Fotografie

Facettenreich!

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2021

Fotografinnen an der Front. Von Lee Miller bis Anja Niedringhaus / Hrsg. und Red. Anne-Marie Beckmann und Felicity Korn. München: Prestel, 2019. 223 S. ISBN 978-3-11-068863-4, € 35.00

Die wichtigsten Erkenntnisse dieses bemerkenswerten großformatigen Ausstellungskataloges:„Entgegen der weitläufigen Vorstellung, die Kriegsfotografie sei ein von Männern dominiertes Berufsfeld, gibt es eine lange Tradition von in Kriegsgebieten tätigen Fotografinnen. Sie haben mit derselben Selbstverständlichkeit wie ihre männlichen Kollegen Krisen weltweit dokumentiert und unser Bild vom Krieg maßgeblich mitgeprägt. Die Aufnahmen gewähren intime Einblicke in den Kriegsalltag, sie sind Zeugnisse erschütternder Gräueltaten ebenso wie Zeichen der Hoffnung“ (Buchdecke) Die von acht Bildjournalistinnen aus den letzten 80 Jahren präsentierten 140 Arbeiten reichen von den europäischen Konflikten der 1930er und 1940er Jahre bis zu den jüngsten internationalen Kriegshandlungen.

Die Fotoreporterinnen in Krisengebieten sind Gerda Taro (1910–1937), über sie berichtet das fachbuchjournal mit Irme Schaber: Gerda Taro – Fotoreporterin. Mit Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg Marburg, 2013 (fachbuchjournal 5(2013)6, S. 66-67) ausführlich. Es ist das große Verdienst von Schaber, Gerda Taro als Pionierin der modernen Kriegsfotografie zu präsentieren, die mitten im Kampfgeschehen fotografiert und filmt. Der vorliegende Katalog macht deutlich, wie Taro und ihr Lebensgefährte Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg den Kampf der republikanischen Truppen gegen die Putschisten unter General Franco dokumentieren. Mit ihren beeindruckenden Bildern leisten sie einen wichtigen Beitrag zum antifaschistischen Widerstand weit über den Spanischen Bürgerkrieg hinaus. 1937 wird Taro bei einem Angriff der deutschen Legion Condor tödlich verletzt. Lee Miller (1907–1977), erst Mitte der 1980er Jahre als eine der bedeutendsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts durch Nachlassarbeiten ihres Sohnes Antony Penrose wieder entdeckt, wird vom fachbuchjournal mehrfach gewürdigt, beispielsweise durch Becky E. Conekin: Lee Miller. Fotografin – Muse – Model. Zürich, 2013 und Lee Miller: Krieg. Reportagen und Fotos. Mit den Alliierten in Europa 1944-1945 Berlin, 2013 (fachbuchjournal 5(2013)6, S. 65-66) Die glamouröse Modefotografin, die in Paris, New York, Ägypten und London arbeitet, wird von 1942 bis zum Ende des Krieges eine der wenigen Kriegsberichterstatterinnen der US-Army. Sie liefert einmalige Bilddokumente u.a von der Invasion der Alliierten. Der Aufenthalt an Kriegsschauplätzen setzt ihr aber so zu, dass sie zur Modefotografin zurückfindet und Mode als einen Akt des Widerstandes in Szene setzt. Das postume Werk umfasst über 40.000 Fotos.

Catherine Leroy (1945–2006) ist bekannt geworden durch ihre Reportagen und Fotos über den Vietnamkrieg, ihr berühmtestes Bild zeigt einen Marinesanitäter neben einem sterbenden US-Soldaten. Nach dem Ende dieses Krieges berichtet sie u.a. Kriegsschauplätze in Afghanistan, Irak und Iran.

Françoise Demulder (1947–2008) berichtet über viele Krisenorte, darunter Vietnam, Libanon und Kambodscha. Eine ihrer berühmtesten Aufnahmen stammt aus dem Jahr 1976 aus Beirut, es zeigt eine Palästinenserin, die während des Massakers von Karantina vor einem in Flammen stehen Haus einen Phalangisten beschwört. „Das Einzige, was ich tun kann, ist, dem Rest der Welt durch mein Foto zu zeigen, was wirklich passiert ist.“ (S. 103) Christine Spengler (geb. 1945) fotografiert ebenfalls an vielen Krisenorten, im Libanon, in Kambodscha, in Nicaragua, auch in Vietnam, wo sie insbesondere den Alltag von Frauen und Kindern in den bombardierten Städten dokumentiert.

