Ethnologie, Kultur

ETHNOLOGIE

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2019

Beer, Bettina/Fischer, Hans/Pauli, Julia (Hrsg.), Ethnologie. Einführung in die Erforschung kultureller Vielfalt, Ethnologische Paperbacks, 9. Auflage, erweiterte und aktualisierte Neufassung, Dietrich Reimer Verlag Berlin 2017, 484 S., ISBN 978-3-49601-559-8, € 24,90

Wenn ein Lehrbuch eines Kleinen Faches wie der Ethnologie innerhalb von 34 Jahren nun schon in 9. Auflage erscheint und die Neufassung stark erweitert und aktualisiert wurde, dann spricht diese Erfolgsgeschichte nicht nur für die besondere Qualität dieses Standardwerkes, sondern auch für die wissenschaftliche Dynamik der Disziplin, die sich in den letzten Dezennien nach zähen epistemiologischen Diskussionen neu ausgerichtet und ihre Nischensparte als diskreditiertes Orchideenfach bereits weitgehend verlassen hat. Das belegt ein Blick in das Internetforum StudiScan, das allein 39 Bachelor-Studiengänge an 28 Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auflistet, die – in Anlehnung an das britische bzw. angloamerikanische Universitätssystem – auch als Sozial- und/ oder Kulturanthropologie bezeichnet werden. Die direkte deutsche Übersetzung von social anthropology sowie cultural anthropology wischt wissenschaftshistorische Bedenken beiseite und ignoriert, dass Sozialanthropologie früher einen sozialdarwinistisch und rassenideologisch ausgerichteten Teilbereich der ‚Anthropologie‘ kennzeichnete, während Kulturanthropologie für eine Richtung der Philosophie stand.

Mit Recht weist der Co-Herausgeber Hans Fischer, der von 1967–1998 das Hamburger Institut für Völkerkunde leitete, im Einführungsbeitrag „Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin“ auf die Möglichkeit von Missverständnissen bei der Neuorganisation der Ethnologie hin. Deshalb ist Fischers Standortbestimmung hilfreich, worum es der Ethnologie eigentlich geht, erstens „um ein Verstehen der Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Lebensweisen (Kulturen), des Menschen in Gemeinschaften […]“; zweitens „um das Verstehen des Fremden und die Verständigung mit ihm und in seinem Spiegel um das Verstehen und Relativieren der eigenen Existenz, der eigenen Lebensweise“ (S. 28).

Ende des 18. Jh. wurde das Fach Völkerkunde gleichbedeutend mit Ethnographie an der Universität Göttingen geprägt, aber erst im 19. Jh. etablierte es sich zunächst als Museums- und später als Universitätsfach, vielfach auch synonym als Ethnologie. Wissenschaftshistorische Untersuchungen zeigen, wie sich der Blick europäischer Kolonisatoren, Missionare und Forschungsreisender anfangs ethno- und soziozentrisch oder gar zentristisch auf das ‚Andere‘, das ‚Fremde‘, richtete. Die kolonialistische Anschauung von oben prägte lange das Negativimage der Völkerkunde. Diese stereotypische Sichtweise einer exotisierenden Neugier auf das ‚Fremde‘ und eine rassistische Konstruktion des ‚Anderen‘ in Zeiten der Entdeckung und Eroberung der Welt wurde in den Völkerkunde-Museen und der Ausrichtung des Universitätsfaches lange, ja viel zu lange perpetuiert. Dabei wurde bei der Erforschung fremder Völker und Kulturen spätestens seit dem frühen 20. Jh. zunehmend eine emische Perspektive eingenommen, d.h. beim Kulturvergleich resp. der interkulturellen Forschung ein Standpunkt innerhalb einer Kultur oder eines Systems gewählt, ein Insider-Blickwinkel. Durch die Globalisierung und Transnationalisierung dominiert heute bei der „Erforschung kultureller Vielfalt“ vorwiegend eine holistische Perspektive, das Konzept, „Diversität ins Zentrum zu rücken, […] eine deutliche Hinwendung zum Vergleich“ (S. 8).

