Landeskunde

Geschichtenerzähler, ­Chronisten, göttliche Weisheiten und eine Wohltäterin

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2021

Zu Russland fällt jedem stets irgendetwas ein, so dass es auch immer wieder neue Bücher zum Thema gibt. Für manchen ist das Land ein großes Rätsel oder eine Wunderkammer, andere versuchen seine Geschichte und Kultur zu beschreiben und zu analysieren, wovon im Folgenden die Rede sein soll.

 

Carsten Goehrke, Unter dem Schirm der göttlichen Weisheit. Geschichte und Lebenswelten des Stadtstaates Groß-Nowgorod, Zürich: Chronos Verlag 2020, 559 S., zahlreiche, teils farbige Abb., geb., ISBN 978-3-0340-1568-4, € 78,00.

Der gebürtige Hamburger Carsten Goehrke ist sicherlich einer der produktivsten und anregendsten Vertreter der Russlandhistoriographie nicht nur im deutschsprachigen Raum. Er war von 1971 bis 2002 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich. Zu seinen Hauptwerken gehören eine dreibändige Geschichte des russischen Alltags, eine Strukturgeschichte Russlands sowie ein Buch über die „Lebenswelten Sibiriens“ mit dem Schwerpunkt auf der Jenisej-Region. Schon in seiner wissenschaftlichen Frühzeit beschäftigte er sich als einer der wenigen deutschen Russlandhistoriker mit der mittelalterlichen Geschichte des Landes, wobei ein Schwerpunkt auf der „Stadtrepublik“ Nowgorod lag. Nun publiziert er, wie es auf der Buchrückseite heißt, die erste „befriedigende Gesamtdarstellung der Geschichte des mittelalterlichen Stadtstaates Gross-Nowgorod“. Dafür ist er wie kaum ein anderer geradezu prädestiniert, denn er kennt Quellen und Literatur seit weit mehr als 60 Jahren.

Das am Wolchow gelegene Nowgorod, am besten übersetzt als „Neue Burgstadt“ wurde 862 erstmals urkundlich erwähnt und ist damit eine der ältesten russischen Städte. Sie ist seit dem Mittelalter bekannt als Handelsstadt und war eine Drehscheibe des Warenverkehrs zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer, bei dem die zahlreichen Flusssysteme von den skandinavischen Händlern und Kriegern, die später als Waräger bekannt wurden, geschickt genutzt wurden. Bekannt ist die Stadt zudem als erstes Zentrum eines ostslavischen Staates, an dessen Spitze der sagenumwobene Waräger Rjurik stand. Zudem galt und gilt Nowgorod als ein spezifischer Sonderfall der ostslavischen bzw. russischen Geschichte, denn die Stadt wurde nicht durchgängig von einem Fürsten regiert, sondern mehrere Jahrhunderte hindurch von einer Bürgerversammlung, der „Wetsche“. Daher rührt die Bezeichnung als „Republik“, was Goehrke zurückweist, weil sie eine unzulässige Modernisierung darstelle und die Bedeutung von Erzbischof und Fürst für das politische System nicht ausreichend berücksichtige. Er behilft sich mit dem schon erwähnten Begriff „Stadtstaat“, der den Sachverhalt eher beschreibt. Und noch etwas verleiht der Stadt ihren besonderen Charakter. Als Schreibmaterial benutzte man nicht Papier, sondern Birkenbast, also Birkenrinde. Viele dieser Schriftstücke warfen die Bewohner Nowgorods nach Gebrauch weg, aber anders als Papier überlebte die Birkenrinde im Kulturschutt, so dass weit mehr Alltagstexte überliefert sind, als dies andernorts der Fall ist. Diese Alltagsschriftlichkeit ist, wie Goehrke festhält, auch für Lateineuropa in dieser Fülle nicht bekannt. Die Studie ist eine facetten- und kenntnisreiche Darstellung der Geschichte Nowgorods bis zum Ende des 15. Jahrhunderts, die im Ausblick jedoch auch die späteren Zeiten bis zum Wiederaufbau nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges festhält. Beim sozialistischen Neu und Umbau der Stadt seit 1945 wurden zwar die meisten Kirchen wiederaufgebaut bzw. restauriert, verschwanden im Stadtbild aber hinter den Wohnbauten der sozialistischen Wohnkultur. Am Ende beschäftigt sich Carsten Goehrke auch mit dem Mythos der Stadt und dessen Instrumentalisierung sowie zusammenfassend mit Nowgorod als Stadttyp und Staatsmodell. Er sieht, wie auch der 2009 verstorbene russische Historiker Ruslan Skrnnikov in diesem Modell einen Entwurf gegen die Moskauer Autokratie, die sich am Ende des 15. Jahrhunderts durchgesetzt hatte. Es habe demokratische Elemente enthalten und größere Partizipationsmöglichkeiten geboten. Nun sind solche kontrafaktischen Argumentationen immer ein wenig problematisch, zeigen aber auf, dass es stets Alternativen gab, der historische Prozess also keineswegs deterministisch verläuft oder verlaufen muss.

