Evolution

Homo urbanus

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 4/2017

Elisabeth Oberzaucher: Homo urbanus. Ein evolutionsbiologischer Blick in die Zukunft der Städte. Springer Berlin/Heidelberg 2016, XI + 259 Seiten, 2 s/w- und 27 Abbildungen in Farbe, Softcover, ISBN 978-3-662-53837-1. € 16,99

Vor knapp 10 Jahren verkündete Anna Kajumulo Tibaijuka, von 2002–2010 Executive Director of the United Nations Human Settlements Programme, ein einschneidendes Ereignis der Menschheitsgeschichte: „2007 was the year in which Homo sapiens became Homo urbanus“ (vgl. Pictures of the Future. Siemens 2010). Was war geschehen? Erstmals lag der Verstädterungsgrad, d.h. der Anteil der Stadt- an der Gesamtbevölkerung der Erde, über 50%. Um die Bedeutung dieses ‚Meilensteins‘ zu verstehen, sei daran erinnert, dass um 1800 nur etwa 3% der Weltbevölkerung in Städten lebte, 1975 war es ein Drittel. Rund 10.000 Jahre nach der Entstehung der ersten Städte in Vorderasien werden Mitte dieses Jahrhunderts 70% aller Menschen urban leben, zahlreiche davon in Megastädten mit weit über 10 Millionen Einwohnern. Aufgrund dieser beunruhigenden Prognosen der UN wurde Urbanität zum Schlüsselbegriff unserer Zeit und Homo urbanus zum zentralen Thema von Politik, Wissenschaft und Medien.

In der Flut von Veröffentlichungen zum Thema Urbanisation und Urbanität (s. u.) verspricht der vorliegende Band der österreichischen Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher einen evolutionbiologischen Blick in die Zukunft der Städte. Er knüpft damit an Fragestellungen des Ludwig-BoltzmannInstituts für Stadtethologie an, das von 1991–2008 von dem Verhaltensforscher und Evolutionsbiologen Karl Grammer geleitet wurde. Die Autorin, die bei Grammer mit einer Studie zur Phytophilie, d.h. positiven Auswirkungen von Pflanzen auf kognitive Vorgänge, diplomierte und über die Rolle von Ähnlichkeit bei der Wahl von Freunden promoviert wurde, ist langjährig Lehrbeauftragte und leitet den Urban Human e.V., ein privates Forschungsinstitut. Ihr Leitmotiv für die Stadt der Zukunft lautet, „humane Lebensbedingungen ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit zu rücken“ (s. Epilog S. 229). In dreißig recht kurzen, nur seriell angeordneten und formal nicht tiefer strukturierten Kapiteln sucht Oberzaucher nach „…Lösungen, um eine Welt zu gestalten, die idealerweise unseren humanistischen und ethischen Ansprüchen genügen“ (S. 13). Sie geht dazu weit in unsere Stammesgeschichte zurück, lotet die „Umgebung der evolutionären Angepasstheit“ (S. 24), d.h. die evolutionsökologischen Rahmenbedingungen unserer spezifischen physischen und psychischen Adaptionen (z.B. Bipedie, Ernährung, Kommunikations- und Werkzeugverhalten) aus. Die Autorin sieht in der „Kombination von evolvierten Präferenzen mit erlernten Vorlieben […] eine wesentliche Komponente des Erfolgsmodells Homo“ (S.44), betont die besondere Rolle des Savannenhabitats und fragt, wie sich unser evolutionäres Erbe auf das urbane Leben auswirkt.

Die paläoanthropologischen Ausführungen rekapitulieren – didaktisch mager aufbereitet – vorwiegend sediertes Wissen der neunziger Jahre. Da hat die evolutionäre Anthropologie weitaus mehr zu bieten; mein Favorit: Clive Gamble, John Gowlett und Robin Dunbar (2016): Evolution, Denken, Kultur. Springer (s. Rezension W.H. in FBJ 3/2016; 62-63). Im Weiteren geht es um „Gute Aussichten“, um die Prospect-Refuge-Theorie, nach der wir eine Präferenz für offene Landschaften haben. Offenbar spielt auch der Faktor ‚Escape‘ (Fluchtmöglichkeit) eine Rolle. Weitere Abschnitte behandeln Aspekte der Evolutionären Ästhetik und die Funktion von Emotionen sowie das bereits von Erich Fromm (1900–1980) angestoßene Thema Biophilie. Der Titel „Pflanzen als Denkturbo“ (S. 75), den Oberzaucher dem Exkurs zu ihrer Diplomarbeit von 1999 und jüngeren Studien gibt, steht in Widerspruch zur mageren Aussagekraft der empirischen Befunde. Aquaphilie , d.h. die ökologische Validität von Wasser, sowie Muster und Formen, die Gefahr signalisieren, Gesichter und Fehlmanagement, Komplexität des Gruppenlebens und die soziale Herausforderung in anonymen Massengesellschaften sind weitere, ebenfalls etwas angestaubte Forschungsinhalte, was auch für Territorialität und die Reduzierung von Konfliktpotenzial im urbanen Habitat zutrifft.

