Theologie | Religion

Gläubige Christen als mündige Menschen radikal ernst nehmen

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 2/2017

Der christliche Glaube und die verfassten Kirchen haben bei vielen Menschen ihre Glaubwürdigkeit verloren. Frau Prof. Dr. Dr. Doris Nauer will frischen Wind in das Gebäude des christlichen Glaubens bringen. Sie greift aktuelle Forschungsergebnisse auf und bricht mit manchen liebgewordenen Vorstellungen der kirchlichen Tradition. Sie ist überzeugt, dass auch im 21. Jahrhundert aufgeklärte, naturwissenschaftlich gebildete Zeitgenossen auf ihre Art religiöse Erfahrungen machen können. Für diese Menschen schreibt sie: Kirchennahe und kirchenferne Christen werden angeregt, ihren Glauben zu überdenken und zu vertiefen. Nicht-Christen erfahren mehr über das Christentum.

Besonders wichtig ist der Autorin der Blick auf christlich getragene Einrichtungen wie Krankenhäuser, Altenheime, Hospize, Schulen und Kindergärten. In diesem Bereich prägen Caritas und Diakonie als „christliche“ Institutionen das öffentliche Bild von Kirche, sie sind aber auch große Arbeitgeber mit hunderttausenden Beschäftigten. Diese können sich bei der Lektüre vergewissern, welches Verständnis von Gott hinter kirchlichen Einrichtungen im sozialen Sektor steckt und erfahren, wie sich christlicher Glaube auch in der alltäglichen Arbeit von Pflegern, Sozialarbeiterinnen und Erziehern zeigen kann. Mit Doris Nauer sprachen wir über ihr neues Buch „Gott – woran glauben Christen?“, das in Kürze bei Kohlhammer erscheinen wird. (ab)

Es gibt zahlreiche Bücher, die den christlichen Glauben erklären, von betont leichter Kost wie „Evangelisch für Dummies“ und „Katholizismus für Dummies“ bis hin zu komplexen theologischen Grundlagenwerken wie z. B.

Josef Ratzingers „Einführung ins Christentum“ oder Karl Rahners „Grundkurs des Glaubens“. Was ist das Besondere an Ihrem Buch?

Vier Besonderheiten unterscheiden mein Buch von anderen theologischen Werken: Erstens wird unter Einbeziehung aktueller Forschungsergebnisse der Versuch unternommen, oftmals unverständlich und unglaubwürdig erscheinende Inhalte des christlichen Glaubens so darzustellen, dass deutlich wird, wie glaub-würdig und alltagspraktisch relevant der christliche Glaube an Gott für Menschen im 21. Jahrhundert sein kann. Zweitens wird trotz aller konfessionellen Unterschiede in meinem Buch nicht ein spezifisch katholisches, evangelisches, anglikanisches oder orthodoxes Verständnis von Gott dargelegt. Nicht das Trennende, sondern das Verbindende, sprich das typisch Christliche soll deutlich werden. Drittens werden oftmals kompliziert formulierte theologische Inhalte in eine allgemeinverständliche Sprache übersetzt, weshalb die Lektüre keine theologischen Vorkenntnisse voraussetzt. Und – viertens: Das Buch ist kein klassisches Lehr-Buch. Es zielt nicht darauf ab, zu belehren. Es bietet kontrovers diskutierbare Inhalte und fordert dazu heraus, eigene Positionen zu überdenken. Mir als Autorin ist am wichtigsten, dass die Lektüre Spaß macht, selbst dann, wenn man die dargelegten Sichtweisen nicht teilt.

Für wen ist Ihr Buch besonders interessant? Für wen ist es hauptsächlich geschrieben?

Dieses Buch hat zwar auch Theologinnen und Theologen im Blick. Besonders interessant jedoch ist es für folgende Zielgruppen: Führungskräfte und Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen verbandlicher Caritas und Diakonie, die sich darüber informieren wollen, was sich hinter dem Label „christlich“ verbirgt. Neugierig gebliebene kirchennahe und kirchendistanzierte Christen, die ihren Glauben updaten wollen. Nicht-Christen, die sich angesichts religiös-spiritueller Pluralität über den christlichen Glauben an Gott informieren möchten.

