Landeskunde

Indien

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 5/2018

Adam Roberts: Superfast Primetime Ultimate Nation. The Relentless Invention of Modern India. 312 S. London: Profile Books 2017, geb., ISBN 9781781256459. € 14,99 (TB € 11,14)

Unglaublich, wie stark man – auch als einigermaßen mit dem Land vertraute Person – von der Arbeit eines guten Journalisten profitieren kann! Der Autor des 2017 erschienenen Bandes (leider mit einem etwas missglückten Titel und einem irritierenden Cover), Adam Roberts, hat als Bürochef der einflussreichen britischen Zeitschrift The Economist in Delhi fünf Jahre lang Indien aus der Nähe beobachtet; sein Werk, ein ebenso aktueller wie lesbarer Überblick über Chancen und Risiken dieses großen Landes im Süden Asiens, stellt sozusagen das Resümee seiner Tätigkeit dar.

Dass Adams den wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahre begrüßt und dem freien Handel und Wandel, der in Indien seit den 1990er Jahren Einzug gehalten hat, mehr Sympathie entgegenbringt als der vorherigen Stagnation unter dem „license raj“ (Lizensierungsbürokratie) und dem Gesetz der „Hindu rate of growth“, dem Wachstum knapp über dem Bevölkerungswachstum, kann bei dem Korrespondenten einer Wirtschaftszeitung, die sich seit ihrer Gründung im Jahr 1843 den Freihandel und den Rechten des Einzelnen – übrigens jenseits aller Parteigrenzen – verschrieben hat, nicht weiter verwundern. Was Roberts aber an politischen, sozialen und religiösen Zuständen und Verschiebungen auf seinen Reisen durchs Land, an denen er den Leser teilnehmen lässt, notiert und anmerkt, geht weit über das enge Verständnis von Wirtschaft als Ergebnis eines Laisser-faire oder des Wirkens einer „unsichtbaren Hand“ hinaus.

Das Land hat seit 2014 unter Premierminister Modi unter dem Motto von vikās („Entwicklung“) und acche din („gute Tage“) zunehmend Fahrt in Richtung der globalisierten Welt aufgenommen, und Roberts beobachtet die damit verbundene wirtschaftliche Dynamik mit Respekt, verbunden jedoch mit der Sorge, dass die Sprüche von superfast, primetime und ultimate nation, wie sie von vielen Anhängern des Präsidenten aus der hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Party nur zu leicht über die Lippen kommen, an den harten Klippen der Realität zerschellen könnten. Sollen die über 170 Millionen Muslime auf die Reise mitgenommen werden, oder droht ihnen das Schicksal, wie die Rohingyas in Myanmar als vermeintliche „blinde Passagiere“ über Bord geworfen zu werden? Schon jetzt kann man die Rückzugsbewegung dieser durchweg ärmeren Bevölkerungsgruppe in die Innerlichkeit geradezu mit Händen greifen. Was ist mit den Frauen des Landes, die noch weit von einer angemessenen Rolle in Gesellschaft und im Arbeitsleben entfernt sind? Und wie soll es angesichts des Wachstums mit dem zunehmend knappen Gut „Umwelt“ weitergehen? Der öffentliche Raum, vor allem Gewässer, Luft und Infrastruktur sind nahezu vogelfrei und dem Zugriff des Menschen ausgeliefert, der dort alles ablädt, was ihn in seinen eigenen vier Wänden (oder bei der Produktion von Waren, landwirtschaftlichen Produkten und Dienstleistungen) stört: stinkende Flüsse, Berge von organischem und Plastikmüll in den Ortschaften und die mit Händen zu greifende, mangelnde Hygiene schlagen sich in niedriger Lebenserwartung und hoher Kindersterblichkeit nieder. „Swacch bharat“ – „sauberes Indien“ – steht denn auch auf der Agenda des Premierministers weit oben.

Roberts führt den Leser kenntnisreich, immer konkret und mit vielen statistischen Verweisen durch die außen- und innenpolitische Landschaft, oft unterbrochen durch Einblicke, die er in zahlreichen Interviews gewonnen hat.

