Kulturgeschichte, Kulturwissenschaften

Exil, Flucht, Vertreibung

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 1/2020

Lion Feuchtwangers „Exil“, „Transit“ von Anna Seghers oder Erich Maria Remarques „Die Nacht von Lissabon“ sind millionenfache Bestseller. Aber nicht nur fiktionale Stoffe lassen den Leser teilhaben an den Schicksalen von Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten. Literaten, Verleger, alle sprachorientierten Kulturschaffenden sind von Flucht, Vertreibung und Exil besonders betroffen: In der Regel ist die Trennung von der vertrauten Umgebung nicht nur mit dem Verlust von materiellen Gegenständen, sondern auch von geistigen Gütern verbunden: Das Zurücklassen einer Bibliothek bedeutet nicht nur den Verlust des Besitzes der Bücher, sondern auch deren geistiger Nähe und der Präsenz ihrer Inhalte. So diente Thomas Mann seine Bibliothek und insbesondere seine Goethe-Ausgabe, die seit Ende letzten Jahres (2019) wieder in seinem ehemaligen Wohnhaus in Pacific Palisades aufgestellt ist, als „moralische Hilfe und Stütze“ und sowohl als „Repräsentant der deutschen Kultur als auch als geistiges Bollwerk gegen mögliche Verzagtheit.“ (Kleeberg, Michael: Auch Goethe ist heimgekehrt nach Kalifornien. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.11.2019, S. 13.)

Für Menschen, deren berufliches Betätigungsfeld an die Sprache des Heimatlandes oder einer Wissenschaftsgemeinschaft geknüpft ist, bedeutet es zusätzlich den Verlust ihrer Einkommensgrundlage sowie die Entbindung aus der professionellen Community. Mit der Suche nach einer neuen Heimat werden meist auch der bekannte Sprachraum und die Konventionen von Wissenschaft und Alltag zurückgelassen. Wie die Exilanten nicht nur das materielle Überleben bewältigen, sondern vor allem wie sie mit dem Verlust ihrer geistigen Heimat umgehen, diesem Thema näheren sich die folgenden Werke auf ganz unterschiedliche Weise.

 

Asmus, Sylvia (Hg.) im Auftrag der Deutschen Nationalbibliothek. Exil. Erfahrung und Zeugnis: Deutsches Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek. Ausstellungskatalog Buch- und Schriftmuseum Leipzig. Wallstein 2019, 328 S., 126 farb. Abb., Klappen­broschur, ISBN 978-3-8353-3483-0, € 24,90.

Die Schicksale einzelner Menschen, ihr Lebens- und Leidensweg im Exil stehen im Vordergrund des Katalogs „Exil. Erfahrung und Zeugnis“ zur gleichnamigen Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek. Der Katalog geht insofern über die üblichen zusammenfassenden Themenbeiträge plus Abbildungen wichtiger Exponate hinaus, als dass Anspruch und Ziel der Herausgeberin weiterging: Beschrieben werden sollte die Situation und der Weg der etwa 500.000 zwischen 1933 und 1945 aus dem Machtbereich der nationalsozialistischen Diktatur ins Exil gezwungenen Menschen anhand von Portraits einzelner Geflüchteter und ihrer konkreten „Fluchtgegenstände“ wie Dokumente der Flucht, Briefe oder andere persönliche Erinnerungen. Präsentiert werden Lebensläufe, Originalzitate und Fotos der Proträtierten im Großformat sowie ein „Blick ins Archiv“. In der Gesamtschau machen die dargestellten Objekte und Aussagen die Lage der Exilanten nicht nur nachvollziehbar, sondern ermöglichen auch einen intensiveren Zugang zu ihrer Situation. In ausklappbaren Doppelseiten werden diese Momente des Lebens veranschaulicht, die menschlichen Schicksale erlebbarer, das Grauen der Flucht, die Sorge um die ungewisse Zukunft erfahrbarer. Auf diese Weise werden aus stummen Statistiken und nüchterner Forschungsliteratur persönliche Schicksale, die auch nach vielen Jahren berühren. Das Werk ist auch gestalterisch mit Aufwand und Anspruch konzipiert und bildet eine gelungene Ergänzung zum Ausstellungsbesuch des Exilarchivs in Frankfurt am Main.

