Landeskunde

Facetten der japanischen Moderne

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 6/2017

Maruyama Masao, Freiheit und Nation in Japan. Ausgewählte Aufsätze 1936-1949. Bd. 1. Hrsg. von Wolfgang Seifert. München: Iudicium 2007

 

Maruyama Masao, Freiheit und Nation in Japan. Ausgewählte Aufsätze 1936-1949. Bd. 2. Hrsg. von Wolfgang Seifert. München: Iudicium

 

Urs Matthias Zachmann/ Christian Uhl (Hrsg.), Japan und das Problem der Moderne. Wolfgang Seifert zu Ehren. München: Iudicium 2015

 

Simone Müller/ It ˉo Tˉoru/ Robin Rehm (Hrsg.), Wort – Bild – Assimilation. Japan und die Moderne/Japan and Modernity. Berlin: Gebr. Mann Verlag 2016

Bis heute zählt der Politikwissenschaftler Maruyama Masao (1914–1996; in Japan wird der Familienname dem Vornamen vorangestellt) zu den einflussreichsten Intellektuellen seit dem Ende des 2. Weltkriegs. Sein Fachgebiet war die politische Ideengeschichte Japans. Ihn zeichnete aus, dass er sein Wissen seit Ende des Krieges in den Dienst der öffentlichen Debatten über Militarismus, Krieg und Demokratie in Japan stellte. Dem Heidelberger Japanologen und Politologen Wolfgang Seifert verdanken die Leser im deutschsprachigen Raum nun zwei Sammlungen der Frühschriften Maruyama Masaos, aus denen sich nicht nur herauslesen lässt, was die kritischen Intellektuellen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration bewegt hat. Immer wieder beeindruckt bei der Lektüre der Texte auch, in welch starkem Maße diese Leute noch mit den geistigen Kontroversen in Europa und den USA seit dem 19. Jahrhundert vertraut waren. Maruyama Masao sprach und las Deutsch, und er kannte sich in den Werken von Kant und Hegel, Marx, Max Weber und Carl Schmitt bestens aus. Die staatsrechtlichen und soziologischen Klassiker haben ihn auch, das zeigen die beiden Bändchen mit insgesamt acht Aufsätzen, bei seinen scharfsinnigen Analysen der japanischen Ideengeschichte beeinflusst. Die Beiträge im ersten Band kreisen im Wesentlichen um die Frage, wie es in Japan vor 1945 zur Entstehung eines autoritären, militaristischen Systems kommen konnte. Sie sollten bei jedem Versuch, vergleichende Faschismusforschung zu betreiben, zur Pflichtlektüre gehören. In seinem vielleicht berühmtesten Aufsatz über „Logik und Psychologie des Ultranationalismus“ vom Mai 1946 beschreibt Maruyama die Eigenarten des japanischen Systems als eines Faschismus von oben, der auf den Tennô ausgerichtet war, von einer militärischen Elite getragen wurde und – im Gegensatz zu Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland – über keine geschlossene „Dogmatik“ oder Weltanschauung verfügt habe. In Japan sei der Staat nie „neutral“, sondern seit der MeijiZeit an einer spezifischen nationalen Verfasstheit ausgerichtet gewesen: Die Bürger als Untertanen und die Institutionen hätten ihre Position jeweils danach bemessen, in welchem Verhältnis sie zum Tennô bzw. zum angeblich seit Ewigkeiten existierenden Kaiserhaus standen. Dies habe zu einem sozialen und institutionellen „Sektionismus“ und im Ergebnis zu einer Verschleierung der politischen Verantwortlichkeiten geführt. Nach 1945 wollte keiner für die Katastrophe verantwortlich gewesen sein! Der zweite, vom Herausgeber mustergültig kommentierte Band versammelt jene Texte aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, die sich mit der politischen Ideengeschichte der Meiji-Zeit (1868–1912) befassen. Dass es in der neueren japanischen Geschichte auch Alternativen zum Weg in Imperialismus und Krieg gegeben hat, zeigen Maruyamas Artikel über die „Bewegung für Freiheit und Volksrechte“. Die Forschung ist heute, was die Thesen zu den Trägerschichten dieser Bewegung angeht, über Maruyamas Befunde zum Teil hinweggegangen. Wo er noch in den alten Samurai die treibenden Kräfte für eine politische „Modernisierung von oben“ sah, betonen Historiker heute eher die Rolle der bürgerlichen und bäuerlichen Schichten im Rahmen der japanischen Demokratiebewegung. Besonders gewichtig ist in diesem zweiten Band der Aufsatz über das „Staatsdenken in der Meiji-Zeit“, welche mit dem Sturz des Shôgunats und der Restitution der Tennô-Herrschaft 1867/68, d.h. vor nunmehr 150 Jahren, ihren Anfang genommen hat. Klar arbeitet Maruyama hier die Antinomien des japanischen Diskurses heraus, in dem es einerseits um die Konzentration der politischen Macht ging und andererseits um die Ausweitung der politischen Partizipation. Dass beide im modernen Japan, im Gegensatz etwa zu den USA, nicht in einer Balance gehalten werden konnten, erklärte für Maruyama auch Japans Niederlage im Jahr 1945. Von dem widerstreitenden Spannungsverhältnis zwischen staatlichem Zentrismus und bürgerlicher Mitbestimmung ist Japan bis heute geprägt. Wer diese Komponenten des politischen Lebens besser verstehen will, dem bieten die von Wolfgang Seifert zusammengestellten Texte aus dem Frühwerk Maruyama Masaos einen wertvollen Wegweiser. Die jeweils 25 Seiten umfassenden detaillierten Erläuterungen zu japanischen Begriffen, Personen und Ereignissen am Ende jeden Bandes sind mit dem Begriff „Glossar“ zu bescheiden beschrieben. Sie bieten auch für Experten noch manches Neue und führen Leser, die von Japan noch nicht viel wissen, zuverlässig durch die Lektüre.

