Kinder- und Jugendbuch

Illustrierte Gedichte für Kinder

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 5/2020
Weißt du das nicht, dass ein Gedicht so was wie: eine Taschenlampe ist?

Elisabeth Borchers: Oben schwimmt die Sonne davon, Gedichte für Kinder, mit Bildern von Hildegard Müller, München 2019, dtv Verlag, 128 S.,16, 95 €, ab 4

 

Stefanie Schweizer (Hs.): LyrikComics, Gedichte, Bilder, Klänge, Weinheim 2019, Beltz Verlag, 104 S., 16, 95, ab 8

 

Kenn Nesbit (Hr.), Christoph Niemann (Ill.): Jetzt noch ein Gedicht, und dann aus das Licht!“ Gedichte zur guten Nacht, München 2020 (2. Auflage), Carl Hanser Verlag, 184, S., ab 7

 

Uwe-Michael Gutzschhahn: Die Muße der Mäuse, Gedichte, Nettetal 2018 (2. Auflage), Elif Verlag, 80 S., ab 7

 

Johann Wolfgang von Goethe, Sabine Wilharm (Ill.): Der Erlkönig, Berlin 2017 (2. Auflage), Kindermann Verlag, 24 S., ab 10

Mögen Kinder überhaupt noch Gedichte hören oder lesen? Werden sie in der Schule noch besprochen oder auswendig gelernt? Die zahlreichen illustrierten Gedichtbände, die in jeder Saison wieder auf den Buchmarkt gelangen, beweisen es. In einer ansprechenden Aufmachung und Auswahl können diese kurzen Formen mit ihrem Witz und Schabernack junge Leser begeistern, sogar zur Nachahmung anregen. Den buchkünstlerischen Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt. Aufwändig bebilderte Balladen, Verse als Comic oder Cartoon, begleitende CDs, auf denen die Gedichte vorgelesen werden sind dabei. Anthologien vereinen Klassiker und zeitgenössische Autoren, vorwitzige Varianten alter Kinderreime unterlaufen Traditionelles, und gelungene Übersetzungen bieten bereits Kindern einen Blick über den deutschen Tellerrand.

■ Mit Oben schwimmt die Sonne davon liegt eine Auswahl der Gedichte von Elisabeth Borchers vor, die bereits in den 1970er Jahren als Verlegerin im Insel Verlag alte Sprüche und Reime für Kinder herausgegeben hat. Die vorliegende Sammlung ihrer eigenen Gedichte folgt den zwölf Monaten, deren typische Erscheinungsformen sie thematisiert. Im Mai „fliegt ein Lied zum anderen“ und im November „rücken die Häuser enger zusammen“. Borchers hält die Waage zwischen poetischen Regeln und eigenwilligen Freiheiten. Die kurzen, schwungvollen Zeilen prägen sich ein, ihre Metaphern sind suggestiv. Ob am Ende des Sommers „die Sonne in Ohnmacht“ fällt oder unter dem weißen Schnee „die Erde zum festlich gedeckten Tisch“ wird, die Bilder fallen, ohne je trivial zu klingen, nicht aus dem Rahmen kindlicher Erfahrung. Mit ihrer positiven Welter- fahrung sind sie bereits für kleine Zuhörer verständlich. Hildegard Müller hat das Buch ansprechend gestaltet. Mit dünnem Strich zeichnet sie Kinder und zarte Landschaften, greift nur diskret in das Schriftbild ein und lässt optisch den Gedichten den Vorrang.

■ In Lyrik-Comics dagegen dominieren die Bilder. Die Herausgeberin Stefanie Schweizer möchte alle Sinne der Kinder für das Besondere des Gedichts weit öffnen. Unter dem Motto „Weißt du das nicht, / dass ein Gedicht so was wie: / eine Taschenlampe ist?“ verspricht diese Anthologie Gedichte, Bilder und Klänge, mit denen die Werke von Ringelnatz bis Jutta Richter zu Gesamtkunstwerken werden. Jedes Gedicht erscheint zunächst im konventionellen Schriftbild und verwandelt sich dann – jeweils von einer anderen Künstlerin illustriert – Zeile für Zeile in eine komplett neue Bildergeschichte. Einfallsreich kommen hier Schrift und Bild zusammen. Neben Cartoon ähnlichen Bilderreihen stehen recht hemmungslose Illustrierungen: Da dient der Text nur als Rahmen zum Bild oder die Schrift läuft schräg oder senkrecht über die Seite, Gedichtzeilen und Bildmotive können wild durchein­andergeraten. Vielfältig wie die Stile sind auch die Techniken. Aquarell, Acryl, Kollage, Bleistift, Tusche und Kreide, alles kommt zum Einsatz und bietet eine Fülle von optischen Überraschungen. Im Internet bietet der Beltz Verlag sogar die Vertonungen einiger Gedichte an.

