Umwelt | Natur

Hornissen und Feldhasen

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 6/2017

Johann-Christoph Kornmilch: Ein Einblick in das Leben der Europäischen Hornissen. Ruth und Herbert UhlForschungsstelle für Natur- und Umweltschutz, BristolStiftung Zürich (Hrsg.). Bern: Haupt Verlag 2017. Kartoniert, 85 Seiten mit 60 farbigen Abb., 12 Tabellen, ISBN 978-3-258-08014-7. € 36,00

Sieben Hornissen töten ein Pferd, drei einen Menschen; nach anderen „Quellen“ der Volksmeinung gehören doch schon neun Hornissen dazu. Mit dieser Mär haben bereits andere Autoren gründlich aufgeräumt – die Hornisse ist kein unerforschtes Tier. Natürlich ist ein Hornissenstich schmerzhaft und kann für einen Allergiker tödlich sein, er ist aber vergleichbar mit einem Bienen- oder Wespenstich. Im Gegensatz zu letzteren sind Hornissen aber weitaus friedlichere Tiere. Sie weichen dem Menschen aus und steuern auch nicht partout das Limonadenglas auf dem Tisch an. Sie nutzen aber nicht ungern den menschlichen Lebensraum wie Dachböden oder alte Holzschuppen zum Nestbau, ähnelt er doch ihrem ursprünglichen, den halboffenen Laubmischwäldern oder Parklandschaften. Sie findet im menschlichen Siedlungsbereich mit seinem trocken-warmen Klima noch Nistmöglichkeiten, die ihr die fehlenden Totholzbestände der freien Natur mit ihren unterschiedlichen Nisthöhlen nicht mehr bietet. So geht es analog auch anderen Höhlenbrütern. Dabei verschmäht die Hornisse aber auch Vogelnistkästen oder unterirdische Nester nicht.

Hornissenstaaten entwickeln sich in sechs Phasen: Der Schlupf der Geschlechtstiere (Königinnen und Drohnen) erfolgt im Spätsommer/Frühherbst mit nachfolgender Paarung. Die begattete Jungkönigin sucht sich dann im Spätherbst im Boden oder Mulm einen geeigneten trockenen Überwinterungsplatz. Ende April verlässt sie ihr Winterversteck und frisst sich einen Energievorrat an. Ihre Nahrung besteht aus tierischer Beute – z.B. Wespen und Fliegen – und Kohlehydraten, die sie dem Nektar von Blüten (z.B. Mahonien und Berberitzen) oder dem Saft von dünnen Ästen (z.B. von Eiche, Flieder oder Birke) entnehmen; letztere werden dabei angebissen. Dabei jagen Hornissen auch noch bei fast völliger Dunkelheit und sind bis zu 22 Stunden am Tag aktiv! In der Solitärphase baut die Königin alleine ihr (Initial-)Nest in Baumhöhlen, Nistkästen, aber auch im Boden und legt die ersten Eier in die Wabenzellen und umgibt diese mit einer schützenden Hülle. Das Baumaterial ist morsches Holz, das zerkaut und eingespeichelt wird. Nach dem Schlupf der ersten Arbeiterinnen übernehmen diese zunehmend Aufgaben der Nahrungsbeschaffung und des Nestbaus. Die Königin muss immer weniger selber ausfliegen und widmet sich primär der Eiproduktion – der Staat wächst schnell heran. Im Spätsommer werden dann größere Zellen gebaut. In diese legt die Königin befruchtete und unbefruchtete Eier, die zu neuen Königinnen und Drohnen heranwachsen, um in Kürze wieder ausfliegen. Der Zyklus ist geschlossen.

Weltweit sind bisher 23 Hornissenarten festgestellt. Die Europäische Hornisse (Vespa crabro) ist gut durch ihre Größe von 25-35 mm bzw. 18-25 mm (Königinnen/Arbeiterinnen) und ihr rotes Kopf- und Vorderkörperteil zu erkennen, wenn es auch in unseren Breiten einige Nachahmer anderer Arten gibt, die das „Hornissenimage“ zu ihrem Schutz nutzen. In Mitteleuropa gab es bis vor kurzem nur unsere einheimische Hornisse; erst seit wenigen Jahren wurde die etwas kleinere Asiatische Hornisse (Vespa velutina) eingeschleppt, die mittlerweile feste Bestände bildet.