Angesichts der Bedeutung und Anerkennung, die der Heidelberger Japanologe im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus genießt, ist es mehr als eine schöne Geste, dass ihn Schüler und befreundete Kollegen zum Ende seiner akademischen Laufbahn mit einer Festschrift geehrt haben. Der von Urs Matthias Zachmann (Berlin) und Christian Uhl (Gent) herausgegebene Band vereinigt neben der Laudatio des Sozialphilosophen Mishima Ken’ichi insgesamt 30 Aufsätze. Dass diese vom Iudicium-Verlag in deutscher, englischer und japanischer Sprache abgedruckt wurden, trägt der Auffassung Wolfgang Seiferts Rechnung, „wonach keine einzelne Sprache Anspruch erheben kann, die Wissenschaftssprache zu sein, sondern Sprachenvielfalt- und -beherrschung eine Voraussetzung für die produktive Arbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften ist“, so die Herausgeber in ihrem Vorwort. Dementsprechend wäre es eigentlich konsequenter gewesen, wenn sich diese multilinguale Ausrichtung auch im Titel des Buchs widergespiegelt hätte.

Die Beiträge zu dieser Festschrift, verfasst von Autoren aus zahlreichen Ländern Ostasiens, Europas und den USA, sind jeweils drei Themenbereichen zugeordnet worden. Aus dem elf Aufsätze umfassenden Teil I (Politik und Integration in Ostasien) sei hier der in japanischer Sprache publizierte Aufsatz von Miyake Akimasa über die begriffliche Verortung der „Zeitgeschichte“ genannt. Wie, so fragt er, soll man die Zeit, die zur Gegenwart führt, eigentlich nennen? Wir haben es bei der Beantwortung dieser Frage in Deutschland aus zwei Gründen leichter: Zum einen hat es bei uns nie eine größere Debatte darüber gegeben, wie lange die „Nachkriegszeit“ eigentlich gedauert hat; zum anderen ist der Terminus „Zeitgeschichte“ für die historische Durchdringung jüngster Ereignisse seit langem auch über die Grenzen der Geschichtswissenschaft hinaus akzeptiert. In Japan, und zwar sowohl im Bereich der Kulturwissenschaften als auch in den öffentlichen Debatten, liegen die Dinge komplizierter. Dort spricht man immer noch von „Nachkriegszeit“ (sengo) oder von der Geschichte der „Gegenwart“ (gendai). Miyake stellt eingangs die Entwicklungen in Wissenschaft und Öffentlichkeit nach 1945 vor. Während man in der Geschichtswissenschaft, beispielsweise im wichtigen Fachorgan „Shigaku Zasshi“ lange am Begriff der „Nachkriegszeit“ festhält, hat es in den 1950er Jahren schon Vorschläge gegeben, von diesem Begriff abzurücken, weil die „Nachkriegszeit bereits vorbei“ sei, wie der Anglist Nakano Yoshio und das „Weißbuch zur