Zeitgeschichte

Gegen das Vergessen

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2019

Holzweißig, Gunter: Agitator und Bourgeois. Karl-Eduard von Schnitzler. Berliner Wissenschafts-Verlag 2018, 112 S., ISBN 978-3-8305-3923-0. € 32,00

Manchmal tat man es sich gelegentlich an, im Ostfernsehen den mit Lust seinen Zynismus auslebenden Karl Eduard von Schnitzler und seine Sendung „Der schwarze Kanal“ anzusehen. Für ein paar Minuten konnte es unterhaltsam sein, seine nölend vorgetragenen hetzerischen Absurditäten zu hören. Und wenn man dann doch bald abschaltete blieb die Neugier darauf, wer dieser Geselle eigentlich sei. Diese Neugier hat Holzweißig vorbildlich durch unverdrossene Archivstudien und andere Auswertungen befriedigt, allerdings ist man im Entscheidenden nicht überrascht: Leben im Osten, aber in materieller Hinsicht wie im Westen, ein Prachtexemplar DDR-typischer Korruption. Immerhin weiß man jetzt genau, dass er schon in britischer Kriegsgefangenschaft Kommunist war. Es gab gelegentliches Anecken bei Neidern und durch seine Hochnäsigkeit Verärgerten, es gab auch DDR-intern freche Bemerkungen, aber die schützende Hand von oben, die auf seine Hetze nicht verzichten wollte, bewahrte ihn vor zu großem Ärger, ja sogar auch vor einer Kriminalstrafe. Auch im wiedervereinigten Deutschland hat er seine, sozusagen, Negativ-Gemeinde nicht enttäuscht. Es wäre schrecklich gewesen, wenn er Reue zelebriert und um Verzeihung gebeten hätte. Aber er blieb bei seinen auf Schief-, Falsch- und Unwahrheiten gegründeten Aggressionen und Provokationen. Interessant wäre es zu wissen, inwieweit er jeweils etwas selber geglaubt haben mag oder sich der Verzerrungen bewusst war. Im allgemeinen wohl Letzteres, sonst hätte es ja keinen Spaß gemacht.

 

Irrlitz, Gerd: Widerstand, nicht Resignation. Eine antifaschistische Widerstandsgruppe der SAP in Leipzig. Leipzig: Passage Verlag, Broschur, 244 Seiten, 54 Abbildungen, ISBN 978-3-95415-079-3. € 14,50

Nach seinen bedeutenden Arbeiten zu Immanuel Kant (Kant-Handbuch, 3. Aufl. 2015) legt der Berliner Philosophieprofessor Gerd Irrlitz nun ein eindrucksvolles Werk ganz anderer Thematik vor: Die Darstellung des Widerstandes, den die 1931 gegründete Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands gegen die NS-Herrschaft leistete. Die Gründung der Partei, deren Mitglieder vorwiegend aus der SPD kamen, richtete sich zwar sowohl gegen die fremdgesteuerte und stalinistisch auf Unterordnung gegründete KPD sowie gegen die SPD, die zu viele Kompromisse mit den bürgerlichen Parteien und der Wirtschaft eingegangen war. Die SAP definierte sich aber nicht in Bezug auf diese anderen Parteien, sondern hatte ein eigenes, eigenständiges Profil: Gemeineigentum statt Privat- und Staatseigentum der Wirtschaft und Ablehnung der Diktatur des Proletariats innerhalb eines demokratischen Staates. Der Machtantritt der NS-Bewegung verhinderte eine weitere selbstständige Entwicklung der Partei, die 1933 in den Untergrund und in die Emigration ging. Mitte der dreißiger Jahre wurde sie durch die Gestapo zerschlagen, es wurden zum Teil hohe Zuchthausstrafen verhängt, 1938 folgten die letzten örtlichen Gruppen.