Für den historisch Interessierten ist dies ein in jeder Hinsicht lesenswertes Buch, das nicht nur die Geschichte der Stadt und des Landes beschreibt, sondern auch den Prozess der historischen Forschung und der damit verbundenen Kontroversen. Über allem strahlte und strahlt die „göttliche Weisheit“ in Gestalt der wunderbaren Sophienkirche. Gut ausgewählt sind auch die zahlreichen Abbildungen und die Farbbilder lassen den Glanz der Stadt aufleuchten. Am Ende dieses wunderbaren Buches finden sich ausführliche Anmerkungen, zehn ausgewählte Quellen in Übersetzung, zwei Tabellen, ein Glossar, eine Zeittafel, mehrere Verzeichnisse, eine Bibliographie und – O Wunder für ein deutschsprachiges Buch – ein Personen-, Orts- und Sachregister, das diesen Namen auch verdient.

 

 

Laura Sophie Ritter, Schreiben für die weisse Sache. General Aleksej von Lampe als Chronist der russischen Emigration, 1920-1967, Wien/Köln/Weimar: Böhlau Verlag 2019, 448 S., 15 s/w Abb., Paperback, ISBN 978-3-412-51513-3, € 54,99.

Die ersten Sachbücher und wissenschaftlichen Werke zur russischen Emigration nach Deutschland als Folge der bolschevikischen Revolution 1917 und des nachfolgenden Bürgerkrieges 1918–1921 erschienen schon am Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre. Hinzu kamen zahlreiche Memoiren und Autobiographien, die in fast allen Ländern Europas und den USA erschienen. Bestseller waren die Autobiographie des Großfürsten Alexander „Einst war ich ein Großfürst“ (1932, insgesamt allein in Deutschland über 30 Auflagen) oder die Romantrilogie der Exilantin Alja Rachmanowa, die zwischen 1931 und 1937 in Salzburg erschien (u.a. „Ehen im Roten Sturm“ und „Studenten, Liebe, Tscheka und Tod“), aber auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg neuaufgelegt wurden. Deutschland war vor allem deshalb ein beliebtes Ziel, weil man dort bis in die frühen 1920er Jahre hinein relativ preiswert leben konnte, das Land der nächste Nachbar war und viele mit der deutschen Sprache und Kultur recht vertraut waren. Die russische Emigration nach Deutschland hatte ihre Schwerpunkte insbesondere in Berlin und späterhin auch in München. In Berlin lag das Zentrum in Charlottenburg, das in den 1920er Jahren als Charlottengrad bekannt war. Seit den späten 1980er und frühen 1990er Jahren, als auch die bis dahin verschlossenen sowjetischen, dann russischen Archive für alle zugänglich wurden, begann eine intensive Forschungsarbeit zu diesem Thema, wobei Karl Schlögels zahlreiche Arbeiten herausragen. Schon früh wurde deutlich, dass von einer wie auch immer gearteten „einheitlichen“ russischen Emigration nicht die Rede sein konnte. Bestehen blieben sowohl die politischen als auch die sozialen und mentalen Trennlinien. Der teils abgrundtiefe Hass der einen gegen die andere Seite kulminierte in politischen Morden, denen unter anderem Vladimir D. Nabokov, der Vater des Schriftstellers und führendes Mitglied der linksliberalen Konstitutionellen-Demokraten, der im März 1922 in Berlin von rechtsextremistischen und antisemitischen Tätern erschossen wurde, zum Opfer fiel.