An vielen Stellen Ihres Buches erfährt man, dass christliche Bibelwissenschaftler heute weitaus modernere Positionen vertreten als man denken würde. Wir erfahren nicht nur, dass biblische Geschichten nicht immer wortwörtlich zu verstehen sind, sondern auch, dass manche Gottesbilder, auf die man in der Bibel stößt, kritisch zu hinterfragen sind. Wie kommt es, dass davon so wenig bekannt ist?

Meines Erachtens hat dies mehrere Gründe: Zum einen publizieren Bibelwissenschaftler aller christlichen Konfessionen zumeist für ein Fachpublikum. Nur wenige, wie z.B. Professor Joachim Kügler, schreiben zusätzlich allgemeinverständlich für ein breites Publikum. Zum anderen ist einzugestehen, dass bibelwissenschaftliche Erkenntnisse oftmals nicht oder nur mit großer zeitlicher Verzögerung von Theologen anderer Fachrichtungen, wie Dogmatikern, aufgegriffen und weiterverarbeitet werden.

Weshalb ausgebildete Theologen, zum Beispiel Priester ihren Gemeindemitgliedern etwa in Predigten moderne theologische Erkenntnisse oftmals nicht weitererzählen, hat sicherlich unterschiedliche Gründe. Ich plädiere dafür, gläubige Christen als mündige Menschen radikal ernst zu nehmen und ihnen nichts an theologischem Wissen vorzuenthalten. Die Annahme, dass Gläubige durch neue Forschungsergebnisse verunsichert werden, kann ich nicht teilen. Heilsame Verunsicherungen führen meiner Erfahrung nach eher zu persönlichen Glaubensvertiefungen als zum oftmals befürchteten Glaubensverlust. ¢

 

Prof. Dr. theol. Dr. med. Doris Nauer lehrt Diakonische Theologie und Pastoraltheologie an der PhilosophischTheologischen Hochschule Vallendar (PTHV). Sie unterrichtet angehende TheologInnen und PflegewissenschaftlerInnen. Zusätzlich engagiert sie sich in Fort- und Weiterbildungskursen der verbandlichen Caritas und Diakonie. // Foto: © PTHV

 

 

Walter Kardinal Kasper im Gespräch mit Raffaele Luise: Das Feuer des Evangeliums. Mein Weg mit Papst Franziskus. Aus dem Italienischen übersetzt von Gabriele Stein. Ostfildern: Verlagsgruppe Patmos, 17. Oktober 2016. 229 Seiten. Hardcover. ISBN 978-3-8436-0771-1. € 19,99

Walter Kasper, geboren 1933, Doktor der Theologie, Professor für Systematik, 1989–1999 Bischof der Diözese RottenburgStuttgart, 2001 zum Kardinal erhoben, war 2001–2010 Präsident des päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen und der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum sowie Mitglied der Kongregationen für die Orientalischen Kirchen und für die Glaubenslehre. Letztere ist die Nachfolgeeinrichtung der Inquisition. Dass die Glaubenskongregation mit ihrem Ketzerverbrennungs-Hintergrund Furcht einflößt, kommt in den Gesprächen des Vatikan-kundigen Journalisten Raffaele Luise, Jahrgang 1949, mit dem Kardinal einmal ausdrücklich vor. Der italienische Bischof Antonio Bello (1935–1993, seit 2007 zur Seligsprechung vorgesehen) reichte auch Lutheranern und anderen Protestanten die Kommunion.

„Ich erinnere mich“, sagt der Journalist, „dass ich eines Abends in Santa Maria degli Angeli in Assisi zu ihm gesagt habe: ‚Aber Don Tonino, du tust das in der Öffentlichkeit und auch noch in Anwesenheit eines Journalisten! Danke Gott, dass nur ich hier [und deiner Meinung] bin … Aber wenn Rom das erführe…‘.“ Eucharistie zusammen mit Angehörigen von Konfessionen außerhalb der römischen Kirche! Unmöglich. So viel Einheit besteht unter Christen doch (noch) nicht. Besser erspart man dem Vatikan die Kenntnis. Der Kardinal bemerkt: „Unter vielen Bischöfen geht in den Fragen der Ökumene eine gewisse Furcht um, aber wenn sie sehen, dass der Papst sie ermutigt, dann haben sie keine Angst mehr vor der Kongrega tion für die Glaubenslehre.“ Der Journalist hakt nach: „Angst?“ Antwort: „Ja, es herrscht eine gewisse Angst, denn wer einen Schritt in eine neue Richtung tut, bekommt sofort ein Mahnschreiben von der Kongregation.“ (203-206)