Wirtschaft“ 1956 behaupteten. Später, in den 1990er Jahren, zeigte insbesondere der Nachostexperte Itagaki Yûzô die Grenzen des Begriffs „Nachkriegszeit” auf, indem er auf die weitgehend nach innen gerichtete Wahrnehmung der Japan-Historiker verwies. Diese Kritik blieb nicht unwidersprochen, weil andere Historiker auf die vielen Gesichter der „Nachkriegszeit” in Japan verwiesen. Besonders bizarr mutet nach Miyake die Verwendung des Begriffs „Gegenwartsgeschichte“ an. Die Schulbücher lassen das, was wir im Deutschen mit dem Begriff der „Zeitgeschichte“ oder „neueste Geschichte“ bezeichnen, für den Bereich der „Weltgeschichte“ – womit vor allem die Geschichte des Westens gemeint ist – mit dem Ende des 1. Weltkriegs beginnen, für Japan aber mit dem Ende des 2. Weltkriegs. Ob die Einführung eines neues Konzepts – dôjidaishi als „Geschichte des Heute“ (oder besser: Zeitgeschichte) – ein Weg aus diesem Dilemma sein wird, bleibt abzuwarten. – Weitere aufschlussreiche Beiträge in diesem ersten Teil behandeln u.a. die Anfänge des Terrorismus in China (Gotelind Müller), die Wahrnehmung der Ereignisse im Epochenjahr 1989 in Japan (Mishima Ken’ichi) und die jüngste Debatte über ein Wiederaufleben der „Ostasiatischen Gemeinschaft“ (Torsten Weber). Der Teil II ist mit fünf Beiträgen der schmalste und dem Themenblock „Wirtschaft und Gesellschaft“ gewidmet. Yagi Kiichirô beschreibt am Beispiel des großen japanischen Aufklärers Fukuzawa Yukichi die Rezeption der westlichen Wirtschaftswissenschaften im 19. Jahrhundert. Interessant ist in diesem Zusammenhang die unterschiedliche Wahrnehmung und Transformation des ökonomischen Denkens westlicher Provenienz in China und Japan. Während im ersten Fall ausländische Gastwissenschaftler die treibenden Kräfte für den Kulturtransfer waren, haben im zweiten Fall vor allem japanische Intellektuelle dafür Sorge getragen, das die westliche Ökonomie in Japan Wurzeln schlagen konnte. Übersetzungen westlicher Klassiker waren dabei von einer nicht zu unterschätzenden Bedeutung. In den ersten beiden Dekaden nach der Meiji-Restauration von 1868 wurden zahlreiche Fachbücher in japanischer Übersetzung veröffentlicht, nicht zuletzt Adam Smiths „The Wealth of Nations“ (jap. 1882–88). Fukuzawa selbst nutzte in seinen Studien und im Unterricht der von ihm begründeten Keiô Universität Bücher wie W. und R. Chambers’ „Political Economy for Use in Schools, and for Private Instruction“ aus dem Jahre 1852. Aus diesem Werk, so Yagi, bezog Fukuzawa auch wichtige Anregungen für seine Zivilisationstheorie.