Susan Meiselas (geb. 1948) fotografiert u.a. in Nicaragua und El Salvador, berühmt geworden u.a. durch das Porträt eines Rebellen mit Indio-Maske an einem Stacheldrahtzaun in Nicaragua.

Carolyn Cole (geb. 1961) arbeitet als Kriegsberichterstatterin u.a. im Irak, in Liberia und im Westjordanland. Ihr Motto: „Ich hätte jederzeit gehen können, aber ich bin geblieben.“ (S. 169)

Anlass für die Düsseldorfer Ausstellung ist der Ankauf von über 70 Arbeiten der Fotografin Anja Niedringhaus (1965–2014), die bei einem Einsatz in Afghanistan ermordet wird. Über zwei Jahrzehnte arbeitet sie in Bosnien, im Irak, in Afghanistan, Pakistan, Gaza und Libyen, ihre Bilder zeigen den Krieg schonungslos und ungeschönt, aber in respektvoller Distanz.

Der Band wird eingeleitet mit einer sehr gelungenen Zusammenfassung. Jede Fotografin erhält überdies einen eigenen Beitrag.

Es ist ein großartiger Querschnitt durch 75 Jahre Kriegsberichterstattung aus Fotografinnensicht.

 

Maria Haas, Brigitte Krizsanits, Christina Schlatter: Matriarchinnen. Die drei grössten matriarchalen Gesellschaften. Bielefeld: Kerber, 2021. 161 S. ISBN 978-3-7356-0704-1, € 45.00

Die Fotografin Maria Haas lässt uns teilhaben an ihren Reisen zu den drei größten matriarchal organisierten Gesellschaften: den Mosuo in Yunnanin in China, den Khasi, Garo & Jaintia in Meghalaya in Indien und den Minangkabau in Westsumatra in Indonesien, die letztere ist mit drei Millionen Menschen die größte matrilineare Ethnie in der Welt.

Der Text auf dem Buchrücken bietet die beste Zusammenfassung: „Matriarchale Gesellschaft en sind grundsätzlich egalitär und zeichnen sich durch nicht-hierarchische Sozialstrukturen aus. Die wirtschaftlichen Werte basieren auf Ausgleich und Solidarität, private und politische Entscheidungen werden stets im Konsens getroffen. Somit ist das Matriarchat alles andere als die bloße Umkehr des Patriarchats. Die Matriarchin als Oberhaupt der Familie gibt Anweisung und Rat. Dabei hat sie keine Befehlsmacht inne, sondern genießt vielmehr natürlich Autorität. Für diese Rolle benötigt sie Intelligenz, Führungstalent, integrative

Fähigkeiten sowie ökonomische, politische, familiäre und spirituelle Kompetenzen.“ Mehrere Kriterien müssen erfüllt sein: Erbfolge in der Mutterlinie, Nachkommen bleiben lebenslang in der Muttersippe, alle Güter bleiben in Frauenhand, persönliche Reichtümer gibt es nicht, Überschüsse werden solidarisch verteilt, das Erbe geht an die Töchter. Von den über einhundert Bildern geht eine Faszination aus – Porträts der Familienältesten und anderer Frauen von atemberaubender Schönheit und deren faszinierende Lebenswelt (Häuser mit Inneneinrichtungen, Felder, geflochtene Brücken).

Eine achtunggebietende Reise in Bildern, sparsamer Umgang mit Texten von Christina Schlatter und Martina Haas. Der prächtige, vorzüglich gedruckte Bildband mit Blindprägung des Begriffes Matriarchinnen in Silber auf dem vorderen Buchdeckel und einem Foto der Familienältesten der Mosuo, ein tief zerfurchtes Gesicht, das Würde, Kraft und Lebenserfahrung ausstrahlt.

Ein wunderschöner Bericht über uns sehr ferne Welten.