Die im Buch dokumentierten Gespräche fanden von Ende Oktober 2014 bis in den Juni 2015 statt. Sie beziehen sich auf aktuelle Ereignisse im Umkreis dieser Monate. Papst Franziskus empfahl in der ersten Angelus-Ansprache nach seiner Wahl im März 2013 Walter Kaspers Buch Barmherzigkeit – Grundbegriff des Evangeliums, Schlüssel christlichen Lebens zur Lektüre. Kardinal Kasper erlebte die Ansprache am Fernseher mit gemischten Gefühlen. Vor aller Welt von einem Papst beim Namen genannt zu werden genierte ihn ein bisschen. Andererseits freute ihn die Aufnahme des Buches durch den Papst. Dann kann es „nicht so häretisch sein, wie einige behauptet haben“. Es war alsbald vergriffen (69). 2015 kam es in fünfter Auflage in Freiburg im Breisgau wieder heraus. Mit dem Thema von Kaspers Buch knüpfte Papst Franziskus an das Zweite Vatikanische Konzil an. Bei dessen Eröffnung am 11. Oktober 1962 hatte Papst Johannes XXIII. angeregt, die Kirche solle in der Welt von heute nicht, wie früher oft, „die Waffen der Strenge, sondern das Heilmittel der Barmherzigkeit“ anbieten (15f). Die Verkündigung des Evangeliums macht Mut – ‚befeuert‘ –, Gott den Erbarmer zu glauben, auf ihn zu hoffen, in seiner Liebe liebend und mit Freude zu leben.

Papst Franziskus kündigte am zweiten Jahrestag seiner Wahl, im März 2015, das Heilige Jahr der Barmherzigkeit an. Es begann am 8. Dezember, dem Datum der Abschluss-Sitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils 1965 (20-26). Am 20. November 2016 endete es mit dem letzten Sonntag im Kirchenjahr. Diesem Heiligen Jahr – einer Festzeit des sensus fidelium, des Glaubenssinns der Gläubigen, der Volksfrömmigkeit – ging der synodale Prozess zur Erneuerung der Familienpastoral 2014/2015 voraus (8, 27f, 36ff). Auf Wunsch des Papstes trug Kardinal Kasper dem Konsistorium im Februar 2014 den Entwurf einer neuen, weniger strengen als vielmehr barmherzigen Umgangsweise mit Ehe- und Familienproblemen vor, der von Rigoristen umgehend als „Kasper-Theorem“ abgekanzelt wurde. Im Oktober 2014 begann die Außerordentliche Synode. In einer Predigt am 13. Oktober erinnerte der Papst die Synodalen, dass wir es mit dem „Gott der Überraschungen“ zu tun haben. Die zusammengekommenen Bischöfe und Kardinäle debattierten zunächst freimütig. Franziskus, statt päpstlich-lehramtlich einzugreifen, hörte zu. Am Ende der ersten Woche schlug die Stimmung um. Würde überraschend Neues die geltende Lehre demontieren? Das Sakrament der kirchlichen Trauung eines Paares macht die Ehe unauflöslich. Lässt eine gescheiterte Ehe sich dennoch lösen? Was muss Geschiedenen bei einer neuen Heirat verwehrt, was darf ihnen gewährt werden? Wie steht die Kirche zu Empfängnisverhütung, wie zu Homosexuellen? Kardinal Kasper bekennt: „Ich habe keine fertige Antwort.“ Er glaube aber, dass der Papst die Entscheidungsgewalt in konkreten Fragen an eine Synode abgeben kann. „Diese Tür steht bereits offen, auch wenn noch nie jemand hindurchgegangen ist.“ (52, 55)