Das Buch hat seine Bedeutung zum einen darin, dass es zeigt, wie eine sozialistische Partei jenseits der üblichen Organisationen entstehen konnte; zum anderen zieht es Parallelen zur Gegenwart. Dazu kommen eingehende Biographien der Eltern des Autors und eines weiteren wichtigen Mitglieds der SAP sowie die ausführliche Darstellung der Prozesse einschließlich von Urteilen vor ordentlichen Gerichten und dem Volksgerichtshof. Besonders aufschlussreich ist der Exkurs über die Möglichkeit und die Praxis einer besonderen Arbeiterkultur. Vieles in dem Buch erinnert an Ernst Bloch, den Lehrer des Autors, so der Ton mancher Formulierung und vor allem der sittliche Impuls, der Widerstand geboten sein lässt: „Widerstand kann zum Rechttun gehören wie das Selbstdenken zum Handeln.“

 

Scherbakowa, Irina (Hg.): Ich glaube an unsere Kinder. Briefe von Vätern aus dem Gulag. Aus dem Russischen von Christina Links. Reihe: Zeugnisse & Dokumente Bd. 021. Berlin: Matthes & Seitz, 2019, 224 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-95757-384-1. € 25,00

Ein schönes, ja elegantes kleines Buch der bedeutenden Bürgerrechtlerin. Es liegt gut in der Hand, hat ein gutes Layout, ist schön gedruckt und hat viele farbige Abbildungen. Es enthält zarte, anrührende Briefe von Vätern vor allem an ihre Kinder, sorgfältig geschrieben, oft mit farbigen Zeichnungen aufgelockert. Allerdings – die Briefe wurden aus sowjetischen Lagern geschrieben, stammen von Vätern, deren Leben in kurzen Skizzen nachgezeichnet wird und deren Ende wie folgt verlief: erschossen, erschossen, erschossen, verschollen, entlassen und bald gestorben, entlassen und bald gestorben; in der Haft gestorben, entlassen, an Unterernährung im Lager gestorben, erschossen, entlassen, entlassen, erschossen, erschossen. Die Krassheit des Gegensatzes von Inhalt und Ausstattung demonstriert handgreiflich das Dilemma jeder Literatur, die die unbeschreiblichen Gräueltaten in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts darstellt. Von wissenschaftlichen Werken abgesehen gilt für jede weitere Literatur, die auf dem üblichen Buchmarkt erscheint, dass eine dem Inhalt adäquate Ausstattung weniger verkaufsfördernd ist als es nötig wäre, und dass umgekehrt, wie im vorliegenden Fall, dass kleine und bunte Büchlein sich zwar sehr gut als Mitbringsel oder Derartiges eignen, aber nicht zum Inhalt passen. Dennoch sind sie die bessere Alternative, und das zeigt das vorliegende Buch besonders gut. Der Gegensatz zwischen dem Charme, der liebevollen und sorgfältigen Ausstattung der Briefe und des Buches insgesamt im Verhältnis zur schrecklichen Situation der Schreibenden beeindruckt mit besonderer Kraft. Die aussichtslose Lage, in der die Briefe geschrieben wurden, die Verhaftungen und die Prozesse, mit ihren psychopathischen und fiktiv begründeten Verhaftungswellen, bei denen sich kein einziger sicher fühlen konnte, dann die Lager selbst, all das hat man an die unendliche Liebe und Sehnsuchtzu halten, die diese kleinen Kunstwerke hervorgebracht hatten. Dazu gehörte aber auch, dass keineswegs immer geschrieben werden konnte, denn überwiegend herrschte in den Lagern jahrelanges Schreibverbot. Diese verstörende Kombination von Inhalt und äußerer Erscheinung muss ausgehalten werden, eine kleine Mühe im Vergleich zu dem Hintergrund der Briefe.

 

Gessen, Masha / Friedman, Misha: VERGESSEN. Stalins Gulag in Putins Russland, München: dtv Sachbuch 2019, 160 Seiten, mit S/W-Fotografien, ISBN 978-3-423-28172-0. € 25,00

Das Buch Gessens mit den Fotografien Friedmans ist Parallele und Gegenstück zugleich zu dem Buch Scherbakowas. Auch hier sind das Grundthema die Tod und Elend bringenden Lager der Sowjetzeit, auch hier ist die Ausstattung zwar keineswegs charmant, aber so schrecklich-großartig, dass man in Zweifel gerät, ob dieser künstlerische Höhepunkt dem Tiefpunkt des Gegenstandes angemessen ist. Jedoch kommt man auch hier zu dem Schluss, dass das Ganze passender kaum sein kann. Inhaltlich geht es um die Art und Weise, in der im heutigen Russland mit der Erinnerung an die Sowjetlager in dem Sinne umgegangen wird, dass sie über das Museal-Archivierende hinaus für das heutige öffentliche Leben fruchtbar wird, also für das, was Erinnerungskultur oder Gedächtnispolitik genannt wird.

