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Exilbuchhandel

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2021

Die „Geschichte des deutschen Buchhandels“ hat selbst eine lange Geschichte. Erste Ideen zu einem neuen Standardwerk der Buchhandelsgeschichte gab es bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Aufgenommen wurden der Gedanke in den 1950er Jahren und seit den 1980er Jahren schließlich als Projekt einer Buchhandelsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts konkretisiert. Trotzdem dauerte es noch bis ins 21. Jahrhundert, bis 2001 mit der Geschichte des Buchhandels im Kaiserreich ein erster Teilband erschien. Das im Laufe der Jahre auf über zehn Bände und Teilbände angelegte Werk hat gerade mit Erscheinen der Teilbände zum Exilbuchhandel nach 1933 einen weiteren Meilenstein genommen.

Fischer, Ernst: Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Band 3: Drittes Reich und Exil. Teil. 3: Exilbuchhandel 1933-1945. Berlin: Walter de Gruyter & Co 2020. 978-3-11-029684-6. € 319,99.

Fischer, Ernst: Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Band 3: Drittes Reich und Exil. Verleger, Buchhändler und Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933. Ein biographisches Handbuch. Berlin: de Gruyter 20 ­20. ISBN 978-3-11-068863-4. € 159,95.

„Nicht wenige Initiativen sind im Sande verlaufen; das Exil war auch eine Zeit der gescheiterten Bemühungen. Doch ist vielen, in einzelnen Bereichen sogar unglaublich vieles gelungen; das Exil kennt eine Fülle eindrucksvoller Erfolgsgeschichten.“ (S. 2) Diese Erfolgsgeschichten sichtbar zu machen und an unzählige buchhändlerische und verlegerische Initiativen zu erinnern – in vielen Fällen diese sogar dem endgültigen Vergessen zu entreißen – ist das große Verdienst von Ernst Fischer. Nach jahrelanger Recherche legt der ausgewiesene Kenner der Buchhandels- und insbesondere der Exilbuchhandelshistorie mit den insgesamt drei Bänden im Rahmen der Geschichte des deutschen Buchhandels ein echtes Grundlagenwerk vor. Bereits der dritte Teilband in zwei Bänden Der Buchhandel im deutschsprachigen Exil 1933–1945 stellt nicht nur eine ausführliche Geschichte des Exilbuchhandels dar, sondern bietet darüber hinaus eine Fülle weiterer Themen wie Leserforschung, Wirkungen des verlegerischen und buchhändlerischen Exils nach 1945 oder Wirkungsaspekte des Exils in internationaler Perspektive. Ergänzt werden die beiden Bände durch ein Supplement in Form eines biographischen Handbuchs Exilbuchhandel: Verleger, Buchhändler und Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933. Das durch 80 zusätzliche Biografien und umfangreiche neue Recherchen erweiterte Handbuch wird in seiner zweiten Auflage in die Geschichte des deutschen Buchhandels integriert, nachdem die erste Auflage 2011 beim Verband der Antiquariate erschienen war. Die Integration in die Geschichte des deutschen Buchhandels ist in vielerlei Hinsicht eine sachlogische Erweiterung; so kann in den ersten beiden Bänden mittels Asterisk auf die Einträge im biografischen Handbuch verwiesen werden, Referenzen sind leichter nachzuvollziehen und Lebensgeschichten müssen nicht doppelt dargestellt werden.

Fischer stellt zu Recht heraus, dass die Geschichte des Buchhandels für den Zeitraum 1933 bis 1945 zweifach geschrieben werden muss, neben dem in Deutschland verbliebenen Buchhandel auch für die buchhändlerischen Unternehmen und Initiativen im Exil, die allzu leicht in Vergessenheit geraten. Sonst ginge auch die Erkenntnis verloren, dass trotz aller drastischen Maßnahmen und drakonischen Strafen der Nationalsozialisten – von der Bücherverbrennung über Berufsverbote bis hin zur Vertreibung oder Ermordung tausender Autoren, Antiquaren, Buchhändler, Publizisten und Verleger – das Ziel der „Auslöschung“ aus politischen oder rassistischen Gründen unliebsamer Buchhandelsunternehmen nicht gelungen ist. Fischer kommt im Gegenteil zu dem Schluss, dass „sich erstaunlich rasch eine freie deutsche (Buch-)Kultur im Ausland entfaltet [hat], in deren Rahmen mit einem Minimum an Mitteln bemerkenswerte Leistungen vollbracht wurden.“ (S. 1). Einige dieser Meisterleistungen stellt Fischer beispielsweise im Rahmen von Kapiteln zu Buchherstellung und Buchgestaltung vor. Hier werden viele Brüche, aber auch unzählige Kontinuitäten und die Weiterentwicklung von Grafik und Typographie sichtbar – gerade durch die Exilverleger, die nicht selten aus der Not eine Tugend machen mussten. Die beiden