Die russische Emigration bildete nicht nur „eine eigene Welt in der Fremde“, sondern mehrere, einander feindselig belauernde Welten in der Fremde, die weder zueinander finden wollten noch konnten. Eine größere Gruppe dieses Exils stellten die geflüchteten Offiziere der sogenannten „Weißen Armeen“, die im russischen Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki gekämpft hatten. Der Name leitet sich von den weißen Offiziersuniformen in der Kaiserlich Russischen Armee ab. Zu ihnen gehörte auch der Protagonist des Buches von Laura Sophie Ritter, der Generalmajor Aleksej von Lampe (1885–1967), der seit 1920 im Berliner Exil lebte. Auf der Flucht vor der Roten Armee verließ er Deutschland 1945 und verbrachte die Jahre bis zu seinem Tod in Frankreich, vor allem in Paris. Lampe stammte aus einer deutschstämmigen Familie und wurde in der deutsch-russischen Grenzstadt Veržbolovo geboren. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen unterlässt die Autorin den Hinweis, dass diese Stadt, heute in Litauen gelegen, vier Namen trägt: neben dem russischen auch einen litauischen (Virbalis), einen polnischen (Wierzbolów) und einen deutschen (Wirballen). Unter diesem Namen war die Stadt im deutschen Kaiserreich bekannt, denn an diesem Grenzort stiegen die Fahrgäste in einen russischen Zug mit einer anderen Spurbreite um, in Gegenrichtung erfolgte dies im zwei Kilometer entfernten Eydtkuhnen. Damals lagen die Staaten zumindest geographisch näher zueinander, als dies heute der Fall ist. Die Grenzräume waren das, was wir heute unter dem Begriff „transnational“ zusammenzufassen versuchen.

Trotz seiner Herkunft aus einer deutschstämmigen Familie verstand von Lampe sich offensichtlich Zeit seines Lebens als treuer Untertan seiner Majestät des Kaisers von Russland. Außer seinem Namen unterschied ihn allerdings noch seine Konfession, denn er war lutherisch getauft worden, von seinen russischen Landsleuten. Nach dem Zusammenbruch des Russischen Reiches kämpfte von Lampe auf Seiten der sogenannten Freiwilligen-Armee gegen die Bolschewiki und vertrat ab 1920, begleitet von seiner Frau und seiner Tochter, diese Armee in verschiedenen europäischen Ländern, bevor er sich in den frühen 1920er Jahren endgültig in Berlin als Emigrant niederließ. Er engagierte sich in zahlreichen Organisationen und Vereinen der russischen Emigration, wenn sie denn der Idee des Kampfes gegen die Bolschewiki nahestanden. Zudem, und dies ist der zentrale Punkt des Buches, verstand er sich als Chronist der „weißen Bewegung“, die er für die einzig legitime Vertretung des Russischen Reiches hielt. Repräsentiert wurde diese Idee des „wahren Russland“ von den Angehörigen der ehemaligen Kaiserlich Russischen Armee, vertreten von der „Russischen Allmilitärischen Union“ (Russkij Obšče-Voinskij Sojuz, ROVS), deren führendes Mitglied von Lampe war.

Er verstand sich insbesondere als Chronist dieser Richtung der russischen Emigration und sammelte nicht nur Unterlagen und Dokumente zu deren Geschichte, sondern führte auch, bereits begonnen mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges 1914, fast bis zu seinem Tod ein Tagebuch, in dem er, wenn auch hin und wieder mit Unterbrechungen, die Verhältnisse akribisch aufzeichnete und damit die Entwicklungen der russischen Emigration festhielt, zumindest jenes Teils der Emigration, dem er selbst angehörte. Dieses Tagebuch bildete die Grundlage seines Archivs, das der Nachwelt die Basis für eine entsprechende Geschichte liefern sollte. So hielt er dort schon im Oktober 1924 fest, dass das „Archiv“ gut vorbereitet sei, „der zukünftige Historiker wird mir dankbar sein“. Dies war und ist nun in der Tat der Fall, denn fast alle Historiker/innen der russischen Emigration haben sich dieses Tagebuchs, dessen komplexe Überlieferungsgeschichte Laura Sophie Ritter akribisch nachzeichnet, bedient.

