Politik, Sport

Fußball, Nationalismus und Politik oder Wie ungerecht doch diese Welt ist!

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2020

 

Daniel Cohn-Bendit mit Patrick Lemoine, Unter den Stollen der Strand. Fußball und Politik – mein Leben. Aus dem Französischen von Frank Sievers, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2020, 270 S., ISBN 978-3-462-05263-3, € 22,00

Seit einigen Jahren wächst der Markt für Sport- und insbesondere für Fußballbücher stetig. Nun hat auch einer der führenden Politiker der Grünen, Daniel Cohn-Bendit, seit dem Mai 1968 als „Studentenführer“ in Frankreich als „Roter Dany“ bekannt, seine Liebe zu diesem Sport ausführlich erläutert. Der Titel erinnert an den damaligen Slogan „Unter dem Pflaster liegt der Strand“. Herausgekommen ist ein teilweise irrationales und bisweilen wenig reflektiertes Buch, gekennzeichnet von Pauschal- und Vorurteilen sowie Stereotypen. Zwar müht er sich und betont immer wieder, er wolle nun seine Vorurteile und seine negative Einstellung gegenüber dem deutschen Fußball ablegen, aber dennoch wird diese Ablehnung, die er selbst manchmal auch als „Hass“ bezeichnet, immer wieder deutlich. Beim Fußball, so heißt es auch in einem Artikel über ihn in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 16. Februar 2020, sei er „immer gegen Deutschland“. Diese Abneigung hat, wie deutlich wird, sicherlich ihre Gründe darin, dass Cohn-Bendits Eltern aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Frankreich fliehen mussten und als Juden verfolgt wurden (S. 10). Sie mutet dennoch nach einem so langen Leben in Deutschland ein wenig befremdlich an, insbesondere für einen Politiker, der sehr viele Jahre im Europa-Parlament saß und doch für die europäische Einigung eintreten sollte. So bleibt denn der ehemalige französische Nationalspieler Michel Platini, eine Zeitlang Präsident der UEFA, wegen Verwicklung in undurchsichtige Zahlungen von seinem Amt entbunden, einer seiner Helden, während Franz Beckenbauer, möglicherweise auch in solche dubiosen Geschäfte verwickelt, eher die Rolle des Schurken zukommt.

Cohn-Bendit erzählt im Grunde die Geschichte des europäischen Fußballs seit der Weltmeisterschaft 1954 bis in die Gegenwart und schildert darüber hinaus seine besondere „Liebe“ zum brasilianischen Fußball. Da wir in etwa gleichaltrig sind, Cohn-Bendit wurde 1945 geboren, ich vier Jahre später, teilen wir im Großen und Ganzen diese rund sechs Jahrzehnte Fußballerfahrung. Da zeigen sich aber doch die ein oder anderen Unterschiede, die sich an den unterschiedlichen Lebensläufen festmachen lassen. Manches allerdings setzte mich von Anfang an in Erstaunen, dazu gehört eine gewisse Unkenntnis des europäischen und insbesondere des deutschen Fußballs in dieser Zeit. Schon eingangs, nachdem er die polnische Nationalmannschaft aus Solidarno´s ´c-Zeiten (1970/1980er Jahre) verklärt hat, schreibt er, er kenne außer Robert Lewandowski keinen anderen aktuellen polnischen Spieler. Längere Zeit spielte Lewandowski, bevor er von Dortmund zu Bayern München wechselte, dort mit den polnischen Nationalspielern Łukasz Piszczek und Jakub Błaszczykowski zusammen. Daran könnte man sich auch als Anhänger von Eintracht Frankfurt erinnern.