Ausgangspunkt ist das Schicksal Raoul Wallenbergs, desjenigen schwedischen Diplomaten, der gegen Ende des zweiten Weltkrieges in Budapest versucht hatte, Juden vor der Vernichtung durch NS-Deutschland zu bewahren, von der Sowjetunion entführt wurde und seitdem verschwunden ist; seit damals wurde unablässig versucht, zunächst ihn zu retten, schließlich überhaupt über sein Schicksal Auskunft zu bekommen – denn dass er tot ist, ist wegen des Zeitablaufs klar, es geht nur noch um Zeit, Ort und Umstände seines Todes. Wegen des ableugnenden, dann ausweichenden und unterschiedliche Versionen nennenden Verhaltens der sowjetischen, jetzt russischen Behörden gibt es bis heute keine sichere Erklärung. So ausführlich über Wallenberg zu sprechen – im Buch und in der vorliegenden Besprechung – ist aber nur dadurch gerechtfertigt, dass sein Schicksal beispielhaft für unendlich viele andere Opfer der Sowjetunion steht. Das ist dann auch hinsichtlich des heutigen Russland der Fall, also in dem des früheren Staatssicherheits-Offiziers Putin. Nach dem großen Aufschwung, den die Erinnerungskultur unmittelbar nach dem Sturz des Kommunismus genommen hatte, wird sie heute immer mehr eingeschränkt.

All das wird handgreiflich gemacht durch die ergreifende Schilderung von Leben und Sterben von Opfern sowie durch die grandiosen Schwarzweiß-Fotografien – in Auswahl auf dem gesamten Gebiet Russlands: Orte mit den Namen Magadan, Kolyma, Weißmeerkanal, Solowki-Inseln; Workuta fehlt. Zu sehen sind Reste der Lager, trostlose Wälder im Schnee, Reste und teilweise Wiedererrichtung von Skulpturen von Sowjetführern – einen Stalinkopf sieht man nur einmal von hinten, aber auf einem Hinrichtungsbefehl sind die Hammer und Sichel darstellenden ersten beiden Buchstaben seiner und die ganze Unterschrift Molotows zu erkennen. Ja, die Kunst hat hier nur eine dienende Rolle, aber sie dient dem Gedächtnis an grausam Umgekommene – und hat doch ihren Eigenwert.

 

Oliver Dürkop / Michael Gehler: In Verantwortung. Hans Modrow und der deutsche Umbruch 1989/90. Studien Verlag Innsbruck 2018, 584 S., gebunden, ISBN 978-3-7065-5699-6. € 49,90.