 

Wir. Fotografinnen am Frauen*streik. Hrsg. Yoshiko Kusano, Caroline Minjolle und Francesca Palazzi für das Kollektiv Frauen*streikfotografinnen. Zürich: Christoph Merian, 2020. 2. Aufl. 139 S. ISBN 978-3-85616-934-3, € 32.00

Zur Vorgeschichte dieses Buches: Beim landesweiten chweizer Frauenstreik am 14. Juni 1991 beteiligen sich Hunderttausende Frauen an verschiedenen Streik- und Protestaktionen, Anlass ist das zehnjährige Bestehen des Verfassungsartikeln „Gleiche Rechte für Mann und Frau“ und deren zögerliche Umsetzung durch die Bundesregierung.

Am 14. Juni 2019 wird ein zweiter, noch machtvollerer Frauenstreik durchgeführt. Im Mittelpunkt stehen die finanzielle Aufwertung und höhere gesellschaftliche Anerkennung der Frauenarbeit. In der medialen Berichterstattung über diesen Tag wird klar, dass die Fotos mit wenigen Ausnahmen von Männern stammen. Die Fotografinnen sind davon überzeugt, dass ihre Bilder eine andere Realität zeigen als die der Fotografen, „sie bilden einerseits diese Bewegung ab, die es weltweit auf die Titelseiten geschafft hatte, andererseits belegen sie, wie in der Schweiz weibliches fotografisches Schaffen aussieht.“ (S. 3) So formiert sich eine Arbeitsgruppe, die etwas Anderes schaffen will. „Unser Buch soll weltoffen sein, buntgemischt und farbenfroh, spritzig und knallig, heiter und engagiert – ganz so, wie es dieser Tag … gewesen ist, und wie wir ihn sahen.“ (S. 3)

Ein Jahr nach diesem zweiten Frauenstreik erscheint genau dieser Fotoband mit 126 Fotografien von 32 Fotografinnen, die den Streik an verschiedenen Orten begleiten – von ländlichen Regionen bis zu den Metropolen. Es ist eine energiegeladene Zusammenstellung von Streikaktionen, Frauengruppen und Frauenporträts aller Generationen, verkleideten Frauen, Frauen auf Traktoren und Frauen auf der Bühne, Frauen, die diskutieren und demonstrieren, immer heiter, „einige tanzten, andere skandierten Slogans, sie sangen oder sie lächelten einfach nur. Dieses Lächeln hat die violette Lebensfreude genährt.“ (S. 9)

Ein historisches Dokument, dazu ein elegantes Buch in Schweizer Broschur mit offener Fadenheftung, das zurecht den Deutschen Fotobuchpreis 2020/21 in Bronze in der Kategorie „Dokumentarisch-journalistischer Fotobildband“ erhält.

 

Andrea Garbald Album / Hrsg. Stephan Kunz Fondazione Garbald. Zürich: Scheidegger & Spiess, 2021. 177 S. ISBN 978-3-03942-052-4, € 29.00

Jahrzehntelang liegt das fotografische Werk von Andrea Garbald (1877–1958) auf dem Dachboden seines Elternhauses und droht in Vergessenheit zu geraten. 1985 entdeckt der Fotograf Hans Danuser die fotografischen Gerätschaften, Originalabzüge und zahlreiche Negative. Zum Vorschein kommen Aufnahmen zum Alltagsleben und Porträt-, Stilleben-, Architektur-, Landschafts- und Gebirgsfotografien.