Dieser neuen Zielsetzung trägt nicht nur der Wechsel des Untertitels, der in der 8. Auflage noch „Einführung und Überblick“ hieß, Rechnung, sondern auch die umfangreiche inhaltliche Neufassung. Neben der Luzerner Ethnologin Bettina Beer und dem bereits erwähnten Nestor der Ethnologie, Hans Fischer, fungierte erstmals auch die Hamburger Ethnologin Julia Pauli als Herausgeberin der Sammelschrift, an der 25 Autoren/innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mitgewirkt haben.

Während 14 Beiträger/innen ihre Aufsätze mehr oder weniger intensiv überarbeiteten, lieferten elf renommierte Wissenschaftler/innen völlig neue Beiträge, die für eine beachtliche Diversifizierung des Faches in einer sich rapide wandelnden Welt zeugen. Die beiden Editorinnen gehen einleitend auf die Kontinuitäten und Neuerungen der deutschsprachigen Ethnologie ein, die sich seit der ersten Auflage 1983 in den thematischen Umgestaltungen des Lehrbuchs widerspiegeln. Sie begründen die Auswahl der Experten/innen, die „ohne Frage immer auch eine persönliche Dimension“ (S. 12) hat, sowie die „Neuordnung und Neujustierung“ (S. 11). Nach Hans Fischers informativem Übersichtsbeitrag (s.o.) folgen 21 Essays, verteilt auf die vier Oberkapitel „Theorien und Methoden“, „Teilbereiche des Fachs“, „Querschneidende Themen“ und „Spezialthemen“. Während sich die erste Oberkategorie zur Fachgeschichte und Theorien- und Methodenentwicklung von den drei weiteren deutlich abgrenzen lässt, ließe sich über die weitere Aufteilung und jeweilige Positionierung trefflich streiten, − aber wann ist Wissenschaft jemals konsensual? Hier ist nicht der Raum, um auf alle Detailthemen näher einzugehen, aber auf die neuen Beiträge sei kurz hingewiesen. Dazu zählt der Essay der Leipziger Ethnologin Ursula Rao über „Ethnologische Globalisierungsforschung“. Darin wird die spannende Frage aufgeworfen, „wie in einer Welt soziale Handlung organisiert wird, in der sich multiple Handlungsräume kreuzen und überlappen“ (S. 56). – Die Leipziger Professorin Eveline Dürr erläutert „Feldforschung als Kern der ethnologischen Methode“, die „dem Fach Einzigartigkeit und eine gewisse Exotik [verleiht]“ (S. 89). – Die Herausgeberin Julia Pauli skizziert zusammen mit ihrem Hamburger Kollegen Michael Schnegg „einige Prinzipien, Überlegungen und Auseinandersetzungen der Verwandtschaftsethnologie“ (S. 148). Der Beitrag unterstreicht die Renaissance einer der ältesten Teildisziplinen der Ethnologie in einer „zunehmend hybriden und globalisierten Gesellschaft“ (S. 147). – Thomas Quack, Züricher Sozialanthropologe und empirischer Kulturwissenschaftler, will mit seinem Essay „Interesse an der Religionsethnologie sowie zur weiteren Auseinandersetzung mit ihr […] wecken“ (S. 185). Die gegenwärtige Weltlage zeigt, dass gesellschaftliche Bereiche wie Politik, Wirtschaft und Religion eng vernetzt sind, so dass eine Teildisziplin wie die Religionsethnologie nach der Reflexiven Wende der Ethno­logie in den 1980ern in einem holistischen Forschungsansatz hochrelevant ist.

Unter den querschneidenen Aufsätzen finden sich hochinteressante Beiträge zur „Migrationsethnologie“ (Heike Drotbohm, Institut für Ethnologie und Afrikastudien der JGU Mainz), ferner zur „Medienethnologie“ (Christiane Brosius, Karl Jaspers Centre of Transcultural Studies, Univ. Heidelberg), sowie über „Materielle Kultur und Konsum“ (Hans Peter Hahn, Ethnologie der Univ. Frankfurt). Alle drei Themen verdeutlichen, wie die Neuorientierung der Ethnologie auch zur Diversifizierung beigetragen hat. Das mag für Studienanfänger attraktivitätsteigend wirken, jedoch sollte nicht übersehen werden, dass die interdisziplinäre Vernetzung der Subdisziplinen auch die Gefahr birgt, dass Nachbarfächer wie Soziologie, Kulturgeographie, Medien- und Wirtschaftswissenschaft die ethnologischen Themen an sich ziehen.