Dass die demokratische Verfassung des Landes dabei nicht nur ein nice to have sei, ja geradezu ein Hemmnis oder im besten Fall eine Art Steuer, die nur das Wirtschaftswachstum hemme – eine Ansicht, die sich aus dem Vergleich mit dem autoritär geführten China speist –, findet im Lande selbst – so der Autor – keinen Rückhalt; die allseits akzeptierte Verfas sung zählt im Gegenteil zu den großen Vorteilen Indiens, was nach Ansicht des Korrespondenten auch in Zukunft Stabilität, Toleranz und Friedenspolitik erwarten lässt. Welches Land der Region kann sich rühmen, in den Nachkriegsjahrzehnten blutige Revolutionen, Bürgerkriege oder langwierige kriegerische Auseinandersetzungen vermieden zu haben? Der Blick von Iran über den Nahen Osten hin zu Afghanistan, Myanmar, Vietnam, Kambodscha oder auch China unter Mao zeigt, was Indien erspart geblieben ist.

Es ist ein Vergnügen, die Themen des Bandes mit der eigenen Erfahrung zu vergleichen; der Band zeigt aber auch auf schlagende Weise, auf was für intellektuelle Kapazitäten, Recherchen und Analysen die englischsprachige Welt zurückgreifen kann. Ähnlich fundierte (und gut lesbare) Studien wird man im deutschsprachigen Raum – bei aller Wertschätzung von Einzelarbeiten – derzeit vergeblich suchen. Eine deutsche Ausgabe wäre dringend zu wünschen. (tk)

 

Melitta Waligora: „Ich wollte nie so leben wie meine Mutter“. Frauenportraits aus Kalkutta. Heidelberg: Draupadi 2017, 193 S, Kt., ISBN 978-3-945191-23-1. € 19,80

Kolkata, hierzulande eher bekannt unter der alten Bezeichnung Kalkutta, ruft auch Jahrzehnte nach den Katastrophen der Hungersnot von 1943, der Calcutta killings im Zug der Teilung des Landes 1946–47 und des Bangla Desh-Konflikts von 1970–71 immer noch melancholische Assoziationen hervor. Das Verdikt der Gattin des Orientalisten Edward D. Ross, die um keinen Preis der Welt auf dem trübsinnigen Old Park Cemetery der Stadt zur letzten Ruhe gelegt werden wollte, ist legendär, und in der Tat ist dieser alte Friedhof von allerhand finsteren Mythen umwoben. Zweifellos ist Kolkata aber auch jene „Stadt der Freude“ („Cité de la Joie“), wie Dominique Lapierre in ironischer Distanzierung seinen Bestseller aus dem Jahr 1985 über Mutter Teresas Arbeit betitelte, in der die Einwohner stolz sind auf ihre grüne, kulturell attraktive und dynamische Metropole. Kolkata zählt, zumindest nach Ansicht des Rezensenten, heute nicht zuletzt durch die Lage am Fluss, das reiche geschichtliche und architektonische Erbe, die intellektuelle Atmosphäre und die tropische Umgebung zu den vielleicht lebenswertesten Städten des Subkontinents.

