Landeskunde

Japan jenseits seiner Metropolen

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 1/2021

Ludgera Lewerich/ Theresa Sieland/ Timo Thelen (Hrsg.), Das ländliche Japan zwischen Idylle und Verfall. Diskurse um Regionalität, Natur und Nation. Berlin: Düsseldorf University Press (Walter de Gruyter) 20 ­ 20, 144 S. (= Kultur- und sozialwissenschaftliche Japanforschung, Bd. 2), ISBN 978-3-11-066380-8. € 29,95.

Bedingt durch den Aufstieg zu einer der führenden Wirtschaftsmächte nach dem Zweiten Weltkrieg war der Blick auf Japan lange Zeit geprägt von der Geschichte und Kultur seiner Metropolen. Vor allem die Hauptstadt Tˉokyˉo, aber auch Nagoya, ˉOsaka und Kyˉoto sind Zentralorte von Politik, Wirtschaft und Kultur, welche die Entwicklung Japans maßgeblich bestimmen. Im Vergleich dazu werden die ländlichen Regionen des Landes von der Politik und in der Forschung weniger beachtet. Dabei sind die Japaner nicht nur auf die funktionierende Infrastruktur ihrer Metropolen stolz, sondern auch auf die Schönheiten der Natur. Diese ist, im Wechsel der Jahreszeiten, Teil der nationalen Identität und bindet große Teile der städtischen Bevölkerung bis heute an die Heimat der Vorfahren. Die ländlichen Regionen stellen heute aber immer weniger eine noch heile Welt dar, sondern haben mit gravierenden sozialen und wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Abseits der großen Städte leidet Japan unter einer schwachen Infrastruktur, ist seit längerem mit der Abwanderung der jüngeren Bevölkerung konfrontiert und hat sich neuen Herausforderungen zum Schutz von Umwelt und Natur zu stellen. Die Dreifachkatastrophe vom März 2011 – das Erdbeben im Nordosten, der folgende Tsunami und die Fukushima-Krise – hat vor zehn Jahren erst das Augenmerk der Weltöffentlichkeit auf eine dieser ländlichen Regionen gerichtet.

Das zusammen genommen ist eigentlich Grund genug, sich diesem Themenkomplex endlich einmal zuzuwenden. Eine Gruppe junger Japanologen hat dazu nun einen anregenden Sammelband vorgelegt, in dem anhand einiger Fallstudien spezifische Probleme der Peripherie Japans abgehandelt werden. Die drei Herausgeber – der Rezensent macht sich die etwas penetrant wirkende sprachliche „Gentrifizierung“ in dem Buch hier nicht zu eigen – entwickeln in einer klar strukturierten Einleitung die zentralen Begriffe, mit denen die einzelnen Autoren jeweils operieren; es geht im Kern um die Verbindung von ländlichem Raum, Natur und Nation. Die zentrale Fragestellung des Bandes ist in den Worten der Verf.: „Wie, warum und durch welche Akteur*innen werden Konzepte von Land, Natur und Nation im modernen Japan verknüpft und instrumentalisiert?“ (S. 8).

Theresa Sieland (Köln) befasst sich im ersten Beitrag des Bandes mit der Geschichte der touristischen Vermarktung der ländlichen Regionen Japans. Voraussetzung dafür war die Ausprägung eines verbindlichen Verständnisses von „authentischen Landschaften“, die seit der Meiji-Zeit (1868–1912) als für Japan eigentümliche beschrieben wurden und als Gegenmodell der Verwestlichung herhielten. Darüber hinaus bildete das ländliche Japan als „Heimatregion“ einen Kontrast zur modernen Arbeitswelt. Ihr gegenüber zeichneten sich Berge und Flüsse, Täler und Küsten als elegant, schön und wild aus. Mit der Modernisierung, dem Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und einem veränderten Freizeitverhalten war die japanische Landschaft nunmehr für große Teile der Bevölkerung „er-fahrbar“. Der Staat, die Bahngesellschaften und die Touristikbranche haben viel dafür getan, diese Sehnsucht des modernen Stadtmenschen nach Natur und heimatlicher Geborgenheit zu bedienen. Die ideologischen und kulturtheoretischen Facetten des „Landschaftsdiskurses“ werden in diesem Beitrag sehr anschaulich nachgezeichnet; die wirtschaftlichen Interessen, die hinter bestimmten touristischen Programmen wie „Discover Japan“ in den 1970er Jahren standen, bleiben demgegenüber etwas blass.