Zu den hinzugekommenen Spezialthemen gehört die „Entwicklungsethnologie“, die laut Michael Schönhuth (Universität Trier) in eine eher theoretisierende Form, eine Ethnologie „für“ Entwicklung, und eine praktizierende Form, eine Ethnologie „der“ Entwicklung, zu differenzieren ist (vgl. S.353).

Ferner wurde ein Kapitel zur „Rechtsethnologie“ von Werner Zips und Manuela Zips-Mairitsch vom Wiener Institut für Kultur- und Sozialanthropologie verfasst, in dem es um Werden, Wandel und Gestaltung des Rechts geht. Das Forscherehepaar kritisiert nicht nur die verfehlte evolutionistische Vergleichsperspektive der kolonialen Phase, sondern verfolgt auch die „Entwicklung von strukturfunktionalistischen bis zu postkolonialen Forschungsansätzen“ und den gegenwärtigen „Paradigmenwechsel zum Rechtspluralismus“ (vgl. 370f).

Der Sammelband bietet Interessierten eine hilfreiche Einführung in die theoretische und thematische Diversität des Faches und eignet sich hervorragend als Kompendium für fortgeschrittene Studierende und Lehrende. Studieninteressierte sollten aber unbedingt beachten, dass es durch die Bologna-Reform zu einem massiven Wettbewerb und einer enormen Komplexitätssteigerung in den BA- und MA-Studiengängen gekommen ist. Wenn auch die Breite ethnologischer Forschungsansätze prima facie imponiert, so sollte doch eingehend geprüft werden, ob die für die Studienwahl motivierenden Inhalte an einschlägigen Instituten überhaupt gelehrt werden, und wenn ja, ob sie auch Gegenstand der betriebenen Forschung sind. Von Studieninteressenten und von den sie – bizarrer Weise – häufig begleitenden risikointoleranten Eltern werden Studienberater oft gefragt: „Was kann man damit eigentlich beruflich machen?“ Eine berechtigte Frage in Anbetracht der an manchen Studienorten skandalösen Lehrenden/Studierenden-Relation. Trotz aller Attraktivität des Faches Ethnologie gilt es zu bedenken, dass das Berufsfeld für Karrieren an Universitäten und Museen äußerst rar ist und offene Stellen in Archiven, Bibliotheken und Medien (Presse, Verlag, Rundfunk und Fernsehen, Neue Medien) sowie in der Entwicklungsarbeit (Diplomatischer Dienst, GIZ, UNO, NGOs) oder der Tourismus-Branche in der Regel weitere Qualifikationen (Journalismus, Bibliotheksausbildung, Sprachenstudium u.a.) voraussetzen. Seien wir ehrlich, ob eine Studienwahl zu einem wirklich passt und letztlich erfolgreich ist, kann nur ausprobiert werden. Es ist wie bei der Partnerwahl, wo Liebe und Zuneigung oft bald verblassen können. (wh)

 

Antonio Damasio: Im Anfang war das Gefühl: Der biologische Ursprung menschlicher Kultur. Übersetzt von Sebastian Vogel. Siedler Verlag, München 2017, 320 Seiten, ISBN 978-3-8275-0045-8, € 26,00