Beide Arten sind in der Lage, bei Platzmangel im alten Nest an anderer Stelle ein neues, ein größeres sogenanntes Filialnest zu bauen – in der Regel im Juli/August, was häufig in oder an menschlichen Behausungen geschieht und zu den größten menschlichen Konflikten mit Hornissen führt. Das durch den Autor an der Universität Greifswald mit Hilfe der Arbeitsgruppe von Gerald Kerth durchgeführte Forschungsprojekt „Filialnestbildung“ wurde im vorliegenden Bändchen beschrieben und mit vielen farbigen Abbildungen, Tabellen und Grafiken dokumentiert. Zum Einsatz kam, für den Laien erstaunlich, eine moderne Markierungsmethodik für Insekten mit Hilfe der RFID-Technik, wie sie mittlerweile auch in Supermärkten zur Auszeichnung von Waren erprobt wird, die letztendlich zum Ziel hatte, mehr zu den Faktoren der sogenannten „Gruppenentscheidung“ einer Kolonie über den Umzug und die Wahl eines neuen Nestes zu erfahren. Ist dies bei Bienen z.B. bereits gut erforscht, so ist die Art und Weise, wie diese in Tiergesellschaften im Allgemeinen getroffen wird, nach wie vor ein wichtiges Forschungsgebiet in der Verhaltensbiologie. Durch den Einsatz moderner Transponder (RFID-tags) in Verbindung mit selbst gebauten Kombi-Nistkästen hat der Autor über mehrere Jahre hinweg Daten über die Lebensdauer, das Ausflugsverhalten und die Aktivitäten der Hornissen gesammelt. Dazu wurden mehreren Hundert Tieren reiskorngroße „Sender“ auf den Rücken geklebt, die beim Ein- und Ausfliegen in einen speziell gefertigten Nistkasten, in den die Tiere zuvor verpflanzt wurden, ein Signal an einen mit Antennen ausgerüsteten Sender abgaben. Diese wurden dann über entsprechende Programme ausgewertet. Die vorher an Forschungsprojekten mit Fledermäusen ausgetestete Methode wurde dazu verfeinert und für die wesentlich kleineren Insekten angepasst; neben dem Umgang mit den Tieren, deren Verpflanzen und dem Anbringen der Transponder eine bemerkenswerte Leistung. Etwas für einen Spezialisten also, was dem Autor als Wildbienenspezialist und Hornissen- und Wespenberater bzw. -umsiedler aber wohl auf die Haut geschrieben war, wie dem Büchlein zu entnehmen ist. Untersucht wurden mit dieser Methode das Ausflugsverhalten von Königinnen in der solitären Phase oder Adoption bzw. Usurpation, also die friedliche und feindliche Übernahme von anderen Nestern in dieser Zeit. Dabei ist die feindliche Übernahme offenbar keine Seltenheit und zählt eher zur normalen Staatsbildungsstrategie auch anderer Wespenarten. Interessante Einblicke liefern die Daten auch zur Altersstruktur der Arbeiterinnen. Leben die Königinnen in der Regel ca. 1 Jahr, Drohnen nur wenige Tage bis Wochen, so gingen andere Autoren davon aus, dass Arbeiterinnen nur etwa 3-4 Wochen leben. Obwohl die Untersuchungen mit einer durchschnittlichen Lebensdauer von 20,5 Tagen – mit allen methodischen Einschränkungen, die der Rezensent hier machen würde – dies im Wesentlichen bestätigte, konnten aber maximale Lebesspannen von bis zu 9 Wochen ermittelt werden. Interessant in diesem Zusammenhang: Auch Faltenwespen, zu denen die Hornissen gehören, verlassen nach diesen Untersuchungen zum Sterben möglicherweise aktiv das Nest, wie es bereits bei Ameisen nachgewiesen wurde. Untersuchungen zur Arbeitsteilung im Staat erbrachten dagegen keine neuen Erkenntnisse: Alle anfallenden Arbeiten werden von allen Arbeiterinnen, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität durchgeführt. Zum eigentlichen Gegenstand des Forschungsprojektes der Filialnestbildung konnte der Autor, enttäuschend für den Rezensenten, dann nur einen kleinen Beitrag liefern, der den bisherigen Beobachtungen von z.B. Rippberger und Hutter (1992) nur einige quantifizierte Daten an die Seite stellte und die Untersuchungen an Bienen von Seeley et al. (2004–2010) zu den Kundschafterinnen zur Suche dieses neuen Standortes an vielen Stellen auch für Hornissen bestätigte. Demnach ist die Filialnestbildung nach ca. 35 Tagen abgeschlossen und das alte Nest wird noch bis zum Schlupf der letzten Arbeiterinnen ca. 4 Wochen lang betreut.