Im letzten und dritten Teil, der insgesamt 14 Aufsätze umfasst, geht es um „Kultur und Kritik“ im weitesten Sinne. Inhaltlich erstreckt sich das Spektrum vom Diskurs über Intimität in der Edo-Zeit (1603–1867) (Morikawa Takemitsu) bis hin zum buddhistischen Ahnengedenken (Tim Graf) und zum Nationalismus heute (Kobayashi Toshiaki). Besonders herausgestellt sei hier der feinsinnige Beitrag des Philosophen Jens Heise über den Begriff der „Gegenseitigkeit“ in der Philosophischen Anthropologie Japans. Im Mittelpunkt dieser Studie steht der Philosoph Watsuji Tetsurô (1889–1960) und sein Begriff der „Gegenseitigkeit“. Heise beginnt mit kurzen Ausführungen zum Begriff „Mensch“ (ningen) im Japanischen, der sich aus zwei Schriftzeichen für „Mensch“ und „zwischen“ zusammensetzt. Ningen verweise auf „die Welt des Menschen und bezeichnet zugleich den einzelnen Menschen. Auf diese Doppelstruktur kommt es an“ (S. 450), oder in den Worten Watsuji Tetsurôs: „ningen meint das Öffentlich-Allgemeine und zugleich die Individuen“. Diese Dimension des „Zwischen“ fehle in der „abendländischen“ Tradition, welche das Subjekt in seiner Isoliertheit in den Mittelpunkt gestellt habe. (Ob dies ganz richtig ist, sei hier mal dahingestellt. Bei Karl Löwith, insbesondere in seiner Habilitationsschrift von 1928 über „Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen“, ist die Kategorie der Gegenseitigkeit durchaus berücksichtigt.) Für die „Ethik“ Watsujis bedeute dies, dass sie den Menschen vor allem in der Rolle fasst, die er im Verhältnis zum „Anderen“ einnimmt. Der Mensch als „Individuum“ tritt demgegenüber zurück. In dieser Sicht auf den Menschen als „Doppelgänger seiner selbst“ drücke sich, so Heise, eine ostasiatische Besonderheit aus, die bei Watsuji durch die funktionale Anwendung des buddhistischen Konzepts der „Leere“ gegeben sei. Die Selbstbestimmung des Menschen müsse „ohne substantiellen Grund auskommen“ und sich stattdessen als „Antwort auf den Anderen“ verstehen (S. 453). Diese Distanz zur Subjektphilosophie zeige Watsuji durchaus in der Nähe der Auffassungen zum Problem der „Gegenseitigkeit“, wie sie Arnold Gehlen in seiner Philosophischen Anthropologie entwickelt habe.

Ein Schriftenverzeichnis Wolfgang Seiferts beschließt diesen anregenden Band, von dem man keine thematische Kohärenz erwarten darf. Dies liegt naturgemäß im Charakter solcher „Festschriften“, die in Deutschland seit einiger Zeit, wenn irgendwie möglich, nicht mehr so heißen sollen. Diese schöne akademische Tradition und der dementsprechende deutsche Begriff werden unter dem Zwang der Vermarktung leider, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur noch im Ausland hochgehalten.