Einem ganz anderen Themenfeld widmet sich Andreas Riessland (Nagoya) zu. In seinem Beitrag geht es um die Werbung für Autos und die Rolle, die der ländliche Raum darin spielt. Der Autor konzentriert sich auf neun Werbespots der Firma Toyota, in denen zwischen 1963 und 2013 der Typ „Toyota Crown“ beworben wurde. Die meisten Werbefilme zeigen das Fahren als Erlebnis von Eleganz, Sicherheit und Bequemlichkeit im Einklang mit der Natur. Diese bleibt über die Jahre hinweg in der Autowerbung populär. Herausforderungen durch Wind und Wetter treten gegenüber einer harmonischen Verbindung von Auto, Fahrer und Natur zurück. Es fragt sich allerdings, ob dies ein spezifisch japanisches Element der Autowerbung ist. Schließlich ließen auch europäische und amerikanische Hersteller, etwa die Firma Ford mit ihrem „Taunus“ 1973, ihre Fahrzeuge durch scheinbar unberührte Schneelandschaften fahren. Die Verbindung von Autofahren und Natur-„Er-fahrung“ ist heute, in Zeiten der SUVs, international üblich. Dem haftet eigentlich nichts spezifisch Japanisches mehr an. Timo Thelen (Kanazawa) legt in seiner Studie eine neue Interpretation von Miyazaki Hayaos Film „Mein Nachbar Totoro“ vor, einem Klassiker des Animationsfilms aus dem Jahre 1988. Der Film spielt in den 1950er Jahren und erzählt von der Begegnung zweier Mädchen mit einem übernatürlichen Fabelwesen im ländlichen Japan. Man hat den Film bislang mit psychoanalytischen und geschlechtstheoretischen Ansätzen ausgeleuchtet oder ihn als eine klassische Kindergeschichte interpretiert. Thelen konzentriert sich demgegenüber auf die Neubewertung des ländlichen Raums. Die Rede ist dabei von einer sogenannten „Eco-Nostalgie“, die dazu geführt hat, dass auch japanische NPOs aus dem Bereich der Umweltbewegung das Fabelwesen „Totoro“ für sich neu entdeckt haben und seine Popularität für ihre Zwecke nutzen.

Sehr gut geschrieben ist der Beitrag von Fynn Holm (Zürich) über den Walfang in Ayukawa, einer kleinen Hafenstadt in der Präfektur Miyagi an der Pazifikküste im Nordosten Japans. Der Ort wurde als Folge des Tsunami vom 11. März 2011 zu 65% zerstört. Damit schien auch das Ende des Walfangs dort eingeläutet. Der Verf. dekonstruiert die Legende von der jahrtausendealten Tradition des Walfangs in Japan. Dieser begann dort erst um 1600, und zwar in Westjapan. In Ayukawa wird er erst seit ca. 100 Jahren betrieben. Seit sich Japan aufgrund des internationalen Drucks aus dem industriell betriebenen Walfang zurückgezogen hat und diesen nur noch zu „wissenschaftlichen“ Zwecken betreibt, war der ökonomische Ertrag vergleichsweise niedrig. Der Rückgriff auf die Tradition des Walfangs habe in Ayukawa, so der Verf., nach der Katastrophe von 2011 dazu beigetragen, die soziale Desintegration zu verhindern und den Walfang als Wirtschaftszweig zu retten. Diese Prozesse sind schlüssig und eingängig beschrieben, nur hätte man gerne etwas mehr über den Küstenwalfang im engeren Sinne gelesen. Auch ist der Walfang eine Nischenwirtschaft und nicht repräsentativ für die Landwirtschaft insgesamt, die in diesem Band nicht behandelt wird. Tamara Kamerer (Wien) geht im letzten Beitrag des Bändchens auf die Literaturszene in der Provinz ein und wählt in diesem Zusammenhang die Präfektur Iwate im Nordosten Japans aus. Nicht zu Unrecht zielt der Blick der an japanischer Literatur Interessierten auf die Metropole Tˉokyˉo. Sie ist seit den 1920er Jahren der kulturelle Mittelpunkt des Landes. 76% aller Verlage sind dort angesiedelt. Dass es aber auch in den ländlichen Regionen einen lebhaften Literaturbetrieb gibt, zeigt der Aufsatz der Verf., die zahlreiche Autorinnen und Autoren in Iwate interviewt hat, auf anschauliche Weise. Die lokale Literatur hat es auf nationaler Ebene schwer, sie wird aber vor Ort von Zeitschriften, lokalen Verlagen und Buchhandlungsketten, Zeitschriften etc. tatkräftig gefördert und trägt, wenn sie in den Genuss wichtiger Literaturpreise gelangt, dazu bei, das weit verbreitete Image einer rückständigen Region zu korrigieren. Die Beiträge dieses gelungenen Bandes können und wollen noch kein erschöpfendes Bild über das ländliche Japan zeichnen. Sie thematisieren in verschiedenen Bereichen aber durchaus, wie erkenntnisfördernd ein Blick über die „Stadtgrenzen“ hinaus sein kann. Darüber hinaus ist das Buch ein gutes Beispiel dafür, wie obsolet die Aufspaltung in eine kultur- und sozialwissenschaftliche Japanforschung geworden ist. Vermisst hat der Rezensent in diesem Buch lediglich die Dimension des Politischen. Die Revitalisierung der ländlichen Regionen, so wie sie von der konservativen Regierungspartei LDP seit einigen Jahren betrieben wird, hat auch mit einem politischen Kalkül zu tun, denn dort, auf dem Lande, sind die Wähler der Partei zuhause. Der Zuschnitt der Wahlkreise begünstigt die ländlichen Regionen gegenüber den Stadtbezirken und konserviert die Vormachtstellung der LDP. Das gehört auch in den Bereich von ländlichem Raum, Natur und Nation und könnte ein Thema für weitere Forschungen in der Zukunft sein. (wsch)

Wolfgang Schwentker (wsch) ist Professor em. für vergleichende Kultur- und Ideengeschichte an der Universität ˉOsaka und Mitherausgeber der Neuen Fischer Weltgeschichte.

schwentker@hus.osaka-u.ac.jp

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