Eine kurze und nicht abschließende Hinwendung zur genetischen Populationsstruktur der Hornisse durch den Arbeitsgruppenleiter Prof. Kerth außerhalb des eigentlichen Themas legt nahe, dass es kaum genetische Unterschiede der in Deutschland heimischen Hornissen gibt, die Umsiedlungen entgegenstehen würden. Abgeschlossen wird das schmale Bändchen mit einem Kapitel über Hornissenkästen und deren Besiedlung, wichtig für amtliche Naturschützer und NGOs, und dem nicht so umfangreichen Literaturverzeichnis, das auch Hinweise auf Wespen und Bienen enthält.Damit bringt das Bändchen keine großartigen neuen Erkenntnisse zu unserem größten und gefährdeten Wespenvertreter in Deutschland, zeitigt aber einige für den Naturschutz und die weitergehende Forschung wichtige Ergebnisse und Techniken für Praktiker und Forschende auf diesem Gebiet.

 

Darius Weber: Feldhasen fördern funktioniert! Schlussfolgerungen aus dem Projekt HOPP HASE in der Nordwestschweiz. Ruth und Herbert Uhl-Forschungs stelle für Natur- und Umweltschutz, Bristol-Stiftung Zürich (Hrsg.). Bristol-Schriftenreihe 53. Haupt Verlag, Bern 2017. 124 Seiten, 98 Abb., 3 Tab., ISBN 978-3-258-08030-7. € 36,00

Der etwas sperrige Titel impliziert mit seinem Ausrufezeichen, dass es gelingen kann, den in Europa heimischen Feldhasen (Lepus europaeus) – oft verwechselt mit dem kurzohrigen Kaninchen, wie man auch beim Googeln feststellen kann – zu fördern.

Ein Allerweltstier fördern, wozu denn das? Ein Buch für Jäger also, um deren Jagdbeute bei der Herbststrecke zu optimieren? Mitnichten! Wie die Insekten und in deren Gefolge die Vögel, so gehört der Feldhase mittlerweile zu derjenigen Spezies, die von einem eklatanten Rückgang gekennzeichnet ist, wie vor ihm das im gleichen Biotop beheimatete Rebhuhn, das bereits die zweifelhafte Ehre hat, auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere in der höchsten Gefährdungsklasse zu erscheinen. Ganz so weit ist es glücklicherweise beim Hasen noch nicht, wenn auch mancherorts Feldhasen von der Jägerschaft mangels Masse und aus Naturschutzgründen nicht mehr geschossen werden und Naturbeobachtungen in offener Feldflur kaum noch möglich sind. Schuld sind hier nicht die Jäger, die ein Interesse daran haben, das schnelle, Haken schlagende Niederwild zu erhalten. Schuld daran ist unsere durch den Menschen geformte industrielle Agrarlandschaft, in der Insekten und Vögel genauso wenig ihr Auskommen finden wie das zusätzlich durch schnelle Mähmaschinen, eine hohe Straßendichte und freilaufende Hunde geplagte Langohr. Der ehemalig aus den Steppen Asiens während der Jungsteinzeit zu uns eingewanderte „Meister Lampe“ fand im Rahmen der Landrodungen und der vorindustriellen Dreifelderwirtschaft in Mitteleuropa einen idealen Standort, den er auch über Jahrtausende behaupten konnte. Erst als sich das kleinflächige Mosaik landwirtschaftlicher Kulturen zugunsten großflächiger Monokulturen aufzulösen begann, wurde auch ihm das Leben schwer gemacht. Wo soll er in einem vor der Aussaat mit dem Herbizid Roundup gespritzten 10 ha großen Mais- oder Rapsfeld (zur Herstellung von „Bio“-Gas bzw. –Diesel!) noch sein Auskommen finden? Wo kann sich das wehrlose Jungtier noch effektiv im dichten Kraut- und Staudenwuchs vor den Wetterunbillen des Frühjahrs schützen und vor Fraßfeinden verstecken, wenn es kaum noch Ackerrandstreifen oder breite, grüne Feldwege ohne Spritzmittel und Düngung inmitten der Monokulturen ohne „Unkräuter“ mehr gibt? Und auch die intensive Maad und Düngung unserer Weiden trägt nicht gerade zu seinem Fortkommen bei.