Der an der University of Southern California forschende Neurowissenschaftler, Neurologe und Psychologe Antonio Damasio (*1944) hat mit Bestsellern wie „Descartes‘ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn“ (1994), „Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins“ (2000), „Der Spinoza-Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen“ (2003) und „Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins“ (2011) wesentlich zu einer neuen Sichtweise des Leib/Seele- resp. Körper/Geist-Problems beigetragen. Dass der Geist nicht vom Himmel fiel, wissen wir nicht erst seit Hoimar v. Ditfurths populärwissenschaftlichen Publikationen, denn in einem darwinischen Weltbild ist die cartesianische Natur/Kultur-Antinomie nicht haltbar. Trotz unserer phänomenologischen Einzigartigkeit sind wir ein reines Produkt der Evolution, weil wir den gleichen Exekutoren biologischer Programme wie alle anderen Organismen unterliegen. Wo aber liegt der Ursprung unseres Geistes und der menschlicher Kultur? Antonio Damasio, dessen Forschungsfeld „die Welt der Emotionen und Gefühle“ (S. 11) ist, setzt dem bekannten Grundsatz „Cogito ergo sum“ (Ich denke, also bin ich) des Philosophen René Descartes (1586–1650) – überzogen provokativ – die These „Ich fühle, also bin ich“ entgegen. Seine Kritik richtet sich gegen die allzu lange perpetuierte Überschätzung der Rolle des Verstandes und die Vernachlässigung der von Affekten, wenn es um die evolutionsbiologische Erklärung von Denken, Geist und Bewusstsein geht. Seine Kernfrage betrifft die Interaktion zwischen Gehirn und Körper, das Wechselspiel zwischen Verstand und Gefühlen, um letztlich den biologischen Ursprung unserer Kultur zu erklären.

Der portugiesisch-amerikanische Autor begründete sein wissenschaftliches Renommee durch den neuropsychologischen Nachweis, dass Patienten mit Läsionen im Stirnhirn eng miteinander verknüpfte Beeinträchtigungen von Gefühl/Empfinden und Denken/Entscheiden aufweisen. Damasio wies eindrucksvoll die cerebrale Steuerung der Trias zielgerichtetes Denken, Entscheidungsfindung und Körperwahrnehmung nach. Seine Kernthese lautet, dass die Vernunft von der Fähigkeit abhängt, Gefühle zu empfinden, dass Empfindungen Wahrnehmungen sog. Körperlandschaften (somatische Marker) sind und dass der Körper das Bezugssystem aller neuralen Prozesse ist. Damasios Modell lässt sich wie folgt zusammenfassen: Körperwahrnehmung, ob aktuell erlebt, bloß vorgestellt oder auch nur erinnert, erzeugt Gefühle als Wahrnehmungen von Körperzustandsveränderungen. Die entstehenden Vorstellungsbilder können positiven oder negativen Charakters sein; sie erzeugen entweder angenehme Emotionen (wie Lust, Liebe, Freude) oder unangenehme (wie Angst, Ärger/Wut, Ekel, Scham, Traurigkeit), die zu Gefühlen werden. Denken versteht Damasio als die Fähigkeit, Vorstellungsbilder zu erzeugen und zu ordnen, indem ihnen eine Wertigkeit zuerkannt wird. Lebewesen, die zu kognitiven Prozessen fähig sind, besitzen Geist, während Bewusstsein „im eigentlichen Sinn des Begriffs ein bestimmter Geisteszustand [ist], bei dem mentale Bilder von Subjektivität durchtränkt sind und in einer mehr oder weniger umfangreichen, integrierten Darstellung erlebt werden“ (S. 176f.).

In drei Großkapiteln mit den erwartungsträchtigen Titeln „Über Leben und seine Regeln (Homöostase)“, „Der Aufbau des kulturellen Geistes“ sowie „Der kulturelle Geist bei der Arbeit“ spannt der Erfolgsautor einen weiten Themenbogen, um zu erklären, wie die Konstituenten unser Conditio humana schon bei Einzellern angelegt sind und sukzessive über immer komplexere Organismen bis zu uns kulturfähigen Lebewesen evolvierten.

