Landeskunde

Iran im Fokus

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 1/2020

Die Iran-Krise steht in diesen Tagen im Fokus der politischen Aufmerksamkeit. Viel landeskundliches Wissen über das 80 Millionen-Volk zwischen Persischem Golf und Zentralasien vermitteln drei Bücher, die wir hier vorstellen. Sie bieten hilfreiche Einsichten in Geschichte, Religion, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft dieses Landes. Wer sie liest, kann das Geschehen im Nahen und Mittleren Osten vielleicht etwas besser einordnen und bewerten. Als Einstieg empfiehlt sich

Adebahr, Cornelius, Inside Iran. Alte Nation, neue Macht?, Verlag J.H.W. Dietz, 2018, 248 S., ISBN 978-3-8012-0523-2, € 22,00

Der promovierte Politikwissenschaftler Adebahr lebte und arbeitete zeitweise in Teheran. Als selbständiger Analyst, Berater und Lehrbeauftragter ist er für deutsche und internationale Einrichtungen tätig. In trockener Sachbuchmanier beantwortet er in elf Kernkapiteln typische Fragen westlicher Leser, etwa: „Ist das Land eine Diktatur oder eine Demokratie?“ Oder: „Warum liegen Iran und die USA so sehr im Streit?“ Ausführlich behandelt sein Werk die internationale politische Rolle des Iran, v.a. in den Kapiteln 3 sowie 6 bis 9. Besonders interessant schildert Adebahr die Hintergründe der iranischen Revolution in Kapitel 5. Westliche Leser verstehen: Im Iran stehen islamisch-revolutionäre und demokratisch-reguläre Institutionen nebeneinander. Denn den „Obersten Führer“ ernennt die religiöse Elite auf Lebenszeit, während der Präsident vom Volk gewählt wird. Diese Parallelstrukturen ziehen sich durch die gesamte Politik und durchs Militär. Innerhalb des klerikalen Rahmens existiert also ein politischer Pluralismus – anders als z.B. in China oder Saudi-Arabien. Neben großen Linien wie Politiksystem, Atomstreit oder Schiismus erklärt „Inside Iran“ viele Einzelheiten, z.B.: Dass die Bevölkerung unter hoher Arbeitslosigkeit, steigender Armut, Korruption und Umweltverschmutzung leidet. Warum Persien nicht mit dem Iran gleichzusetzen ist. Dass der Slogan „Weder Ost noch West“ historisch und geografisch begründet ist und der Iran auch wirtschaftlich unabhängig werden möchte. Warum das Land islamisiert, aber nicht arabisiert wurde. Wie Reza Khan zum Schah aufstieg, das Land mit Gewalt verwestlichte und 1941 seinem Sohn Mohammad Reza Pahlavi weichen musste. Welche entscheidende Rolle westliche Ölfirmen und Geheimdienste bis 1979 im Iran spielten und warum der Schah immer autokratischer regieren konnte. Weshalb ihn schließlich ausgerechnet Khomeini ersetzte, obwohl die führenden Ajatollahs weder ihn, noch Nachfolger Khamenei als religiöse Autorität anerkannten. Dass der Irak seinen opferreichen Angriffskrieg schon 1982 beenden wollte, Khomeini aber bis 1988 weiterkämpfte und dadurch seine Macht festigte. Worauf genau die Feindschaft zu Israel, Saudi-Arabien und den USA beruht. Wie sich die EU Iran näherte. Oder dass die meisten Iraner die Volksmudschaheddin indiskutabel finden, seit diese Auslandsopposition Saddam Hussein im Iran-Irak-Krieg unterstützte.

Eine Grundbotschaft von „Inside Iran“ lautet, dass die Iranische Republik auf Machtpolitik statt Religion basiert. Der Autor bezweifelt, dass die Revolutionäre bald am Ende seien: Auf bedrohte Grundinteressen habe das System noch immer mit harter Gewalt reagiert und gewonnen. Es fehle auch an Alternativen, so dass Wandel bestenfalls innerhalb des Systems realistisch sei. Adebahrs Detailschilderungen lesen sich teils interessant, etwa der geschichtliche Überblick in Kapitel 4. Andere sprengen den Rahmen, z.B. die technischen Einzelheiten der Atomanreicherung in Abschnitt 3.2 oder die grundsätzliche Erörterung internationaler Sanktionen in Kapitel 9. Weitere Ausführungen wirken etwas banal, so die Urlaubs- und Reiseempfehlungen in Abschnitt 10.2. Auch verzichtet der Autor auf griffige Zusammenfassungen – sogar in Schlusskapitel 12. Wer schließlich umständliche Formulierungen scheut, wird lieber den nächsten Titel lesen, nämlich