Für einen Fußballfan erstaunlich finde ich auch sein offensichtliches Desinteresse an der im Fußball doch fast stets gegenwärtigen Taktik. Dazu bemerkt er an einer Stelle, seine Lieblingstaktik sei die des „Chaos“. Das erste Spiel, das er ausführlicher erwähnt, ist das Finale der Weltmeisterschaft in der Schweiz, als sich am 4. Juli 1954 der Favorit Ungarn und der Außenseiter Bundesrepublik Deutschland gegenüberstanden. Ich lasse es einmal dahingestellt, ob dieser Sieg der bundesdeutschen Mannschaft im kollektiven Gedächtnis „einer der Grundpfeiler“ der Identität der BRD darstellte und ob die Spieler „mehr oder minder als Proleten“ galten (S. 32f.). Zur Identitätsfrage gibt es seit 2004 eine Fülle an Literatur, die meist zu anderen Ergebnissen kommt. Da es, wie zutreffend bemerkt, damals in der BRD noch keinen Profifußball gab, gingen die Spieler „offiziell“ einer Beschäftigung nach, bei der es sich aber zumeist um eine „Scheinbeschäftigung“ handelte. So war der zweifache Torschütze im Finale, der Essener Helmut Rahn, wie mindestens die halbe Mannschaft von Rot-Weiß Essen, in der Firma des Präsidenten beschäftigt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Rahn übrigens, von dem Cohn-Bendit meint, er habe schon in den 1930er und 1940er Jahren für die deutsche Nationalmannschaft gespielt, ist Jahrgang 1929, war also bei Kriegsende gerade einmal 16 Jahre alt und absolvierte sein erstes Länderspiel als 22-Jähriger im November 1951. Und noch eine Anmerkung zu diesem Finale, weil der Autor auch den 6:3-Sieg der Ungarn im November 1953 im Londoner Wembley-Stadion erwähnt, den ersten Sieg einer ausländischen Mannschaft dort, wenn man von den Schotten 1928 absieht. Dieser Sieg der bundesdeutschen Mannschaft war ein Triumph der Taktik und nicht der der kleinen Ampullen und der gerade von Adolf Dassler „erfundenen“ Stollenschuhe. Sepp Herberger, der Trainer der Mannschaft, hatte nämlich als einer der wenigen die neuartige Taktik der Ungarn durchschaut. Sie spielten mit einer hängenden Spitze oder einer „Falschen Neun“, wie man heute sagen würde. Der nominelle Mittelstürmer Nándor Hidegkuti (sein Vater hieß noch Kaltenbrunner) ließ sich immer wieder ins Mittelfeld zurückfallen, so dass seine Stürmerkollegen mehr Raum hatten, und er plötzlich in die entstehenden „Lücken“ vorstoßen konnte. Herberger ließ Hidegkuti deshalb wechselseitig von den damals sogenannten Läufern Werner Liebrich und Horst Eckel beschatten, um ihn aus dem Spiel zu nehmen und eine ebenso enge Beschattung bekam auch der große Star der ungarischen Mannschaft Ferenc Puskás. Zudem hatte Herberger in der ersten Begegnung mit den Ungarn eine B-Elf auflaufen lassen, die von den Ungarn mit 8:3 vom Platz gefegt worden war. Soweit zur Taktik, von der man als Neunjähriger, als Cohn-Bendit das Spiel gesehen hat, nichts verstehen muss, aber man kann sich doch später einmal kundig machen, um mehr zu wissen als ein Kind.

Nicht besonders viel hält Cohn-Bendit von deutschen Trainern und Spielern bis zur Elf aus den letzten drei Weltmeisterschaften von 2010 bis 2018. Helmut Schön, gemeinsam mit Joachim Löw der erfolgreichste Bundestrainer, ist ganz nett, aber ohne Durchsetzungsvermögen und lässt spätestens nach der Niederlage gegen die DDR bei der WM 1974 Beckenbauer die Mannschaft aufstellen. Das ist völlig falsch. In diesem Kontext nicht uninteressant ist die Tatsache, dass Cohn-Bendit einen der besten deutschen Fußballer jener Zeit, den Mittelstürmer Gerd Müller, kaum einmal erwähnt, der vom Fußball mindestens so viel verstand wie Beckenbauer und intern seine Meinung auch im Kreis der Nationalmannschaft durchaus zu Gehör bringen konnte.

Von den deutschen Spielern jener Zeit hebt Cohn-Bendit vor allem den extravaganten Gladbacher Günter Netzer hervor. Seit der Schriftsteller Ludwig Harig den Spieler mit der blonden Mähne aus der „Tiefe des Raumes“ kommen ließ, ist Netzer die „Lichtgestalt“ der Intellektuellen und Linken-Szene, auch wenn er Ferrari fuhr und die Diskothek „Lover’s Lane“ betrieb. Seine „ungewohnten“ Aktivitäten außerhalb von Spiel und Training, seine Nähe zum gehobenen „Kulturbetrieb“ machten ihn zu einer Ausnahmeerscheinung, aber deshalb spielte er keineswegs einen „linken“ Fußball, sondern einen schönen Fußball, aber das ist für Cohn-Bendit, wie noch zu sehen sein wird, gleichbedeutend.

Irgendwie lustig ist dann seine Interpretation der Spielweise der deutschen Mannschaft bei der Europameisterschaft 1972, die er als „Ramba-Samba“ bezeichnet. Die „BildZeitung“ jedoch hatte den Stil als „Ramba-Zamba“ charakterisiert. „Samba“, so Cohn-Bendit stünde für das Brasilianische im Spiel der Deutschen. Die Spielweise bestand jedoch darin, dass der Libero, Franz Beckenbauer, mit dem Spielmacher, Günter Netzer, bisweilen die Rollen tauschte. Dies hatten Beckenbauer und Netzer schon in der Juniorennationalmannschaft praktiziert, deren Trainer übrigens Helmut Schön war. Netzer spielte so auch bei Borussia Mönchengladbach mit „seinem“ Libero Jürgen Wittkamp. Es gäbe noch eine ganze Menge zu kommentieren, beginnend mit falschen Zitaten von Karl Marx (S. 145) oder mit Cohn-Bendits Behauptungen über das Spiel von Ajax Amsterdam und der niederländischen Nationalmannschaft. Dies sei, so erklärt es Cohn-Bendit, im Grunde die Weiterführung einer ersten soziokulturellen Bewegung, die Anfang der 1960er Jahre mit der englischen Popmusik begonnen habe. Aus dem Slogan „Sex, Drugs and Rock’n Roll“ (sic!) sei in den 1970ern dann „Sex, Drugs, Football and Rock’n Roll geworden“ (S. 151). Nun stammt der Liedtitel „Sex and Drugs and Rock and Roll“ von Ian Drury and the Blockheads allerdings erst aus dem Jahre 1977, und da hatte die englische Rockmusik längst ihre Unschuld verloren, und Ajax Amsterdam war langsam auf dem absteigenden Ast. Ich frage mich auch, warum denn die englische Nationalmannschaft nicht wie die Rolling Stones, Led Zeppelin oder wenigstens wie die Beatles, zumindest der FC Liverpool, spielten, also entfesselter, aber sie spielte allerhöchstens wie Cliff Richard, gegen den ich damit nichts gesagt haben möchte.