Bände strukturieren nach Autoren, Buchhandelssparten und weiteren dem Buchhandel zugehörigen Unternehmen wie Bibliotheken oder dem Übersetzungswesen. Herzstücke bilden dabei die Erläuterungen zu den Exilverlagsunternehmen und zum verbreitenden Buchhandel. Gerade bei der Darstellung der belletristischen und politischen Verlage werden einzelne

Exilverlage sehr differenziert betrachtet und eingeordnet. Nicht nur Ortsveränderungen, freiwillige oder erzwungene Modifikationen im Verleger- oder Inhaberkreis und wechselvolle Entwicklungen beschreiben die Bände, sondern bedeutende Exilverlage werden mit ihren Exilveröffentlichungen genannt und Titel der einschlägigen Verzeichnisse ausgezählt für eine Bestimmung der Größenordnung der einzelnen Exilverlage. Mit der Darstellung wichtiger Unternehmen vertieft werden die Segmente Wissenschaftsverlage, Fachverlage und Reprintverlage. So wird zum Beispiel an die auch heute noch an ihren „Exil­standorten“ erfolgreichen Verlagsunternehmen erinnert wie Karger in Basel oder Springer in New York – beide hatten ihren ursprünglichen Stammsitz in Berlin. Ausführlich werden auch Kunstbuch- und Musikverlage, Kinder- und Jugendbuchverlage sowie das Zeitschriftenwesen betrachtet. Aufschlussreich ist die Darstellung der Distributionsstrukturen innerhalb des verbreitenden Buchhandels. Weitere ausführliche Kapitel sind dem Sortiments- und Antiquariatsbuchhandel gewidmet sowie Buchgemeinschaften und Leihbibliotheken. Hervorzuheben ist außerdem die intensive Auseinandersetzung mit der Entwicklung der literarischen Agenturen und ihrer gestiegenen Bedeutung nach 1933. Sie bildeten nach Fischer die „Schlüsselfiguren auf den Buchmärkten des Exils“ (S. 755).

Die Bedeutung, die das Lesen gerade für die aus Deutschland Vertriebenen besaß, kann nicht hoch genug geschätzt werden. Fischer resümiert: „Für viele Vertriebene war das Lesen deutschsprachiger Bücher das Mittel der Wahl, um im fremdsprachigen Ausland den Anschluss an die verlorene Heimat, die deutsche Kultur zu halten.“ (S. 1089) Sichergestellt wurde die Verfügbarkeit dieser Bücher auch durch den Exilbuchhandel. Interessanterweise hatten die sich im Exil gebildeten Buchhandelsstrukturen auch Rückwirkungen auf den deutschen Buchhandel: „Dass diese neuentstandenen Strukturen des internationalen Bücherverkehrs nach 1945 auch der deutschen Buchwirtschaft zugutegekommen sind, gehört zu den paradoxen Wirkungen des Exils.“ (S. 817). Fischers Bände zum Exilbuchhandel bilden bereits jetzt das Standardwerk für dieses vielschichtige Thema. Ebenso herausragend ist auch das als Supplement zu den beiden Bänden erschienene biografische Handbuch. Während die Bände zum Exilbuchhandel nur selten einzelne Schicksale und Leistungen würdigen können, werden im Handbuch rund 900 Personen portraitiert mit ihrem Werdegang vor 1933, den Umständen von Flucht und Vertreibung, den Stationen und ihrer Situation in den verschiedenen Exilländern, ihr Schicksal nach 1945 sowie die über diese Zeit hinausreichende Wirkungsgeschichte ihrer Unternehmungen. Damit bildet das Handbuch nicht nur ein Referenzwerk zu den bisher lediglich verstreut erschlossenen Informationen zu diesen Personen, sondern stellt auch ganz individuelle Lebenswege und Lebensentscheidungen dar. Gemeinsam mit den beiden ersten Teilbänden macht das Handbuch das Phänomen Exilbuchhandel aus unterschiedlichen Perspektiven erfassbarer. (uh)

Dr. Ulrike Henschel ist Juristin, Geschäftsführerin des Kommunal- und Schul-Verlags in der Verlagsgruppe C.H.Beck und korrespondierendes Mitglied der Historischen Kommission des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Über die Entwicklung des juristischen Verlagswesens hat sie am Buchwissenschaftlichen Institut in Mainz promoviert. ulrike-henschel@web.de

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