Kenntnislose und nur oberflächlich informierte Autoren – der eine Professor der Zeitgeschichte in Innsbruck, dann Hildesheim, der andere Kanzleiberater, der seine Ausbildung an der Hochschule Magdeburg-Stendal genossen hat – legen ein ungewöhnlich ärgerliches und skandalöses Buch vor. Diese Gespräche mit Hans Modrow, dem letzten SED-Ministerpräsidenten der DDR, sind voller unbegreiflicher Sachfehler, schiefer Fragestellungen und regelrecht falschen Aussagen. Aber schnell zur Sache, in der Hoffnung, dass zunächst die Vorlage einiger Sachfehler nicht nur Ärger, sondern auch etwas Heiterkeit vermitteln möge, einschließlich der für die Fragesteller unendlich peinlichen Tatsache, dass Hans Modrow gelegentlich, offenbar reflexartig, sofort Korrekturen anzubringen genötigt ist. Man traut seinen Augen kaum, wenn man die im Brustton vorgetragene Aussage des Zeithistorikers Gehler lesen muss, „Die NVA-Helme waren die gleichen wie die der Deutschen Wehrmacht“ (Modrow: „Das stimmt nicht“) – dieser Wissenschaftler hat offensichtlich nie auch nur ein Foto dieser Soldaten zu Gesicht bekommen. Das Amt des West-Berliner Regierungschefs nennt er „Regierender Oberbürgermeister“, und derselbe Fachmann meint, bei der Leipziger Demonstration vom 9. Oktober 1989 habe „Kasernierte Volkspolizei“ in Bereitschaft gestanden (Modrow: Es gab sie „schon 1955 nicht mehr“). Nur noch schlimm ist, wenn Gehler meint, Honeckers Besuch in der Bundesrepublik sei ein „Deutschland-Besuch“ gewesen und sich zwar von Modrow korrigieren lassen muss („Auch die DDR war Deutschland“), was aber nur zur Folge hat, dass Gehler jetzt hilflos von der „Republik Deutschland“ stammelt, dass aber nach ein paar Seiten Modrows Besuch in Stuttgart, nun vom anderen Interviewer Dürkop, fröhlich weiter „Deutschland-Besuch“ genannt wird – jetzt schweigt Modrow, wohl aus Resignation.1 Modrow kann auch rücksichtsvoll-milde sein, so, als Dürkop von „Polizei-Hundertschaften“ spricht und sich anhören muss, „Falls Sie die ‚Kampfgruppen‘ meinen“, oder gar, wenn Modrow seinen Gesprächspartnern Elementares aus der Staatsbürgerkunde beizubringen hat: Sie dürften die Gewichtung der hohen staatlichen Ämter in der Bundesrepublik nicht mit der der DDR gleichsetzen, denn dort sei der Bundeskanzler das wichtigste Amt, erst dann komme der Bundespräsident, und in der DDR seien das der Generalsekretär der Partei und erst dann der Staatsratsvorsitzende. Oder, schnell und präzise zu einer falschen Zahl „Da irren Sie“, und schließlich wieder gutmütig in Bezug auf laienhafte Vorstellungen vom Umgang mit der sowjetischen Politik: „Naja, wollen wir mal die Kirche im Dorf lassen.“

Weitaus häufiger, folgenreicher und fataler wirkt sich die Inkompetenz der beiden als Fachleute agierenden Amateure bei historisch-fachlichen Gegenständen aus. Das ist besonders da sichtbar, wo bei unvollständigen oder unzutreffenenden Aussagen Modrows nicht nachgefragt wird, aus der Fülle der Beispiele hier eine Auswahl. Bei der Mitteilung, Modrows Eltern und Geschwister hätten in der Bundesrepublik gelebt, hätte sofort gefragt werden müssen, wie sich das denn mit seiner SED-Karriere vertragen habe, denn eine solche „West-Verwandtschaft“ war ein absoluter Ausschließungsgrund. Modrow hätte das gar nicht bestritten, sondern hätte darauf geantwortet, wie er es an anderer Stelle getan hatte, dieses Manko sei durch seine intensiven Kontakte zur sowjetischen Partei und zum Komsomol ausgeglichen worden. Hier aber war den Interviewern nichts aufgefallen, so dass sie nicht nachfragten und Modrow nicht antworten musste.

Weiter hätte den Fragern irgendwann einmal auffallen müssen, dass Modrow die DDR-Staatssicherheit ständig als Geheimdienst bezeichnet und sie auf dieser Basis mit westlichen Nachrichtendiensten verharmlosend vergleicht – natürlich hat keiner der beiden Experten gemerkt, dass damit der Charakter der Staatssicherheit als Geheimpolizei vertuscht wird, die verhaftete, verhörte, Gefängnisse unterhielt und politische Strafprozesse vorprogrammierte. Nichts ist ihnen aufgefallen. Womöglich zu subtil ist für die Fragenden die listige Formulierung Modrows – und der SED überhaupt –, West-Berlin habe auf – statt teilweise neben – dem Territorium der DDR gelegen. Auch hätte selbst der Harthörigste bei der Behauptung Modrows protestiert, die Vereinigung KPD-SPD sei „nicht von außen gezwungen“ gewesen, sondern habe einem „inneren Zwang“ gehorcht – Modrows Bemerkung ist ein gutes Beispiel für Hermann Webers Formulierung, diese Vereinigung sei nicht nur eine Zwangsvereinigung, sondern auch eine Betrugsvereinigung gewesen.