In diesem Umfeld sind die Lebensläufe der Frauen angesiedelt, die die Kulturanthropologin und Sozialwissenschaftlerin Melitta Waligora von der Humboldt-Universität Berlin befragt und deren Antworten sie aufgezeichnet hat. Einer kurzen Einführung in die Lebenssituation der Betreffenden folgt jeweils die Wiedergabe des Interviews, freilich nicht nach dem gewohnten Frage-und-Antwort-Spiel, sondern als zusammenhängender Text der jeweiligen Ich-Erzählerinnen. Die dreizehn Frauenportraits zeigen „Schattierungen statt Kontraste“, und was für die Frau aus der Oberschicht, die mit einem gebildeten Hindu verheiratet ist, zutrifft, hat mit der Lebenswirklichkeit einer Zugehfrau, die sich und ihre Familie mit wenigen Rupien durch Putzarbeiten mühsam über Wasser hält, wenig gemein. Auffallend, ja typisch ist die große Bandbreite der regionalen Herkunft der Frauen, die ja keineswegs nur den so genannten „alten“ Kalkuttaer Familien entstammen, sondern – wie bei einer solchen Weltstadt nicht anders zu erwarten – teils von weither zugewandert sind. Insgesamt leidet die Sammlung jedoch ein wenig unter der Auswahl der Befragten, die zwar alle interessant zu erzählen wissen, jedoch – mit einer einzigen Ausnahme – dem akademischen oder gehobenen Milieu angehören. Das ist freilich typisch für das intellektuelle Ambiente Kalkuttas, schränkt die Aussagekraft der Interviews jedoch auf diese Schicht ein. Es macht Spaß, sich einzulesen in die Welt dieser Frauen, aus denen, wie aus einem Spiegel, auch die ihrer männlichen Gegenüber – der Brüder, Väter, Ehemänner, Freunde, Geliebten – hervorschaut und über die man zum Teil Erstaunliches erfährt. Aus einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Gegenstand hervorgegangen, sind die dreizehn Biographien allemal lesenswert, und da die Lebensgeschichten nicht nur authentisch, sondern darüber hinaus auch lebendig formuliert sind, ist der kleine Band, u.a. wegen seiner schönen Ausstattung (das Coverbild stammt von einer der Interviewpartnerinnen), des günstigen Preises und handlichen Formats auch als Geschenk bestens geeignet.

P.S. Die Frau des Orientalisten, Dora Ross, wurde nach ihrem überraschenden Tod in der Türkei 1940 auf dem wunderschön gelegenen Haidar-Pasha-Friedhof von Istanbul beigesetzt; ihr Mann starb wenige Monate nach ihr, an gebrochenem Herzen. (tk)

 

Andreas Bock-Raming: Indische Schachspielkunst im 19. Jahrhundert: Triveṅgaḍācāryas Vilāsamaṇimaṅjarī. Neuedition und annotierte Übersetzung des Sanskrit-Textes. X, 314 Seiten, 95 Abb. Wiesbaden: Harrassowitz 2018. (Beiträge zur Indologie 50). ISBN 9783447109659. Kartoniert und als E-Book € 68,00

Ein Zungenbecher ist der Titel schon, und man vereinfacht sich die Aussprache des Autorennamens sowie des Buchtitels – darum handelt es sich nämlich bei dem Sanskritgebilde – erheblich, wenn man das Wortungetüm in seine Einzelteile zerlegt: es handelt sich um Triveṅgaḍ-ācārya‘s Buch über das Vilāsa-maṇi-maṅjarī. Wer nun noch nicht schlauer ist, dem sei der Tipp gegeben, dass der Verfasser aus Tiruvenkata (Triveṅgaḍ) stammt, der „heiligen (tiru) Stadt des Venkata (Vishnu)“, dass er ein ācārya ist, ein geistiger Lehrer und Führer, und dass der Rest nichts anderes besagt, als dass es sich um eine „Perlenreihe“ oder „Blütenlese“ (maṇimaṅjarī) von „Spielen“ (vilasa) handelt. Colonel Pickering, im Film My Fair Lady Assistent von Professor Higgins und Lehrer für Spoken Sanskrit, hätte seine helle Freude an dem Titel gehabt.

Welches Interesse hat ein Werk über das indische Schachspiel, in der Sakralsprache Sanskrit verfasst, dazu noch in der Spätzeit, nämlich dem frühen 19. Jahrhundert, für uns Heutige? Ist es nicht so, als würde man ein goethezeitliches Werk über ein Kartenspiel neu herausgeben, das dazu noch in lateinischer Sprache verfasst ist? Wer die Bedeutung des Schachspiels für die indische Politik jener Zeit und die Herkunftsgeschichte des Textes kennt, wird die Frage nicht mehr so ohne weiteres bejahen – im Gegenteil.