Wer ist Andrea Garbald? In der vorliegenden Veröffentlichung fehlen leider umfangreichere Angaben zum Leben Garbalds. Der Rezensent entnimmt die folgenden Fakten aus der sorgfältig recherchierten Biografie von Beat Stutzer (Zürich, 2014). Garbald ist der erste Berufsfotograf des Bergells und gleichzeitig auch dessen erster Bildchronist. Er ist der Sohn des naturwissenschaftlich interessierten Zolldirektors von Castasegna, einem Dorf in der politischen Gemeinde Bregaglia im Bergell, Agostino Garbald (1828–1909) und der Schriftstellerin Silvia Andrea (1840–1935, eigentlich Johanna Garbald-Gredig), durch deren Werke sich wie ein roter Faden starke Frauenfiguren ziehen; eine Auswahl wird 2014 erneut herausgegeben. Die vom Ehepaar Garbald in Auftrag gegebene Villa Garbald wird von Gottfried Semper entworfen und ist sein einziger Bau südlich der Alpen. 1899 eröffnet der 22jährige Garbald ein Tageslichtstudio, der Beginn einer erfolgreichen fotografischen Tätigkeit. Er arbeitet später mit seiner Schwester Margherita in einem gemeinsamen Fotogeschäft, das in den 1920er Jahren in das „Studio Fotografico A. & M. Garbald, Castasegna“ umbenannt wird. Andrea Garbald widmet den Frauen des Bergells einen großen Teil seines Schaffens. Fast die Hälfte aller im Nachlass gefundenen Aufnahmen sind Bildnisse von Frauen. Stefan Kunz hat eine Auswahl zu diesem Andrea Garbald Album geformt. Es sind Frauenbildnisse, „die über die steifen offiziellen Porträtaufnahmen hinausgehen und von einer Nähe und Vertrautheit zeugen, die nur aus einer besonderen Ehrerbietung und Empathie rühren kann – von Intimität wagen wir kaum zu sprechen.“ (S. 173, 175) Die Namen der porträtierten Frauen sind, abgesehen von der Mutter (S. 99 mit Andrea, S. 101, 103) und der Schwester (u.a. S. 93-95), unbekannt. Es sind Frauen verschiedenen Alters und unterschiedlicher sozialer Schichten, „es geht um Frauen, die das Tal prägen, so wie sie und ihr Leben vom Tal geprägt sind. Das verbindet sie … Er inszeniert, arbeitet mit Licht und Schatten, mit Schärfe und Unschärfe, und er zeigt, dass er es versteht, mit fotografischen Mitteln sehr eindringliche Porträts zu schaffen. (S. 175) Dieser vortrefflich gestaltete Bildband ist ein Beitrag zur Geschichte des Bergells und der dort lebenden Frauen in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts.

 

Eva Besnyö. Photographin – Budapest. Berlin. Amsterdam / Für das Käthe Kollwitz Museum Köln hrsg. von Hannelore Fischer. In Zusammenarbeit mit Das Verborgene Museum, Berlin. Köln, Wienand, 2018. 127 S. ISBN 978-3-86832-458-7, € 25.00

Dieser beeindruckende Ausstellungskatalog ist eine wunderbare Ergänzung zu der großen Monografie Marion Beckers; Elisabeth Moortgat: Eva Besnyö. München, Hirmer, 2011.

Eva Besnyö (1910–2003), die in einer liberalen jüdischen Budapester Familie aufwächst, emigriert nach Horthys Machtübernahme 1930 nach Berlin und nach antisemitischen Bedrohungen 1932 nach Amsterdam. Dort heiratet sie den Fotografen und Filmemacher Johannes Hendrik Fernhout, später den Designer und Zeichner Wim Brusse. Bis ins hohe Alter stellt sie ihre Fotografien in Museen und Galerien aus, erhalten sind zigtausende Fotografien. In der niederländischen Fotografiegeschichte hat sie ihren festen Platz, sie gilt als wichtige Vertreterin der „Nieuwen Fotografie“. In Deutschland ist sie eher vergessen und wird nun wiederentdeckt. Sie arbeitet im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, in den 1970er Jahren schließt sie sich der niederländischen Frauenbewegung „Dolle Mina“ an, deren fotografierende Dokumentaristin sie wird. Sie beeinflusst den Fotografen Robert Capa und den Maler György Kepes, und sie orientiert sich an den Fotografien von László Moholy-Nagy.

In dem vorliegenden Band sind ihre faszinierenden Schwarz-Weiß-Kompositionen aufgenommen, in einer sehr guten Auswahl, ergänzt um Beiträge zu Leben und Werk und eine Biografie. Die Fotografin wird in der Reihenfolge ihrer drei Lebensstationen Budapest, Berlin und Amsterdam vorgestellt. Die Fotos zeigen ihre Vielseitigkeit, von der der Betrachter immer wieder überrascht ist: die Budapester Studien, die Architekturaufnahmen aus Amsterdam, die Ruinen von Rotterdam nach der Bombardie-rung der Stadt und nicht zuletzt die Porträts (u.a. von der Schauspielerin Narda, eine außergewöhnliche Aufnahme auch den Buchdeckel, der Diseuse Dora Gerson und der Tänzerin und Entertainerin Chaja Goldstein) – eine Mischung aus Porträt, Landschaft und Reportage.