 

Asmus, Sylvia; Bischoff, Doerte; Dogramaci, Burcu (Hg.): Archive und Museen des Exils, Reihe: Exilf­orschung 37, De Gruyter 2019, VII, 344 S., 58 Abb., ISBN 978-3-11-054210-3, € 39,95.

Das von den Herausgeberinnen Sylvia Asmus, Doerte Bischoff und Burcu Dogramaci vorgelegte Werk zum Thema „Archive und Museen des Exils“ lässt sich als wissenschaftliches Pendant zu dem vorgestellten Ausstellungskatalog verstehen. Erschienen als Band 37 in der von der Gesellschaft für Exilforschung herausgegebenen Reihe „Exilforschung“ wird der Themenkomplex sowohl unter theoretischen Gesichtspunkten wie auch im Hinblick auf Vernetzung betrachtet: „Globale und digitale Exil­archive: Geteiltes Wissen und Vernetzung“ lautet ein Themenbereich. In einem weiteren Abschnitt werden „Museen, Sammlungen und Ausstellungen zum Exil“ vorgestellt mit bekannten Institutionen wie dem Deutschen Exilarchiv und dem Jüdischen Museum in Frankfurt, aber auch die Bedeutung der Sammlung Paul Kohner Agency wird gewürdigt und „Vision und Hintergründe“ für das geplante Exilmuseum in Berlin aufgezeigt. Der Band gibt einen guten Einblick in die Forschungsfelder und Perspektiven der Exilforschung und beleuchtet manche Facette unter einem überraschenden Blickwinkel. Dabei setzen sich die Beiträge mit der Frage, was es bedeutet, wenn sich Nachlässe und Archivalien „im Exil“ befinden, nicht nur in theoretischer Hinsicht auseinander, sondern betrachten auch die praktischen Auswirkungen für die Forschenden. In der Gesamtschau geben die unterschiedlichen Themenbereiche einen durchaus detailreichen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung.

 

Shklar, Judith N. / Bajohr, Hannes (Hg.), Verpflichtung, Loyalität, Exil, Reihe: Fröhliche Wissenschaft Bd. 130, Matthes & Seitz 2019, 88 S., Klappenbroschur, ISBN 978-3-95757-570-8, € 12,00.

Themen mit denen sich alle Geflüchteten, Vertriebenen und Exilanten – mit diesem weniger emotional behafteten Begriff bezeichnet die politische Theoretikerin Judith N. Shklar jemanden, „der unwillentlich das Land verlässt, in dem er oder sie ein Staatsbürger ist“ (S. 30) – sind Verpflichtung, Loyalität und Treue: zur alten Heimat, aber auch zum neuen Wohnort. Als Band 130 der Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ werden die Themen Verpflichtung, Loyalität und Exil in zwei Beiträgen näher betrachtet. Jedem Exilanten stellt sich die Frage, wie sehr er seinem Herkunftsland verpflichtet bleibt und was eine neue Heimat für ihn bedeutet. Nicht umsonst weisen vielen Biographien von Exilanten auf die Bedeutung zum Beispiel der mitgenommenen Bücher oder ganzer Bibliotheken hin, beschäftigen sich eigene wissenschaftliche Werke mit dem Stellenwert dieser geretteten Kulturgegenstände für das geistige Überleben im Exil. Hannes Bajohr gibt die bemerkenswerten Texte heraus, in denen sich Shklar insbesondere mit dem Verhältnis von Loyalität und Verpflichtung auseinandersetzt, übrigens unabhängig davon, ob es sich um ein Exil aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen handelt. Loyalität ist für Shklar „zutiefst affektiv und nicht primär rational“ (S. 20), eine „affektive Bindung an eine Gruppe, ein Land oder eine Idee“ (S. 7), die sich von der Verpflichtung als „regelgeleitetes Handeln“ (S. 17) unterscheidet. Was Shklar, die selbst als Kind während des Zweiten Weltkriegs über Schweden und Japan nach Kanada geflohen war, aufgrund ihrer Erfahrungen entworfen hat, spielt auch heute im Rahmen freiwilliger oder erzwungener Migrationsbewegungen eine zunehmende Rolle, ihr Ansatz ist daher noch immer sehr lesenswert.