Ihr Buch, eine Freiburger Dissertation, beschreibt und analysiert auf dieser Basis die russische Emigration in Berlin und deren Aktivitäten, wobei stets zu berücksichtigen ist, dass von Lampe und seine Mitstreiter sich als eben jene„wahren“ und „authentischen“ Vertreter des ‚alten Russlands‘ verstanden, aber keineswegs die Interessen der „gesamten“ russischen Emigration vertraten, sofern dies denn überhaupt denkbar ist. Diese unterschiedlichen Milieus trafen zwar immer wieder an bestimmten Orten und in bestimmten „Räumen“ aufeinander oder begegneten sich, etwa im Russischen Wissenschaftlichen Institut (RWI) oder im deutsch-russischen Gymnasium St. Georg in BerlinWilmersdorf, fanden aber nie zueinander. Für fast alle Emigranten galt, dass sie in prekären Verhältnissen lebten, da sie nur selten ausreichende finanzielle Mittel besaßen, eine dauerhaft feste Anstellung hatten und ihr Aufenthaltsrecht nur begrenzt war. Die Geschichten vom Großfürsten, der sich als Taxifahrer durchs Leben schlagen musste, trafen häufiger durchaus zu. Von Lampe und einige seiner Bekannten versuchten es mit der Gründung einer Filmberatungsgesellschaft, denn russische Themen standen in der Zwischenkriegszeit in Deutschland hoch im Kurs, oder verdingten sich sogar als Komparsen in Phantasieuniformen, wie es von Lampe ausführlich beschrieb. All dies diente dem Überleben, lenkte aber zwangsläufig von der eigentlichen Aufgabe ab, was von Lampe immer wieder beklagte.

Noch schwieriger wurden die Verhältnisse, als im Januar 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen. Zwar setzte von Lampe auf sie, weil er der Meinung war, nur mit ihnen könne das bolschewikische Russland gestürzt werden, doch verfolgte die neue Regierung zunächst einmal eine gänzlich andere Politik, die dazu führte, dass von Lampe 1933 mehrere Monate im Gefängnis verbringen musste. Während des Gefängnisaufenthaltes verstarb seine einzige Tochter an Leukämie. Er blieb auch während der NS-Zeit in Deutschland und flüchtete, gemeinsam mit seiner Frau, erst im April 1945 vor der Roten Armee an den Bodensee, wo ihn die französische Militärregierung in Schutzhaft nahm. Im Dezember 1946 ging er nach Paris, wo seine Schwester und sein Schwager lebten. Er engagierte sich weiterhin in der „Flüchtlingshilfe“ und wurde 1957, inzwischen 72-jährig, zum Leiter der ROVS. Viel auszurichten vermochten er und die Organisation nicht mehr, bisweilen befielen ihn Verzweiflung und Selbstmordgedanken, dennoch setzte er, so gut es ging, seine Chronistenpflichten fort. Er war, dies hält Laura Sophie Ritter am Ende ihres Buches fest, der „Chronist und Bewahrer der russischen Lebenswelt in der Emigration.“ Hinzuzufügen ist meines Erachtens, dass er seine Vorstellungen der russischen Lebenswelt verabsolutierte und sie zur allein gültigen Ansicht erklärte.

Von Lampes umfangreicher Nachlass ist – den historischen Umständen geschuldet – auf drei Standorte verteilt: das russische Staatsarchiv in Moskau, die Hoover Institution Archives der Stanford University in Kalifornien und das Bakhmeteff Archive of Russian and East European Culture der Columbia University in New York. Frau Ritter hat diese und weitere archivalische Bestände umfassend sowie produktiv ausgewertet und eine lesenswerte und anregende Geschichte eines zentralen Aspekts der russischen Emigration der 1920er bis 1960er Jahre geschrieben.

 

Alexander Kluge, Russland-Kontainer, Berlin: Suhrkamp 2020, 445 S., zahlreiche Abb., geb., ISBN 978-3-518-42892-4, € 34,00.