Das italienische Buchmanuskript war im Juli 2015 fertig redigiert. Erst danach, mit der Ordentlichen Synode 14.–25. Oktober 2015, kam der familiensynodale Prozess zum Abschluss. Dazu äußerte sich Kardinal Kasper für die deutschsprachige Fassung. Papst Franziskus fasst im nachsynodalen Apostolischen Schreiben Amoris laetitia die Schlussvoten zusammen und ermutigt, mit den „guten Schöpfungsgaben“ Sexualität und Erotik frei verantwortlich umzugehen. Die deutsche Sprachgruppe der Synode hatte die „personalistische Auffassung der Ehe“ in der Lehre des großen Dominikaners Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert diskutiert; diese Rückbesinnung aktualisierte der Papst. Also ist die „nur scheinbar neue Sicht im Grunde die alte Tradition“. Franziskus überlässt es den Bischöfen und Bischofskonferenzen, „auf der gemeinsamen Grundlage der biblischen und christlichen Tradition in ihrer jeweiligen kulturellen und pastoralen Situation angemessene Lösungen zu finden“. (149-153) Die bei den Orthodoxen tradierte „synodale Dynamik, die Franziskus so am Herzen liegt“, mildert jetzt ab, sagt Kardinal Kasper, dass sie bei uns Katholiken vernachlässigt wurde, als „wir es im Lauf des zweiten Jahrtausends mit der römischen Zentralisierung übertrieben“ (180f).

Franziskus geht auf Menschen zu, die nicht Glaubensgenossen in seiner Kirche sind. Im Juni 2014 bereiste er das Heilige Land in Begleitung eines jüdischen und eines muslimischen Würdenträgers. Am 28. Juli 2014 besuchte er die Pfingstgemeinde in Caserta. Im November 2014 in der Türkei verneigte er sich vor dem ostkirchlichen Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios. Am 22. Januar war er in der Waldenserkirche in Turin und bat – achthundert Jahre nach der Verfolgung der Waldenser von römischer Seite – um Vergebung. Auf Einladung des Lutherischen Weltbunds nahm er am 31. Oktober 2016 in Lund in Schweden teil am Auftakt-Gottesdienst des Fünfhundertjahr-Gedenkens der Reformation. (195f, 183f, 199) Ein Name, den ich bislang in keinem Buch zu Papst Franziskus gefunden hatte, ließ mich aufhorchen: Panikkar. Der Journalist erwähnt, dass Bergoglio den spanisch-indischen Panikkar in Spanien kennenlernte und ihm aus dessen Denken einleuchtete: Man muss den anderen sehen, wie er sich selbst weiß, und nicht so, wie er zu sein scheint oder mir gefallen würde. Es tut gut, in anderem als der eigenen Kultur, Religiosität oder Weltlichkeit Wahrheit wahrzunehmen. Die Bibliografie (227f) enthält ein 2011 erschienenes Buch Raffaele Luises von 2011: Raimon Panikkar. Il profeta del dopodomani. Prophet des Übermorgen, des Dialogs der Religionen.

Panikkar hat auch den protestantischen Systematiker und Ethiker Heinz Eduard Tödt angesprochen, dessen Witwe ich bin. Über ein halbes Jahrhundert hinweg habe ich in Erinnerung, wie Panikkar unsere Wohnung in Heidelberg betrat: strahlend selbstgewiss, stürmisch liebenswürdig. Ein Mensch, für den man hoffen mag, dass seine Vorausschau einander bereichernder ungleicher Wahrnehmungen sich bewahrheite. (75, 79, 114, 163f, 168, 210, 212)

Ein Personen- und Sachregister wäre möglich und leserfreundlich gewesen, denn die Gespräche zwischen dem Journalisten und dem Kardinal kommen öfter auf dieselben Themen und Menschen zurück. Das Lesebändchen und der große Druck scheinen dem Leser zu bedeuten, er möge das Buch andächtig lesen. Es überrascht durchaus mit Nachdenkenswertem, wie Kaspers Argument gegen Frauenordination, dass ohnehin schon zu viel Klerikalismus grassiere (61, 63, 161), und Franziskus’ Reaktion in einer Pressekonferenz am 18. 8.