Das Thema der Ideengeschichte, das für das Werk Wolfgang Seiferts so charakteristisch ist, nimmt auch ein anderer Sammelband auf; er geht aber auch noch darüber hinaus. Wo die oben besprochene Festschrift doch wohl nur etwas für Fachleute aus dem Bereich der Ostasienwissenschaften ist, sollte der schön gestaltete und reich bebilderte Band „Wort – Bild – Assimilationen. Japan und die Moderne – Japan and Modernity“ durchaus auch Leser ansprechen, die ein Interesse an der Mannigfaltigkeit fremder Kulturen und der Interdependenz des Kulturaustauschs haben. Dass das Buch Aufsätze in deutscher und englischer Sprache enthält, deutet in diesem Fall der Titel schon an. Die Einleitung „illustriert“ im besten Sinne des Wortes, um was es in diesem Band geht: um die Umwandlung und Einverleibung fremder Kulturelemente durch Assimilation. Dieser Schlüsselbegriff hält die verschiedenen Beiträge aus den Bereichen Architektur und Design, Literatur und Musik, Philosophie und Soziologie thematisch zusammen. Auch dieser Band ist in drei größere Teile untergliedert. Der erste ist den „Assimilationen in Architektur und Design“ gewidmet, wobei Robin Rehm und Manfred Speidel sich beide dem Werk des Architekten Bruno Taut (1880–1938) zuwenden. Ihn verschlug 1933 die Emigration nach Japan. Seit langem hatten ihn die Wohn- und Lebensverhältnisse in Japan fasziniert. Schon 1924 befasste er sich in seinem Buch „Die neue Wohnung“ mit dem unverstellten Raum in der Architektur. In Japan selbst „fühlte“ er sich in die Alltagsräume ein und kam zu einer etwas paradoxen Einsicht: Zwar seien uns die Japaner vollkommen fremd und doch könnten wir mit Blick auf die Raumauffassung „alles von ihnen lernen“ (S. 23). Hinter dieser Erkenntnis stand eine systematische Beschäftigung mit Fragen der kulturellen Angleichung. Ein nahezu vollkommenes Beispiel für die japanische Fähigkeit zur Assimilation chinesischer Einflüsse stellte für Bruno Taut die Villa Katsura dar. Funktionalität im Alltag, gesellschaftliche Repräsentanz und Kunst bildeten für ihn in der zwischen Ôsaka und Kyôto gelegenen Residenz eine vollkommene Einheit. Der zweite Teil des Buchs behandelt Adaptionen in der Literatur und Musik. Daniela Eckerle geht in einem kenntnisreichen Beitrag den Spuren des Japonismus im Werk von Arno Holz, insbesondere in dessen Gedichtzyklus „Phantasus“, nach. Sie zeigt u.a., dass sich Holz, etwa mit Blick auf die Bedeutung der Natur in den Haiku, „mit japanischer Lyrik auseinandergesetzt und sowohl Techniken als auch Motive aus ihr übernahm“ (S. 123). Tsuboi Hideto stellt den japanischen Künstler Yamada Kôsaku vor, der vor dem 1. Weltkrieg in Berlin studierte und nach seiner Rückkehr nicht nur den modernen Tanz in Japan einführte, sondern auch das Konzept der „Fusionskunst“ entwarf. Die Fusion von Ton und Bewegung in der „choreographischen Poesie“ war dafür ein erstes Beispiel. Die Anverwandlung fremdkultureller Elemente war aber keineswegs nur ein Phänomen japanischer Akteure. Auch in die umgekehrte Richtung, etwa bei der Vertonung japanischer Lyrik, kam es zu einer intensiven Rezeption. Strawinsky und seine Zeitgenossen waren von den japanischen Kurzgedichten regelrecht fasziniert.

Im letzten Teil des Sammelbandes geht es um Annäherungen in Philosophie und Geistesgeschichte. Jeanne Fichtner-Egloff zeichnet die Rezeption der deutschen Ästhetik in der MeijiZeit nach und verweist auf die Bedeutung von Gastforschern wie Ernest F. Fenollosa und Raphael von Koeber, die eine ganze Generation junger Philosophen geprägt haben. Itô Tôru stellt den Begriff der „Subjektivität“ (shutaisei) ins Zentrum seiner Studie und zeigt, dass dieser im Zuge seiner Übernahme in Japan seine Bedeutung verändert und schließlich „die praktische Seite des Selbstseins“ im Vollzug einer Handlung betont. Ein besonders eindringliches Beispiel für Assimilation diskutiert Simone Müller anhand des facettenreichen Intellektuellenbegriffs. Im Zuge ihrer Forschungen hat die Autorin tatsächlich 25 verschiedene Ausdrücke für die „Intellektuellen“ ausmachen können. Der breite Diskurs über die Rolle der Intellektuellen in Japan verdanke sich der Tatsache, dass diese von den Machthabern ausgegrenzt wurden und sich deshalb selbst eine Funktion zuschreiben mussten. Dass auch Müller, wie zuvor Itô, in diesem Zusammenhang die besondere Bedeutung Maruyama Masaos hervorhebt, dürfte nun nicht mehr überraschen. Zum Abschluss des Bandes stellt Ogino Takeshi den bedeutenden Soziologen Shimizu Ikutarô (19071988) vor, der sich stark vom Werk Georg Simmels inspirieren ließ. Der Aufsatz ist ein schönes intellektuelles Portrait, das den Leser nur in einem Punkt etwas ratlos zurücklässt: Was hat dieser nach 1945 so einflussreiche Mann, der sich mal dem Sozialismus zu- und dann wieder von ihm abwandte, eigentlich während der Kriegsjahre gemacht? (wsch)

Prof. Dr. Wolfgang Schwentker (wsch) ist seit 2002 Professor für vergleichende Kultur- und Ideengeschichte an der Universität Osaka und Mitherausgeber der Neuen Fischer Weltgeschichte.

schwentker@hus.osaka-u.ac.jp

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