 

Laure Adler: Charlotte Perriand. Ihr Leben als modern und unabhängige Frau. Designerin, Fotografin, Visionärin. München: Elisabeth Sandmann, 2020. 182 S. (Bibliothek Janowitz) ISBN 978-3-94554378-8, € 44.00

In Beiträgen über Charlotte Perriand (1903–1999) wird gelegentlich erwähnt, dass sie sich seit 1937 auch der Fotografie widmet oder dass sie eine bedeutende, immer noch kaum entdeckte Fotografin sei. Der Rezensent kann dem beipflichten, ihm ist nur eine englischsprachige Veröffentlichung des Filmregisseurs Jacques Barsac bekannt (Charlotte Perriand and photograpy. Milan, 2011) Gewürdigt wird sie indessen als bedeutende französische Architektin und Designerin.

Nach dem Studium der Innenarchitektur beginnt Charlotte Perriand im Alter von 24 Jahren eine zehnjährige Zusammenarbeit im Atelier von Le Corbusier und dessen Vetter Pierre Jeanneret in Paris, die meisten Möbeldesigns stammen von ihr. 1937 verlässt sie das Atelier, eröffnet später mit Jean Prouvé und Georges Blanchon ein Architektenbüro zur Gestaltung von Fertighäusern aus Aluminium. 1940 wird sie auf Einladung des japanischen Ministeriums für Handel und Industrie Beraterin im Bereich Kunst und Kunsthandwerk. 1946 kehr sie nach Paris zurück, arbeitet erneut für das Büro von Le Corbusier.

Laure Adler erzählt in drei thematischen Kapiteln von der Gestalterin, der freien Frau und der Visionärin. Viele Fotografien illustrieren die Lebensstationen. Der üppige Bildband bringt uns auch die Fotografin näher, endlich. Und sie ist eine hervorragende Fotografin, wovon sich der Betrachter überzeugen kann.

Charlotte Perriand ist eine der innovativsten Designerinnen des 20. Jahrhundert, aber sie selbst bleibt weitgehend unbekannt, Le Corbusier und sein Büro ist der Dreh- und Angelpunkt. Das müsste sich mit dieser großartigen Biografie ändern.

 

Das Werk der Photographin Charlotte Joël. Porträts von Walter Benjamin bis Karl Kraus, von Martin Buber bis Marlene Dietrich / mit einem Essay von Werner Kohlert und einem Katalog des photographischen Werks von Friedrich Pfäfflin. 2., durchgesehene und erweiterte Aufl. Göttingen: Wallstein, 2020. 335 S. (Bibliothek Janowitz) ISBN 978-3-8353-3488-5, € 24.90

Das Ergebnis langer aufwendiger Recherchen von Friedrich Pfäfflin und Werner Kohlert ist ein außergewöhnlicher Bildband über die Fotografin Charlotte Joël (1887–1943). Beide haben mit einem feinen Spürsinn zusammengetragen, was an Informationen zu Leben und Werk existiert, ein Nachlass fehlt, das Atelier wird im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Die Daten sind spärlich: Charlotte Joël eröffnet 1913 zusammen mit der Fotografin Marie Heinzelmann in Charlottenburg ein Atelier, sie widmet sich vor allem der Porträtfotografie. 1933 kann sie als Jüdin nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten, weicht mit ihrer Freundin, der Protagonistin der Montessori-Pädagogik Clara Grunwald, in das Lager der zionistischen Jugendbewegung Neuendorf aus, dieses wird 1943 aufgelöst und als KZ errichtet, Joël und Grundwald werden nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. 1918 fotografiert Charlotte Joël die noch unbekannte Marlene Dietrich und 1925 den jungen Bernhard Minetti, ab 1921 Karl Kraus (über 30 Porträts bis 1930), später Walter Benjamin, seine Schwester Dora, den Bruder Georg, die Schwägerin Hilde (die spätere DDR-Justizministerin) und Sohn Michael, Hedwig Lachmann und Gustav Landauer, von ihr ist kein Porträt überliefert.