2014 auf Meldungen von Mordtaten des sogenannten Islamischen Staats (169): „… auch der Angreifer hat ein Recht darauf, zurückgehalten zu werden, damit er nichts Böses tut.“ (it)

 

 

Bernd Liebendörfer: Die Rezeption von Dietrich Bonhoeffers „Nachfolge“ in der deutschsprachigen Theologie und Kirche. Stuttgart: Kohlhammer, 2017. 381 S. Kartoniert. ISBN 978-3-17-032493-0. € 65,00

Anfang 2017 erschien die nachgelieferte Vorarbeit zu der 2016 gedruckten Dissertation von Dekan Liebendörfer: die Untersuchung, welche Aufnahme Bonhoeffers Buch Nachfolge in wissenschaftlichen Texten von 32 deutschsprachigen Autoren fand. (In der Besprechung der Dissertation „Der Nachfolge-Gedanke Dietrich Bonhoeffers und seine Potentiale in der Gegenwart“ im fachbuchjournal 6 | 2016 Seite 75f hatte ich die Anzahl zu „23“ verdreht. Entschuldigung!) Im Reformations-Jubiläumsjahr 2017 wird Bonhoeffers Nachfolge achtzig Jahre alt. Bis 2010, hat Liebendörfer vom Verlag erfahren, waren fast hunderttausend deutschsprachige Exemplare des Buches verkauft. Bei dieser Verbreitung und dieser Zeitspanne findet er das Echo schon zahlenmäßig „eher bescheiden“. (22, 357)

Bonhoeffers Freund Eberhard Bethge berichtet in seiner großen Bonhoeffer-Biographie (1967, 9. Auflage 2005, Seite 527), Bonhoeffer habe nach dem Ende der Arbeit an der Nachfolge gemeint, eine Hermeneutik in Angriff nehmen zu sollen – „Hier scheint mir eine ganz große Lücke zu liegen“ –, und gibt zu verstehen, dass „die Gefahren“ des Buches, die Bonhoeffer im Rückblick am 21. Juli 1944 sieht, mit Hermeneutik zu tun haben.

Hermes, der Name des griechischen wegekundigen Götterboten, der etwas zu überbringen weiß, klingt an in der Bezeichnung Hermeneutik für die Kunstlehre des Hin- und Hergelangens zwischen dem, der etwas zu verstehen geben möchte, und dem, der es verstehen will. Ein Autor formt aus Worten einen Text; der Wortlaut trifft auf die Verstehensmöglichkeiten desjenigen, der ihn zur Kenntnis nimmt. Manchmal wird mehr, häufig aber anderes verstanden als vom Autor ausgedrückt. Auf Hermeneutik geht Liebendörfer kurz ein (30-32), legt sich dann dafür, wie Rezipienten einen Text traktieren, sieben Kategorien zurecht von „Wiedergabe“ bis „Fehlinterpretation“ (33-37) und entwickelt schließlich ein Schema, nach dem er seinerseits das Text-Traktieren durch die 32 Theologen und Kirchenleute traktieren wird, von „Notizen zur Person des Rezipienten“ bis „Zur Bedeutung des Nachfolge-Gedankens“ (38f). Was ist laut Liebendörfer DER Nachfolge-Gedanke Dietrich Bonhoeffers?

Liebendörfer hat, wie ich seinen beiden Schriften entnehme, Aussagen des Buches Nachfolge zu einer Denkfigur verfestigt, in der ich hauptsächlich Dreierlei wiedererkenne: (1) Nachfolge ist „Bindung an die Person Jesu Christi allein“ (N [= seit 1989 Band 4 der Dietrich Bonhoeffer Werke] Seite 47). (2) „Einfältiger Gehorsam“ wird vom Nachfolgenden gefordert (N 69). (3) Den Nachfolgenden unterscheidet vom Heiden „das Außerordentliche“ (N 147, Bonhoeffer legt Matthäus 5,47 aus). Gegen (1) argumentiert Liebendörfer: Wo bleiben bei dieser Exklusivität Gott Vater und Heiliger Geist? Trinitarische Ausgewogenheit fehlt. Gegen (2): Wo bleibt bei diesem direkt auf klares Geheiß parierendem Verhalten das Abwägen? Besinnungslose Aktivität statt Reflexion (actus directus / reflexus, DBW 2, 158)? Verantwortung ist ausgeblendet. Gegen (3): Wo bleiben die kleinen Schritte, wenn Nachfolge nur als Außer-Ordentliches geschieht?