Danach folgen Ausführungen über „linken und rechten Fußball“. „Linker Fußball“ sei, das stammt von dem argentinischen Weltmeistertrainer César Luis Menotti, den ich für klüger gehalten hätte, „dass man am Ende mehr Tore geschossen als kassiert hat“ (S. 151). Das könnte auch von Hans „Hennes“ Weisweiler, dem langjährigen Meistertrainer von Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln stammen, der lieber 6:5 als 1:0 gewann. Der war im Fußball durchaus modern und offensiv, aber ansonsten ein eher konservativer Mensch. Ich kenne offensiven und defensiven, guten und schlechten, schönen und hässlichen, erfolgreichen und erfolglosen Fußball, aber unter linkem und rechtem Fußball kann ich mir überhaupt nichts vorstellen. Das ist eine politische Konstruktion zur Beruhigung von Linksintellektuellen, die sich samstags kapitalistischen Erstligafußball im Stadion anschauen.

Es folgt ab Seite 145 der politische Teil, in dem auch – politisch korrekt – der Frauenfußball nicht fehlen darf. Verwunderlich und merkwürdig sind Cohn-Bendits Ausführungen zur „Völkerpsychologie“ der „britischen Seele“ (S. 69), zu der ich gerne einmal einen Waliser befragen würde, und der Italiener, die sowieso einen „verachtenswerten“ Fußball spielen (S. 72 und öfter). Auf diesen Seiten findet sich auch häufiger die Kategorie „Wahnsinn“ (S. 167) zur Beschreibung und Analyse politisch-sozialer Sachverhalte. Bisweilen schon belustigend fand ich die Bemühungen, Zusammenhänge zwischen politischen Systemen und der Art des Fußballs herzustellen. So herrschte in Osteuropa vor der Wende 1989/90 das Reich des Kollektivismus, in dem ein entsprechender Fußball gespielt wurde. Warum, so könnte man fragen, wurde die „großartige“ polnische Mannschaft, die ja nun auch zu diesem „Reich des Kollektivismus“ gehörte, sowohl 1974 als auch 1982 (S. 168) jeweils Dritter bei den Weltmeisterschaften, hat aber weder vor- noch nachher irgendetwas zustande gebracht? Gründe dafür werden nicht genannt. Auch in der DDR soll ein solcher Fußball gespielt worden sein. Dabei verfügte diese Mannschaft vor wie nach ihrer einzigen WM-Teilnahme 1974 über herausragende Einzelkönner wie den Jenenser Peter Ducke, wegen seiner Haarfarbe als „Schwarzer Peter“ bekannt, den der großartige Pelé zu den weltbesten Stürmern zählte. Vielleicht erinnert sich Cohn-Bendit noch daran, wie viele DDR-Fußballer sehr rasch nach 1989/90 bei Vereinen im Westen spielten und mit dem „neuen“ System kaum irgendwelche Schwierigkeiten hatten. Kollektivistisch waren höchstens die Vereins- und Verbandsfunktionäre.

Als Osteuropahistoriker halte ich die Behauptungen, dass in der UdSSR nach ethnischen Gesichtspunkten geheiratet wurde oder dass der Titoismus eine jugoslawische Nation hervorgebracht habe, für Mythen. Der Titoismus war am Todestag des Marschalls bereits Vergangenheit. Ein umfangreiches Lektorat hätte dem Buch so gutgetan wie seinerzeit „ein Tor in Madrid“. Es ist ein wunderbares Beispiel für die unter Fußballfans weit verbreitete Irrationalität, die auch im fortgeschrittenen Alter nur geringfügig nachlässt. Darauf – nach fast 66 Jahren als Anhänger des Vereins – ein kräftiges „Fortuna 95 olé, olé und nochmals olé“! ˜

Prof. em. Dr. Dittmar Dahlmann (dd), von 1996 bis 2015 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Rheinischen FriedrichWilhelms-Universität Bonn, hat folgende Forschungsschwerpunkte: Russische ­Geschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Wissenschafts- und Sportgeschichte sowie Migration.

ddahlman@gmx.de

 

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