Medizin | Gesundheit

Gesundheitskräfte von Kindern natürlich stärken

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2020
Stefanie Engelfried im Gespräch mit Professor Dr. Georg Seifer

 

Dr. Klaus-Dieter Früchtenicht, Prof. Dr. Georg Seifert: Von Anfang an gesund. Gesundheitskräfte natürlich stärken für Kinder von null bis drei. München: 2020 hanserblau (Carl Hanser Verlag). 1. Auflage. 272 S., kart., ISBN 978-3-446-26424-3. € 17,00 [D]

Prof. Dr. Georg Seifert ist Oberarzt in der Kinderonkologie und Professor für Naturheilkunde und Integrative Medizin in der Kinderheilkunde an der Charité in Berlin sowie an der Universität von Sao Paulo, wo er brasilianische Naturheilkunde und traditionelle Medizin erforscht. In dem Buch „Von Anfang an gesund“ geht er davon aus, dass Entstehung und Verlauf von Krankheiten wesentlich in der frühen Kindheit beeinflusst werden – insbesondere in den ersten drei Lebensjahren.

Die COVID-19-Pandemie hat weltweit Auswirkungen auf viele Familien. Was raten Sie Eltern, um ihre Kinder für kommende Erkrankungswellen zu stärken?

Gesundheit und Resilienz bedeuten, sich einer ständig verändernden Umwelt und neuen Lebenssituationen körperlich, seelisch und geistig anpassen zu können, und ihnen mit der Zuversicht zu begegnen, diese auch meistern zu können. Kinder sollten lernen, dass sie selbstwirksam sind. Dies können wir in der aktuellen Pandemiezeit dadurch erreichen, dass wir ihnen einfache biologische und infektiologische Zusammenhänge erklären – ganz ohne Angst, das ist sehr wichtig. Wenn Kinder lernen, dass sie durch regelmäßiges Händewaschen, durch physischen Abstand und gegebenenfalls einen Mundschutz, das Risiko der Ansteckung verringern, ist das ein guter Schritt.

Berührungen, Zugehörigkeitsgefühl und soziale Interaktionen sind bedeutende Faktoren für das kindliche Wohlgefühl und die gesundheitliche Entwicklung. Welchen Rat geben Sie Eltern in der aktuellen Situation, in der zwischenmenschlicher Kontakt erschwert ist?

Der Tastsinn, also die Fähigkeit Berührung wahrzunehmen, ist der erste Sinn, der sich bereits während der Schwangerschaft entwickelt. Kinder erleben über die Berührung der Eltern und ihrer unmittelbaren Kontaktpersonen, Sicherheit und eine sofortige Stressreduktion in aufregenden Situationen. Verweigert man Kindern körperliche Berührungen und die damit verbundene Zuwendung, treten massive psychische und physische Schäden auf, die sich massiv auf das weitere Leben auswirken. Aus Versuchen mit Affenbabys ist bekannt, dass ein Mangel an Berührung und Nähe der Eltern das Immunsystem schädigt und zu einem schlechteren Wachstum und frühen Tod führt. Ähnliche Beobachtungen hat man leider auch nach der Befreiung von Waisenheimen in Rumänien nach der Ceausescu-Zeit gemacht.

Ich rate Eltern, dass sie in der aktuellen Pandemie-Situa­ tion besonnen handeln und vor allem den sozialen Zusammenhalt stärken. Kinder sollen nach wie vor erfahren, dass die Menschen in ihrer Umgebung vor allem eine soziale Bereicherung sind und keine Gefahr für ihre Gesundheit. Es ist wichtig, in der Familie Zuneigung zu zeigen, körperlichen Kontakt sowie Zeit für einander zu haben: z.B. gemeinsam ein Buch zu lesen oder zu spielen. Die Eltern sollten sich nicht zwischen Home-Office und Kinderbetreuung zerreißen, sondern die Zeit für das Private klar strukturieren. Auch das gibt dem Kind Sicherheit und es weiß, wann seine Eltern hundertprozentig für es da sind. Darüber hinaus bietet die aktuelle Situation aber auch eine gute Gelegenheit für Kinder, sich selbständig zu beschäftigen, zu lernen und ggf. neue Hobbys zu entdecken.

Was sind Ihrer Meinung nach die drei wichtigsten Punkte die Eltern berücksichtigen sollten, um die gesundheitliche Entwicklung ihrer Kinder bereits in den ersten drei Lebensjahren zu fördern?