Die zweite Auflage enthält 213 aufgespürte Aufnahmen, in neuen, meist in Brauntönen gehaltene ganzseitige Reprografien in bester Qualität und akribisch dokumentiert, darunter 152 datierte Fotoporträts von identifizierten Personen aus den Jahren 1916-1939, 27 von 1939-1942 von anderen Personen entwickelte und kopierte und 34 als Postkarten vertriebene undatierte Aufnahmen. Das wird ergänzt um einen Beitrag über Leben, Arbeit und jüdisches Schicksal von Charlotte Joël.

Mit diesem inhaltlich und gestalterisch beispielhaften Werkkatalog und vorbildlichen Gedenkband erhält die Meisterin des fotografischen Porträts die Aufmerksamkeit, die sie schon sehr lange verdient.

P.S. Die Bibliothek Janowitz wird von ihrem Herausgeber Friedrich Pfäfflin nach Schloss Janowitz (heute Vrchotovy Janovice) südöstlich von Prag nach dem von 1913–1942 von der damaligen Besitzerin Baronin Sidonie Nádherný betriebenen literarischen Salon genannt, in dem u.a. Rainer Maria Rilke und Karl Kraus beherbergt und gefördert werden. Die bisher erschienen Bände sind Karl Kraus und seinem Umfeld gewidmet.

 

Angelika Platen: Meine Frauen / Texte von Swantje Karich, Interview mit Julia Voss. Berlin: Hatje Cantz, 2021. 255 S. ISBN 978-3-7757-4881-0, € 40.00

Seit über fünfzig Jahren porträtiert die 1942 geborene studierte Fotografin Angelika Platen Künstler, überwiegend in Schwarz-Weiß („weil das den farbigsten Ausdruck in das Wesen und den Charakter von Menschen bringt“, S. 132). Von 1972–1976 leitet sei die Hamburger „Galerie an der Milchstraße“ von Gunter Sachs. In dieser Zeit entstehen etwa 100 Fotoporträts junger Künstler, von denen einige heute weltberühmt sind. Zu den wichtigsten Bildserien dieser von ihr als Phase I bezeichneten Schaffenszeit gehören die über Sigmar Pollak, Gerhard Richter, Georg Baselitz und Andy Warhol. Ende der 1970er Jahre geht Angelika Platen nach Paris und leitet eine Abteilung für Werbung und Kommunikation in der Automobilindustrie. Erst 1997 nimmt sie ihre fotografischen Studien wieder auf, wiederum entstehen in dieser Phase II vor allem Porträts jüngerer Künstler wie Neo Rauch und Jeff Koons, von Newcomern aus Phase I gibt es neue Bildnisse. „Bis heute versammeln sich mehr als tausend ‚Platen Artists‘ zu einer Ikonografie der Kunstgeschichte des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts.“ (hinterer Klappentext) In Phase I gibt es nur vier Frauenporträts. „Wo sind die anderen geblieben? … Eine Korrektur war jedenfalls dringend geboten.“ (S. 132) Und diese Korrektur beschert uns die über 100 Künstlerinnenporträts in Meine Frauen. Ein großartiger Band in Schweizer Broschur mit offener Fadenheftung.

Eindringliche Porträts u.a. von Marina Abramoviˇc, Monica Bonvicini, Hanne Darboven, Katja Flint, Claudia Höfer, Herlinde Koelbl, Annie Leibovitz, und Rosemarie Trockel, ergänzt durch interessante Beiträge zu einzelnen Künstlerinnen von Swantje Karich, ein Interview mit Angelika Platen und einen Künstlerinnen-Index.

Prof. em. Dieter Schmidmaier (ds), geb. 1938 in Leipzig, ­studierte Bibliothekswissenschaft und Physik an der ­Humboldt-Universität Berlin, war von 1967 bis 1988 Bi­bliotheks­direktor an der Bergaka­demie Freiberg und von 1989 bis 1990 General­direktor der Deutschen Staatsbibliothek Berlin. ­dieter.schmidmaier@schmidma.com

Diese Seite benutzt Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmen Sie dem zu. Datenschutzerklärung