Wiedemann, Charlotte, Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten, Aktualisierte Taschenbuchausgabe, dtv Verlag, 2019, 288 S., ISBN 978-3-423-34944-4, € 11,90

Die gelernte Journalistin Wiedemann war politische Korres­ pondentin für diverse Wochen- und Tageszeitungen. Sie schreibt Reportagen, Essays und Bücher über islamisch geprägte Länder. Ihre Grundbotschaft lässt sich in drei Worten zusammenfassen: „Land der Widersprüche“. In zwölf Kernkapiteln verbindet das Buch persönliche Beobachtungen mit kompakten Hintergrundinformationen. Besonders deutlich wird dreierlei: Der Iran lehnt westliche Einflussnahme aus nachvollziehbaren historischen Gründen ab. Es handelt sich um einen Vielvölkerstaat mit starkem Nationalbewusstsein. Und das Leben dort ist ziemlich stressig. Wiedemann beleuchtet zunächst die Hintergründe der Revolution. Die Rolle des letzten Schahs („Despot und Marionette“, S. 21), der USA und Khomeinis werden klar. Kapitel 2 würdigt die praktische Alltagskunst der Bevölkerung zwischen zahllosen Verboten und deren ständiger Überschreitung, Kapitel 3 das blühende iranische Kulturleben zwischen historischer Größe und Zensur. Die Besonderheiten des schiitischen Glaubens und seiner politischen Dimension verdeutlicht Kapitel 4, während es im fünften Kapitel um Hintergründe der zahlreichen Hinrichtungen geht. Kapitel 6 widmet sich dem Iran-Irak-Krieg von 1980–1988. Dessen Wurzeln in der Kolonialzeit und seine Folgen erklärt Wiedemann eindrücklich, z.B. die unrühmliche Rolle des Westens gegenüber Saddam Hussein, den weiteren Vertrauensverlust im Zuge der GiftgasAngriffe und die Instrumentalisierung des Krieges durch Khomeini. Bis Kapitel 10 geht es um Kunst und Narzissmus, jüdisches Leben im Iran, den Unterschied zwischen Iran und Persien sowie Kinder prominenter Eltern. In Kapitel 11 geht es um die Technologie- und Fortschrittsversessenheit der iranischen Gesellschaft. Das Land will bis 2025 die wichtigste Wirtschafts-, Wissenschafts- und Technologiemacht im Mittleren Osten und Zentralasien sein. Dafür kooperiert es auch verstärkt mit Russland und China. Viele Details dürften hierzulande unbekannt sein. Z.B. ist Irans Geburtenrate inzwischen niedriger als die Frankreichs. Medizinisch spielt die Islamische Republik weltweit vorne mit, v.a. bei künstlicher Befruchtung, Stammzellenforschung und Geschlechtsumwandlungen. Frauen stellen über 60 Prozent der Studierenden und angeblich gibt es schon mehr Iranerinnen mit Ingenieurs­diplom als US-Amerikanerinnen. Allerdings leben auch Millionen Heroin- und Opiumsüchtige im Land. Korruption ist allgegenwärtig, Grundwasser extrem knapp und die „Blutgeld“-Tradition problematisch. Denn im Iran kann nicht die Regierung Mörder und Totschläger begnadigen, sondern nur die Familie des Opfers. Arme Hinterbliebene nehmen die dafür nötige Entschädigungszahlung eher an als reiche.

