Musik

FÜR HEAVY METAL FANS

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2023

Scheller, Jörg / Neuffer, Jochen, MAKE METAL SMALL AGAIN. 20 Jahre Malmzeit, W. Kohlhammer, Reihe: Metalbook, Vol. 2, Stuttgart 2023, ISBN 978-3-17-043435-6, 191 S., € 20,00.

    Ein Tipp für Kaufinteressenten vorab: Schaut Euch die Jungs vorher bei Youtube an (z.B. https://www.youtube.com/watch?v=PwXB5RTS7KI oder https://www.youtube.com/watch?v=g-NBXZ3_9wg)! Auch wenn es sich dem eigenen Bekunden nach um eine Metalband handelt: Wer ein pantagruelisches Auftreten in schwarzem Leder sowie ein dazu passendes Bühnen-Outfit erwartet, wird enttäuscht sein. Malmzeit spielt im Sitzen (!), gut gekleidet und von Zeit zu Zeit führt man die Teetasse – und nicht die Whiskyflasche – zum Mund. Unzählige Fans sucht man auch vergebens, der gesittete Zuhörerkreis ist überschaubar. Gerade deshalb ist das Büchlein durchaus interessant, beleuchtet es doch eine Szene, von der man gemeinhin nichts weiß – Kammermetal! Das Thema der Songs ist überschaubar wie die Band: Es geht um das Wetter; schon das dürfte ein Alleinstellungsmerkmal sein in einer Szene, welche einem abgedroschenen Spruch zufolge dem Dreigestirn „Sex and Drugs and Rock`n Roll” (Ian Dury lässt grüßen) fröhnt.

    Die Autoren Jörg Scheller (aka Earl Grey) und Jochen Neuffer (aka Sumatra Bop) sind Malmzeit und präsentieren ihren Heavy-Metal-Lieferservice; letzteres deshalb, weil die Band wie Pizza zu den Konsumenten kommt und nicht umgekehrt. Das Duo spielt auf Dorffesten, Vereinsfeiern, Partys und ähnlichen Meetings – also gerade nicht in großen Stadien und Hallen mit tausenden Plätzen. Das Buch ist die Biografie der Band oder wie es in der Einleitung heißt: die „Midlife-Memoiren”; ein Stück eigene Lebensgeschichte eben. Gegliedert ist das Werk nach Jahren: Es beginnt 2003 und endet 2023 (strenggenommen sind das einundzwanzig Jahre; also keine zwanzig, wie der Titel suggeriert). Man erfährt also das Wesentliche über Malmzeit von Anfang an. Naturgemäß macht sich der Leser auf die Suche nach der Genese des Bandnamens – und wird enttäuscht. Earl Grey und Sumatra Bop wissen es nicht, haben es vergessen oder wussten es auch nie (S. 20). Auch die Resonanz auf die ersten gemeinsamen Klangversuche war eher deprimierend. Ein Kritiker schrieb im Jahre des Herrn 2004 auf powermetal.de: „Es gibt strunzöden Muffelmetal in einer bemerkenswert beschissenen Soundqualität …“ und so weiter (S. 33). Da liest man schon deshalb gerne weiter, will man doch erfahren, warum das Duo den im selben Zusammenhang sicherlich gut gemeinten Rat, „es doch bitte einfach sein zu lassen” ignoriert hat. Die Eye-Catcher der folgenden Jahre lassen einiges erahnen: „Auf Tour in der Comicszene” (2005), „Müllmusik für wenig Kohle” (2006), „Spargelparty from Hell” (2007) bis hin zu „Metal auf der Manga-Messe” (2008). Immerhin deutete sich in letzterem Jahr eine Abkehr von Sonne und Regen hin zu „traditionellen” Metaltexten an, wenn ein Entwurf mit „Sacred Porn Star” (S. 68) betitelt wurde. 2009 und 2010 passierte nicht viel, „Unplugged unter Strom” (2011) weckt dann wieder schon vom Titel her das Interesse. Als Vorbote der gegenwärtig aktiven Straßenkleber kommt Malmzeit dann im Jahre 2012 mit „Metal gegen die Klimakrise” daher, freilich droht ein Jahr später (2013) anlässlich des ersten überstandenen Dezenniums schon die „Verbürgerlichung”. Dass Malmzeit dem „anarchischen Streben nach Autonomie” wohlgesonnen ist (S. 97), erfährt man im Kontext mit der Hausbesetzerszene (2014). Wer wissen will, was „Moshen” bedeutet, besehe sich die Erlebnisse im Jahre 2015. Osteuropa steht 2016 im Fokus (immerhin: nach Schloß Donzdorf geografisch eine Bereicherung) und auch der Mittelstand kommt zu seinem Recht (2017). „Milestone ‘Musealisierung’ erreicht“ heißt das Motto für das nächste Jahr 2018. Nicht viel passiert ist 2019, auch wenn ein Heavy-Metal-Tea-Salon darin eine Rolle spielt. Schon aufregender ging es 2020 zu, zumal man lernt, dass Heavy Metal die einzige Spielart der Popmusik sein soll, die verantwortungsbewusst, geschichtskundig und kontinuierlich auf Krisen aller Art vorbereitet (S. 151). Es soll hier nicht vertieft werden, ob Heavy Metal zur „Popmusik” zählt, eine ernste Auseinandersetzung darüber würde den Autoren nicht gerecht. Ein beschauliches Schweizer Städtchen unweit der deutschen Grenze (wer wissen will welches kaufe sich das Buch) hat 2021 geprägt, „Samowar statt Manowar” lautet das Motto für 2022. Damit wären wir in der Neuzeit (2023) und die „Geriatrisierung” greift um sich.