 

Benteler, Anne, Sprache im Exil. Mehrsprachigkeit und Übersetzung als literarische Verfahren bei Hilde Domin, Mascha Kaléko und Werner Lansburgh. Reihe: Exil-Kulturen 2, J.B. Metzler 2019, XI, 370 S., 5 s/w Abb., Softcover, ISBN 978-3-476-04942-1, € 49,99.

Einen im Zusammenhang mit Literatur bedeutsamen Aspekt beleuchtet das Werk von Anne Benteler „Sprache im Exil“. Benteler beschäftigt sich mit der Frage, ob eine Exilierung dann umso schwerer wiegt, wenn die Sprache nicht nur allgemeines Verständigungsinstrument im Alltag ist, sondern darüber hinaus ein Instrument für das künstlerische Arbeiten wie bei einer schriftstellerischen Tätigkeit. Das Sprachproblem wird dann zur „Lebensfrage“, wie Klaus Mann es formuliert und Leonhard Frank findet dafür den lyrischen Vergleich des Spiels auf einer „Geige aus Stein“ (S. 2). Die an der Walter A. Berendsohn Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur der Universität Hamburg entstandene Arbeit untersucht die Themenkomplexe Exil und Übersetzung sowie mehrsprachige Exiltexte vor allem von Hilde Domin, Mascha ­Kaléko und Werner Lansburgh und stellt dabei unter anderem die Vorstellung einer Einsprachigkeit in der Situation des Schreibens im Exil in Frage. Benteler setzt sich mit der Situation vieler Exilanten auseinander: Dabei wird Nelly Sachs ebenso betrachtet wie Rudolf Frank oder Georges-Arthur Goldschmidt. In theo­retischer Hinsicht werden Benjamins Übersetzungstheorie wie Flussers viel zitierte Metapher der mehrsprachigen „Bodenlosigkeit“ (S. 111) beleuchtet. Benteler kann in ihrer gelungenen Arbeit nicht nur das spezifische Spannungsverhältnis zwischen deutscher (Erst-)Sprache und den späteren Sprachen des Exils aufzeigen, sondern auch dass die untersuchten literarischen Texte „die sprach­lichen Grenzen einer deutschsprachigen Literatur erproben und erweitern“ (S. 342), sie aber nicht gänzlich auflösen.

 

Kremmel, Stefanie; Richter, Julia; Schippel, Larisa (Hg.), Österreichische Übersetzerinnen und Übersetzer im Exil, Reihe: Translationen, Band 2, New academic press 2020, 200 S., Paperback, ISBN 978-3-7003-2111-8, € 28,00.

Eine ­naheliegende Mög­lichkeit beruflicher Betätigung für Schriftsteller und andere sprachgewandte Exilanten war die Anfertigung von Übersetzungen. Mit diesem Aspekt befasst sich der Band von Stefanie Kremmel, Julia Richter und Larisa Schippel „Österreichische Übersetzerinnen und Übersetzer im Exil“. Die Herausgeberinnen stellen die Lebensläufe von Personen vor, die Österreich während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft verlassen mussten. Aufgenommen wurden Übersetzer, die bereits vor ihrer Emigration tätig waren, sowie andere, welche erst im Exil mit der Übersetzertätigkeit begonnen hatten; ferner Personen, die ausschließlich übersetzen, ebenso wie „Auch“Übersetzer. Letztere hatten dabei oft ganz unterschiedliche weitere Betätigungsfelder wie Alfredo Bauer, der neben anderem Kinderarzt, ­Gynäkologe und Geburtshelfer war, Bertrand Alfred Egger als Orchestermusiker, Schriftsteller, Dolmetscher und Sozialversicherungsangestellter, Richard Flatter als Rechtsanwalt, ­Regisseur und Schriftsteller, Alisa (Maria Lisa) Stadler, die auch Schauspielerin, Gerichtsdolmetscherin, Bibelreferentin und Lyrikerin oder Gitta Deutsch, die unter anderem Laienschauspielerin war. Bei den erwähnten Übersetzern befinden sich Übersetzer bekannter Autoren wie Heinrich Heine, Kurt Tucholsky, Stefan Zweig, Sigmund Freud oder Georg Trakl, aber auch unbekannterer Schriftsteller wie Jura Soyfer, Mircea Eliade oder Ernest Hello. Mit den dargestellten Personen, ihren unterschiedlichsten Lebens- und Berufswegen, ihren Erfolgen und ­Misserfolgen entsteht ein lebendiges Bild dieser zu oft in Vergessenheit geratenen Personen. Gerade für Übersetzer im Exil besteht die Gefahr des Vergessenwerdens in doppelter ­Hinsicht: Übersetzer als wesentliche Vermittler fremdsprachiger Literatur wurden und werden häufig ohnehin nicht genannt, die im Exil lebenden Personen ­gerieten unabhängig davon leicht aus dem Blickfeld. Man darf gespannt sein auf den im Frühjahr erscheinenden Band.