Bonhoeffers Rede von der „Christusgleichheit“ der Nachfolgenden ignoriert den eschatologischen Vorbehalt, dass Vollendung immer noch aussteht.

(Bonhoeffer legt N 302 1Johannes 3,2 aus: „Wir werden ihm gleich sein“.)

Den genannten Gegenargumenten begegnet man bei Liebendörfers Behandlung der Rezipienten, (1) und (3) bereits beim ersten, Karl Barth (53). Weitere Personen, von denen Liebendörfer eine Rezeption erwartete – Hanfried Müller, Ernst Feil, Albrecht Schönherr, die Brüder vom Taizé bis hin zu Florian Schmitz und Christiane Tietz – sind angeordnet etwa nach der Erscheinungszeit ihrer Ausführungen.

Ein etwas aus der Reihe der Deutschsprachigen tanzender Rezipient ist Péter Szentpétery. In dem Sammelband „Bonhoeffer und Luther“, erschienen in Hannover 2007, erwähnt er sein siebenmaliges Lesen der Nachfolge, als er sie 1995-1996 ins Ungarische übersetzte. Dass Bonhoeffer im Brief vom 21. Juli 1944 bemerkt, die Nachfolge habe er wohl geschrieben am Ende des Weges, auf dem er „selbst so etwas wie ein heiliges Leben zu führen versuchte“ (DBW 8, 542), regt den ungarischen Lutheraner an zu fragen, ob da unlutherische „Werkgerechtigkeit durch die Hintertür doch zurückkommt?“ (Liebendörfer 350, 352).

Bei Liebendörfer fällt hin und wieder der Begriff Soteriologie, Lehre vom Heil, in Verbindung mit Synergismus, lehrmäßig verworfener Mittätigkeit des Menschen am Bewirken des eigenen Heils, auf Deutsch ausgedrückt Werkgerechtigkeit. Liebendörfer mutmaßt, wie Szentpétery und auch andere Rezipienten, dass Bonhoeffer beim Schreiben der Nachfolge auf dem Irrwege war, aus sich selbst einen mit Heil zu begnadenden Menschen machen zu wollen. Dazu nennt Liebendörfer öfters das Stichwort „Resultat“: Gnade als Ergebnis. Erst schaffe der Mensch durch Nachfolge an seinem eigenen Heil, dann quittiere Gott das Menschenwerk mit Gnade.

Bonhoeffer schreibt zu Luther: „Die Erkenntnis der Gnade war für ihn […] im Ergreifen der Vergebung die letzte radikale Absage an das eigenwillige Leben, sie war darin selbst erst eigentlich ernster Ruf zur Nachfolge. Sie war ihm ‘Resultat’, freilich göttliches, nicht menschliches Resultat“ (N 37). „Nur wer in der Nachfolge Jesu im Verzicht auf alles, was er hatte, steht, […] erkennt den Ruf in die Nachfolge selbst als Gnade und die Gnade als diesen Ruf“ (N 38).

Liebendörfers Verständnis dessen, was in Bonhoeffers Nachfolge zu lesen ist, kommt mir gegen den Strich verstanden vor. Bei welchen möglichen Rezipienten Liebendörfer auch nachsucht, ein wesentliches Mit-Denken am Nachfolge-Gedanken Bonhoeffers findet er nicht. In den „Auswertungen“ (357372), denen nur noch ein „Literatur- und Kurztitelverzeichnis“ folgt (373-381), kategorisiert er systematisch die 32 Personen gemäß seinem Traktier-Schema, vorwiegend unter „Interpretamentisierung“ – Benutzung als Verstehenshilfe für andere Gedanken Bonhoeffers – und „Weiterentwicklung“ (363-365) wie in seiner eigenen Dissertation. (it)

Ilse Tödt (it), Dr. phil., Dr. theol. h.c., seit 1961 nebenamtlich Kollegiumsmitglied im Institut für interdisziplinäre Forschung / Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg.

itoedt@t-online.de

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