Angeregt durch die Philosophie des niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza (1632–1677) und dessen Auslegung des antiken philosophischen Terminus conatus, dem unermüdlichen Streben jedes Lebewesens nach Selbsterhaltung, prägt sich, wie Damasio annimmt, „in jeder Zelle und in allen Zellen für alle Zeiten eine kraftvolle, scheinbar unbezähmbare »Absicht« aus, sich selbst am Leben zu halten und weiterzukommen“ (S. 47). Im Zentrum der Abhandlung steht der Begriff Homöostase, worunter Biologen allgemein die Aufrechterhaltung des Gleichgewichtszustandes eines offenen dynamischen Systems durch einen internen Regelungsprozess verstehen. Nach Damasio ist Homöostase „[d]ie Gesamtheit der koordinierenden Prozesse, die notwendig waren, um das ungedachte und ungewollte Bestreben des Lebendigen, bestehen zu bleiben, zu verwirklichen und durch Dick und Dünn in die Zukunft fortgeschrieben zu werden“ (S. 46). Da die anthropomorphe Formulierung zum Missverständnis führen könnte, er würde einer Zweck- und Zielgerichtetheit (Teleologie) das Wort reden, betont der Bestsellerautor, dass er keineswegs annimmt, „Zellen hätten auf die gleiche Weise wie geistbegabte und bewusste Lebewesen Absichten, Wünsche oder einen Willen, aber sie verhalten sich so, als besäßen sie solche Eigenschaften“ (S. 47). Nach Damasio hat Homöostase in Jahrmilliarden zum Lebenserhalt und Weiterkommen zunehmend komplexerer Lebensformen von Einzellern über Vielzeller bis hin zum Homo sapiens geführt. Dabei waren Gefühle die treibende Kraft. Sie sind „der mentale Ausdruck von Homöostase, und Homöostase, die unter der Decke der Gefühle aktiv wird, ist der Faden, der, was die Funktion angeht, die frühen Lebensformen mit der außergewöhnlichen Partnerschaft von Körper und Nervensystem verbindet.“ (S. 14). Aufgrund des durchgehend wirksamen homöostatischen Imperativs haben Einzeller bereits ‚Gefühle‘ und Vielzeller weisen Formen von ‚Kooperation‘ auf, während staatenbildenden Insekten und Tintenfischen bereits eine Form von ‚Bewusstsein‘ zuzuerkennen ist. Bezogen auf den Menschen schreibt Damasio: „Gefühle und der erweiterte Intellekt gingen eine kraftvolle Verbindung ein. Sie verschafften den Menschen die Freiheit, die Homöostase mit kulturellen Mitteln anzustreben, statt Gefangene ihrer grundlegenden biologischen Gegebenheiten zu bleiben“ (S. 265).

Die beiden ersten Teile des Bandes rekapitulieren fast mantraartig das Homöostasis-Prinzip und die katalytische Rolle der Gefühle. Das geschieht in einem etwas gestelzten und für interessierte Laien nicht gerade leserfreundlichen Wissenschaftsduktus, zumal der trockene, nüchtern-sachliche Text nicht durch narrative Passagen, Fließdiagramme, Abbildungen oder ein Glossar aufgelockert wird. Fortgeschrittene Leser werden die fehlende Untermauerung von Damasios Kulturtheorie durch aussagekräftige Experimente kritisieren. Es ist wohl eine Eigenschaft von reputierten ‚Silberrücken‘ wie Damasio, dass sie ihr wissenschaftliches Steckenpferd bis zur Erschöpfung auch dann noch reiten, wenn ihre Verdienste längst Lehrbuchwissen oder aber vom Wissenschaftsfortschritt überholt sind. Ein Vergleich von Damasios Band mit der Leopoldina-Sammelschrift „Geist – Gehirn – Genom – Gesellschaft. Wie wurde ich zu der Person, die ich bin?“ (hrsg. von Onur Güntürkün & Jörg Hacker, 2014) macht deutlich, was state of the art biopsychologischer Forschung ist. Ungeachtet dieser Kritik stellt Damasios Wissenschaftsprosa eine erkenntnisreiche und gewinnbringende Lektüre dar. Das gilt insbesondere für den 3. Teil, zumal dieser unerwartet flüssig geschrieben ist und natur- und kulturwissenschaftliche sowie philosophische Themen ideenreich vernetzt. Der Abriss zahlreicher Kulturfelder wie Religiosität und Moral, Kunst, Medizin, Unsterblichkeit und Algorithmen des Menschseins, Künstliche Intelligenz und die heutige Conditio humana bietet bildungsbeflissenen Laien einen empfehlenswerten Einstieg in den „kulturellen Geist bei der Arbeit“. Den Ansprüchen Fortgeschrittener dürfte der anthropologische Parforceritt vermutlich kaum gerecht werden. Wer tiefer in die Materie einsteigen möchte, sollte die umfangreichen Anmerkungen im Anhang lesen und den dort aufgeführten aktuellen Literaturhinweisen nachgehen. (wh) ˜

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er ist Mitglied der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften und der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin. 

henkew@uni-mainz.de

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