 

Jessen, Caroline, Kanon im Exil. Lektüren deutsch-­jüdischer Emigranten in Palästina/Israel, Wallstein 2019, 398 S., 28 Abb., geb., ISBN 978-3-8353-3348-2, € 42,00.

Im Rahmen von Kanonforschung als Gedächtnis- und Diskursgeschichte ist Caroline Jessens Werk „Kanon im Exil“ angesiedelt. Nicht nur für Thomas Mann war seine Bibliothek ein Kernstück des Weiterlebens und eine Kraftquelle für seine schriftstellerische Arbeit. Auch für andere Exilanten – unabhängig davon, ob sie die Bibliothek als Arbeitsmittel für eine berufliche Betätigung benötigten – spielten die aus der alten Heimat geretteten Bücher sowohl als konkrete wie auch als immaterielle Gegenstände eine herausragende Bedeutung, da sie greifbaren wie intellektuellen Halt gaben. Jessen stellt das in ihrer Arbeit für die jüdische Kultur in Israel eindrucksvoll dar und zeigt zugleich, wie stark das Nachleben einer jüdischen Kultur dort präsent geblieben ist: „Bücher waren auch Erinnerungsträger.“ (S. 70) Anhand von exemplarischen Fallstudien zu aufgelösten Privatbibliotheken von Autoren führt sie dem Leser vor Augen, in welchem Spannungsfeld sich die Besitzer dieser Bibliotheken in ständiger „Nähe und Distanz zu einer deutschen Gegenwart“ befunden haben: „Nichts ist an diesem Sprechen über und mit Literatur einfach, nichts am Kanon im Exil bloße Frage der Literaturvermittlung, des Buchmarkts oder der Kanontechnologie.“ (S. 329) Dargestellt werden der Jurist und Schriftsteller Paul Mühsam, ein Cousin von Erich Mühsam, Josef Kastein, Verfasser populärer Bücher zu jüdischen Themen, Fritz Rosenthal, geprägt von Stefan George, Werner Kraft, ein selbsternannter Nachfolger Schopenhauers und Ernst Loewy, der selbst Exilforscher war. Jeder der Dargestellten steht für einen bestimmten Typ: von der konservativen über die zionistische und religiöse bis zur politischen Kanonrhetorik. Jessens Schlusssatz verdeutlicht allerdings das Spannungsfeld: „Die in dieser Studie als Dynamik, Anstrengung und widersprüchliche Grenzziehungsmanöver erkundeten Formen der Kanonrhetorik fügen sich den diversen Erbe-Programmen in Israel und Deutschland nicht ein, denn sie stehen quer zum verkitschten Bild des geretteten Bildungsideals als Zeitkapsel und wehren sich gegen Bemühungen um eingängige literaturhistorische, erinnerungspolitische und museumspädagogische Narrative als Neuauflage früherer Ausgrenzung“ (S. 329). Mit ihrer pointierten Studie ist Jessen ein wertvoller Beitrag nicht nur zur Exilforschung gelungen.

