erkenntnis, dass der Mensch lernen muss, ein Mensch zu werden. Das weiß natürlich auch der Autor, aber indem er systematisch die Möglichkeit offenhält, es könnte doch was dran sein an den Geschichten über ‹Wolfskinder›, bedient er sich eines Schreibduktus zwischen Populär- und Pseudowissenschaft. Zu der Gratwanderung eines sensationsheischenden Stils gehören auch Bilder der Probanden an der Grenze der ethischen Vertretbarkeit. Cui bono? (wh)

 

Öffentlichkeit fast völlig in Vergessenheit geraten war, in unserer Zeit ‚verblassenden Lichts‘ zu erinnern. Nach Frank Vorpahl, Kurator der ersten gesamtdeutschen Georg-Forster-Dauerausstellung in Wörlitz und Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes, erschwerten die DDR-Historiographie und ideologische Vereinnahmung Forsters als eine Art «Ahnherr der DDR» während des kalten Krieges dessen Rezeption im Westen Deutschlands (vgl. S. 15). Um dieser Instrumentalisierung entgegenzuwirken, hatte sich bereits Anfang 1989 die Forster-Gesellschaft in Kassel gegründet und nach der Wende erschienen bald hervorragende Forster-Biographien, u.a. von Klaus Harpprecht (1990), Ludwig Uhlig (2004), Ulrich Enzensberger (2004), Jürgen Goldstein (2015, s. FBJ_6/2015, 76-77, wh) und 2018 Frank Vorpahls grandiose Hommage. Die Forster-Biographie des promovierten Historikers und ZDFRedakteurs ist der Begleitband zu der seit Mai 2018 laufenden Dauerausstellung Der Welterkunder in Wörlitz, in der die Persönlichkeit Forsters im Fokus steht. Mit der zweiten, im Mai 2019 eröffneten Dauerausstellung Rückkehr ins Licht auf Schloss Wörlitz, seit 2000 UNESCO-Welterbestätte, findet die frisch restaurierte, ehemals im Südsee- und Bibliothekspavillon auf dem Wörlitzer Eisenhart untergebrachte otaheitische Sammlung im Mezzanin des Schlosses eine würdige Präsentation. Dabei handelt es sich um 31 ethnographische Objekte aus dem pazifischen Raum, die von c. 40 Artefakten erhalten blieben, die Johann Reinhold Forster (1729–1798) und sein Sohn dem kulturell interessierten Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (genannt Franz; 1740–1817) und dessen hochgebildeter Ehefrau Luise (1750–1811) anlässlich eines lebhaften Gedankenaustausches im Jahr 1775 in London geschenkt hatten. Der weitaus größere Teil der Ethnographica, den die Forsters in der Südsee gesammelt hatten, befindet sich bekanntlich in der Cook-Forster-Sammlung des Völkerkundlichen Museums Göttingen. Die Wertschätzung des Fürstenpaars für Georg Forster zeigt sich daran, dass der wenige Monate zuvor als Professor an das Collegium Carolinum in Kassel berufene, gerade mal 24-Jährige 1779 für zwei Wochen zum «Faullenzen» (sic) ganz «en famille» zu Gast im Wörlitzer Schloss war, dem Gründungsbau des deutschen Klassizismus. Nach dem obligatorischen Vorwort der Dessau-Wörlitzer Kulturstiftungs-Direktorin Brigitte Mang und dem Grußwort des Kulturministers von Sachsen-Anhalt, Rainer Robra, folgen elf Beiträge, von denen der Aufsatz des Herausgebers zum Ort für den großen Welterkunder und Per­spektiven jenseits der «Kühlkammer weißer Wissgier» und dessen neuer Blick auf die Wörlitzer Forster-Samm­ lung nach fast zweieinhalb Jahrhunderten besonders hervorzuheben sind, denn kaum einer kennt das Leben und Werk Forsters besser als Frank Vorpahl.

Gleichermaßen fasziniert äußert sich Ludwig Uhlig, Emeritus an der Universität von Georgia/USA, über Forsters Lebensabenteuer, während der Münchener Literaturwissenschaftler Michael Ewert Forster als Sammler auf Reisen charakterisiert, der sich den Gegenständen sympathisch und nachdenklich mit kaum vergleichbarer Intensität näherte (vgl. S. 31).

Die Hallenser Literaturwissenschaftlerin Jana Kittelmann hat die schwierige Aufgabe übernommen, die von Forster, der nie einen Garten selbst angelegt hat, „mitgeprägten komplexen Literarisierungs- und Wahrnehmungsmodelle[.] von Landschaft und Garten“ (S. 37) zu kennzeichnen. Der Mythos Südsee und [der] Freimaurerkult stehen im Blickpunkt des Beitrags von Joachim Meissner, Publizist und Bildungsredakteur beim HR, während der Dipl.-Museologe Uwe Quilitzsch, erfahrener Mitarbeiter der KsDWAbteilung Schlösser und Sammlungen, einen erfahrungsgesättigten Abriss [z]ur Geschichte der Forstersammlung in Wörlitz und zum Gartenreich beisteuerte. Andreas Peˇcar, Neuzeithistoriker an der Universität Halle-Wittenberg, beleuchtet die Beziehung zwischen Ge­ org Forster und Fürst Franz im Lichte der Aufklärung, während die Dipl.-Restauratorin Melanie Korn die Frage aufwirft, wie man [d]as Weltkulturerbe Forsters für die Zukunft sichern kann.

Die Magistra Alana Thyng exemplifiziert an einer Fallstudie „wie der Austausch von Kulturgütern zu einer heterogenen Wissensübertragung zwischen den Maori und der britischen und deutschen Kultur beitrug“ (S. 181). Den Abschlussbeitrag Zur Renaissance alter Südsee­sammlungen verfasste der Hamburger Ethnologe Dieter Heintze. Darin erwähnt er den Fund eines vergessenen Instruments der Maori, ein karanga weka aus Stein, das von einem neuseeländischen Instrumentenbauer nachgebaut und wieder zum Klingen gebracht wurde. Diese ‚Wiedergeburt‘ ist symptomatisch für das Wörlitzer Ausstellungsprojekt, das die kleine, aber äußerst vielseitige ethnologische Sammlung aus Neuseeland, Tonga und Tahiti, die einst „höchst zufällig“ […] „als unkorrumpierte und relativ ungestörte Südseekollektion“ entstanden ist, in einer „Multiperspektive“ (Vorpahl, S. 16-20) zum Schwingen bringt. Man sollte sich weder den reich illustrierten Band über Forster und die exotischen Kleinode aus Bast, Federn, Palmblättern, Bambus und Jade, noch einen Besuch der Dauerausstellung im reizvollen Ambiente des Wörlitzer Gartenreichs entgehen lassen. (wh) ˜

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er ist Mitglied der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften und der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

henkew@uni-mainz.de

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