Ausgehend von dieser Zustandsbeschreibung unserer Agrarlandschaft hat Darius Weber als Wildtierbiologe, der am evidenzbasierten Naturschutz festhält (aber nicht glaubt, mit historischen Landnutzungsformen die Naturschutzproblematik der Zukunft lösen zu können), mit vielen Mitstreitern die Ergebnisse des Forschungsprojektes HOPP HASE zur Förderung der Hasenpopulation in der Nordwestschweiz (Raum Basel) in dem hier zu besprechenden Buch festgehalten. Mit wenigen Ausnahmen spezifischer Schweizer Fördermaßnahmen sind die Ergebnisse für ähnliche hochgenutzte Agrarlandschaften auf das gesamte Gebiet Mitteleuropas übertragbar und könnten als Modellprojekt für den Hasenschutz von Landwirten, Jägern, Behörden und Naturschützern herhalten, insbesondere, da auch alle anderen Spezies mit ähnlichen Bedürfnissen an ihre Umwelt – wie Feldlerche, Schwarzkehlchen oder Rebhuhn – von den getesteten Maßnahmen profitierten. Der Feldhase kann damit als Leitart herhalten: was ihm guttut, bewährt sich auch für andere Tierarten, wie die Anlage größerer Brachen als Nahrungsangebot, das Einsähen von Ackerwildkräutern zwischen dünn gesätes Getreide oder das Management der Maad und Extensivierung des Grünlandes. Alle diese Maßnahmen benötigen aber ein Minimum an hochwertiger Ausgleichsfläche, das nach bisherigem Forschungsstand, den auch andere Projekte bestätigen, nicht unter 5% der Gesamtfläche liegen sollte – Flächengrößen, die heute quasi bei keinem Modellprojekt erreicht werden, die sich in der Regel mit 2% begnügen müssen. Als klares Ergebnis der Studie kristallisiert sich in der Schweiz heraus, dass Hasenschutz vor allem Schutz der Junghasen bedeutet, die durch nasskaltes Wetter, Landmaschinen und Fressfeinde sterben. Das erwachsene Tier dagegen hat durch seine Schnelligkeit, Ausdauer und das Schlagen von Haken kaum wirkliche Feinde, die ihm gefährlich werden könnten. Demnach ist die Bekämpfung von Prädatoren wie Fuchs oder Krähen in Maßen angesagt, da die Jungtiere für diese leichte Beute werden, was übrigens auch für freilaufende Hunde gilt, deren negativer Einfluss auf die Population sich aber nicht eindeutig heraus kristallisierte, wie Zäunungsversuche zeigten. Auch die Wetterabhängigkeit adulter Tiere ist unkritisch, während schlechtes Wetter während der Setz- und Säugezeit die Junghasen erheblich beeinträchtigt, was im Normalfall durch die große Fruchtbarkeit der Art aber ausgeglichen werden kann. Ob die Einschränkung der Jagd über das freiwillige Engagement der Jäger hinaus zu positiven Ergebnissen führt, bleibt ebenfalls umstritten, wie Vergleichsstudien in anderen Ländern nahelegen. Das Projekt HOPP HASE wurde initiiert durch einen Jagd- und zwei Naturschutzverbände in der Region Basel-Land; es war auf zehn Jahre angelegt und begann 2007. Es wollte in drei je 10 km² großen Testgebieten zeigen, dass eine Förderung des Feldhasenbestandes in agrarisch intensiv genutzten Regionen gelingen kann. Der Haupt-Verlag veröffentlicht dankenswerterweise die Ergebnisse in seiner Natur-Reihe als Band 53 der Bristol-Schriftenreihe. Demnach ist zur Förderung der Biodiversität in der Agrarlandschaft eine intensive Zusammenarbeit zwischen den Landwirten – bei denen die Hauptverantwortung liegt – und den Behörden notwendig, um durch gesetzliche Rahmenbedingungen gekoppelt mit Anreiz- und Subventionssystemen die Hasenpopulation zu schützen und im Idealfall zu fördern und das Ökosystem zu stärken. Die Zusammenarbeit mit allen anderen Akteuren vor Ort, wie der Jägerschaft, dem Naturschutz und den Gemeinden ist wichtig und notwendig. Die Verantwortlichen in diesen Gremien sollten dieses interessante Buch lesen. (cs)

Dr. K. P. Christian Spath (cs) ist Physiker und Ingenieur und war vor seiner Pensionierung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz beschäftigt. Seit rund 40 Jahren beschäftigt er sich in seiner Freizeit mit dem Naturschutz und ist im Vorstand eines Naturschutzverbandes aktiv.

spath@uni-mainz.de

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