 

Flügge, Manfred, Das flüchtige Paradies. Deutsche Schriftsteller im Exil an der Côte d’Azur, Aufbau ­Taschenbuch 2019, 311 S., 50 Abb., ISBN 978-3-7466-3579-8. € 14,00.

Zwei von Schriftstellern wie Thomas Mann, Lion Feuchtwanger oder Franz Werfel bevorzugte Exilorte werden immer wieder mit der Bezeichnung „Paradies“ geadelt: Sanary-sur-Mer an der französischen Mittelmeerküste und Pacific Palisades in Kalifornien. Gleichzeitig verdeutlichen bereits die konkreten Buchtitel das Spannungsverhältnis, in dem die Exilanten an den „paradiesischen Orten“ lebten. „Paradies in schwerer Zeit“ hat Thomas Blubacher seinen reich bebilderten Band über Pacific Palisades (2011 bei Elisabeth Sandmann) genannt, „Wider Willen im Paradies“ Manfred Flügge seine erste Ausgabe von 1996 über Sanary-sur-Mer. Mit dem nunmehr in erweiterter Taschenbuchausgabe erschienenen Werk „Das flüchtige Paradies“ erinnert Flügge an den räumlichen Kristallisationspunkt deutscher Exilliteratur in Frankreich, den die meisten vor den Nationalsozialisten Geflüchteten lediglich als Durchgangsstation in ein sichereres Land für ihr Exil nutzen konnten. Sein Werk setzt dem berühmtesten „Wartesaal“ auf dem Weg nach Amerika ein literarisches Denkmal, indem es die Geschichte des Ortes – der in den 1930er Jahren bereits eine lange Geschichte als bevorzugter Urlaubsort an der Cote d‘Azur aufweisen konnte –, vor allem aber die Geschichte der vor den Nationalsozialisten dorthin geflohenen Literaten, Fotografen und Künstlern in der Zeit der Bedrohung nachzeichnet. Flügge ruft dabei eine Fülle von Schicksalen in Erinnerung: nicht nur von bereits genannten prominenten Exilanten wie den Manns, Feuchtwangers oder Werfels, sondern auch von heute weniger bekannten wie Franz Hessel, Wilhelm Herzog, Alfred Kantorowicz oder Hans Siemsen. Ein weiteres Verdienst des Buches ist auch die teils akribische Schilderung von Hilfsaktionen wie diejenigen von Varian Fry, um die teils bereits Inhaftierten wie Lion Feuchtwanger unter dramatischen Umständen in letzter Minute befreien zu können. Dabei wird in einzelnen Kapiteln ein Kaleidoskop von Porträts und Geschichten entfaltet – und nicht selten gelingt es Flügge durch die Fokussierung auf den gemeinsamen Ort das Geflecht von Verbindungen zwischen den Geflüchteten aufzuzeigen, persönliche Begegnungen ebenso wie geistige Verwandtschaft. Diese unbedingt lesenswerte Ausgabe schärft den Blick nicht nur für die schwierigen Bedingungen der Geflüchteten nach 1933, sondern macht auch sichtbar, dass es für viele Literaten eine durchaus produktive Schaffensperiode war, die zwar mit unmittelbarer oder zumindest latenter Bedrohung verbunden war, in welcher man sich aber auch an Literatur und Schreiben festhalten konnte.

Und schließlich haben Orte wie Sanary-sur-Mer und Paci­ fic Palisades nicht nur Anlass zu wissenschaftlichen Recherchen gegeben, sondern auch schöngeistige Literatur inspiriert: in jüngerer Zeit zum Beispiel Klaus Modik mit seinem Feuchtwanger-Roman „Sunset“ oder Michael Lentz mit „Pazifik Exil“. (uh)

Dr. Ulrike Henschel ist Juristin, Geschäftsführerin des Kommunal- und Schul-Verlags in der Verlagsgruppe C.H.Beck und korrespondierendes Mitglied der Historischen Kommission des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Über die Entwicklung des juristischen Verlagswesens hat sie am Buchwissenschaftlichen Institut in Mainz promoviert.

Ulrike.Henschel@kommunalpraxis.de

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