Dieses neue Buch des Juristen, Filmemachers, Drehbuchautors, Philosophen und Geschichtenerzählers Alexander Kluge, geboren 1932, ist, wie sein Autor schreibt, eine „Materialsammlung“. Da in seinem Verständnis auch Romane „Sammlungen“ sind, könnte es sich auch um einen Roman handeln, aber dazu fehlt eine Handlung. Da aber „das Poetische“ den Charakter einer Baustelle hat, so ist das Buch, wenn man es denn „poetisch“ nennen will, vielleicht doch ein Roman. Das mag denn jede/r selbst entscheiden. Zusammenhänge sind offensichtlich nicht beabsichtigt, so dass sich ohne jeden Nachweis, wie eben in einem Roman, Erzählung an Erzählung reiht, unterbrochen durch zahlreiche, teils sehr interessante und aufschlussreiche Bilder sowie persönliche Bemerkungen über und Erinnerungen an seinen Freund Jürgen Habermas, über seine Kinder, die Jugend in seinem Geburtsort Halberstadt und Schloss Elmau. Eingestreut sind „Wortfelder“ und „Spaziergänge durch russische Wortfelder“ der Slavistin und Übersetzerin Rosemarie Tietze. Und schließlich gibt es auch noch einige QR-Codes, mit deren Hilfe weitere Bilder und Filmausschnitte zu sehen sind. Chronologisch reichen die Geschichten, Porträts, Gespräche und Anekdoten von der Zeit Ivans IV. (starb 1584) bis in die Gegenwart. Bisweilen werden Ereignisse, Sachverhalte und Prozesse indirekt geschildert, also etwa durch eine Wiedergabe der Inhalte von Modest Mussorgskijs Opern „Boris Godunov“ und „Chovanschtschina“ für die sogenannte „Zeit der Wirren“ (1598–1613) und den Beginn der Regierungszeit Peters I. (1680er Jahre), wobei deutlich wird, dass Kluge der historische Bezugsrahmen der Handlungen nicht immer klar ist. Beide Opern spielen vor dem Hintergrund einer Krise des russischen Regierungssystems, die sich durchaus auch für die 1860er bis 1880er Jahre, also die Zeit Mussorgskijs, der zeitweise in einer „Kommune“ lebte, konstatieren lässt.

Manchmal erfindet Kluge auch neue Geschichten, darunter ein Grimmsches Märchen, oder versetzt Romanpersonen in andere Zeiten und gibt im Nachhinein kluge Ratschläge an gescheiterte Politiker wie Michail Gorbatschow. Ansonsten kann man sich mit Kluge in den ja weltbekannten russischen Zirkus oder ins vorrevolutionäre Kino begeben. Auch Zeit, Raum und Weite spielen eine große Rolle, wobei sich die Frage aufdrängt, ob in Russland der Raum oder die Weite von größerer Bedeutung sind und selbst-verständlich dürfen weder Karl Marx und der Fetischcharakter der Ware noch Sergej Eisenstein und sein Versuch der Verfilmung von Marx‘ Kapital fehlen, der noch nicht einmal grandios gescheitert ist.

Mich lässt das Buch wie weiland (1968) Kluges Artisten in der Zirkuskuppel ratlos zurück. Sein Sinn und Zweck erschließt sich mir – leider? – nicht. Andere werden möglicherweise begeistert sein.

 

Jörg Krauss/Patricia Peschel, Bis wieder die Sonne kam. Das Wirken von Catharina Pavlovna (1788-1819) als Königin von Württemberg (reg. 1816-1819), Regensburg: Schnell & Steiner 2021, 144 S., zahlreiche Abb., Softcover, ISBN 978-3-7954-3628-5, € 25,00.

Katharina Pavlovna (1788–1819) war eine Tochter des russischen Kaisers Paul I. (1754–1801) und Enkelin Katharinas II. (1729–1796). Ihre Brüder Alexander (1777–1825) und Nikolaj (1796–1855) waren Kaiser von Russland, ihre Schwester Maria (1786–1859) wurde Großherzogin von Sachsen-Weimar Eisenach und ihre Schwester Anna (1795–1865) Königin der Niederlande. Da die Erziehung ihres einzigen, aber ungeliebten Sohnes Paul gescheitert war, widmete sich Katharina II. besonders intensiv der Erziehung ihrer zahlreichen Enkel, die alle umfassend gebildet waren und mehrere Sprachen beherrschten, wobei Französisch die Umgangssprache am Hof in St. Petersburg war, Russisch eher eine Nebenrolle spielte. Auch die umfangreiche Korrespondenz der Geschwister wurde auf Französisch geführt.