Gesundheit und Widerstandskraft sind zu großen Teilen nicht vorbestimmt, sondern in der frühen Kindheit erlernbar.

Erstens: Das Erleben von Liebe, stabilen Bindungen, Sicherheit und Vertrauen ist im frühen Kindesalter enorm wichtig für die Selbstwirksamkeit und ein gesundes langes Leben. Das wissen wir interessanterweise aus Studien mit sehr alten Menschen, deren Kindheit man untersuchte. Zweitens: Ein anregendes Umfeld mit Aktivitäten und Bewegung im Freien, in der Natur, Begegnungen und Unternehmungen mit Eltern und Freunden, möglichst ohne „elektronische Babysitter“ sind von großer Bedeutung. Dabei können die Kinder Empathie und das solidarische Teilen lernen, gegenseitige Hilfe, Zuverlässigkeit, Vertrauen und gemeinsame Freude können erlebt werden. Und drittens können eine ausgewogene, im Wesentlichen pflanzenbasierte Ernährung und entsprechende körperliche Bewegung nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Resilienz ist eine Fähigkeit, der immer größere Bedeutung zukommt, um auch während Krisen und in Belastungssituationen psychisch gesund zu bleiben. Wie gelingt es Eltern, das richtige Maß zwischen gesunder Bindung und Nähe im Gegensatz zu Überbehütung zu finden?

Studien zeigen, dass nicht einzelne Faktoren, sondern das Zusammenspiel von zahlreichen Einflüssen eine hohe Resilienz ausbilden. Wichtig ist, dass Kinder eine innere Stabilität ausbilden, mit der sie äußeren Einflüssen souverän und beherzt begegnen können. Die Grenze zwischen elterlicher Überbehütung und Loslassen können ist fließend. Der wesentliche Punkt dabei ist, sich immer wieder klar zu machen, dass es sich bei Eltern und den Kindern um eigenständige Individuen handelt. Eltern sollten empathisch sein und Vertrauen in die Fähigkeiten ihres Kindes haben – dies erzeugt bei ihrem Nachwuchs wiederum das Gefühl von Sicherheit und Selbstwirksamkeit! Im Umkehrschluss erzeugt die Angst, etwas falsch zu machen oder die ­Eltern zu enttäuschen, eine enorme Unsicherheit und schadet dem Selbstwertgefühl. Es ist enorm wichtig, dass Kinder eigene Erfahrungen machen. Nicht nur Erfolg, auch das Scheitern muss man lernen! Zu viel Protektion im Kindesalter bedeutet häufig nicht mehr, sondern weniger Sicherheit im Umgang mit herausfordernden Situationen im späteren Leben. Das Erleben von Konflikten, das Scheitern und Wiederaufstehen sorgen dafür, dass Kinder Resilienz ausbilden können.

Wichtiges Schlüsselwort für Ihr Buch ist der Begriff der Salutogenese. Sie erläutern wie Gesundheit entsteht, während andere Titel sich darauf fokussieren, wie Krankheiten entstehen. Warum macht salutogenetisches Denken unser Leben besser und sollte insbesondere bei der Behandlung von Kindern stärker in den Fokus rücken?

Ein häufig verwendetes Bild in diesem Zusammenhang ist folgendes: Das Konzept der Salutogenese sieht nicht die Problemlösung eines ertrinkenden Menschen in der Bereitstellung eines Rettungsringes, sondern darin, die Fähigkeit des Schwimmens zu lehren. Natürlich muss es auch Rettungsringe geben – aber nachhaltig sind sie nicht. Wir wissen heute, dass vermutlich ein Drittel der Krebserkrankungen durch eine gesunde Lebensweise verhindert werden könnten. Wir wissen, dass chronischer Stress körperlich und seelisch krank macht. Und wir wissen auch, dass wenn wir früh Resilienz, Autonomie und positive Fähigkeiten in Kindern stärken, dies wesentlich wirksamer ist, als im späteren Leben Erkrankungen zu behandeln. Und hierbei sind die ersten drei Lebensjahre wie ein sensibles Keimstadium für das spätere Leben. ˜

Stefanie Engelfried ist zertifizierte Content-Managerin, SEM- und SocialMedia-Expertin. Die studierte Kommunikationswissen­ schaftlerin war langjährig für einen Medizinverlag tätig.

stefanie.engelfried@gmx.net

 

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