Erst im letzten Drittel geht’s um die Zukunft der Städte und wie sie beschaffen sein sollten, damit sich Menschen darin wohlfühlen. Es werden Lösungsvorschläge (Markierungen, Territorialmarker, Guerilla Gardening) zum „nachbarschaftlichen Funktionieren“ vorgestellt. Otto Normalverbraucher kennt vieles davon aus seinem Erfahrungswissen (sensu Fritz Böhle) und dürfte die meisten Befunde als trivial erachten. Auch die Diskussion der Themen „Tragik der Allmende“‘, „Broken-Windows-Effekte“‘ sowie „Stadtleben bringt Stress“ erscheint mir angesichts der prognostizierten Akzeleration urbaner Probleme als defizitär und zu harmlos, ebenso wie das Schlusskapitel über Smart Citys, das zu einem zahnlosen Pflichtplädoyer für den Einsatz fortschrittlicher Technologien zur Steigerung der Lebensqualität gerät. Ein scharfer Blick in den gegenwärtigen Alltag von Megastädten wäre hilfreich. Der „Wiener Gemeindebau“ wird – mit Recht – als vorzügliches Vorbild für eine der menschlichen Natur adäquate Lebensqualität im urbanen Raum vorgestellt. Zu den exemplarischen stadtplanerischen und architektonischen Erfolgsgeschichten (Gartenstadt Zlín; Rotterdam-Spangen; Fallingwater u. Talisin; Eisenbahnerstadt Pˇrívoz) hätte doch, wenn es um eine ‚grüne‘ urbane Zukunft geht, das visionäre Projekt Bosco Verticale von Stefano Boeri (Mailand) ideal gepasst. Aber mal ehrlich, wer das über drei Jahrzehnte alte „Handbuch Stadtgrün – Landschaftsarchitektur im städtischen Freiraum“ (hrsg. von Gerhard Richter, BLV München1981) kennt oder das aktuelle „Weißbuch Stadtgrün. Grün in der Stadt – Für eine lebenswerte Zukunft“ (BUMB 2017), dürfte sich als Stadtplaner, Architekt, Soziologe und selbst als interessierter Laie von den Inhalten des Sachbuchs unterfordert fühlen.

Die Verfasserin äußert im Vorspann, dass ihr jeder einzelne Einwand kostbar sei. Deshalb hier der Rat, die Kompetenz anderer wissenschaftlicher Disziplinen nicht zu unterschätzen. Dazu ein Link zu „Urbanität leben“; so lautet der Titel einer beeindruckenden Buchkollektion der Frankfurter Buchmesse 2013 in der 89 Titel zum „Wandel der urbanen Lebenswelt“ sowie zur „Stadt als Aktionsraum“ vorgestellt werden (AuM, Frankfurt 2013; www.buchmesse.de/pdf/urbanitaet1304.pdf). Schließlich noch Bemerkungen zur Form: Das Fehlen von Quellenangaben im Fließtext ist zwar misslich, aber vielleicht in einem populärwissenschaftlichen Buch hinnehmbar; warum dann aber im Anhang „Literatur“ vier und unter „Weiterführende Literatur“ über 180 Titel angegeben werden, muss mir das Springer-Lektorat bitte erklären.

Dass die Co-Autoren Kathrin Masuch, Marlene Mann, Bernhard Tischler, Pia Stephan, Gregor Radlinger und der hochgerühmte Architekt des Wiener Wohnparks Alterlaa, Harry Glück (verst. am 13.12.2016), die alle eigenständige Exkurse beigetragen haben, im Inhaltsverzeichnis nicht aufgeführt sind und ihnen nicht einmal in einer Fußnote gedankt wird, ist schlichtweg schlechter wissenschaftlicher Stil. Fazit: „Die Linien der Humanität und Urbanität fallen nicht zusammen“, schrieb der Physiker und ‚Sudler‘ G. V. Lichtenberg (1742–1799) vor über 200 Jahren (Sudelbücher 1796– 99), also lange vor Darwin. Evolutionsbiologisch ist es eine der großen Herausforderungen, die beiden ‚Linien‘ zusammenzuführen. Elisabeth Oberzauchers Intention, mit ‚Homo urbanus‘ ein wissenschaftliches, also durch empirische Prüfungen bewährtes Menschenbild zu entwerfen, ist grundsätzlich zu begrüßen. Leider kommen die stadtethologischen Forschungsbeiträge insgesamt zu kurz, sind überwiegend gestrig und vermögen aufgrund ihrer an der Signifikanzgrenze liegenden Validität kaum zu überzeugen. Darüber hinaus wirkt die Darstellung stadtplanerischer Fallbeispiele fad und uninspiriert. – Gesamturteil: kein großer Wurf, sondern ein arg bemühtes Sachbuch. (wh)

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

henkew@uni-mainz.de

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