Nein, Modrow musste auch in den folgenden Fällen keinen ernsthaften Widerspruch befürchten, über die hier, immer noch in Auswahl, abgekürzt berichtet werden soll. Die Fluchtbewegung 1961 habe kaum politischen Charakter gehabt, es habe sich um Wirtschaftsflüchtlinge gehandelt, die gar nicht mittels Mauer sondern einfach durch Übergang des Flugverkehrs in DDR-Regie hätten gestoppt werden können; der 17. Juni sei durch die Politik der Sowjetunion entstanden, Modrow kann es sich leisten, über den von Ulricht 1952 verkündeten planmäßigen Aufbau des Sozialismus zu schweigen; die Erhöhung der Arbeitsnormen sei „vorm 17. Juni korrigiert“ worden – eben nicht, und das war der Auslöser, aber das wissen die Interwiewer ja nicht; Ungarn sei die Grenzöffnung von Kohl mit viel Geld abgekauft worden, kein Wort über die darauf hintreibende innere Entwicklung in Ungarn. Oder wird Modrow durch das Vorstehende Unrecht getan? Saß ihm ein wenig der Schalk im Nacken, so dass er ausprobieren wollte, wie weit er bei harmlosen Zeitgenossen gehen könne? Nun muss man allerdings zu Modrows Gunsten sagen, dass es ihm sehr leicht gemacht wurde, ungehindert von kritischen Nachfragen aus sich herauszugehen; insofern ist das Buch, entgegen der Absicht der Autoren, interessant. Es zeigt, wie sehr Modrow bei aller häufig zu bemerkender Nachdenklichkeit und Offenheit weitaus fester der SEDSichtweise verhaftet ist als man sonst meinen möchte. Immerhin verteidigt er überraschend leidenschaftlich Walter Ulbricht,2 den er für einen Reformator und den einzigen Staatsmann hält, den die DDR hervorgebracht habe, was natürlich auch als Gegensatz zu Honecker gemeint ist. Auch dürfte das Buch in vielen Details, insbesondere in Bezug auf die Vorgänge der Jahre 1989/1990 Neues bieten, bei deren Bewertung allerdings angesichts der gerade geschilderten Fälle von unzutreffenden Behauptungen große Vorsicht angebracht ist.

Zum Schluss ein fast versöhnliches Wort, für Modrow. Bei aller Reserve, die seinen Tatsachenbehauptungen gegenüber angebracht ist, scheinen Nachdenklichkeit und Offenheit doch dann Wesenszüge von ihm zu sein, wenn sie nicht durch parteiliches Denken und dessen Schablonen verbogen werden. So berichtet er mehrfach und ohne antifaschistische Stereotype über seine Zeit bei der Hitlerjugend, wo er es immerhin bis zum Scharführer gebracht hatte. Auch scheint es ihn mit Stolz zu erfüllen, dass er ein Pommer ist, und das ist insbesondere dann bemerkenswert, wenn man genau hinsieht, aus welchem Teil Pommerns er stammt. Nicht aus Hinterpommern wie Krenz, der aus Kolberg ist, sondern aus einem ganz spezifischen Teil Vorpommerns: Sein Heimatdorf Jasenitz liegt westlich von Stettin, also westlich der Oder, und wenn es mit der OderNeiße-Grenze ernst gemeint gewesen wäre, lägen Stettin und Jasenitz im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. War es aber dann nicht, wenn es sich um den Besitz einer großen Hafenstadt handelte. ˜

Prof. Dr. Wolfgang Schuller (ws) ist Althistoriker und Volljurist.1976 folgte er einem Ruf als Ordinarius an die Universität Konstanz, wo er bis zu seiner Emeritierung Anfang 2004 als Lehrstuhlinhaber für Alte Geschichte blieb. 

wolfgang.schuller@uni-konstanz.de

1 Stefan Zweigs Sternstunden der Menschheit heißen Sternstunden der Weltgeschichte, und dass nicht zwischen Referenz und Reverenz unterschieden wird, überrascht natürlich nicht.

2 Ulbrichts Fistelstimme sei auf eine Erkrankung in der Kindheit zurückzuführen.

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