Dazu muss man wissen, dass es sich bei dem Verfasser um einen Brahmanen am Hof des letzten Peshwa, d.h. des Marathenherrschers, handelt, jenes Volkes im Westen Indiens, das mit seinen wendigen Reiterheeren den Mogulkaisern in Delhi zwei Jahrhunderte lang im wörtlichsten Sinne „Schach“ bot, ja die Kaiser in Delhi zeitweise sogar komplett „matt“ setzte (persisch und hindi māt „geschlagen“). Auch den Briten bereitete die Marathenföderation, die sich um 1800 schon weitgehend entzweit hatte, erhebliches Kopfzerbrechen, ehe eben dieser letzte Peshwa, dem das Schachbuch gewidmet ist, sich in seiner Not lieber den Ausländern an den Hals warf als sich von seinen eigenen Bundesgenossen einkerkern oder gar umbringen zu lassen. Durch und durch „intrigant, feige, unaufrichtig und immoralisch bis in die Fingerspitzen“ – so das Verdikt eines indischen Historikers –, habe Baji Rao II. für einen Judaslohn die Unabhängigkeit gegen ein ödes, aber sicheres Pensionärsdasein unter dem Schutz der neuen Herren eingetauscht.

Schach – das Spiel der Könige, das auf einem Feld von 8 x 8 Feldern eine Schlachtordnung mit König, Minister (Dame), Elefanten oder Kamelen (Türmen), Pferden und Peons (Bauern) imitiert, wurde dabei zeitweise offenbar nicht nur von zwei Seiten, sondern – mit leicht veränderten Regeln – auch von allen vier Seiten als „Vierschach“ gespielt, womit vor allem junge Herrscher daran gewöhnt wurden, mit drei verfein- deten oder – je nach Situation – befreundeten Nachbarn zu Rande zu kommen. Mit dem Mittel des Schachspiels wurde darüber hinaus politischer Rat erteilt, so wie es der gewiefte Minister Sakharam Bapu einmal auf Anfrage eines Gesandten tat, als er wie nebenbei eine Schachpartie kommentierte: „nimm den König ein Feld zurück und warte“. Der Gesandte des Nachbarhofes hatte nun nichts Eiligeres zu tun, als seinem Herrn genau diesen Rat ans Herz zu legen – prompt zog sich dessen bereits aufmarschierte Armee ins Heimatland zurück. Verständlich, dass sich aus dem Interesse an dem wahrhaft herrscherlichen Spiel heraus gerade im Ursprungsland des Schachs, in Indien, eine reiche Literatur entfaltete. Auch hat man – gewiss nicht zu Unrecht – das vorkoloniale Indien mit einem „Schachbrett“ verglichen, dessen Rājas, Hāthis (Elefanten), Unts (Kamele/Pferde), Wesire und Paydas (Bauern) von den Briten reihenweise geschlagen und schließlich „schachmatt“ gesetzt wurden (B.A. Gupte).

Die einhundert Schachstellungen, die im Vilasa-mani-manjari in Strophenform auf Sanskrit dargestellt und analysiert werden, sowie die zugehörigen Erläuterungen in der Volkssprache Marathi hat Andreas Bock-Raming nach den besten verfügbaren handschriftlichen und gedruckten Quellen herausgegeben und kritisch ediert, anschließend Vers für Vers ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungen versehen. Ein Literaturverzeichnis und ein aussagekräftiges Register vervollständigen die Ausgabe, die man zu Recht eine „Perlenkette der Schachspielliteratur“ nennen kann. Die Bedeutung des Textes für die Schachliebhaber, aber auch für die indische Geschichte der Neuzeit würde eine Übertragung ins Englische mehr als rechtfertigen. Darüber hinaus hatte der „Schachbrahmane“, wie die Engländer in Bombay den Verfasser seinerzeit nannten, mit seinem Bändchen ein Paradigma für die Art und Weise geschaffen, wie man verzwickte strategisch-politische Probleme angesichts begrenzter Mittel löst und auch den übermächtigsten Gegner „in Schach hält“. Aber das will eben gelernt sein…

Ein in seiner Spezialisierung beeindruckendes Buch, zu dem man dem Herausgeber nur gratulieren kann. (tk)

 

Zeitloser Rabindranath Tagore. Vierzehn Beiträge zum 157. Geburtstag des bengalischen Dichters. 251 S. Mainz. Wiesbaden: Inst. f. Indologie in Zusammenarbeit mit dem Literaturverein „Dichterpflänzchen“ 2018. Kt. € 15,00. Zu beziehen über Dr. Arun Banerjee (banerjee@uni-mainz.de) oder Lutz Schauerhammer (Lutz.Schauerhammer@t-online.de)