    Der unkonventionell verfasste und nicht immer (?) ernst gemeinte Text ist mit einer Reihe von Fotografien garniert. Abbildung 1 zeigt das Duo in jugendlicher Frische, die sich auf den folgenden Bildern dann durch die Jahre verliert. Unwillkürlich fallen einem die Leinwände hinter der Bühne ein, auf denen „Faltenrockbands” Ausschnitte aus lange zurückliegenden Tourneen zeigen nach dem Motto: So geil sahen wir mal aus! Immerhin haben beide Vertreter des Genres eines gemeinsam: Es gibt sie über zwei Jahrzehnte und was das Aussehen betrifft, mag die Leserschaft selbst entscheiden. MAKE METAL SMALL AGAIN lautet der Titel des Buches, ob dieser Aufruf Erfolgschancen hat? Nun lautet eine Abschnittsüberschrift in dem Buch von Rosa, When Monsters Roar and Angels Sing. Eine kleine Soziologie des Heavy Metal (2023): „Konzertbeginn und Konzertende als Epiphanien“. Ob Earl Grey und Sumatra Bop das auch so sehen?

    Fazit: Das Buch können sich Heavy Metal-Fans und an dieser Musikrichtung Interessierte natürlich selbst kaufen. Nun ist es freilich so, dass – das dürfte keine Fehleinschätzung sein – vor Anlässen wie Weihnachten oder Geburtstagen sich häufig die Frage stellt: „Was schenke ich?“ Ab einem gewissen Lebensalter, wenn Frau bzw. Mann schon alles hat, tut man sich da eher schwer. Deshalb mein Tipp: das Buch verschenken – und sei es anstatt von Socken. Bei einem Heavy Metal-Fan kann man da nicht viel falsch machen. Zumindest lernt er/sie mal eine andere Seite der von ihm/ihr geliebten Musikrichtung kennen; und sei es nur, dass es sich bei Heavy Metal eigentlich um schlichten Pop handelt. (cwh) ˜

    Prof. Dr. Curt Wolfgang Hergenröder (cwh), Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Arbeits-, Handels- und Zivilprozessrecht, Johannes Gutenberg-Universität, Fachbereich Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Deutsches, Europäisches und Internationales Arbeits-, Insolvenz- und Zivilverfahrensrecht.

    cwh@uni-mainz.de

     

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