Wiedemanns Mischung aus Erzählung und Sachbuch mag zunächst befremden. Die verschiedenen Blickwinkel helfen aber dabei, Land und Leute wirklich zu verstehen. Das Buch liest sich leicht. Allerdings ufern einige Anekdoten ziemlich aus. So schildert die Autorin ihre Teilnahme am Muharram, den 10-tägigen Passionsriten, auf fast 20 Seiten. Einwenden ließe sich daneben, dass ihr Blick auf den Iran zu freundlich ausfällt. Oder dass sie die gesellschaftliche Rolle iranischer Frauen zu positiv bewertet und die wirtschaftlichen Probleme des Landes unterbelichtet. Wer sein Iran-Bild um fehlende Puzzlesteine ergänzen will, kann im folgenden Werk gezielt suchen:

 

Gorges, Michael, Kleines Iran-Lexikon. Hintergrundwissen für das erfolgreiche Iran-Geschäft, Springer Gabler Verlag, 2019, 312 S., 978-3-658-23697-7, € 39,99

Der Ethnologe Gorges ist Trainer für interkulturelle Kommunikation. Er berät Unternehmen und Institutionen, die im Iran Geschäftsbeziehungen aufbauen wollen. Sein Buchtitel ist Programm: Von A bis Z werden über 150 Begriffe erläutert. Darunter befinden sich bekanntere Stichworte wie „Ayatollah“ bis „Zensur“, aber auch unbekanntere wie „Auqaf“ bis „Zaiditen“. Die meisten Beiträge behandeln Politik, Geografie, Religion, Wirtschaft und kulturelles Brauchtum.

Das Thema Wirtschaft enthält z.B. einen gleichnamigen Eintrag, der die Arbeitslosigkeit nach Bevölkerungsgruppen differenziert. Unter „Banken- und Finanzsystem“ finden sich kompakte Daten zur iranischen Finanzstruktur. Den Atomvertrag und das Iran-Embargo erklärt Gorges ebenfalls. Westliche Leser können sich daneben über die iranische Währung informieren, über bilaterale Investitionsabkommen und die demographische Entwicklung des Landes. Der Anhang bietet eine historische Zeittafel, nützliche Internet-Adressen und weitere Informationen rund um die internationalen Iran-Sanktionen.

Auch die anderen Themenbereiche ergänzen und vertiefen Kenntnisse, etwa wenn es um die Urbanisierung im Beitrag „Großstädte“ geht oder um Bedeckungsvarianten für Frauen unter dem Stichwort „Kopftuch“. Weitere Puzzlesteine vervollständigen das Iran-Bild, z.B. „Qanate“ (unterirdische Bewässerungskanäle), schiitische „Alawiten“ versus türkische bzw. kurdische „Aleviten“, der „Böser Blick“-Aberglaube oder die „Prostitution“: Sie ist nach islamischem Recht zwar streng verboten, wird aber bei den Schiiten durch eine ganz legale „Zeitehe“ umgangen, die auch nur 30 Minuten dauern kann.

Gorges vielfältige Themen dürften neben Geschäftsleuten auch Touristen interessieren. Meistens enden sie mit Quellenangaben und weiterführenden Literaturhinweisen. Leser mit Vorkenntnissen können mit diesem Werk Wissenslücken gezielt und deshalb zügig schließen. Verweise helfen zuweilen, einschlägige Fachbegriffe zu finden. Allerdings bleibt das Buch naturgemäß Stückwerk ohne Rahmen. Manch ein Beitrag findet sich daneben nur mit Vorkenntnissen oder nach genauer Durchsicht des Buches – z.B. der Atomvertrag unter „Joint Comprehension Plan of Action“. Auch fehlt Stichworten wie „Araber“, „Freitagsgebet“ oder „Scharia“ der direkte Iran-Bezug und die inhaltliche Gewichtung lässt sich nicht immer nachvollziehen. So detailliert das Stichwort „Ahmadinejad“ auf vier Textseiten das Wirken dieses Ex-Präsidenten, während der ehemalige Premierminister Mossadegh ohne eigenen Eintrag u.a. in der Hafenstadt „Abadan“ versinkt. Schließlich sind die Beiträge unterschiedlich aktuell. Das fällt vor allem rund um den Atomstreit auf, wo die Berichterstattung zwischen Anfang 2016 und Mai 2018 endet (S. 295 bzw. S. 51).

Prof. Dr. Britta Kuhn arbeitete nach VWL-Studium und -Promotion bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney und bei der Bayerischen Vereinsbank bzw. Hypovereinsbank AG. Seit 2002 lehrt sie VWL mit Schwerpunkt International Economics an der Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain.

britta.kuhn@hs-rm.de

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