Tagore ist für die Bengalen das, was Goethe den Deutschen bedeutet: ein Dichterfürst, genialer Dilettant, in allen Gattungen der Kunst, Literatur und Musik, in Tanz und Theater zuhause, dabei nicht nur stilbildend, sondern bahnbrechend und neue Wege beschreitend und immer neue Generationen – nicht nur seiner Landsleute – begeisternd. Am Geburtstag dieses indischen Kulturheros‘ stehen in Bengalen denn auch alle Räder still: das traditionelle Frühjahrsfest des Landes wird gemeinsam mit seinem kalendarischen Geburtstag als alljähr- licher Staatsfeiertag begangen, der als kulturelles Hochamt der Nation gelten darf.

Bereits 1912, im Jahr vor der Nobelpreisverleihung, fragte der ehemalige Vizekönig Indiens und nunmehrige Kanzler der Universität Oxford, Lord Curzon, bei dem Orientalisten Edward Denison Ross, der die Tagores von seiner Zeit in Kolkata her gut kannte, an, ob man den in Europa noch völlig unbekannten Poeten für eine Auszeichnung der Universität Oxford empfehlen könne – Ross zögerte, doch bereits im folgenden Jahr, 1913, erhielt Tagore für sein Werk „Gitanjali“ als erster Asiate, ja als erster Nicht-Europäer überhaupt, den Literaturnobelpreis – ein Jahr nach Gerhart Hauptmann und noch vor Romain Rolland.

Tagore ist in seiner Universalität in der Tat eine Ausnahmeerscheinung. Die Beiträge und Essays des vorliegenden, schön aufgemachten Bändchens aus der Feder von Kennern der Sprachen und Literaturen Indiens zeichnen die verschiedenen Aspekte seines Interesses und seines Nachwirkens nach: in der Musik (Christine Kupfer, Lars-Christian Koch), der religiös-philosophischen Sphäre (Michael Gerhard, Arun Banerjee, Rita Panesar), der Malerei (Nina-Mareike Obstoi) und – selbstverständlich – der Poesie (Lutz Schauerhammer, Martin Kämpchen). Am erstaunlichsten sind wohl die Beiträge, die sich einer weniger bekannten Seite Tagores widmen (Almuth Degener, Merlin Kräker): der in Bengalen als aufgeklärter Hindu aufgewachsene Schriftsteller erregte nicht nur im muslimisch-urdusprachigen Raum Indiens Aufsehen, wo man schon früh auf ihn aufmerksam wurde und seine Dichtung in das persisch getönte Urdu übertrug; auch in der Türkei finden sich – vermittelt durch gemeinsame Wurzeln der SufiMystik (Arnd Bruns: „Tagore, der andere Kabir“) – Spuren des tagoreschen Gedanken- und Dichtgutes, das auf diesem Weg die Kulturräume anscheinend mühelos überbrückte. Tagore, der fließend Persisch sprach, trug selber bisweilen das härene Gewand sufischer Gottsucher. Auch in Sri Lanka sind Spuren seines Einflusses spürbar, bis hin zur Übernahme der Nationalhymne (Sonja Wengoborski).

Zeitlosigkeit kann zum Problem werden, wenn sie sich im Unverbindlichen erschöpft und nur die Flucht vor der Wirklichkeit kaschiert. Niemand war sich des Zusammenpralls von Fakten und Fiktion mehr bewusst als Tagore selbst, der, um seiner Bildungseinrichtung, der Universität Shantiniketan in Bengalen, das Überleben zu sichern, zu einem Meister des Fundraisings wurde; ihm, dem Poeten, ist gelungen, woran andere, nüchternere Zeitgenossen oft scheitern: der Erhalt und die Fortführung seines Lebenswerkes. Tagore führt heute – laut Website der Nobelpreisorganisation – die Liste der bekanntesten Literatur-Nobelpreisträger an – noch vor Garcia Marquez, John Steinbeck oder Ernest Hemingway. Für einen „zeitlosen“ Dichter ist das eine erstaunliche Dynamik. (tk)

Dr. Thomas Kohl (tk) war bis 2016 im Universitäts- und Fachbuchhandel tätig und bereist Südasien seit vielen Jahren regelmäßig. thkohl@t-online.de

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