Kolumne

Familien-Slang

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 4/2017
Matthias Kröner

Im Wartezimmer einer Zahnarztpraxis habe ich – vor gefühlt siebenhunderttausend Jahren – in der BRIGITTE gelesen, dass jeder seine eigene Liebessprache hat. Diese Beobachtung (die vermutlich irgendwo aus der Weltliteratur zusammengestohlen wurde) ist stark und gut, doch eindeutig zu kurz gegriffen. Nicht nur Liebende pflegen ihren eigenen Slang, auch Familien tun das.

Lennard (3) befindet sich gerade in einer Phase, in der er alles, was er wahrnimmt, in Worte fasst. Mit einem Satz: Er quasselt in einer Tour. Die Tochter eines guten Freundes wurde von ihren Eltern, als sie ähnlich drauf war, als „ARD“ bezeichnet: Alva redet dauernd. So kreativ sind wir nicht, umso einfallsreicher zeigt sich unser jüngster Sohn.

Eine Verletzung, die mit einem kleinen Blutstropfen einhergeht, wird von ihm als „Blutaua“ beschrieben. Mit der Folge, dass er zu weinen aufhört und über das neue Wort nachsinnt.

Eine Libelle ist für Lennard eine „Fliegerbelle“ – womit die Schönheit dieses Insektenfliegers schnörkellos auf den Punkt gebracht ist. Doch besonders gern mag ich Lennards „dropsdem“. Wenn ich meinem kleinen Sohn erkläre, wie schwierig es ist, sich seinen eigenen Kakao zuzubereiten, schaut er mich an – und sagt: „dropsdem.“

Was soviel heißt wie: „Papa, dieser Drops ist für mich nicht gelutscht, denn ich will die Milch in meine Tasse gießen, von dort dem Milchtopf übergeben, den mit Milch gefüllten Pot zum Herd schleppen, den Herd einschalten, warten, bis die Milch warm ist, die Herdplatte wieder ausschalten, den Topf mit der erwärmten Milch zum Tisch bringen und mir einschenken.“ Ich weiß, scheint er zwischen den Buchstaben noch hinzuzufügen, ich werde sehr viel verschütten und aller Wahrscheinlichkeit nach werden auch meine Hose und mein Pullover nass werden, aber „Ich bin ein Selber-Künstler“. Ich schmelze dann dahin, wische ihm hinterher und hole neue Klamotten. Lennard ist eben ein Selber-Künstler. Da kann man nichts machen. Würde man ihn lassen, würde er auch ein Flugzeug fliegen. Oder operieren. Das ist kein Problem für den Selber-Künstler.

Auch Emil (7) befand sich mit drei Jahren in einem ähnlich explosiven Sprachmodus. Ein Luftballon war für ihn ein „BongZong“ – worunter ich mir einen sehr prallen, bis zum Zerbersten mit Luft gefüllten Ballon vorstellte, der beinahe von alleine schwebt: so viel Selbstbewusstsein, wie er ausstrahlt. Nachbarn bezeichnete er konsequent als „Naphtern“, was – da wir damals als einzige Familie in einem Mehrfamilienhaus wohnten – wunderbar passte. Alle waren gegen uns, weil sich Emils Schlafgewohnheiten nicht an die Schlafgewohnheiten der anderen Mieter anpassen wollten. Naphtern (gesprochen „Naftern“), dachte ich mir dann, wenn sie wieder einmal an unserer Türe klingelten (weil sie längst vergessen hatten, wie ihre eigenen Kinder waren): Naphtern, das klingt wie eine Krankheit. Haben Sie auch Naphtern? Es muss ein bedauernswerter Zustand sein; wie den Norovirus in sich zu tragen. – Ein Glück, dass wir heute Nachbarn haben.

Matthias Kröner, 1977 in Nürnberg geboren, lebt und arbeitet seit 2007 als Autor, Journalist, Redakteur und Kolumnist in der Nähe von Lübeck. Seine subjektiv verfassten Reiseführer „Lübeck MMCity“ und „Hamburg MM-City“ (Michael Müller Verlag) sind Sparten-Bestseller. 2014 erschien sein Erzählband „Junger Hund. Ausbrüche und Revolten“ (Stories & Friends Verlag). 2016 kam sein erster Mundart-Gedichtband „Dahamm und Anderswo“ bei ars vivendi heraus.

matthias.kroener@gmx.de

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