Katharina Pavlovna war seit 1809 in erster Ehe mit Prinz Georg von Oldenburg (1784–1812) verheiratet, nachdem sich andere Heiratsvorhaben, darunter auch eine Werbung Napoleons, zerschlagen hatten. Kaiser Alexander I., regierte seit 1801, stand, was für die Zeit ein wenig erstaunen mag, in regem Austausch mit seiner jüngeren Schwester über die aktuellen Staatsgeschäfte und gab Anregungen für den Kampf gegen die napoleonische Armee. Im Januar 1816, nach dem endgültigen Sieg über Napoleon, heiratete sie den württembergischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm Carl, lebte seit April 1816 in Stuttgart und wurde nach dem Tod ihres Schwiegervaters Friedrich I. im Oktober 1816 Königin von Württemberg an der Seite ihres Mannes Wilhelm I.

Zu jener Zeit befand sich das Königreich Württemberg in einer tiefen wirtschaftlichen und sozialen Krise. Das Land litt nicht nur an den Folgen der napoleonischen Kriege, sondern auch an mehreren Missernten, die schließlich in der Krise von 1816/17 kulminierten. 1816 ist als das Jahr ohne Sommer in die Geschichte eingegangen, da der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora zu einer weltweiten Klimaveränderung führte. Katharina und Wilhelm hatten sich schon vor ihrem Regierungsantritt darum bemüht, die Nöte der Bevölkerung auf verschiedenen Wegen zu lindern. Nun gründete Katharina Pavlovna mit Unterstützung ihres Mannes Ende 1816 einen „Wohlthätigkeits-Verein“ mit Wohltätigkeitsanstalten zur „Erhaltung und Unterstützung der Armen“, wie es in § 8 hieß. Die Instruktion ist im Anhang in modernisierter Form abgedruckt. Das Statut ist unter ihrer Leitung entstanden, zudem eine „Armen-Commission“ mit Beschäftigungsanstalten, eine „Spar-Casse“ sowie das „Catharinenstift und die Catharinenschule. Sie kümmerte sich darüber hinaus um den Weinbau im Lande, wozu die Gründung eines „Landwirtschaftlichen Vereins“ entscheidend beitrug, an der auch Katharina mitwirkte. Ein wesentlicher Aspekt dieses Projektes war die Gründung der „Landwirtschaftlichen Bildungsanstalt“ in Hohenheim, aus dem später die Universität Stuttgart-Hohenheim hervorging. Alle diese Einrichtungen folgten dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe, und Katharina widmete einen großen Teil ihrer Mittel und ihrer Energie diesen Projekten, in denen nicht nur Adel und Bürgertum, sondern auch beide Geschlechter gemeinsam wirkten.

Die Texte sind flüssig geschrieben und gut recherchiert. Leider fehlen etwas ausführlichere Skizzen über das Leben von Katharina Pavlovna und ihren Ehemann, Wilhelm I. Trotz einer nach außen harmonischen Ehe hatte er weiterhin Beziehungen zu seiner Mätresse. Um dies herauszufinden, begab sich Katharina unzureichend bekleidet mitten im Januar zum Gestüt Scharnhausen, wo sie sich mit einem Grippevirus infizierte, an dem sie wenige Tage später verstarb. Warum die Autoren/innen dies unterschlagen, ist mir ein Rätsel! Man kann es doch überall nachlesen. Der Band erscheint im Kontext der „Erforschung des kulturellen Erbes des Landes Baden-Württemberg“, für deren stete Förderung Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der Finanzministerin Edith Sitzmann gedankt wird. Wie erfreulich, dass bisweilen sogar Finanzminister die Kultur fördern. Das im DIN-A 4-Format publizierte Buch im Hochglanzdruck ist geradezu verschwenderisch mit Bildern und Faksimiledrucken ausgestattet, die ihre eigenen Geschichten erzählen, und basiert auf einer intensiven Auswertung von Archivalien aus dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart und dem Staatsarchiv Ludwigsburg sowie der Sekundärliteratur.

Prof. em. Dr. Dittmar Dahlmann (dd), von 1996 bis 2015 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Rheinischen FriedrichWilhelms-Universität Bonn, hat folgende Forschungsschwerpunkte: Russische ­Geschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Wissenschafts- und Sportgeschichte sowie Migration.

ddahlman@gmx.de

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