■ Für Michael Krüger bleibt es ein Rätsel, dass Kinder „komische Gedichte lieben, mit der Sprache Schabernack treiben und am laufenden Meter Unsinnsreime produzieren“, um schließlich humor- und reimlose Erwachsene zu werden. An der Anthologie Jetzt noch ein Gedicht, und dann aus das Licht!, eine bereits in Amerika erschienene Gedichtsammlung, haben viele verschiedene, namhafte Autoren als Übersetzer und Nachdichter gearbeitet. Unter ihnen nicht nur Kinderbuchautoren wie Susan Kreller oder Quint Buchholz, sondern auch Michael Krüger, Daniel Kehlmann und Durs Grünbein. Diese kurzen Gute-NachtReime, „Wegzehrung für Träumer“, sprechen von Dunkelheit und nächtlicher Stille, vor allem von der letzten Umarmung vor der ungewissen Reise in das Land des Schlafes. Der Graphiker und Karikaturist Christoph Niemann hat die Sammlung illustriert. Neben anheimelnd dunkelblauen Seiten, auf denen die Sterne funkeln und der Mond die nächtliche Welt bewacht, setzt er auf Humor. Eine Geige hockt auf vier Grillenbeinen, zwei Jacken umarmen sich zärtlich und ein schlafloses Mädchen läuft unermüdlich im Hamsterrad. So wird das große Buch zu einem poetischen, lustigen und tröstlichen Begleiter, nicht nur für Kinder und nicht nur für den abendlichen Abschied am Bettrand.

■ An Kinder, die bereits verstanden haben, dass Sprache mehr als ein Verständigungsmittel ist, nämlich ein Vexierbild der Wirklichkeit und ein Spielwerkzeug, wendet sich Uwe-Michael Gutzschhahn mit Die Muße der Mäuse. Das perfekte Reimschema und die regelmäßigen Rhythmen spiegeln Ordnung und Regeln vor, und doch verdrehen sie unsere Welt erheblich, schmieden Paradoxe, drehen Sinn in Unsinn. „Hi, rief eine Kuh / vom Strand dem Meere zu. / Muh, sagte der Hai.“ Die Tradition der Lautverdrehungen hat hier ebenso Pate gestanden wie die der Lügengedichte. „Ein Fahrrad mit eckigen Reifen / schwamm eilig im Stand durch die Luft.“ Dem Buch liegt eine CD bei, auf der der Autor seine Gedichte vorspricht. Gutzschhahn, der Workshops mit jungen Schülern durchführt, weiß genau, was Kindern Spaß macht. Er überfordert sie nicht, sondern weist ihnen den Weg und entfacht ihre Lust, sich selbst als Dichter zu erproben.

■ Ernsthafter geht es im Berliner Kindermann Verlag zu. Hier sorgt man seit 25 Jahren erfolgreich für die klassische Bildung junger Leser. In der Reihe Poesie für Kinder hat Sabine Wilharm, die mit ihren Titelbildern zu Harry Potter bekannt geworden ist, Goethes Erlkönig reich illustriert. Ein riesiger Sichelmond hängt tief wie eine Lampe im gespenstischen Wald, der Vater jagt mit seinem verängstigten Kind im Schoß durch finstere, dicht stehende Erlenstämme dem rettenden Hof entgegen. Nebelgebilde und befremdliche Figuren tauchen auf, vermehren und nähern sich; schräge, sich überstürzende Perspektiven, ein schneller Wechsel von Nah- und Fernsicht nehmen Goethes raschen Sprachrhythmus und die sich steigernde Spannung auf. Wirklich unheimlich wirkt der Erlkönig mit seinen Töchtern aber nicht. Ähneln sie doch sehr den Comicfiguren, die man aus zeitgenössischen Trickfilmen kennt: klein, großäugig und grinsend umdrängen sie das durch die Luft wirbelnde Kind. Mit einer Rahmenhandlung mildert Wilharm die Tragik der Ballade zusätzlich ab. Sie erinnert den jungen Leser an das, was er leicht vergisst: Du bist nur in einem Buch, nicht in der Wirklichkeit!

Dr. Barbara von Korff Schmising arbeitet als Rezensentin und Publizistin überwiegend im Bereich Kinder- und Jugendliteratur. Sie ist als Referentin in der Erwachsenenbildung tätig und hat 25 Jahre lang die „Silberne Feder“, den Kinder- und Jugendbuchpreis des Deutschen Ärztinnenbundes als Geschäftsführerin geleitet. bschmising@gmx.de

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